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Mitteilung vom 09.09.12

Foto zur MitteilungViele Experten bündelt das Forschungsprojekt, das den Toten in den Großsteingräbern in Erwitte-Schmerlecke auf den Grund geht.
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Foto zur MitteilungNicht nur die Skelette dokumentieren die Archäolgen und Anthropologen vor Ort. Bei den Ausgrabugen gingen die Fachleute auch in diesem Jahr der Frage nach, wie die Menschen in der Steinzeit diese mächtigen Anlagen gebaut haben.
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Presse-Infos | Kultur

Großsteingräber in Schmerlecke geben Geheimnisse über die Toten aus der Jungsteinzeit preis

Bewertung:

Schmerlecke (lwl). Sie sind nicht nur durch ihre Größe eine Besonderheit in der Region: Die Großsteingräber in Schmerlecke bei Soest bündeln auch die wissenschaftlichen Disziplinen beispielhaft. Archäologen, Anthropologinnen, Geologen und andere Expertinnen versuchen in einem der größten interdisziplinären Forschungsprojekte zur Jungsteinzeit in Westfalen, den Gräbern aus der Zeit zwischen 3500 und 2800 v. Chr. die Geheimnisse über das Leben der Verstorbenen, ihre Familien und über die Bestattungsrituale zu entlocken.

Zwei der insgesamt drei Grabanlagen standen in diesem Jahr im Mittelpunkt für die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie für die Anthropologen der Georg-August-Universität in Göttingen.

Besonders beeindruckt ist Grabungsleiterin Dr. Kerstin Schierhold von der Bauweise des "Grabes II". "Hier zeigt sich immer deutlicher, mit welchem Aufwand der Bau einer solchen Anlage verbunden gewesen ist", sagt sie und verweist auf die noch erhaltenen Wandsteine, die zum Teil mehrere Dezimeter dick sind. "Diese Steine wogen sicherlich einige Tonnen", so die Expertin. "Spannend ist deshalb die Frage, wo die Menschen zwischen 3500 und 2800 v. Chr. dieses Baumaterial gewonnen haben."

Nicht nur die Untersuchung der gut erhaltenen Skelette und der Grabarchitektur vor Ort ist ein wichtiger Baustein, um den Menschen der Jungsteinzeit und ihrem Alltag auf die Spur zu kommen. "Weitere Schwerpunkte unserer wissenschaftlichen Arbeit finden in den Laboren und an den Schreibtischen statt", betont Dr. Eva Cichy, die das Projekt für die LWL-Archäologie für Westfalen begleitet. Wenn die Ausgrabungen unweit der Bundesstraße 1 für diese Saison enden, geht die Forschung in geschlossenen Räumen mit gleicher Intensität weiter. Geologische Expertisen sollen dann angefertigt werden, um Aufschluss über die Herkunft des Baumaterials zu gewinnen. "Dann können wir auch Rückschlüsse über die Transportwege ziehen und Aussagen über den Arbeits-aufwand treffen, der mit dem Bau solcher Grabanlagen verbunden war", meint Schierhold.

Auch in dieser Grabungssaison bestätigte sich der Eindruck, den die Archäologen schon im Vorjahr gewinnen konnten. "Die Menschen, die hier damals lebten, hatten eine Vorliebe für außergewöhnlichen Schmuck", resümiert Cichy. Wieder kamen große Mengen von Tierzahnanhängern und Kupferrollen neben den Toten zum Vorschein. Das stellte sich bereits im Vorjahr als außergewöhnliche Menge und einmalige Kombination heraus.

Diese Grabbeigaben gehörten den Verstorbenen wahrscheinlich schon zu Lebzeiten und sollten sie auch im Tod begleiten. Ebenso wie viele Alltagsgegenstände, die den Steinzeit-Menschen Tag für Tag wichtige Begleiter waren. "Dazu gehören Pfeilspitzen und Klingen, die zum Teil aus eigens importiertem und qualitätsvollem Maasfeuerstein gefertigt waren", benennt Schierhold weitere Ausgrabungserkenntnisse.

Hintergrund
Wenn die Arbeit vor Ort in dieser Saison auch beendet sein mag: Für die Anthropologin Susan Klingner von der Universität Göttingen geht die Spurensuche weiter. "Die menschlichen Skelettfunde aus beiden Gräbern sind makroskopisch und auch in ihrer Mikrostruktur gut erhalten", beschreibt die Fachfrau. "Sie werden an der Universität Göttingen in einer Arbeitsgruppe für Paläopathologie, die der Universitätsmedizin angegliedert ist, weiter untersucht." Der gute Erhaltungszustand macht es möglich, dass die ganze Bandbreite der modernsten anthrophologisch-paläopathologischen Untersuchungsmethoden genutzt werden kann.

Dabei gehen die Forscher den Fragen nach, welches Sterbealter die Toten aus Schmerlecke hatten, welches Geschlecht und welche Körperhöhe sie hatten und welche Krankheitsbefunde dokumentiert werden können. Dazu werden die Knochenfunde makroskopisch, mit einer Handlupe, lupenmikroskopisch, endoskopisch, röntgenologisch, licht- und rasterelektronenmikroskopisch unter-sucht. Die Veränderungen an den Knochen dokumentieren die Forscher dabei metrisch, grafisch und fotografisch.

Insgesamt drei Grabanlagen haben die Menschen der Jungsteinzeit zwischen 3500 und 2800 v. Chr. in Erwitte-Schmerlecke errichtet. Die Gräber sind 20 bis 25 Meter lang und zwischen zwei und vier Meter breit. In diesen Gemeinschaftsgräbern, die aus Großsteinplatten erbaut wurden, setzten die Menschen ihre Toten über mehrere Jahrhunderte hinweg bei. Die Gräber sind in einem sehr unterschiedlichen Zustand: bereits im 19. Jahrhundert wurde eine der Anlagen fast komplett aus-gegraben (Grab I), eine weitere (Grab II) ist durch die Beackerung vor allem der letzten Jahrzehnte stark beschädigt. In den 50er Jahren wurde das Grab II beim Pflügen entdeckt.

Es ist das am besten erhaltene der drei Gräber. Wie viele Menschen hier beigesetzt wurden, ist noch nicht abschließend erforscht - es könnten bis zu 200 Tote sein.. Der gute Erhaltungszustand der Skelette ist der Bauweise der Gräber zu verdanken: Die Kalksteinplatten haben dem Boden Kalk zugeführt, so dass die Knochenzersetzung deutlich langsamer stattfindet.
Die Untersuchungen sind Teil des Forschungsprojektes zur Hessisch-Westfälischen Megalithik im Schwerpunktprogramm "Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Ausgrabungen finden seit 2009 statt.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Katja Burgemeister, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-8921.
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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