LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 08.06.12

Foto zur MitteilungStellten die Ausstellung in Bochum vor: (v.l.) Museumsleiter Dietmar Osses, LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale, Dr. Ingo Grabowsky, Katarzyna Malaczynka, Maria Sesler, Emir Hamidovic und Kristina Romanov.
Foto: LWL / A. Hudemann


Foto zur MitteilungEmir Hamidovic lebt heute in Mülheim an der Ruhr.
Foto: LWL / M. Holtappels


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Presse-Infos | Kultur

Nach Westen. Zuwanderung aus Osteuropa ins Revier

Neue Ausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover

Bewertung:

Bochum (lwl). "Ich glaube, dass ich zwei Heimaten habe." Emir Hamidovic hat die Hälfte seines Lebens in Serbien verbracht. Seit über zehn Jahren lebt der 25-Jährige in Deutschland. Das Studium der Slavistik an der Ruhr-Universtität Bochum führte ihn jetzt dazu, seine Geschichte zu erzählen. Biografien wie die des jungen Serben stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "Nach Westen. Zuwanderung aus Osteuropa ins Ruhrgebiet", die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 10. Juni bis 28. Oktober 2012 in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum zeigt.

Vor 30 Jahren zog es Hunderttausende Menschen aus den östlichen Nachbarländern Polen, Russland, Kasachstan und Ex-Jugoslawien in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Westen. Ihre Geschichte und ihre Gegenwart im Ruhrgebiet beleuchtet die Ausstellung. "Nicht das erste Mal beschäftigen wir uns an diesem Ort mit dem Thema Migration. Diesmal liegt der Schwerpunkt auf der jüngeren Vergangenheit. Die Erinnerung und Erfahrungen der Menschen, um die es hier geht, sind noch sehr lebendig. Das macht diese neue Ausstellung so besonders", erklärte LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale am Freitag (8.6.) in Bochum. Mit Kooperationen, Veranstaltungen und Ausstellungen etwa zur Geschichte der Polen oder der italienischen Eismacher habe sich die Zeche Hannover in den letzten Jahren zu einem wichtigen Akteur der Migrationsgeschichte in Nordrhein-Westfalen entwickelt, so die Dezernentin weiter.

Vorbereitet wurde die aktuelle Schau in Zusammenarbeit mit Studierenden des Seminars für Slavistik an der Ruhr-Universität Bochum. Über zwei Semester haben sie gemeinsam mit dem LWL-Industriemuseum die Geschichte der Zuwanderung aus Osteuropa ins Ruhrgebiet erarbeitet. Fast alle Studenten konnten eigene Erfahrungen in die Forschungsarbeit und die Vorbereitung der Ausstellung einbringen. "Wegen dieses biografischen Ansatzes haben viele Studierende ihr Herzblut in dieses Projekt gesteckt", erklärt Seminarleiter Dr. Ingo Grabwosky. Auch Museumsleiter Dietmar Osses lobt das Engagement der Studierenden: "Die jungen Menschen haben wichtige Perspektiven und Sichtweisen eingebracht, die uns in der Regel zunächst verschlossen bleiben."

Die Zuwanderer aus Osteuropa kamen in den 1980er und 1990er Jahren als politische Flüchtlinge der Solidarnosc-Bewegung, als deutsche Spätaussiedler aus Polen und Russland, als jüdische Flüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion oder als Schutzsuchende vor Bürgerkrieg und Verfolgung in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. "Die Zuwanderung aus Osteuropa hat viele Gesichter, das wollen wir in unsere Ausstellung deutlich machen", betont LWL-Museumsleiter Dietmar Osses. Lebensgroße Porträts, Hörstationen mit Interviews von 20 Zeitzeugen, Fotos und persönliche Dinge der Einwanderer hat das Ausstellungsteam in der Maschinenhalle der Zeche Hannover in Szene gesetzt - ein vielschichtiges Mosaik aus der jüngsten Geschichte des Reviers.

Hintergrund Geschichte

Die Zuwanderung von Menschen hat im Ruhrgebiet eine lange Tradition. Über 150 Jahre lang hat die Vorstellung vom "Goldenen Westen" die Menschen ins Revier gelockt. Das gilt besonders für die Hochphase der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts, als die Aussicht auf gutes Geld für harte Arbeit hunderttausende Menschen aus den damaligen Ostprovinzen, den ehemals polnischen Gebieten, ins Ruhrgebiet brachte. Gut eine halbe Million so genannter "Ruhrpolen" lebte zur Jahrhundertwende im Ruhrgebiet.

In der Phase der politischen Blockbildung und des Kalten Kriegs wurden die Verbindungen zwischen Ost und West fast völlig abgeschnitten. Erst mit dem Umbruch in Osteuropa Mitte der 1980er Jahre öffneten sich die Grenzen wieder. Zunächst entließ die polnische Regierung die unliebsam gewordenen Aktivisten der Gewerkschaftsbewegung Solidarność in den Westen: Nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen und der Internierung führender Gewerkschafter und Sympathisanten wurden Tausende zur Ausreise gedrängt, andere flüchteten vor Verhaftung und Verfolgung ins westliche Ausland. Nach der Lockerung der Reisebestimmungen nutzten Hunderttausende die Möglichkeit, mit einem Reisevisum nach Westdeutschland zu gelangen. Insgesamt kamen in den 1980er und 90er Jahren rund zwei Millionen Menschen aus Polen nach Deutschland

Wenig später folgten die Zuwanderer aus den Staaten der sich auflösenden Sowjetunion. Mehr als 2,3 Millionen Menschen nutzen die Möglichkeit, als deutschstämmige Aussiedler nach Deutschland auszuwandern. Sie kamen vorwiegend aus Russland und Kasachstan, den ehemaligen Siedlungsgebieten und Sondersiedlungen der Deutschen in der Sowjetunion. Viele ließen sich in Ostwestfalen, vor allem im Raum Detmold, aber auch im Ruhrgebiet nieder.

In der Umbruchphase nach 1989 machte sich angesichts des steigenden Zustroms von Menschen nach Deutschland hierzulande das Gefühl breit, dass die Aufnahmekapazitäten Deutschlands erschöpft und das soziale Netz bis zum Zerreißen gespannt seien. Entsprechend begrenzte die Bundesregierung die Zuwanderung aus Osteuropa in den 1990er Jahren schrittweise und verschärfte die Zuzugsregelungen für Auswanderer aus Polen und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Eine Ausnahme galt und gilt weiterhin für Juden aus der ehemaligen Sowjetunion.

Flucht und Hilfe haben auch die Menschen aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens in den letzten Jahren in Deutschland gesucht. Bereits in den 1960er Jahren waren gut 700.000 Jugoslawen in Folge des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien nach Westdeutschland und ins Ruhrgebiet gekommen. Viele von ihnen haben sich mit Kleingewerbe und in der Gastronomie etabliert. Vor dem wachsenden Nationalismus, religiösem Extremismus und der Gewalt in den Bürgerkriegen der sich loslösenden Staaten flüchteten in den 1990er Jahren Hunderttausende zu Verwandten und Bekannten in den sicheren Westen. 1999 nahm die Bundesrepublik offiziell weitere Flüchtlinge aus dem vom Krieg geplagten Kosovo auf.

Heute

Mit der Stabilisierung der politischen Systeme und der Staatenwelt in Osteuropa, der zunehmenden europäischen Einigung und der einheitlichen Regelung der Zuwanderung nach Deutschland durch das 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz ist die Zahl der neuen Einwanderungen nach Deutschland deutlich gesunken.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, vor allem für die Kinder, bewegte viele Migranten der 1980er und 1990er Jahre zur Auswanderung nach Deutschland. Während sich die eigenen Erwartungen an die Zukunft in Deutschland nicht immer realisiert haben, haben sich die Aussichten für die Kinder vielfach erfüllt. Heute sind die Kinder der Zuwanderer oft hoch qualifiziert und nutzen ihre Möglichkeiten in Studium oder Beruf. Mit Erfolg vereinen sie die Erfahrungen zweier kultureller Welten.

So vielschichtig die Hintergründe und die Biografien der Zuwanderer aus den osteuropäischen Staaten sind, so unterschiedlich ist das heutige Selbstverständnis der hier lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte - auch das zeigt die Ausstellung. Dietmar Osses: "Die in Deutschland aufgewachsenen Kinder der Einwanderer aus Osteuropa wachsen oft mit zwei Kulturen auf. Ihre Identitäten sind vielfältig. Manche fühlen sich verloren zwischen zwei Welten, andere eher der Heimat der zugewanderten Eltern verbunden. Wieder andere fühlen sich stärker als Deutsche. Aber ein großer Teil kann beide Identitäten verbinden."

Zur Ausstellung erscheint am 15.Juni ein Katalog, mit wissenschaftlichen Beiträgen, Informationen zu den Exponaten und Ergebnissen der lebensgeschichtlichen Interviews.

Begleitprogramm

So, 10.6. 11 Uhr
Ausstellungseröffnung

Do, 12.6. 19 Uhr
"Geschichte der Deutschen aus Russland". Vortrag von Otto Engel, Vorsitzender des Forums für Russlanddeutsche, Essen

Fr, 3.8. 19 Uhr
Poetry Slam. Junge Literatur zu Migration und Identität in Deutschland. In Zusammenarbeit mit Özlem Tasel, Slamnation, Bochum

Do, 30.8. 19 Uhr
"Ostjuden im Ruhrgebiet 1880 bis zur Gegenwart." Vortrag von Dr. Ludger Heid, Universität Duisburg

Do, 20.9. 19 Uhr
"Ein glänzender Ort, um unglücklich zu sein? Zuwanderer aus Jugoslawien und den Nachfolgestaaten im Revier". Vortrag von Dr. Ingo Grabowsky, Ruhr-Universität Bochum.

Fr, 28.9. 19 Uhr
Kurzfilm-Abend mit Beiträgen osteuropäischer Regisseure aus dem GoEast - Filmfestival und Diskussionsrunde mit der Festivalleiterin Gaby Babic;.

Do, 25.10. 19 Uhr
"Von Ruhrpolen zu Kosmopolen, Zuwanderer aus Polen im Revier." Vortrag von Dietmar Osses, Leiter des LWL-Industriemuseums Zeche Hannover

So, 28.10. 15-18 Uhr
Finissage der Ausstellung mit musikalischer Begleitung

Nach Westen. Zuwanderung aus Osteuropa ins Ruhrgebiet
LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
10.6.-28.10.2012
Günnigfelder Straße 251
44793 Bochum
Geöffnet Mi-Sa 14-8 Uhr, So, 11-18 Uhr



Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Christiane Spänhoff, LWL-Industriemuseum, Telefon: 0231 6961-127
presse@lwl.org



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LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur
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Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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Kommentar(e)

14.06.2012 15:02
Vielen Dank für den Hinweis, wir haben das Problem erkannt und eine weniger papierfressende Druckmöglichkeit eingerichtet.
Dr. Lübbe Schnittger08.06.2012 23:33
Es wäre wirklich sehr schön, wenn Sie solche Meldungen mit einer Druckversion liefern könnten, bei der man nicht acht Seiten Papier zum Abdrucken vergeuden muss. L. Schnittger


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