Die Zukunft Ibbenbürens als Standort der Kohleförderung und Energieerzeugung

von Werner Gessner-Krone

 

Ibbenbüren gehört neben dem Ruhrrevier und dem Saarrevier zu den Regionen mit einer langen Bergbautradition. Die geologischen Besonderheiten des Raumes, wie u. a. das Ausstreichen von Kohleflözen an der Erdoberfläche, ließen bereits im Spätmittelalter die erste Förderung und Nutzung von Kohle zu.
Die Ibbenbürener Anthrazitlagerstätte Abb. 1: Die Ibbenbürener Anthrazitlagerstätte (Quelle: DSK Anthrazit Ibbenbüren GmbH)

Wie man aus dem geologischen Schnitt durch die Anthrazitlagerstätte ersehen kann, beruht das Kohlevorkommen auf dem unter dem Dickenberg und Schafberg liegenden, räumlich eng begrenzten Karbonhorst (Abb. 1). Der im Vergleich zur Ruhrkohle starke Inkohlungsprozess hat zu einer hochwertigen Anthrazitkohle mit gutem Heizwert und geringem Gasanteil geführt. Als eine mögliche Ursache dafür wird der Einfluss des im Osnabrücker Bergland mit dem Zentrum Bramsche vermutete Bramscher Intrusiv angenommen. Das Intrusiv beinhaltet nach den Ergebnissen von Gravitationsmessungen viele magnetische Mineralien, die aus glutflüssiger Magma entstanden sein könnten.

Als eine weitere Besonderheit gegenüber anderen Steinkohlebergwerken ist die Lage des Bergwerkes auf einem Berg zu erwähnen.

Die ersten bergbaulichen Tätigkeiten zur Kohleförderung lassen sich bis in das 15. und 16. Jh. an einigen oberflächennah ausstreichenden Kohleflözen zurückverfolgen. Im 18. Jh. kamen die Gruben Buchholz, Dickenberg und Schafberg unter die Verwaltung des preußischen Staates. Durch die starke Mechanisierung Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jh.s erreichte man immer größere Abbautiefen und höhere Fördermengen. Der Nordschacht (Personen- und Materialförderung) gehört mit 1.545 m zu den tiefsten Schächten Europas. 1960 lag die Förderkapazität bei 2,4 Mio. Tonnen pro Jahr. Dies wurde mit 8.121 Mitarbeitern geleistet. Für die Bergbaugemeinden Ibbenbüren, Hörstel, Hopsten, Mettingen, Westerkappeln und Recke, aber auch für die angrenzenden Gemeinden war der Bergbau damit der bedeutendste Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber der Region.

Auch gesamtbundesrepublikanisch hatte man 1957 mit ca. 150 Mio. t Steinkohleneinheiten den Gipfel der Förderung erreicht. Der Kohleabbau sank dann kontinuierlich bis zum Jahre 2005 auf 25 Mio. t, was ca. einem Sechstel des Maximums entspricht. Parallel zu dieser Entwicklung verringerte sich die Zahl der Bergwerke von 173 auf 9, der Zechenkokereien von 64 auf 1 und der Brikettfabriken von 25 auf 2. Der Absatz von Steinkohle im Bereich des Wärmemarktes reduzierte sich von 68,1 Mio. t (1957) auf 0,3 Mio. t (2005). Ein ähnlicher Einbruch war im Bereich des Exportes zu verzeichnen. Konnten 1960 noch 32,3 Mio. t ausgeführt werden, so waren es 2005 nur noch 0,1 Mio. t. Zum größten Absatzmarkt entwickelte sich die Elektrizitätswirtschaft. Wurden 1957 nur 12% der geförderten Kohle in der Elektrizitätswirtschaft abgesetzt, so stiegt der Prozentsatz bis zum Jahre 1999 kontinuierlich auf 80,2%. Im Jahre 2000 war der Prozentsatz auf 71,5 gesunken, um dann bis 2005 wieder auf ein Niveau von 75,74% zu steigen.

Die Belegschaftszahlen gingen in dem Zeitraum 1957 bis 2005 von 607.300 auf 42.000 zurück. Durch Rationalisierungsmaßnahmen konnte aber die Leistung je Mann und Schicht über das Vierfache und je Bergwerk auf über das Dreifache gesteigert werden.

Beim Bergwerk in Ibbenbüren hat es ebenfalls, wenn auch einen wesentlich geringeren Rückgang gegeben als in der gesamtdeutschen Steinkohleförderung. Im Jahr 1970 wurde mit 2,8 Mio. t die bisher größte Förderungsmenge erreicht. Nachdem die Menge in den 1990er Jahren auf 1,6 Mio. t zurückgeführt wurde, konnte 2003 und 2004 ein Stand in Höhe von 1,9 Mio. t erreicht werden. Die Belegschaft ist aber von mehr als 8.000 in den sechziger Jahren auf heute 2.631 Angestellte, Arbeiter und Auszubildende (Stand 2005) geschrumpft. Entscheidend für den Kohleabsatz in Ibbenbüren ist die Abnahme der Steinkohle durch das 1985 errichtete Kohlekraftwerk der RWE-Power. 1,5 Mio. t Anthrazitkohle (entspricht ca. 79% der Förderung) werden in dem 770-Megawatt-Block verstromt, und 0,3 Mio. t (entspricht ca. 15% der Förderung) können auf dem Wärmemarkt abgesetzt werden. Der Kohleabsatz zur Verstromung ist in einem Kohlelieferungsvertrag zwischen der RAG (Betreiber aller neun Bergwerke in Deutschland) und der RWE bis zum Ende des Jahres 2012 gesichert. Notwendige Voraussetzung für den Absatz ist aber die Subventionierung der Produktionskosten, um die Differenz zwischen dem geltendem Weltmarktpreis und den Produktionskosten auszugleichen.

Den Preis zum Abbau von Steinkohle in Deutschland gibt Greenpeace mit ca. 150 Euro pro t an. Der Weltmarktpreis für importierte Kohle betrug 2004 dem gegenüber 80 Euro.

An den öffentlichen Kohlehilfen beteiligt sich das Land NRW bereits seit Anfang der sechziger Jahre, da NRW auch am meisten von der Förderung profitiert. Das Gesamtaufkommen in Deutschland betrug 2,9 Mrd. Euro in 2004 (Bund 2,4 und NRW 0,5 Mrd. Euro) und wird in 2006 voraussichtlich 2,1 Mrd. Euro betragen. 2004 wurden davon 2,1 Mrd. Euro in NRW und 0,8 Mrd. Euro im Saarland verwendet. Die kohlepolitischen Vereinbarungen von 1997 hatten eine Gültigkeitsdauer bis Ende 2005. In dieser Zeit ist die Förderung von Steinkohle von 50 auf 26 Mio. t und die Beschäftigtenzahl von 84.000 auf 36.000 (35.000 nach Reichel) zurückgefahren worden. Wolfgang Reichel, Geschäftsführer des Gesamtverbandes des deutschen Steinkohleverbandes, spricht in diesem Zusammenhang von einer Subventionseinsparung von 14 Mrd. Euro. Die Vereinbarung mit der Bundesregierung unter Gerhard Schröder sah eine weitere Reduzierung der Subventionierung um ein Drittel bis zum Jahr 2012 und damit eine Gesamtförderkapazität in Höhe von 16 Mio. t mit ca. 20.000 Beschäftigte vor. In der Koalitionsvereinbarung der CDU und FDP in NRW vom 16. Juni 2005 werden nur die rechtsverbindlichen Zuwendungsbescheide an die deutsche Steinkohle bis zum Jahr 2008 anerkannt. Es soll mit allen Beteiligten einschließlich der Anteilseigner über den sozialverträglichen Auslauf des subventionierten Bergbaus verhandelt und entschieden werden. In den Vereinbarungen der großen Koalition von CDU, CSU und SPD des Bundes drückt man den Sachverhalt vorsichtiger so aus: "Es müssen weitere Einsparungen gegenüber den bisherigen Verabredungen geprüft werden, ohne den Weg der sozialverträglichen Anpassung zu verlassen".

Seit Abschluss der Vereinbarungen hat es in der Weltpolitik einige Ereignisse gegeben, die einen direkten Einfluss auf die Energiediskussion haben. Die Kriegsereignisse im Irak und die weiteren politischen Spannungen im Nahen Osten (Anstieg des Rohölpreises auf 80 Euro pro Barrel) wie auch die politischen Umwälzungen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (Gasdurchleitung durch Pipelines in den Westen) haben die Diskussion um eine notwendige Rohstoffsicherheit erneut entfacht. Will die Bundesregierung die Steinkohleförderung auf einem Sockelbetrag fortführen und damit auch weiterhin einen Sockelbetrag an Subventionierung leisten, oder soll die Steinkohleförderung ganz auslaufen und wahrscheinlich damit auch die Hochtechnologie des Bergbaus in Deutschland gefährden?

Übersichtsplan des Anthrazitbergwerkes Ibbenbüren Abb. 2: Übersichtsplan des Anthrazitbergwerkes Ibbenbüren (Quelle: DSK Anthrazit Ibbenbüren GmbH)

Die DSK Ibbenbüren rüstet sich für die Zeit nach der Beendigung des Kohlelieferungsvertrages Ende 2012. Zur Zeit werden das Beustfeld als ein neues Abbaufeld exploriert (Abb. 2) und ein neuer Rahmenbetriebsplan mit Umweltverträglichkeitsprüfung für die Zeit 2010 bis 2020 vorbereitet.

Mit weiterer anhaltender Subventionierung der Kohleförderung zur Verstromung und einer Verlängerung des Kohlelieferungsvertrages an das RWE-Kraftwerk stünde dem Bergwerk noch eine längere Laufzeit bevor.

Die Aufstellung eines energiepolitischen Gesamtkonzeptes bis zum Jahr 2020 wird von der Bundesregierung für die zweite Hälfte der Jahres 2007 angekündigt. Die Ergebnisse werden für die Zukunft des Ibbenbürener Bergbaus entscheidend sein.

Die dazu notwendige Diskussion wird zur Zeit in den am 3. April 2006 gegründeten Arbeitsgruppen des Energiegipfels diskutiert. Die schon in zwanzig Jahren auftretenden Engpässe bei der Versorgung mit Erdöl und Erdgas zwingen zu einer stärkeren Reduzierung des Verbrauches. Der risikobehaftete Import und der steigende Weltmarktpreis können zur stärkeren Nutzung der heimischen Energieträger führen, wobei der Anteil der erneuerbaren Energieträger erheblich gesteigert werden muß. Wie aus den Berliner Kohlegesprächen verlautet, sollen bis zum Frühjahr 2007 eine Einigung zum geplanten Börsengang der RAG, zur Zukunft der Steinkohlesubventionierung und zur Bewältigung der Ewigkeitslasten erzielt werden.

Eine sicherlich genauso bedeutsame Frage wird die Diskussion um die ökologische Belastungsgrenze des Weltklimas sein. Die Realisierung von CO2-freien Kraftwerken auf fossiler Basis wird für die weitere Steinkohleförderung ebensfalls sehr wichtig sein, auch wenn das freiwerdende CO2 nicht verhindert, sondern nur in Kavernen gespeichert werden kann.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007