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Mitteilung vom 17.08.15

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Achtung Radaktionen: Freigabe heute, 17.08.2015, 19:00 Uhr

Frühmittelalterliches Schwert aus Beckum glänzt jetzt "wurmbunt" in seiner angestammten Heimat

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Beckum (lwl). Mehr als 16 Kilo Eisen mussten in einer speziellen Zusammensetzung hergestellt werden. Eine halbe Tonne Holzkohle wurde verbrannt, um damit Eisen zu bearbeiten. Übrig blieben 1,1 Kilo glänzender Stahl, der auf einem knappen Meter Länge mit schlangenartigen Gebilden verziert ist. Ein zweischneidiges Schwert, wie es in dieser Art und Weise noch nie hergestellt wurde. Denn im Rahmen eines Forschungsprojektes des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist erstmals so umfassend untersucht worden, wie eine der beliebtesten Waffen des frühen Mittelalters aufgebaut war, aus welchen Materialien sie bestand, welche Herstellungstechniken angewendet wurden. Es ist sogar originalgetreu nachgeschmiedet worden.

Mehrere Jahre brauchte der Archäologe Ulrich Lehmann, um in diesem einzigartigen Forschungsprojekt der Altertumskommission für Westfalen und der LWL-Archäologie für Westfalen dem Innenleben der Spatha, dem mittelalterlichen Schwert, auf die Spur zu kommen. Bei der Untersuchung von mehr als 30 Waffen aus dem 6. bis 8. Jahrhundert ging er ungewöhnliche Wege. Er hat mit Unterstützung einer Dortmunder Firma einen 3-D-Computertomographen mitsamt Röntgenstrahlung für die Archäologie eingesetzt. So konnte das, was für Laien nur wie ein stark verrosteter Überrest aussieht, zerstörungsfrei bis ins tiefste Innerste analysiert werden. Durch chemische und metallurgrafische Untersuchungen wurde die materielle Zusammensetzung ermittelt. Im Labor für Archäobotanik standen organische Überreste der Schwertscheiden und Griffe im Rahmen der Materialanalyse auf dem Prüfstand.

Die Ergebnisse kamen in den vergangenen Monaten im wahrsten Sinne unter den Hammer. In der Schmiede von Stefan Roth im niedersächsischen Wolfenbüttel gibt es nicht nur die Mittel, sondern auch das in Europa inzwischen fast verloren gegangene Know-how für mittelalterliche Schmiedekünste. Das originalgetreue Nachschmieden einer Spatha angefangen vom Erz mit der richtigen chemischen Zusammensetzung bis zum Herausbilden der analysierten Schweißmuster auf der Schwertklinge: Das war auch für den Profi eine echte Herausforderung.

Acht Eisenelemente verbergen sich im Inneren der Schwertklinge - jedes besteht wiederum aus sieben Bestandteilen aus Phosphoreisen und reinem Eisen. Zwei weitere Elemente bilden die stählernen Schwertschneiden. Geschmolzen wurde das Rohmaterial in Nachbau eines mittelalterlichen Rennofens. Tausende Male wurde das Eisen erhitzt, geschichtet, geklappt, geschmiedet, verschweißt und ineinander verdreht. Ob das in monatelanger Arbeit erstellte Material die zum Teil höchsten Belastungen aushielt, war dabei nicht immer absehbar. Nicht selten standen mit einer einzigen Bewegung hart erarbeitete Ergebnisse auf dem Spiel. "Das war schon ein kleiner Krimi", schildert Ulrich Lehmann.

Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Das Schwert aus Beckum, das die Archäologen bereits 1863 als Beigabe in einem Grab entdeckten, ist aus glänzendem, mit sich kräuselnden Würmchen verziertem Stahl neu entstanden. Dabei haben der Museumsverein Beckum, die Bruderschaft der Beckumer Bauknechte, der Heimat- und Geschichtsverein sowie die Sparkassenstiftung kräftige finanzielle Unterstützung geleistet. Deshalb geht das Schwert nun auch in den Besitz der Stadt Beckum über, die das einmalige Stück in die Sammlung des Stadtmuseums überführt. Das Schwert wird jetzt zwei Wochen lang in der Schalterhalle der Sparkasse Beckum-Wadersloh zu sehen sein, bevor es im Rahmen der archäologischen Landesausstellung in den Museen Nordrhein-Westfalens in Bonn, Detmold und Herne ein Höhepunkt sein wird.

Im Rahmen der offiziellen Übergabe schilderte Ulrich Lehmann in einem spannenden Vortrag nicht nur die wissenschaftlichen Wege zur gelungenen Rekonstruktion, sondern auch den zum Teil nervenaufreibenden Schmiedeprozess, der für alle Beteiligten eine echte Premiere war. Die wissenschaftliche Einführung in das Thema gab Dr. Vera Brieske, Geschäftsführerin der Altertumskommission für Westfalen. Wie wichtig das Forschungsprojekt nicht nur für die Archäologen, sondern auch für die Stadt Beckum ist, zeigten die Grußworte von Prof. Dr. Michael M. Rind als Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen und von Beckums Bürgermeister Dr. Karl-Uwe Strothmann.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Katja Burgemeister, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-8921.
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