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Mitteilung vom 19.05.16

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Psychiatriegeschichte: Wie Sozialarbeit den Weg zu humaner Versorgung bereiten half

LWL schließt Forschungslücke: Erinnerungen an Reformaufbruch der 1960er/70er Jahre

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Westfalen (lwl). Als "Anwältin der Patienten" hat Waltraud Matern (89) "katastrophale Missstände" noch selbst erfahren: Bettensäle ohne Privatsphäre für tausende Menschen in großen Verwahranstalten, autoritäres Personal, rechtliche und soziale Benachteiligung von seelisch Kranken und geistig Behinderten. Die marode psychiatrische Versorgung hat die damalige Sozialarbeiterin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) seit den 1960er Jahren mit Gleichgesinnten hinterfragt, um sie mit langem Atem zu einer therapeutisch, rehabilitativ und gemeindenah ausgerichteten Psychiatrie modernisieren zu helfen. Jetzt sind Materns anschauliche Erinnerungen als Buch erschienen*.

Die psychiatrische Sozialarbeit entwickelte sich zu Zeiten der jungen Berufsanfängerin in den 1960er und 1970er Jahre vom bloßen "Hilfsberuf", von der nicht selten entmündigenden "Fürsorge" zur fachlich anerkannten Disziplin, die eine theoretisch-methodische Professionalisierung erfuhr. Der LWL dokumentiert mit seiner neuen Publikation "Sozialarbeit in der Psychiatrie. Erinnerungen an den Reformaufbruch in Westfalen (1960-1980)" die Humanisierung des Umgangs mit seelisch Kranken aus Sicht einer "westfälischen Pionierin" in dem damals noch jungen Berufsfeld.

Waltraud Matern zeigt mit ihren Schilderungen wichtige Etappen der Wohlfahrts- und Psychiatriegeschichte auf und berichtet zugleich über spezifische Berufs- und Emanzipationserfahrungen von Frauen auf dem Weg von der "Fürsorgerin" zur "Sozialarbeiterin". Die heute 89-Jährige beschreibt außerdem, welche Mühen es gekostet hat, die damals bestehenden Verhältnisse in der westfälischen Anstaltspsychiatrie aufzubrechen und zu verändern. "Es ist der erste zeithistorische Lebensbericht dieser Art aus und zu dem Feld der modernen psychiatrischen Sozialarbeit. Die Aufzeichnungen von Waltraud Matern schließen damit eine Forschungs- und Kenntnislücke", hebt Prof. Dr. Franz-Werner Kersting, Historiker am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und Herausgeber des Buches, die Bedeutung des Quellendokuments hervor.

Die Rückschau erlaube heutigen Sozialarbeitern eine kritisch-distanzierte Vergegenwärtigung des Erfahrungs- und Wissensbestandes der eigenen Profession. Sie veranschauliche darüber hinaus, so Kersting weiter, das Zusammenwirken von konkretem, alltagspraktischem Reform- und Handlungsbedarf auf der einen und der sozialarbeiterischen Theorie und Methode auf der anderen Seite: "Waltraud Matern hat sich in der Tat als 'Anwältin der Patienten‘ verstanden und war sich damit ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung stets bewusst."

Im Zeichen des damals grundlegenden Wandels der psychiatrischen Versorgung beschreibt Matern selbst ihre Arbeitsauffassung in ungebrochen aktueller, weil inklusiver Weise: "Nicht nur für die Kranken, sondern auch mit den Kranken wollte ich arbeiten, nicht über sie bestimmen, sondern ihnen bei ihrer Problembewältigung helfen und ihnen Raum für eigene Entscheidungen geben, ganzheitliche Hilfen anbieten, ihre Kommunikation und Selbstbestimmung fördern, Familienkontakte wiederherstellen sowie Kontakte zu Verbänden und Behörden außerhalb der Institution Psychiatrie aufbauen." Die Seniorin arbeitete von 1960 bis 1980 in den damaligen Landeskrankenhäusern und heutigen LWL-Kliniken Lippstadt Eickelborn und Marsberg. Bis zu ihrer Pensionierung 1992 war sie danach in der zentralen Psychiatrie-Beschwerdekommission des LWL tätig.


Hintergrund:

Mit dem Reformaufbruch in den 1960er und 1970er Jahren sollte die Psychiatrie vom Rand "in die Mitte" der Gesellschaft geholt werden. Die Bemühungen mündeten in die viel zitierte Psychiatrie-Enquête des Deutschen Bundestages von 1975. Bereits 1973 hatte der zwei Jahre zuvor berufene Expertenkreis einen ersten Zwischenbericht veröffentlicht und festgestellt, dass "eine sehr große Anzahl psychisch Kranker und Behinderter in den stationären Einrichtungen unter elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen leben" mussten. Die Enquête beklagte darüber hinaus einen "katastrophalen Mangel" an Sozialarbeitern. In Westfalen war der Reformbedarf ebenfalls groß. Hier stand auch der LWL mit seinen aus den alten Provinzial-Heilanstalten hervorgegangenen Landeskrankenhäusern historisch in der Tradition einer Geisteskrankenfürsorge, die vom Gedanken der Exklusion, der Aussonderung von psychischer Krankheit, Behinderung und Abweichung beherrscht war. Gleichzeitig trug er seit den 1960er Jahren aber auch selbst zur Überwindung der bestehenden Strukturen bei. Die Reformbemühungen führten langfristig und bis in die heutige Zeit hinein zur Öffnung, Verkleinerung und umfassenden Modernisierung der alten Anstalten und zur Einrichtung neuer, nun mehr ambulanter, teilstationärer und gemeindenaher Versorgungsformen.


*Waltraud Matern
Sozialarbeit in der Psychiatrie

Erinnerungen an den Reformaufbruch in Westfalen (1960-1980)
herausgegeben von Franz-Werner Kersting
(Ardey-Verlag, Münster 2016)
158 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-87023-384-6
Preis: 16,90 Euro



Pressekontakt:
Karl G. Donath, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Kathrin Nolte, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Tel. 0251 591-5706 (Mo, Di, Mi)
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