Technische Kulturdenkmäler in Westfalen

Den technik-, industrie- und verkehrsgeschichtlichen Denkmälern als eine spezielle und zugleich breit angelegte und doch immer noch neue Denkmalgattung ist der Zeitimpuls oder "Zeitgeist" gemeinsam, der aus einer "postindustriell" gedachten Sichtweise und aus der Entdeckung eines Sich-Erinnerns an das "Industriezeitalter" in Westfalen in der Hauptsache um 1970 entstand. In den Listen des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege, die die Datengrundlage für das beigefügte Kartogramm abgeben, sind allerdings diejenigen "Technischen Kulturdenkmäler", die man treffend "Geländedenkmale" nennen mag, z. B. Bergbaupingen (s. Beitrag Köhne), verfallene Bergwerkszugänge, anthropogenes Bodenrelief, Podien, Dämme etc., kaum oder gar nicht aufgeführt; diese Relikte sind eher Gegenstand einer auf das Raumkontinuum "angewandten" Historischen Geographie. Fragen der Persistenz, Authentizität oder eines echten oder interimistischen Wüstungszustandes einer Situation seien angedeutet. In der sprachlichen Differenz von "Denkmal/Denkmäler" bzw. "Denkmal/Denkmale" ist der weite Bereich von Anerkenntnis, von  Wahrnehmbarkeit als "Merkzeichen", von Denkmal-Statuierung (per Gesetz) und von Verengung als "Denkmal" im Sinne von Statue oder Bildstock (s. Beitrag Beyer), aber auch von Unsicherheit(en) angesprochen. Unter der nach der neuen Denkmalschutzgesetzgebung um 1980 hinzugekommenen Denkmalgattung "Technisches Kulturdenkmal" - in NRW mit dem signalgebenden Akronym "TKD" belegt - haben sich etliche Objekte mit einer musealen oder öffentlichen Nutzung verbunden (Abb. 1).

Technische Kulturdenkmäler in Westfalen Abb. 1: Technische Kulturdenkmäler in Westfalen (Entwurf: G. Römhild, Quellen: Westf. Amt f. Denkmalpflege, LDS NRW)

Einer Einteilung nach Denkmalgattungen - also der Baugestalt nach: Kirchen / Schlösser / Bürger- / Bauernhäuser / Fabriken / Bahnhöfe / Mühlen / Statuen etc. - steht die räumliche Anordnung gegenüber: Singuläre, isolierte Objekte (unterschiedlicher Art), Ensembles / Blickfelder, Anlagenteile (z. B. Eisenbahndamm) oder Maschinen und Aggregate (z. B. Dampfmaschine), aber auch besondere, z. B. turmhohe Architekturen oder räumliche Cluster in industriell überformter Reliefverbindung und durch Objektscharung und Blickverbindungen auf größerem Areal, so z. B. unmittelbar vor der nördlichen Grenze Westfalens: Die Steinbruch- und bergbauliche Architektur-Szenerie des Piesbergs bei Osnabrück - Zeche Zollern II/IV als Zentrale des "Westfälischen Industriemuseums" (WIM) im Osten Dortmunds stellt eine museale und ortsauthentische Arealisierung einer anschaulich und ziemlich echt gemachten Bergbauszenerie oder "Tagesanlage" dar. Häufig jedoch sind die "Denkmale" der Industriegeschichte vereinzelte, für den Fachmann sofort auffällige Erscheinungen und für den Laien bekannte und durch "Events" attraktiv gemachte Orte in einer urbanisierten Umwelt: D. s. insbesondere Mühlen, respektive Windmühlen. Brücken haben ebenfalls einen Erkennungswert, wie man indirekt an etlichen Sonderbriefmarken mit Brückenmotiven der letzten Jahre sehen kann. Was für den Fachmann in jedem Fall ein "Merkzeichen" mit oder ohne amtlichen Denkmalstatus ist, ist für den Laien eine eher unbedeutende Sache. Auf die Frage »Was ist für Sie ein Denkmal?«, die Verf. Einwohnern verschiedener Orte stellte, nahmen rd. 65 bis 80% der so Befragten Bezug auf die "einfache" Auffassung von einem "Denkmal" (In der Frage war bewußt der Singular formuliert; s. o.!) in der angedeuteten Konnotation "Statue" / "Monument" - und eben nicht im Sinne eines anders gewählten "Merkzeichens" als Kulturlandschaftselement. 10 bis 15% der Befragten nannten Objekte der Sakral- und Herrschaftsarchitektur, also Kirchen, Schlösser u. ä. Nur 2 bis 5% nannten TKD-Objekte. Die Ergebnisse wurden in den an bergbaulichen "Denkmalen" und vergleichsweise anderen (Bau-)Denkmälern reichen Kreisen Osnabrück und Schaumburg gewonnen.

Der Märkische Kreis - beginnend in der 1970er Jahren gleich mit drei Dutzend TKD - versteht sich im Verein mit dem Stadtkreis Hagen und dem Ennepe-Ruhr-Kreis als eine "Kulturlandschaft" mit inzwischen über 100 Objekten der Gewerbe-, Industrie- und Technikgeschichte. Vor allem im märkischen Sauerland entstand mit frühgeschichtlichen Standorten der Eisenindustrie, die relativ gut überkommen waren, ein Ankerplatz für die "Industriedenkmalpflege" (wie man das Operationale an der Sache insgesamt treffend bezeichnet!). Die Ansätze gehen auf die 1930er, 60er und frühen 1970er Jahre zurück, so speziell bei den Glanzpunkten "Wocklumer Hütte" (auch: "Luisenhütte") und "Wendener Hütte", letztere schon im Südsauerland gelegen.

Das dort benachbarte Siegerland als ältestes "Eisenland" (s. Beitrag Eichenauer) hat viele Relikte nach den Stillegungen der 1960er Jahre untergehen lassen; eine angedachte Außenstelle des WIM am Hüttenort Siegen-Geisweid war nicht (mehr) möglich. Der letzte Siegerländer Förderturm (richtiger: Fördergerüst) einer Eisenzeche (Grube Wolf, über dem Hellertal, in Herdorf, unmittelbar hinter der Landesgrenze) fiel auf eine bis heute nicht ganz geklärte Weise im Januar 1975 dem Schneidbrenner zum Opfer. Es scheint "Grenzschicksal" zu sein, dass bedeutende Objekte nicht mehr in die TKD-Zuständigkeit Westfalens fallen. Das periphere Siegerland und seine Lage an und auf der Grenze zu Rheinland-Pfalz hat sich einer aus dem Innovationszentrum MK/HA/BO/DO denkbar hervorgehenden Übernahme des TKD-Impulses nicht wirklich geöffnet. Man schuf einige Besucherstollen und einen "Gruben-Wanderweg" gleich hinter der Grenze, in der Verbandgemeinde Kirchen a. d. Sieg. Ein Glanzstück allerdings (für ganz Westfalen!) ist das Portal des Reinhold-Forster-Erbstollens in Siegen-Eiserfeld.

Das Deutsche Bergbau-Museum ist Stütze gewesen für die Ausbreitung der TKD-Aktivitäten im Ruhrgebiets-Ennepe-Raum, ebenso das technikgeschichtliche Freilichtmuseum im Mäckingerbachtal bei Hagen als Reflex früherer märkisch-sauerländischer Entdeckungen.

Am nordöstlichen Rand Westfalens entstand in den frühen 1970er Jahren das Restaurierungsprogramm alter, verlassener Windmühlen (auch Wassermühlen) im Landkreis Minden, sodann auf den neuen Kreis Minden-Lübbecke übergreifend. Dieses kulturräumliche Phänomen ist als ein Gegenstück zur beschriebenen MK-Situation anzusehen.

Ein weiterer Landkreis, der das TKD-Thema partiell aufgriff, war der neu gebildete Kreis Steinfurt. Von da ging der Ruhrgebietsimpuls in Sachen Karbongebirge/TKD im Verlauf der 1980er Jahre auf das relativ kleine Ibbenbürener Revier (s. Beitrag Gessner-Krone) über.

Die in den 1980er Jahren einsetzende Ausbreitungswelle an "Besucherstollen" und "Besucherbergwerken" erfaßte v. a. das Gebiet des Rheinischen Schiefergebirges auf der Grundlage verschiedener Lagerstätten. Die im Siegerland hervorragende Maßnahme am Reinhold-Forster-Erbstollen in den frühen 1980er Jahren wurde in anderem Zusammenhang bereits erwähnt; dem schließt sich ein Besucherbergwerk an, das allerdings einen Besucherrückgang erlebte - auf quantitativ niedrigem Niveau (ca. 2.000 Besucher/Jahr). Dort kann man auch sehen, wie sich das Umfeld gewandelt hat: Der Stollen ist vom ursprünglichen Blickfeld her in den Hintergrund geraten; ein konstruiertes, nicht annähernd haushohes Fördergerüst, vorne an der vorbeiführenden Siegtalstraße, stellt den Gedanken an das "Technische Kulturdenkmal" und an ein früheres Industrieareal künstlich her.

Zahllose artifizielle "Denkmale" oder "gestellte Denkmäler" in Form von Grubenwagen ("Hunte") und Seilscheiben (aus niedergelegten Fördergerüsten) und auch (vereinzelt) Maschinenteile sind weit verbreitet, ohne dass diese "Objekte" in den Denkmallisten aufgelistet wären und mithin keinen "TKD"-Rang im Sinne des Denkmalschutzes haben.

Auffällig im Bestand der gut 1.900 registrierten TKD ist das Vorherrschen der "Mühlen" (ca. 18%), der "Bahnhöfe", resp. deren Empfangsgebäude: 8% (dazu kommen ca. 6% für Anlagenteile, z. B. Bahnsteigüberdachungen, Güterschuppen, Stellwerke u. a. m.; das sind also ca. 14% insgesamt für den Bereich Eisenbahn!). Auch "Brücken" bilden einen relativ großen Anteil (ca. 7%). Daß "Fabriken" ebenfalls (außer Bergwerks- und Hüttenbetriebsbauten sowie Ziegeleien, Brauereien u. a. m.) einen starken, einheitlich wirkenden Block von ca. 8% ausmachen, entspricht einem generell früh eingesetzt habenden industriearchitektonischen Ansatz, der schon Anfang des 20. Jh.s die Aufmerksamkeit für das "Industriedenkmal" geweckt hatte! Uneinheitlich ist die Gruppe diverser, z. T. handwerklich fundierter Gewerbebetriebe mit gut 6% (Schmieden, Gießereien, auch Brennereien, Brauereien u. a. m.). Die hier gegebenen Zahlen und Indexwerte beruhen auf der Auswertung nach einem Zufallszahlenschlüssel bei 185 Objekten (9,5% der Gesamtheit). Der relativ hohe Anteil von 31% unter "sonstiges" zeugt von der Vielzahl unterschiedlicher und mit kleinen Zahlen vertretener Objekte.

Die regionale Differenzierung muss der Übersichtlichkeit halber auf das Kreisraster beschränkt bleiben (Abb. 1). Um reelle Werte zu erhalten, wurde die Gesamtzahl der Objekte im jeweiligen Stadt-/Landkreis auf die in der Flächenstatistik dokumentierten km2-Werte für "Betriebsflächen" (n. LDS NRW "vorherrschend gewerblich und industriell genutzte Flächen" heute) bezogen. So ergibt sich ein angemessener TKD-Dichte-Wert für die Gebiete. Dadurch werden die absolut gezählten, höchsten Objekt-Belegungen und auf der anderen Seite die Minimalvorkommen statistisch bereinigt. Die höchsten Zahlen (valide ab n=18) vereinigen 23 "Kommunen" (als Untereinheiten der Kreise und rechnerische Ausgangsbasis des anfangs erwähnten TKD-Registers) auf sich. Spitzenbelegungen weisen alle Stadtkreise, bis auf Herne, auf; die höchste TKD-Zahl besitzt Dortmund: n=84, dann Bielefeld: n=60 und drittens Bochum: n=57. In den (Land-)Kreisen führen Witten: n=48, Minden: n=42 und Plettenberg: n=35; die umgebungsorientierten oder durch den "Geist der Gegend" gesteuerten Einflüsse als da sind "Ruhrgebiet", "Märkischer TKD-Kreis" und Mindener "Mühlenkreis" sind für die letztgenannten Zahlen evident.

Auffällig ist, dass die erwähnte alte Eisenregion des Siegerlandes im Kern (= Altkreis Siegen) mit lediglich 58 Objekten in Erscheinung tritt; geringe TKD-Zahlen zeigen auch die Kreise Recklinghausen (n=60) und Paderborn (n=53) sowie Olpe (n=41; der geringste absolute Landkreis-Wert!). Der Durchschnittswert für alle Landkreise (!) beträgt rd. 87. Die höchsten absoluten Landkreis-Werte (>100) besitzen der Ennepe-Ruhr-Kreis: n=139, der Märkische Kreis: n= 136, der Kreis Lippe: n=132 und der Kreis Steinfurt: n=102. Schließlich zeigt sich an der Verbreitung musealer TKD-Expositionen, 22 an der Zahl, ohne die Besichtigungsmühlen in Westfalen (Abb. 1), dass sich im Ruhrgebiet und seiner südlichen Umgebung der TKD-Impuls zu einem engeren kulturräumlichen Netzwerk verbunden hat und dort der Kern jener denkmalpflegerisch-musealen TKD-Innovation liegt (s. Beitrag Wehling).

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007