Zurück zu den Höhen? Zur Entwicklung gewerblicher Standorträume im Mittelgebirge am Beispiel der ehemaligen Montanregion Siegerland

von Hartmut Eichenauer

 

Nach 2.500 Jahren kehrt die gewerbliche Wirtschaft der ehemaligen Montanregion Siegerland zu ihren Ursprüngen auf Höhenstandorten zurück, wo für die Hallstatt- und Latènezeit (6. - 1. Jh. v. Chr.) die ältesten Stätten von Erzgewinnung sowie Eisen- und Stahlerzeugung belegt sind. Seit diesen Anfängen lassen sich vier große Phasen der gewerblichen Wirtschaft unterscheiden, und zwar hinsichtlich der Art der Betriebe, ihrer topographischen Lage sowie ihrer natürlichen und infrastrukturellen Standortfaktoren (Abb. 1).

Entwicklung der gewerblichen Standorträume im Siegerland Abb. 1: Entwicklung der gewerblichen Standorträume im Mittelgebirge (Beispiel Siegerland) (Entwurf: H. Eichenauer)

Die ältesten Stätten der Erzgewinnung und die vormittelalterlichen Schmelzöfen sowie die mittelalterlichen Eisen- und Stahlhütten, Eisen- und Stahlhämmer waren wie die mit ihnen verbundenen Siedlungen - was die Größe ihrer Bauflächen betraf - nur Punktelemente inmitten der großflächigen land- und waldwirtschaftlichen Flächen. Zudem galt für die meisten von ihnen eine Konstanz hinsichtlich der Bindung an ihre Standorte sowie bezüglich des Ausmaßes ihrer Standortflächen, die bis zum Beginn des Industriezeitalters andauerte.

Die Wachstumsdynamik des Industriezeitalters hat in der vergleichsweise kurzen Zeit von der Mitte des 19. Jh.s bis in die 1960er Jahre die gewerblichen Nutzflächen - und mit ihnen alle anderen Gebäude-, Betriebs- und Verkehrsflächen - um ein Vielfaches vermehrt. Die Flächen in den Haupttälern, d. h. an den Bahnstrecken Köln-Siegen und Hagen-Siegen-Gießen, wurden weitgehend lückenlos überbaut. Das hatte neben der hohen Verdichtung u. a. eine ungeordnete Gemengelage der Bauflächen, d. h. von Betrieben des Produzierenden Gewerbes und des Tertiären Sektors sowie von Wohnbau- und Verkehrsflächen, zur Folge. Wegen der Erschöpfung der Bauflächen in den Haupttälern entstanden auch in den Seitentälern, die z. T. von Nebenbahnstrecken erschlossen waren, hoch verdichtete Siedlungsbänder, die sich immer weiter in den ländlichen Raum ausdehnten. So waren seit den 1960er und 1970er Jahren auf den zumeist schmalen Talböden nur noch minimale Flächenreserven vorhanden.

Die Autobahn A45, die seit Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre das Siegerland an das deutsche und europäische Autobahnnetz angeschlossen hat, hat starke, nachhaltige Impulse für eine neue Wachstumsdynamik der Siegerländer Wirtschaft gegeben; davon profitieren allerdings vor allem die Gemeinden, die an der A 45 liegen, nämlich die Städte Freudenberg und Siegen sowie die Gemeinden Wilnsdorf und Burbach. Unmittelbar an den Anschlussstellen Freudenberg, Siegen-Mitte, Wilnsdorf und Burbach/Haiger bzw. in geringer Entfernung sind - wie auch sonst an Autobahnen zu beobachten - in den letzten 30 Jahren neue großflächige Gewerbegebiete entstanden. Da die A45 im Mittelgebirge zumeist in Höhenlage, d. h. oberhalb der Täler gleichsam auf einer "zweiten Ebene", geführt wird, waren erhebliche Umgestaltungen des Reliefs durch Abgrabungen und Aufschüttungen erforderlich, um auf künstlichen Plateaus Bauflächen zu schaffen. Die Erschließungsmaßnahmen dauern an den genannten Anschlussstellen bis in die Gegenwart an; und weitere sollen folgen, so z. B. nach dem Willen der Stadt Siegen an deren Anschlussstelle Siegen-Eisern.

Aufgrund der großen Bedeutung der Autobahnen für den "just in time"-Güterverkehr und für den Geschäftsreiseverkehr sowie wegen der neuen Bauflächen, die die Gemeinden mit gezielter Gewerbeflächenpolitik voll erschlossen zu günstigen Konditionen angeboten haben bzw. noch anbieten, haben die neuen Gewerbegebiete eine besondere Standortgunst. Ihr Zugewinn an Standortvorteilen geht zu Lasten der alten Talstandorte bzw. zu Lasten der autobahnfernen Gemeinden. Demzufolge kommen ihnen wirksame "pull-Faktoren" zugute, die innergemeindliche und innerregionale Betriebsverlagerungen bzw. die Gründung neuer Betriebe initiieren sowie Unternehmen von außerhalb hinzu gewinnen. Die frühere Lageungunst des Siegerlandes, d. h. die Verkehrsentlegenheit im überregionalen und nationalen Verkehrsnetz sowie im Netz höherrangiger Zentren und Wirtschaftsräume, ist - zumindest was die Anbindung an das Fernstraßennetz betrifft - aufgehoben. Das lässt nun auf einmal die geographische Mittellage in Deutschland wegen der verbesserten Erreichbarkeit inmitten bevölkerungsreicher und wirtschaftsstarker Regionen und damit eine neue Lageattraktivität bedeutsam werden. Das belegen einige Beispiele.

So hat sich unmittelbar an der Landesgrenze auf der hessischen Seite, wo die Stadt Haiger an der Anschlussstelle Haiger/Burbach das Gewerbegebiet "Kalteiche" erschlossen hat, einer der Produktionsbetriebe des international operierenden israelischen Konzerns ISCAR niedergelassen. Und nur wenige km davon entfernt und durch die B54 an die A45 angebunden, errichtet die Handelsgruppe LIDL am Rand des Westerwaldes im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen ein großes Warenverteilzentrum für einen weiten Versorgungsbereich in diesen drei Ländern. Direkt an der Anschlussstelle Wilnsdorf, wo die rund 30-jährige Entwicklung des großflächigen Gewerbegebiets "Lehnscheid" mit dem sechsten und vorerst letzten Bauabschnitt ihren vorläufigen Abschluss gefunden hat, ist ein Autohof mit einem Hotel und mehreren gastronomischen Betrieben entstanden. Unweit der Anschlussstelle Siegen-Mitte hat sich - nachdem das neue Siegener Gewerbegebiet "Heidenberg" nachträglich eine eigene Anbindung an den Autobahnzubringer erhalten hatte - eine Filiale des Möbelhauses IKEA niedergelassen.

Die laufende Raumbeobachtung zeigt, dass Standortverlagerungen bzw. -neugründungen immer auch mit Innovationen und strukturellen Veränderungen einher gehen. Das bewirkt auf der betriebswirtschaftlichen Ebene die Verbesserung der internen Arbeitsprozesse und die Steigerung der ökonomischen Erträge für Inhaber und Beschäftigte. Die Effekte auf der regionalen Ebene ergeben sich zwar auch aus der Stabilisierung traditioneller Strukturen, mehr aber noch durch Zugewinn an neuen Unternehmen aus bisher nur ungenügend oder noch nicht vorhandenen Branchen. Auf beiden Ebenen führt das zu positiven Effekten für die Finanz- und Leistungskraft der Standortgemeinden und der Region sowie für den regionalen Arbeitsmarkt. Die neuen Standorträume an den Autobahnanschlussstellen sind immer auch noch Standorte des Produzierenden Sektors. Sie sind aber auch attraktiv für Betriebe des Groß- und Einzelhandels sowie für eine breites Angebot verkehrsorientierter Dienstleistungen. Insgesamt sind sie in besonderer Weise Ausdruck von dringend gebotener struktureller Diversifizierung, d. h. der Zunahme von wachstumsintensiven Branchen, die die Zukunftsfähigkeit der Region im Wettbewerb der deutschen und europäischen Regionen untereinander sowie im Wettbewerb mit außereuropäischen Konkurrenten auf globalen Märkten zu sichern vermögen.

Nicht zuletzt waren und sind die vielfältigen administrativen, finanziellen und infrastrukturellen Vorleistungen der Gemeinden und des Kreises sowie des Bundeslandes und der Bundesregierung für jedes der neuen Gewerbegebiete an der A45 quasi hochwirksame Hilfen für die klein- und mittelständisch strukturierte Wirtschaft und somit Wirtschaftsförderungspolitik für das ganze Siegerland.

Der Versuch einer ökologischen Bewertung der neuen Höhenstandorte erlaubt bisher allenfalls eine vorläufige Analyse und Diagnose ihrer negativen und positiven raumwirksamen Effekte. Als negative Effekte treten an den neuen Standorten der Verlust umfangreicher naturnaher Flächen, Eingriffe in das Bild der traditionellen Kulturlandschaft sowie die örtlich starke Zunahme des Verkehrs, vor allem des Schwerlastverkehrs, auf. Positive Effekte lassen sich zum einen bei den alten Gewerbegebieten in den Tälern aufzeigen, wo die Betriebe vor ihrer Standortverlagerung in die neuen Gewerbegebiete an der A45 ansässig waren, nämlich die Sanierung ungesunder Gemengelagen, die Reduzierung von Emissionen durch die Betriebe selbst und durch den Werksverkehr sowie die Vermeidung weiterer baulicher Eingriffe in die Siedlungsstruktur; sie treten zum anderen aber an den neuen Höhenstandorten allein schon dadurch auf, dass die dort angesiedelten Betriebe von vorneherein zu deutlich verbesserten Umweltstandards - etwa was Art und Maß ihrer Emissionen betrifft - verpflichtet sind. Hinsichtlich einer Gesamtbilanz der ökonomischen und ökologischen Effekte gilt es anzuerkennen, dass der ökonomische Zugewinn für die Standortgemeinden und für die Region nur um den Preis zu haben ist, dass die Nutzflächen der neuen Betriebe immer noch wachsen, obwohl nur wenige die Zahl ihrer Beschäftigten erhöht haben. Insgesamt sinkt sogar die Zahl der Beschäftigten in der Region; das lässt erkennen, dass der betriebliche und der regionale Standort- und Strukturwandel einhergehen mit anhaltender Zunahme der Nutzflächen pro Kopf der Beschäftigten. Das scheint - abschließend diagnostiziert - für die "Rückkehr zu den Höhen" beides zu sein: Sowohl einer der Hauptgründe für die Ansiedlung an den "altneuen" Standorten als auch eine ihrer wichtigsten raumwirksamen Folgen.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2007