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Mitteilung vom 18.09.15

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Männlichkeit und "Volksgemeinschaft"

LWL gibt Biographie des NS-Täters und früheren Landeshauptmanns Karl Friedrich Kolbow heraus

Bewertung:

Münster (lwl). Wie wird man zu einem nationalsozialistischen Täter? Welche Rolle spielen das Selbstverständnis von Männlichkeit, Kameradschaft und "Volksgemeinschaft" in der NS-Zeit? Diesen Fragen geht die Biographie über den früheren Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow nach, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) jetzt herausgegeben hat.

Als Landeshauptmann war Kolbow, ein Nationalsozialist der ersten Stunde, von 1933 bis 1944 Verwaltungschef des Provinzialverbandes Westfalen - dem Vorgänger des LWL. Er setzte die rassenideologischen Grundsätze des Nationalsozialismus in der Provinz Westfalen durch und passte die Jugendhilfe, die Fürsorgeerziehung und die Psychiatrie den rassenideologischen Grundsätzen der Nazis an. Während des Zweiten Weltkrieges verantwortete er die Umsetzung des vom NS-Regime geplanten 'Euthanasie‘-Programms zur Tötung von Psychiatrie-Patienten.
Das Buch "Männlichkeit und 'Volksgemeinschaft‘. Der westfälische Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow (1899-1945): Biographie eines NS-Täters" betrachtet den Lebenslauf Kolbows unter verschiedenen Aspekten.

"Trotz seiner wachsenden Kritik am NS-Regime, die 1944 sogar zum Parteiausschluss führte, koordinierte die Provinzialverwaltung unter Kolbow vom Schreibtisch aus bereitwillig und mit bürokratischer Effizienz die Tötung von psychisch kranken und geistig behinderten Patienten der westfälischen Provinzial-Heilanstalten. Damit trug er eine ent-scheidende Mitverantwortung für die Durchführung des NS-'Euthanasie‘-Programms in Westfalen und wurde zu einem NS-Täter, der die Mordaktionen auch nach außen deckte", erklärt Dr. Martin Dröge, Autor der Biographie und ehemaliger Mitarbeiter des LWL-Institutes für westfälische Regionalgeschichte.

Ziel der Studie ist nicht die Untersuchung aller Lebensbereiche Kolbows. Vielmehr werden Begriffe wie Männlichkeit, Kameradschaft und nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" in den Mittelpunkt der Biografie gestellt. Kolbow war laut Dröge "ein völkisch geprägter Nationalist, der durch die zeitgenössischen Männlichkeitsvorstellungen sozialisiert wurde. 'Volksgemeinschaft‘ und Volkstum waren zentrale Kategorien in seinem Weltbild".

Grundlage der Biografie sind die vollständig überlieferten Tagebücher von Kolbow, die der LWL bereits 2010 herausgegeben hat. "Diese Aufzeichnungen lassen das ambivalente Denken, Fühlen und Handeln eines Nationalsozialisten erkennen, der als gerechter Vorgesetzter und fürsorglicher Familienvater galt, aber gleichzeitig Ziele der nationalsozialistischen Rassenideologie willig umsetzte", so Dröge.

Hintergrund
Karl Friedrich Kolbow wurde im November 1899 in Schwerin als erster Sohn einer bürger-lichen Familie geboren. Im aufgeheizten politischen Klima nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs und nach dem Versailler Vertrag schwenkte Kolbow immer mehr in völkisch-antisemitisches Fahrwasser ein. Bereits im Februar 1921 trat er mit der Mitgliedsnummer 2.900 in die NSDAP ein und war für sie als Werber und Redner aktiv. Als "Alter Kämpfer" der Partei wurde Kolbow 1933 Landeshauptmann der Provinz Westfalen, obwohl er kein gebürtiger Westfale war. In seiner Amtszeit passte er die Jugendhilfe, Fürsorgeerziehung und Psychiatrie an die Grundsätze der nationalsozialistischen Rassenideologie an. Im August 1944 kam das abrupte Ende seiner Karriere: Aufgrund eines privaten Briefes, der bei dem ehemaligen westfälischen Oberpräsidenten Ferdinand von Lüninck gefunden wurde, unterstellte man Kolbow eine regimekritische Haltung und schloss ihn aus der NSDAP aus. Er trat in die Wehrmacht ein und starb im September 1945 in französischer Kriegsgefangenschaft.


Martin Dröge:
Männlichkeit und 'Volksgemeinschaft‘.
Der westfälische Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow (1899-1945):
Biographie eines NS-Täters

Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2015, 444 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-506-78289-2, Preis: 54 Euro



Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
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