LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 14.03.12

Foto zur MitteilungMit diesen kostbaren Beigaben - und mit mehreren seiner Pferde - lies sich ein heimische Fürst in Beckum im 7.ten Jahrhundert bestatten.
Foto: LWL/Brentführer


Foto zur MitteilungRührender Fund aus dem Kreis Warendorf: In diesen Haushaltsgefäßen hat eine Mutter um 1800 bis 1500 v. Chr. ihr verstorbenes Neugeborenes bestattet.
Foto: LWL/Zielonka


Foto zur MitteilungAuf einem Acker bei Coesfeld entdeckte der ehrenamtliche Heimatpfleger Lars Krakor Ende des letzen Jahres einen Münzschatz aus dem 17. Jahrhundert.
Foto: LWL/Mühlenbrock


Foto zur MitteilungÜber 169 Silbermünzen, hergestellt in den Niederlanden, versteckt und vergraben in einem Steingefäß: Dieser Neufund aus Coesfeld ist erstmals am kommenden Sonntag erstmals zu sehen.
Foto: LWL/Ilisch


Foto zur MitteilungAn dieser Leiche wurden wohl im 18. Jh. bis dato streng verbotene Anatomie-Studien betrieben.
Foto: LWL/Lagers


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Presse-Infos | Kultur

Münzschätze, Frankenfürsten und Germanen im Töpferofen

Thementag "Du bist Westfalen!" im LWL-Museum für Archäologie startet mit Münsterland

Bewertung:

Herne (lwl). Münzschätze, Frankenfürsten und rätselhafte Tote im Töpferofen - Schätze des Münsterlandes - hebt das LWL-Museum für Archäologie in Herne am kommenden Sonntag (18.3.) hervor. Einen Tag lang machen Museumsleute, Restauratoren und Ausgräber unter dem Motto "Du bist Westfalen!" das Münsterland und seine Geschichte zum Erlebnis.

Im Fokus stehen altbekannte und brandneue Funde aus dem Münsterland - einige sind an diesem Termin erstmals zu sehen. Wie zum Beispiel der Sensationsfund, den ein Sondengänger Ende vergangenen Jahres auf einem Acker bei Coesfeld machte: Lars Krakor war eigentlich auf der Suche nach einem alten Gehöft, das sich einst irgendwo auf dem jetzigen Acker befunden haben soll. Doch statt Gebäuderesten und Keramikscherben wartet eine echte Überraschung auf den ehrenamtlichen Heimatpfleger: Nach und nach gab der Boden insgesamt 169 Silbermünzen aus dem 17. Jahrhundert preis - einen echten Münzschatz, der ursprünglich wohl in einem Gefäß aus Steinzeug im Boden in Sicherheit gebracht werden sollte.

"Die Münzen stammen zum Großteil aus den Niederlanden", weiß LWL-Münzexperte Dr. Peter Ilisch. Im Gegensatz zum heimischen Geld der Zeit haben die niederländischen Münzen einen hohen Silbergehalt und waren daher auch in diesem Gebiet vermutlich sehr beliebt - Edelmetall galt schon damals als sichere Wertanlage. Um einen so großen Silbermünzen-Hort zusammen zu bekommen, muss der einstige Besitzer viele Jahre lang gespart und gesammelt haben. Wer den Münzschatz bestaunen will, muss sich beeilen: er ist ausschließlich bis Mitte Mai in Herne zu sehen.

Doch nicht nur neue Funde machen das archäologische Bild des Münsterlandes aus - im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist die Geschichte der Region mit mehr als 1000 Objekten von ihren Anfängen bis in die Neuzeit präsent. Von den ersten steinzeitlichen Werkzeugen, dem einzigen Neandertalerschädel Westfalens, einem kostbar ausgestatteten Fürstengrab, der ergreifenden Bestattung einer Babyleiche aus der Bronzezeit bis hin zu einer Leiche, an der im 18. Jh. seinerzeit streng verbotene Anatomie-Studien betrieben wurden, ist auch in der ständigen Sammlung des LWL-Museums Spannendes über die Region zu entdecken.

Wie beispielsweise ein Fund aus Haltern, der den Archäologen lange Zeit Rätsel aufgab: In den 1990er Jahren fanden LWL-Archäologen in Haltern am See 24 menschliche Skelette in einem römischen Töpferofen auf dem Gelände des Römerlagers . 20 bis 50 Jahre alt wurden die Männer - bis sie in dem Ofen ihr merkwürdiges Grab fanden. Zweifellos ein Massaker, das hier vor 2000 Jahren stattfand - doch an wem, Römern oder Germanen?

Erst vor drei Jahren haben wissenschaftliche Untersuchungen Licht ins Dunkel gebracht: An der Zusammensetzung der Zähne konnten die Toten als Germanen identifiziert werden. Wahrscheinlich waren die Toten germanische Krieger, die bei einem missglückten Angriff auf das römische Lager gefallen waren. Die Römer entsorgten sie in der Arbeitsgrube des Töpferofens und planierten dann das Lagervorfeld. Die erfolgreiche Abwehr einer germanischen Belagerung, wie sie hier stattgefunden haben muss, passt genau zu einer Beschreibung des römischen Historikers Velleius Paterculus, der solche Auseinandersetzungen um ein Römerlager "Aliso" nach der verlorenen Varusschlacht festgehalten hat. Nicht zuletzt durch diesen Fund konnten Wissenschaftler die Vermutung untermauern, dass es sich bei dem Römerlager in Haltern um das berühmte "Aliso" handelte.

Von 11 bis 18 Uhr werden die archäologischen Regional-Schätze mit Vorträgen - unter anderem auch zu dem neuentdeckten Römerlager Olfen, Handwerksvorführungen, kulinarischen Spezialitäten und Spezialführungen erfahrbar gemacht.

Der Eintritt am "Du bist Westfalen!"-Thementag ist frei.

Weitere Informationen gibt es unter
http://www.lwl-landesmuseum-herne.de.


Hintergrundinfo zur Veranstaltungsreihe "Du bist Westfalen"
An insgesamt vier Themensonntagen stellt das LWL-Museum aktuelle und ältere Funde aus dem Münsterland (18.3.), aus Ostwestfalen-Lippe (20.5.), Südwestfalen (19.8.) und dem östlichen Ruhrgebiet (21.10.) in den Mittelpunkt. Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Vorträgen, Gesprächen mit den Ausgräbern und Restauratoren, Themenführungen und kulinarischen Spezialitäten aus der jeweiligen Region runden den "Du bist Westfalen!"-Tag ab. Vereine, Museen und Institutionen aus der Region informieren über alles, was es zu den Themen "Archäologie" und "Geschichte" vor der eigenen Haustür zu entdecken gibt. Filme, handwerkliche und experimentelle Vorführungen warten außerdem auf alle Archäologie-Interessierten.

Termine "Du bist Westfalen!"
18.3.2012:
Münsterland
20.5.2012: Ostwestfalen-Lippe
19.8.2012: Südwestfalen
21.10.2012: Östliches Ruhrgebiet

Jeweils von 11-18 Uhr, Museumseintritt und Programm ist kostenfrei!

Hintergrundinfos zu weiteren Funden aus dem Münsterland
Fürst von Beckum (Fundort: Beckum)

Am 9. Oktober 1959 entdeckte der Ausgräber Wilhelm Winkelmann in Beckum das Grab eines Mannes mit außergewöhnlich kostbaren Beigaben, der zusammen mit zehn seiner Pferde und eines Hundes zur Ruhe gelegt worden war. Nach seinem Fundort und dem reichen Grabinventar wird der Unbekannte "Fürst von Beckum" genannt. Mit modernen, naturwissenschaftlichen Analysemethoden gelang es nun, seine Herkunft zu entschlüsseln.

Der etwa 50 Jahre alte Mann lag in einer mit Holz verkleideten Kammer unter einem aus Erde aufgeschütteten Hügel - getrennt von den Bestattungen der Dorfbewohner. Zehn seiner Pferde, teils mit kostbar beschlagenen Trensen in byzantinischem Stil gezäumt, und seinen Hund hatten die Hinterbliebenen geopfert und zu seinen Füßen niedergelegt. Zum reichen Grabinventar des Fürsten gehörte eine Waffenausstattung aus Wurflanze (Ango), einem zweischneidigem Schwert (Spatha) mit einem Ring im Knauf, einem einschneidigen Kurzschwert (Sax) sowie einer Axt.

Außerdem hatte man dem Verstorbenen eine Bronzeschale mitgegeben, in der sich ein Kamm aus Knochen erhalten hatte, ein im Boden verrottetes Trinkhorn mit Silberbeschlag, einen gläsernen Sturzbecher sowie eine mit goldenen Schnallen versehene Tasche. In der Tasche aus organischem Material, das im Boden verging, befanden sich eine Pinzette zur Bartpflege und ein Pfriem mit einer Pyritknolle zum Feuerschlagen. Im Kopfbereich lag eine goldene Münze, Solidus, die der byzantinische Kaiser Justinian prägen ließ.

Um wen handelte es sich bei diesem Mann? War es ein sächsischer Edler, wie es der Ausgräber annahm, der Ende des 7. Jahrhunderts Truppen aus dem Norden nach Westfalen führte und hier in der Schlacht fiel? Da die Bestattung anhand der Funde in die Zeit um 600 datiert werden muss, ist dieser konstruierte historische Zusammenhang mit den Sachseneinfällen unwahrscheinlich. Auch die von Winkelmann als typisch sächsisch eingeordneten Pferdegräber sind mittlerweile kein Alleinstellungsmerkmal einer sächsischen Bestattung mehr. Die Bestattung des Fürsten entspricht den Gepflogenheiten der norddeutschen Tiefebene. Die Ausstattung des Grabes verweist jedoch in andere Kulturräume wie ins Rheinland zu den Franken, den Alamannen und Thüringen. Vor allem das Ringknaufschwert und der Sturzbecher deuten auf die Gefolgschaft zu einem fränkischen König hin.
Die Sauerstoff-Strontium-Isotopen-Analyse konnte nun die Herkunft des Mannes klären. Zähne und Knochen bestätigten, dass der Beckumer Fürst ein Einheimischer war. Vermutlich schloss er sich mit seinen Gefolgschaften den fränkischen Heerscharen an und profitierte in der Zeit der merowingerzeitlichen Dynastenkämpfe wirtschaftlich von den politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen.

Näheres zur Identität des Fürsten und seiner Gefolgsleute lässt sich bislang nicht sagen. Die in Westfalen lebenden Menschen werden in den Schriftquellen lediglich als "die Völker, die jenseits des Rheins wohnen" umschrieben. Ob sie sich eher den fränkischen oder den sächsischen Gruppen zugehörig fühlten ist unbekannt. Fest steht, dass in den "dark ages" der westfälischen Geschichte fränkische und sächsische Einflüsse zu verzeichnen sind,

Anatomische Untersuchungen an einer menschlichen Leiche (Fundort: Münster)
Um Bodendenkmäler vor dem Bau eines Einkaufszentrums zu sichten und zu dokumentieren, fanden 1998 Ausgrabungen in der Stubengasse in Münster statt. Die Routinemaßnahmen brachten Überraschendes ans Tageslicht.
Auf einem sechs mal acht Meter großen Areal auf dem Gelände des Hofes Nerdinck entdeckten die Forscher 50 Skelette. Die Verstorbenen lagen in fünf Schichten übereinander nach Ost-West, aber auch nach Nord-Süd ausgerichtet. Der Körper eines 35 bis 55 Jahre alten Mannes, der in Nord-Süd-Ausrichtung in Bauchlage bestattet war, fiel besonders auf. Man hatte seinen Schädel geöffnet und die abgetrennte Schädeldecke in seinem linken Brustbereich platziert.

Der Friedhof wird in keiner Schriftquelle erwähnt. Interessant ist auch die Datierung der Gräber in das zweite Drittel des 18. Jahrhunderts, da nach 1776 nicht mehr in der Stadt bestattet werden durfte. Ein Zusammenhang zum benachbarten Clemenshospital ist wahrscheinlich. Die 1745 errichtete Anstalt nahm bis 1810 ausschließlich Männer auf, die überwiegen arm und alleinstehend waren, vor allem Fremde. In den Aufzeichnungen werden Handwerksgesellen, Händler, Handlanger, Studenten, Vagabunden und Soldaten genannt.

Die Zurichtung des Leichnams spricht für anatomische Studien, die im Clemenshospital betrieben wurden. Doch nach eigener Aussage stellte das Hospital zu diesem Zeitpunkt keine Räume und keine Leichen für solche Zwecke zur Verfügung. So konnte die Archäologie ein bislang unbekanntes Detail der Stadtgeschichte ans Licht bringen, zu dem es keine Überlieferung gibt.

Das Baby im Doppelgrab (Fundort Kreis Warendorf)
Im Kreis Warendorf haben Archäologen ein ungewöhnliches Doppelgrab aus der Zeit zwischen 1800 und 1500 v. Chr. entdeckt. Anders als zu dieser Zeit üblich haben Angehörige mit viel Aufwand ein kleines Kind bestattet. Wegen mangelhafter Ernährung und fehlender Medizin starben in früheren Zeiten viele Kleinkinder. Diese hohe Kindersterblichkeit war Normalität, weshalb man die Leichname meistens schnell im Hausgarten vergrub. So geschah es auch mit diesem Baby aus der Zeit um 1800 bis 1500 v. Chr. Doch hat die Mutter offenbar den Gedanken nicht ertragen können, den kleinen Körper schutzlos mit Erde zuzuwerfen. Deshalb hat sie zwei Gefäße aus ihrem Haushalt zum Kindersarg umfunktioniert.

Mehr Infos: http://www.lwl-landesmuseum-herne.de
LWL-Museum für Archäologie
Europaplatz 1
44623 Herne
Telefon: 02323 94628-0
http://www.lwl-landesmuseum-herne.de

Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag 9 Uhr bis 17 Uhr, Donnerstag 9 Uhr bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag 11 Uhr bis 18 Uhr



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Eva Masthoff, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-8920,
presse@lwl.org



LWL-Einrichtung:
LWL-Museum für Archäologie Herne
Westfälisches Landesmuseum
Europaplatz 1
44623 Herne
Karte und Routenplaner



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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