Devivere zu Bockum

Geschichte Das Landgut Bockum bei Meschede war ein Lehen der Propstei des Stifts Meschede. [1] 1404 war das Gut im Besitz Heinekes von Mülsborn; bereits vor 1439 gelangte es in den Besitz der Familie von Wesseler, die sich schon seit Beginn des 14. Jhs. im Raum Calle feststellen läßt und 1375 zur Burgmannschaft zu Werl gehörte. [2] Nach dem Tod Dietrichs von Wesseler im Jahr 1582 heiratete die Erbtochter Maria von Wesseler 1594 Johann Papen, den illegitimen Sohn des Bertram Papen, Propst von St. Walburgis zu Soest und Kanoniker von St. Patrokli. Johann Papen wurde 1595 mit dem Gut belehnt. [3] Johanns Sohn Ernst führte den Doppelnamen Wesseler-Papen, der fortan auf die ganze Familie überging. Nach dem Tod von Ernsts Enkel Franz Anton von Wesseler-Papen 1692 gelangte Gut Bockum im Jahr 1696 an den mit der Erbtochter Christina Margaretha von Wesseler-Papen verheirateten Johann Dietrich von Schade zur Salvey (1639-1701). Nach dem Tod Johann Dietrichs führte seine Witwe die Gutsverwaltung fort. Als Christina Margaretha von Wesseler-Papen 1735 starb, vererbte sich Gut Bockum auf ihren Stiefsohn Friedrich Wilhelm von Schade. Diesem fiel durch seine Ehe mit Elisabeth Sophie von Grevenstein im Jahr 1747 auch das Gut Engar zu.

Das Landgut Engar, etwa 9 km nordwestlich von Warburg in Willebadessen-Engar gelegen, wurde im Jahr 1530 von dem Warburger Ratsherrn Liborius Röver gegründet .[4] Die Familie Röver, die sich seit der Mitte des 16. Jhs. hochdeutsch "Reuber" nennen sollte, stammte ursprünglich aus Büren, war aber zu Beginn des 14. Jhs. nach Warburg übergesiedelt und zählte seit dem 15. Jh. zu den ratsfähigen Geschlechtern der Stadt. [5] Schon gegen Ende des 16. Jhs. zeigte sich, dass die ganz überwiegend auf Lehensbesitz beruhende wirtschaftliche Grundlage der Gutsgründung zu schmal gewesen war. Besonders Jobst Konrad Reuber, Sohn des bekannten kurpfälzischen Kanzlers Jobst Reuber, [6] verschuldete sich - nachdem er 1602 seine Verwandte Goda Reuber, die Erbtochter Dietrich Reubers, geheiratet hatte und 1604 seinem Schwiegervater im Besitz des Guts gefolgt war - so hoch, dass seine Töchter im Jahr 1647 das Gut an den ehemaligen Paderborner Bürgermeister Johann Grevenstein verkaufen mussten.

Die Familie Grevenstein stammte aus Geseke, wo sie über umfangreichen Grundbesitz verfügte.[7] Johann Grevenstein (ca. 1600-1672) erwarb nach dem Studium der Rechte und nach der juristischen Doktorpromotion im Jahr 1631 das Bürgerrecht in Paderborn und bekleidete hier von 1638 bis 1641 das Bürgermeisteramt. Er vermehrte den Grundbesitz der Familie durch die Erwerbung reichen Grundbesitzes in Paderborn und Umgebung; u. a. gehörte ihm das Haus in Paderborn am Kamp, welches von 1658-1669 die  Kapuzinessen bewohnten. [8] Nach der Erwerbung von Gut Engar ließ sich Johann Grevenstein auf diesem Landsitz nieder.

Johann Grevenstein und sein gleichnamiger Sohn, der von 1664 bis zu seinem Tod 1719 das Gut bewirtschaftete und der dem Familiennamen das Adelsprädikat "von" hinzufügte, bemühten sich, die hohen Schulden, die auf dem Gut lasteten, zu vermindern. Als jedoch nach dem Tod Heinrich Leopolds von Grevenstein im Jahr 1747 das Gut Engar an den mit Heinrich Leopolds Tochter verheirateten Friedrich Wilhelm von Schade zu Bockum fiel, waren die Belastungen immer noch sehr hoch.

Von Friedrich Wilhelm von Schade vererbten sich die Güter Bockum und Engar 1766 auf dessen Sohn Ferdinand Leopold. [9] Nach Ferdinand Leopolds Tod im Jahr 1817 teilten dessen Söhne gemäß dem väterlichen Testament den Besitz dergestalt, dass August Friedrich von Schade das Gut Bockum, sein Bruder Franz Karl aber das Gut Engar erhielt. Nach dem Tod August Friedrichs von Schade 1841 fiel Bockum an die Erbtochter Franz Karls, die im gleichen Jahr  Johannes von Devivere heiratete, dessen Vater aus den Niederlanden nach Westfalen emigriert war und der 1854 zum Landrat des Kreises Meschede ernannt wurde. [10]

Die von Devivere verkauften Gut Bockum 1877 an Wilhelm von Wedel; im Besitz der Familie von Wedel befand sich das Gut noch 1903, während es 1911 bereits Domanialbesitz war. Gut Engar war schon im Jahr 1845 für 45.000 Rtlr. an den Herzog von Croy verkauft worden, der das Gut anschließend verpachtet hatte. Als der Herzog wiederum das Gut 1954 an verschiedene Parteien verkaufte, erwarb die Familie Lügger, die das Gut schon seit 1918 gepachtet hatte, den eigentlichen Gutsbezirk. [11] Das Registraturschriftgut von Engar war wohl unmittelbar nach dem Anfall des Guts an Friedrich Wilhelm von Schade 1747 nach Bockum geschafft worden; hier sind die Urkunden und Akten auch nach der Auflösung der Vereinigung geblieben.

Im Bockumer Archiv befand sich im 19. Jh. neben den Überlieferungen von Bockum und Engar ein erheblicher Teil der Registratur eines dritten Adelsguts. Ernst von Wesseler-Papen zu Bockum hatte 1642 die Belehnung mit dem Landgut Essentho durch den Abt von Corvey erreicht. [12] Das Gut Essentho war ein Mannlehen des Stifts Corvey, das bis 1529 die von Horhausen innehatten. Nach dem Aussterben der von Horhausen im Mannesstamm erreichte die Marsberger Bürgerfamilie von Thülen, die bereits seit 1442 mit dem Gut afterbelehnt gewesen war, die direkte Belehnung durch den Corveyer Abt. [13] Auch die von Thülen starben 1641 im Mannesstamm aus. Die neuen Lehensinhaber, die von Wesseler-Papen, konnten das Gut nur drei Generationen halten, da auch diese Familie 1692 im Mannesstamm erlosch. Der Abt von Corvey belehnte mit dem heimgefallenen Lehen 1693 die von Plettenberg zu Lenhausen; Ansprüche Johanns von Grevenstein und der Familie von der Malsburg auf die Essenthoer Güter ließen sich nicht durchsetzen. Im Siebenjährigen Krieg wurde der Gutshof mit dem Herrenhaus von französischen Truppen niedergebrannt. Das Lehen wurde 1803 allodifiziert und verblieb damit dauerhaft im Besitz der Familie von Plettenberg. Das Registraturschriftgut der von Plettenbergischen Gutsverwaltung befindet sich heute im  Archiv von Plettenberg zu Hovestadt. [14] Erhebliche Teile des älteren Schriftguts aber waren von den Schwestern von Wesseler-Papen 1697 - entgegen ihren Zusicherungen bei dem Vergleich mit den neuen Lehensinhabern - nicht an die von Plettenberg übergeben worden, sondern verblieben im Archiv des Hauses Bockum. [15]


Anmerkungen.
[1] Zur Geschichte des Guts Bockum siehe von Steinen 1755-1760, Bd. 2, S. 1443-1445; Ludorff 1908, S. 42; Hömberg 1974a, S. VI 1-11.
[2] Zu den Familien von Wesseler und Papen bzw. von Wesseler-Papen siehe Fahne 1858, S. 317 und S. 409; Fahne 1860b, S. 137-140; Schmidt 1926; Lahrkamp 1958, S. 240, Anm. 2 und S. 361–364; von Klocke 1965, S. 203f., S. 209, S. 212 und S. 279; Honselmann 1972, S. 111 und S. 117–123; Bruns 1985a, S. 62 und S. 769; Bruns 1985b, S. 337 und S. 345; Bockhorst 1994, S. 113; Hoffmann 1998b, S. 368.
[3] Bertram Papen, Stud. jur. an der Universität Köln 1556, Propst von St. Walburgis zu Soest 1565-1604; vgl. Keussen 1919, S. 1102 Nr. 29; Kohl 1994b, S. 359. Bertrams zweiter Sohn Kaspar (gest. 1623) wurde wie sein Vater Geistlicher und war 1619 Mitglied des Kalands zu Meschede; vgl. von Weichs 1967, S. 191 Nr. 390.
[4] Zum Gut Engar siehe Rodenkirchen 1939, S. 213f.; Wiese 1998.
[5] Zur Familie Röver bzw. Reuber siehe von der Lippe 1921 Nr. 339; Prinz 1960 Nr. 30; Hömberg 1972, S. IV 136; Decker 1977, S. 133f.; Heidenreich 1985/86a, S. 124-130; Heidenreich 1985/86b, Tafel 210; Müller 1994 Nr. 944; Müller 1995 Nr. 283; Hoffmann 1998b, S. 368f. sowie demnächst meinen Beitrag "Die Warburger Patrizierfamilie Reuber und das adelig-freie Landgut Engar", in: WZ 150 (2000).
[6] Zu Jobst Reuber (1542-1607) siehe Jöchers 1751, Sp. 2026; Rotermund 1819, Sp. 1851; Rosenkranz 1846, S. 43f., Anm. 41; Press 1970, S. 69f., 260f., 279f., 290, 311, 342-359, 396f. und 455f.; Decker 1976/77, S. 294f.; Kloft 1984 Nr. 1852, 1865 und 1900.
[7] Zur Familie Grevenstein siehe Tophoff 1852, S. 166; von Ledebur 1854, S. 286; Gorges 1892, S. 72; Balzer 1977, S. 233, S. 269f., S. 313f. und S. 609f.; Nolte 1980, S. 208f.; Nolte 1982; Hoffmann 1998b, S. 369.
[8] Meyenberg 1958, S. 27-30 sowie Abb. nach S. 32; Meyenberg 1977/81, S. 12; Meyenberg 1994, S. 256.
[9] Zur Familie von Schade siehe Hömberg 1974a, S. VI 8-11; Hoffmann 1998b, S. 368–371.
[10] Zu Johannes von Devivere siehe von Ledebur 1856, S. 236; Wegmann 1969, S. 287; Hubatsch 1980, S. 287.
[11] Ludorff 1908, S. 45; AV Acta 2424; Rodenkirchen 1939, S. 213f.
[12] Zum Gut Essentho siehe Kampschulte 1863, S. 288; Meyer 1989, S. 18-20 und S. 31f.
[13] Zur Familie von Thülen siehe Giefers 1873; Heidenreich 1985/86a, S. 155-157; Heidenreich 1985/86b, Tafel 273.
[14] Häming 1987, S. 622f. Nr. 102; Bockhorst 1998, S. 169-175, v. a. S. 172.
[15] Siehe Urkunde Nr. 374.
Benutzungsort Erzbischöfliche Akademische Bibliothek Paderborn
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Fax: 05251/882047
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Bestand
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Umfang 392 Urkunden
Laufzeit 1286-1783
Inhalt Güter Bockum, Engar und Essentho; Familien von Wesseler(-Papen), (von) Grevenstein, von Schade, Reuber, Kapp, von Wiedenbrück, von Schütz.
Information Der Kauf des Archivs von Devivere zu Bockum durch den Altertumsverein Paderborn stellt neben der Erwerbung des Nachlasses des Kaplans Brügge die wichtigste Anschaffung in der Geschichte des Vereinsarchivs dar und ist zugleich eng mit diesem Zuwachs verbunden. In den Jahren 1903 und 1904 konnte der Paderborner Altertumsverein wesentliche Teile der schriftlichen Überlieferung der Adelsgüter Bockum, Engar und Essentho aus dem Nachlass des Kaplans Brügge und aus dem Besitz der Familie von Devivere erwerben.

Während über das Essenthoer Gutsarchiv weiter nichts bekannt ist, lässt sich die Archivgeschichte von Bockum und Engar seit dem 16. bzw. 17. Jh. einigermaßen nachvollziehen.[16] Das Bockumer Archiv wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jhs. geordnet und durch Dorsualvermerke erschlossen; wahrscheinlich geschah dies auf Veranlassung Dietrichs von Wesseler (ca. 1525-1582), der 1558/1559 die Verwaltung des Guts angetreten hatte. Die Fortsetzung der Erschließung des Gutsarchivs durch Dorsualvermerke erfolgte zwischen 1701 und 1735 durch Christina Margaretha von Wesseler-Papen;[17] von ihr liegen auch wertvolle Notizen über das Archiv vor, aus denen hervorgeht, dass das Gutsarchiv um die Wende vom 17. zum 18. Jh. auf das Aegidii-Kloster in Münster, das Gertrudenbergkloster bei Osnabrück, das Gut Bockum und das Gut Engar verteilt war. Das Gutsarchiv von Engar wurde nach 1647 von Johann Grevenstein und seinem Sohn durch Dorsualvermerke erschlossen. Auch das Archiv von Gut Engar befand sich zu Beginn des 18. Jhs. nicht auf dem Gut, sondern im von Wiedenbrückschen Haus in Paderborn. Die zahlreichen notariellen Urkundenabschriften des 16. und 17. Jhs. aus beiden Gutsarchiven zeigen, dass sich die Besitzer der Güter ihrer Archive sehr wohl zu bedienen wussten.

Wohl schon kurz nach der Übernahme der Bockumer Gutsverwaltung 1841 ließ Johannes von Devivere das Bockumer Gesamtarchiv ordnen und inventarisieren. Bereits wenige Jahrzehnte nach diesen Ordnungsarbeiten jedoch wären die Archivalien beim Aufräumen des Dachbodens von Gut Bockum beinahe der Vernichtung anheimgefallen. Ein Hausdiener hatte die alten Papiere bereits auf den Misthaufen geworfen, war aber von seinem Herrn angewiesen worden, sie wieder an Ort und Stelle zu schaffen.

Im Jahr 1873 besichtigte der Mescheder Kaplan Franz Wilhelm Brügge bei einem Besuch auf Gut Bockum das dortige Archiv. Dieser Besuch sollte für das weitere Schicksal der Archivalien entscheidende Bedeutung erlangen.[18] Brügge empfahl dem Landrat von Devivere, einen Teil der Archivalien dem Staatsarchiv Münster zum Verkauf anzubieten, und erstellte ein Verzeichnis der angebotenen Urkunden. Die Verhandlungen, die seit 1874 in dieser Angelegenheit mit dem Archivdirektor Wilmans geführt wurden, scheiterten jedoch schließlich 1876 an unterschiedlichen Preisvorstellungen. Daraufhin kaufte Brügge selbst die fraglichen Archivalien, um einen Teil derselben - vor allem ein Kopiar und 61 Urkunden überwiegend Essenthoer Provenienz - umgehend wieder an den schlesischen Bergwerksbesitzer Hubert von Tiele-Winckler zu veräußern.

Franz Wilhelm Brügge entschloss sich gegen Ende seines Lebens, seine historischen Sammlungen gegen eine angemessene Abfindung für die Erben dem Paderborner Altertumsverein zu vermachen. Auf Bitten des Vereinsarchivars Stolte, der seit 1899 an der Inventarisierung der Urkundensammlung des Vereins arbeitete, übersandte Brügge bereits am 29.01.1901 seine Urkunden an den Altertumsverein, der jedoch erst nach der Zahlung der mit den Erben vereinbarten Summe am 12.07.1903 rechtmäßiger Eigentümer der Sammlung wurde.[19] Mit der Sammlung Brügge gelangten 203 ursprünglich aus dem Bockumer Archiv stammende Urkunden in das Archiv des Altertumsvereins.

Brügge hatte in seinem Begleitschreiben an den Vereinsvorstand vom 29.01.1901 Rechenschaft über die Herkunft seiner Urkunden abgelegt und so den Vereinsarchivar Stolte auf das Bockumer Archiv aufmerksam gemacht. Die von Devivere hatten 1877 beim Verkauf des Guts Bockum viele der Archivalien behalten. Auf Stoltes Anfrage hin erklärten sich die von Devivere Ende 1903 zum Verkauf der ihnen verbliebenen Archivalien bereit. In drei Ankäufen erwarb der Altertumsverein daraufhin zwischen November 1903 und Dezember 1904 für insgesamt 260 Mark weitere erhebliche Teile der schriftlichen Überlieferung der Güter Bockum, Engar und Essentho.[20]

Während der Ankauf der Sammlungen des Kaplans Brügge vom Altertumsverein groß gefeiert worden war, verlieren sich die Hinweise auf die Erwerbungen von den von Devivere in den Jahresberichten des Vereins in der Westfälischen Zeitschrift nahezu. Im Jahresbericht für 1904 werden lediglich das Hausbuch der Familie Kapp, dessen Herkunft aus dem Bockumer Archiv nur durch die Kenntnis familiärer Verbindungen zu erschließen ist, sowie Prozessakten der von Grevenstein mit den von Schade um den Besitz des Gutes Engar erwähnt. Im Bericht für 1905 wird lapidar auf die Anschaffung einer Sammlung von Urkunden aus dem Besitz der von Devivere hingewiesen, während im Bericht für 1906 der schmale Faszikel betreffend die Landtagsfähigkeit des Guts Bockum Erwähnung findet.[21]

Auch im Vereinsarchiv wurde der Neuanschaffung nur wenig Bedeutung beigemessen. Die Urkunden wurden ohne jeden Hinweis auf ihre Herkunft zum Teil der Urkundensammlung des Vereins hinzugefügt, zum Teil aber auch in das Aktenarchiv integriert. Aus dem Aktenfundus sonderte Stolte einige wenige Schriftstücke aus, die er anderen Acta beifügte; der überwiegende Teil der Bockumer Archivalien wurde - ohne nähere Ordnung - zu 34 dicken Aktenkonvoluten zusammengefügt. Bis zum Abschluss der Neuordnung und Neuverzeichnung im April 1997 lag für die Bockumer Archivalien nur das Inventar Linneborns vor, das gerade hinsichtlich der Bockumer Archivalien völlig versagt: Über die alte Acta 233 beispielsweise - einer der wenigen Konvolute, für die ein konkreter Sachaktentitel "Lehen zu Essentho und zu Flessingen" hätte gebildet werden können - erfährt man aus dem Linnebornschen Repertorium lediglich, die Acta sei durch Mäusefraß beschädigt.[22] Bei dem von Linneborn vorgelegten Findhilfsmittel kann der archivische Begriff der Erschließung kaum angewendet werden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Bockumer Archivalien bislang lediglich von Wilhelm Honselmann und Rainer Decker für wissenschaftliche Forschungen herangezogen worden sind. Gerhard Pfeiffer erwähnt zwar die aus Engar stammenden Archivalien des Vereinsarchivs in den "Bau- und Kunstdenkmälern des Kreises Warburg", hat die genannten Quellen bei seinen Ausführungen aber nicht berücksichtigt.[23]

Nach Abschluss der Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten im April 1997 verteilen sich die Bockumer Archivalien auf die Sammlungen des Paderborner Altertumsvereins heute wie folgt: 153 Urkunden (Ausfertigungen und Abschriften) aus der Zeit von 1286 bis 1783 befinden sich in der Urkundensammlung; vier Manuskripte des 15. bis 17. Jhs. gehören der Codices-Abteilung an. In der Acta-Abteilung findet sich Schriftgut des alten Bockumer Archivs im Umfang von 2,8 lfd. Metern aus der Zeit von 1464 bis 1841, während eine Druckschrift von 1731 in die Vereinsbibliothek überwiesen ist.[24] Die zeitliche Verteilung des Originalschriftguts auf die einzelnen Gutsarchive ist dabei durchaus unterschiedlich: Aus dem Essenthoer Archiv liegen Schriftstücke aus der Zeit von 1286 bis 1712 vor, während die Originalüberlieferung des Bockumer Archivs die Jahre 1464 bis 1841 umfasst. Das aus Engar stammende Schriftgut nimmt einen Zeitraum von 1338 bis 1829 ein.

Die Abteilung A Urkunden des vorliegenden Repertoriums stellt ein künstliches Urkundenarchiv dar und umfasst die Regesten von insgesamt 392 Urkunden. Das Verzeichnis soll in erster Linie die Herkunft der Urkunden aus dem Gutsarchiv Bockum und ihren Weg in das Archiv des Paderborner Altertumsvereins bzw. ihren sonstigen Verbleib dokumentieren; diese beiden Aspekte der Bestandsgeschichte fehlen sowohl bei Stolte als auch bei Stöwer. In dieser Abteilung sind demgemäß alle in den Verzeichnissen des Kaplans Brügge aufgeführten Bockumer Schriftstücke, alle in der Urkundensammlung des Vereins aufbewahrten Dokumente Bockumer Provenienz, alle in den Akten enthaltenen Urkundenausfertigungen des 16. und 17. Jhs., alle in den Akten enthaltenen Urkundenabschriften, soweit sie Bedeutung für die Besitz-geschichte von Bockum, Engar und Essentho besitzen, sowie die 62 im Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen aufbewahrten Urkunden, die aus dem alten Bockumer Archiv stammen, aufgeführt.[26] Die Aufnahme der Urkunden des Vereinsarchivs, die in den Regestenwerken von Stolte und Stöwer enthalten sind, orientiert sich eng an der Vorgabe dieser Repertorien, wobei allerdings zu Stoltes Regesten einige Ergänzungen und Korrekturen notwendig waren. Aus der Sammlung Brügge lassen sich derzeit acht Bockumer Urkunden im Vereinsarchiv nicht feststellen;[27] von den 46 Urkunden, die der Altertumsverein 1904 von den von Devivere erworben hat, lassen sich fünf Urkunden nicht verifizieren.

Die in den Bemerkungen angegebene ergänzende Archivüberlieferung wurde hauptsächlich über gedruckte Archivinventare ermittelt. Aus zeitlichen Gründen konnten darüber hinaus nur vereinzelt Bestände der Staatsarchive in Marburg, Münster, Oldenburg und Osnabrück, des Erzbistumsarchivs Paderborn, des Bistumsarchivs Osnabrück und der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn einbezogen werden. Die Urkunden des Stadtarchivs Warburg konnten anhand des Schraderschen Repertoriums des Vereinsarchivs (Acta 2111) ausgewertet werden. Vor allem ist hier auf die Bestände Westfälische Familien, von Wesseler, Westfälische Familien, von Pape-Bockum und Altertumsverein Münster (Mskr. 386/1) des Landesarchivs NRW Abteilung Westfalen sowie auf das Stammbuch der Wilhelmina von Hövel in Archiv und Landeskundlicher Bibliothek des Märkischen Kreises in Altena (Stammbücher und Freundschaftsalben Nr. 3) hinzuweisen, da diese Quellen aus dem Bockumer Gutsarchiv stammen.

Das Archiv von Devivere zu Bockum im Archiv des Paderborner Altertumsvereins enthält reichhaltiges Quellenmaterial zur Geschichte des Warburger Raumes und des kurkölnischen Sauerlandes aus einem Zeitraum von mehr als 550 Jahren. Durch die Neuordnung und Neuverzeichnung des Bestandes ist einer intensiven Auswertung dieses bislang sowohl von der historischen Forschung als auch von der Heimatgeschichte kaum wahrgenommenen Quellenfundus der Weg bereitet worden.


Anmerkungen.
[16] Siehe ausführlich Hoffmann 1998a, S. 33; Hoffmann 1998b, S. 370-373 sowie S. 387 Abb. 6.
[17] Siehe etwa AV Acta 2121 und Acta 2249.
[18] Vgl. zum folgenden ausführlich Hoffmann 1998b nach den Korrespondenzen in AV Acta 496 und der Dienstregistratur des Staatsarchivs Münster.
[19] AV Acta 830: Vereinsrechnung für 1902/03, S. 2 Nr. 18 sowie Beleg III 24 zu dieser Rech¬nung: Der Mescheder Rentmeister Schulte quittiert dem Altertumsverein den Empfang der vereinbarten 905, 25 Mark.
[20] AV Acta 831: Vereinsrechnung für 1903/04 S. 2 Nr. 10 sowie Belege III 5 und III 6. AV Acta 427: Vereinsrechnung für 1904/05 S. 2 Nr. 7. Die entsprechenden Korrespondenzen des Altertumsvereins mit der Familie von Devivere in AV Acta 367; vgl. ausführlich Hoffmann 1998b.
[21] AV Cod. 226; AV Acta 2163; vgl. Reismann 1904, S. 240. Reismann 1905, S. 213. AV Acta 2126; vgl. Reismann 1906, S. 180.
[22] Linneborn 1923, S. 202.
[23] Honselmann 1972; Decker 1977; Rodenkirchen 1939, S. 212.
[24] Vgl. die Übersicht bei Hoffmann 1998b, S. 388, wo allerdings AV Cod. 226 und Cod. 473a nicht berücksichtigt sind.
[25] Siehe AV Cod. 230; AV Cod. 338; AV Acta 2120.
[26] StAMs Westfälische Familien, von Wesseler (53 Urkunden 1353-1579); ebd. Westfälische Familien, von Pape-Bockum (sieben Urkunden 1591-1630); ebd. Altertumsverein Münster, Mskr. 386/1 (zwei Urkunden 1576-1594).
[27] Urkunden Nr. 269, 305, 310 (zwei Abschriften), 318, 327, 329 und 389.
Weitere Ressourcen Ressourcen zu Meschede, Warburg und zum Thema Adel im Internet-Portal "Westfälische Geschichte"

Haus Bockum in Meschede-Bockum (nicht exakt) | Google Maps

Stadt Meschede

Stadt Willebadessen

Stadt Marsberg
Literatur Hoffmann, Christian
"...die alten Schriften auf die Miste geworfen ...". Die Archivalien der Adelsgüter Bockum und Engar in den Sammlungen des Paderborner Altertumsvereins. In: WZ 148, 1998, S. 367-388.

Hoffmann, Christian
Die schriftliche Überlieferung westfälischer Adelsgüter im Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn (Nordborchen, Bockum, Engar, Essentho). In: Archivpflege in Westfalen und Lippe 47, 1998, S. 32-36.

Hoffmann, Christian (Bearb.)
Das Archiv des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn e.V. Akten II, (=Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens, Neue Folge, Bd. 16), Münster 1999, S. 71-251.


Ackermann, Friedhelm / Bruns, Alfred
Burgen, Schlösser und Klöster im Sauerland. [S.l.] 1985.

Essentho - unser Dorf [eine Chronik 1820-1974]. Marsberg-Essentho 1989.

Hoffmann, Christian
Die Warburger Patrizierfamilie Reuber und das adelig-freie Landgut Engar. In: WZ 151/152, 2001/2002, S. 259-320.
Systematik
Zeit2.16   1250-1299
2.17   1300-1349
2.18   1350-1399
2.19   1400-1449
2.20   1450-1499
3.1   1500-1549
3.2   1550-1599
3.3   1600-1649
3.4   1650-1699
3.5   1700-1749
3.6   1750-1799
Ort1.7.6   Marsberg, Stadt
1.7.8   Meschede, Stadt
2.4.10   Willebadessen, Stadt
Sachgebiet6.8.1   Adel
Datum Aufnahme 2011-02-03
Datum Änderung 2011-11-04
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