LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 25.02.10

Foto zur MitteilungHolzstatue Engelberts, die zu Ehren des Bischofs nach seinem Tod im Kloster Gevelsberg stand.
© Märkisches Museum Witten


Foto zur MitteilungFresko aus dem Schloss Burg: Erzbischof Engelbert versucht seinen Mördern zu entkommen.
Foto: LWL/Brentführer


Foto zur MitteilungBüste des Kölner Erzbischofs Engelbert I. von Berg.
© Domschatz Essen


Foto zur MitteilungEin Bild der Äbtissin Adelheid ist nicht überliefert. Das LWL-Museum für Archäologie in Herne gibt ihr auf Postkarten ein Gesicht.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungPopstars einer finsteren Zeit? Die meisten Ritter taugten nicht als Idole!
Foto: LWL


Foto zur MitteilungKopf einer hölzernen Ritterstatue, die vermutlich etwa acht Meter hoch war.
© Historisches Museum Bamberg


Foto zur MitteilungTopfhelm des Adeligen Prankh aus der Wiener Jagd- und Rüstkammer.
© Kunsthistorisches Museum Wien


Foto zur MitteilungBlidenkugel vom Schloss Strünkede.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungSchloss Strünkede.
Foto: LWL/Leenen


Foto zur MitteilungBarbarossa-Kopf.
© Katholisches Pfarramt St. Johannes Evangelist zu Selm-Cappenberg.


Foto zur MitteilungGrabplatte mit Barbarossa-Kopf.
© Katholisches Pfarramt St. Johannes Evangelist zu Selm-Cappenberg.


Foto zur MitteilungIsenburg in Hattingen.
Foto: LWL-Museum für Archäologie/B. Song


Foto zur MitteilungIsenburg in Essen.
Foto: LWL-Museum für Archäologie/B. Song


Foto zur Mitteilung"Alte Kuhaut". Stadtarchiv Soest.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungBlick voraus: Das LWL-Museum bekommt eine Burg in der Nachbarschaft.
Darstellung: LWL


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Presse-Infos | Kultur

AufRuhr 1225!

Exponate und Themen der Ausstellung im LWL-Museum für Archäologie

Bewertung:

Herne (lwl). Er war neben dem Kaiser der mächtigste Mann im Reich - bis eine Verschwörung gegen ihn zu seinem Verhängnis wurde. Am 7. November 1225 starb Erzbischof Engelbert von Köln, getötet in einem Hohlweg bei Gevelsberg (Ennepe-Ruhr-Kreis). Die Folgen dieses Ereignisses vor 784 Jahren sind im Ruhrgebiet bis in die Gegenwart sichtbar. Für das LWL-Museum für Archäologie in Herne wird es deshalb zum Roten Faden der neuen Ausstellung "Aufruhr 1225!". Die Schau des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) thematisiert vom 27. Februar 2010 an Ritter, Burgen und Intrigen.

Tödlicher Überfall
Es dämmerte bereits am 7. November, als Engelbert auf seinem Weg nach Köln einen Hohlweg bei Gevelsberg passierte. Nur wenige Kilometer von seinem Nachtlager entfernt geriet er in einen Hinterhalt. Im Angesicht einer ganzen Schar von Angreifern flüchteten die Gefolgsleute des Erzbischofs. Engelbert setzte sich zwar energisch zur Wehr, war aber chancenlos und wurde erschlagen. "Es lässt sich nicht ganz genau sagen, ob er ermordet worden ist, oder eigentlich gefangen genommen werden sollte", sagt Dr. Stefan Leenen, Projektleiter der Ausstellung.

Zunächst sieht das Geschehen aus wie ein brutaler Mord. "Die zeitgenössischen Schilderungen des Zisterziensermönches Caesarius von Heisterbach, der die Lebensgeschichte Engelberts niederschrieb, lassen auf eine äußerst blutrünstige Tat schließen", so Leenen. Über 40 schwere Hieb- und Stichwunden soll der Bischof erlitten haben. Eine Untersuchung der Gebeine durch den Kölner Gerichtsmediziner Prof. Dr. Günter Dotzauer bestätigte im Jahr 1978 die Überlieferungen von Caesarius, der sich auf Augenzeugen stützte.

"Der Tod Engelberts war dennoch vor der Tat nicht geplant", vermutet Leenen. "Wahrscheinlich wollten ihn seine Verfolger gefangen nehmen, um politische Zugeständnisse zu erpressen." Hätten sie den Bischof ermorden wollen, wäre ein einzelner Attentäter mit einer Armbrust ausreichend gewesen. "Als der Überfall schief lief, schlugen vermutlich alle zu, um sich anschließend nicht aus der Schuld stehlen zu können. Deshalb das Gemetzel."

Als Mörder wurde Graf Friedrich von Isenberg beschuldigt, bald zum Tode verurteilt und ein Jahr nach der Tat auf grausame Weise hingerichtet. Auch andere Adelige sollen an dem Komplott beteiligt gewesen sein. Der Graf verwaltete die weltlichen Besitztümer des reichen Essener Damenstiftes, die ihm und auch schon seinen Vorfahren große Einnahmen beschert hatten. Das Stift und Engelbert wollten jedoch seine Rechte beschneiden. Der Erzbischof, damals mächtigster Mann nördlich der Alpen, wollte seine Machtposition weiter ausbauen. Die Ländereien des Damenstiftes hätten seine beiden Einflussbereiche im Rheinland und in Westfalen miteinander verbinden können. Weder Engelbert noch seinen Nachfolgern ist das gelungen.

"Köln wurde daher nicht zur Zentralmacht in der Region, das Gebiet um die Ruhr blieb territorial zersplittert und ein Flächenstaat im Nordwesten des Reiches konnte nicht entstehen", nennt der Archäologe und Historiker eine Entwicklung, die der vermeintliche Mord entscheidend beeinflusst hat. "Die Teilung des Landes in das Rheinland und Westfalen ist zu einem gewissen Grad auch ein Erbe dieses Geschehens."

Die Familie des Grafen erlitt nach der Verurteilung Friedrichs den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Niedergang. Ihre Burgen wurden zerstört, der Besitz entzogen und neu verteilt. Seine Brüder, die Bischöfe von Münster und Osnabrück, wurden abgesetzt.

Engelbert, ein Heiliger?
Der Kölner Erzbischof Engelbert I. (1185 - 1225) von Berg machte vor seinem Tod eine steile Karriere in der katholischen Kirche. Kirchengemeinden in Bochum, Essen oder Köln tragen noch heute seinen Namen und zeugen damit von seiner Heiligkeit. Doch war Engelbert wirklich ein Heiliger?

Engelbert von Berg entstammte einer der einflussreichsten Familien im heutigen Nordrhein-Westfalens, die bereits mehrere Erzbischöfe gestellt hatte. Weil er einen älteren Bruder hatte, der das Erbe seines Vaters antreten sollte, war Engelbert für ein geistliches Amt bestimmt. 1216 wurde er zum Erzbischof von Köln gewählt. In den frühen 1220er Jahren war er nach dem Kaiser der einflussreichste Mann im Reich. Der zu dieser Zeit in Italien weilende Herrscher vertraute Engelbert seinen Sohn Heinrich zur Erziehung an. Eine Büste, die das Stift Essen um 1500 anfertigen ließ, zeigt den Erzbischof: Die mit Gold und Silber belegte Holzarbeit ist ebenso in der Ausstellung in Herne zu sehen wie eine fast 800 Jahre alte Holzstatue aus dem Kloster Gevelsberg.

"Wenn man die Lebensgeschichte des Erzbischofs betrachtet, dann fällt auf, dass Engelbert aus heutiger Sicht eher wie ein weltlicher Fürst als ein geistlicher Oberhirte handelte", sagt Dr. Stefan Leenen. Engelbert war sowohl Kölner Erzbischof als auch Herzog von Westfalen. Konsequent und zielstrebig habe er ständig daran gearbeitet, seinen Machtbereich auszubauen. Leenen: "Vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse ist das Verhalten Engelberts allerdings durchaus standesgemäß gewesen." Dabei habe er auf den Adel und zum Teil selbst auf die eigene Familie wenig Rücksicht genommen. So riss er etwa die Grafschaft Berg nach dem Tod seines Bruders an sich, obwohl dessen Tochter und ihr Ehemann erbberechtigt waren.

Die weltliche Machtpolitik zu Lebzeiten Engelberts konnte jedoch kaum eine Grundlage dafür sein, als Heiliger verehrt zu werden. "Es waren die Umstände seines Todes, die seine Heiligkeit rechtfertigen sollten", erklärt der Mittelalterexperte. Der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach schrieb im Auftrag von Engelberts Nachfolger die Lebensgeschichte des Ermordeten auf, um damit auf seine Heiligsprechung hinzuwirken. Er betrachtete das gewaltsame Ende als Martyrium. Der Bischof habe, so der Mönch, die Rechte des Stiftes Essen verteidigt und sei letztendlich dafür in den Tod gegangen.

"Damit wog Caesarius die Sünden Engelberts und sein auf die weltlichen Geschäfte fixiertes Handeln auf", sagt Leenen. Wahrscheinlich habe der Erzbischof aber selbst die großen Besitztümer des Stifts kontrollieren wollen, um seine Einflussgebiete im Rheinland und in Westfalen miteinander zu verbinden.

In den Jahren nach dem Mord gab es viele Pilger, die an den Tatort bei Gevelsberg oder nach Köln reisten, um den Verstorbenen zu verehren. In Gevelsberg wurde dem Bischof zu Ehren ein Zisterzienserkloster gegründet, in Köln wurden Engelberts Gebeine im Dom bestattet. Leenen: "Der Wahlfahrtsboom ebbte aber nach kurzer Zeit wieder ab." Die Bemühungen des nachfolgenden Erzbischofs führten nicht zur Heiligsprechung Engelberts, woran sich bis in die Gegenwart nichts geändert hat. "Doch im 17. Jahrhundert sollte er als Heiliger noch einmal in den Vordergrund gerückt werden." Der damalige Kölner Erzbischof versuchte (vergebens), Engelbert im 30-Jährigen Krieg zum Schutzpatron der katholischen Heere durchzusetzen. In den Bistümern Essen, Köln und Paderborn ist Engelbert bis heute ein Regionalheiliger.

Eine Nonne als Fälscherin
Adelheid, Äbtissin des Stifts Essen im 13. Jahrhundert, ist für Forscher bis heute eine Unbekannte. Fest steht aber: Sie war die lachende Dritte in dem Rechtsstreit, der das Leben des Kölner Erzbischofs forderte. Dessen Tod führte zur Hinrichtung von Adelheids ärgstem Widersacher, Graf Friedrich von Isenberg. Die Ausstellung "Aufruhr 1225!" hinterfragt, welche Rolle die Äbtissin in dem Streit spielte, der die weitere Geschichte Nordrhein-Westfalens prägte.

"Wir wissen praktisch nichts über Adelheid", so Dr. Stefan Leenen. Nur das Todesjahr ihrer Vorgängerin und die ersten Erwähnungen ihrer Nachfolgerin ließen darauf schließen, dass sie etwa zwischen 1216 und 1237 dem Reichsstift Essen vorgestanden haben müsse. Das Stift unterstand direkt König und Papst und verfügte über großen Besitz. Als Adelheid die Kontrolle über den eigenen Hoheitsbesitz bedroht sah, setzte sie sich zur Wehr. Dabei schreckte die fromme Frau auch vor Fälschung nicht zurück.

Graf Friedrich von Isenberg verwaltete wie andere Familienmitglieder vor ihm die weltlichen Besitztümer des Essener Frauenstifts. Die Position des sogenannten Vogtes stand nach Auffassung des Grafen ausnahmslos seiner Familie zu. "Sie hätte demnach vererbt werden können", erklärt Leenen. Adelheid widersprach diesem Anspruch Friedrichs. Ihrer Meinung nach hatte das Stift das Recht, den Vogt frei zu wählen. Nach den Angaben des Mönches Caesarius von Heisterbach soll sie mehrfach Hilfe beim Papst und beim Kaiser gesucht haben. Leenen: "Demnach müssen beide das Thema irgendwann leid gewesen sein, weshalb sie wohl den Erzbischof Engelbert gebeten haben, das Problem zu lösen."

Während Friedrich seine Ansprüche aufschreiben ließ, um diese zu bekräftigen, verwies Adelheid auf alte Urkunden des Stifts. "Die Äbtissin beließ es aber nicht dabei, sich auf die Dokumente zu berufen", so der Archäologe und Historiker. Zum Teil habe sie die Schriften verfälscht, indem sie Passagen ergänzte. Unter den zumeist geistlichen Schriftgelehrten sei das eine übliche Praxis gewesen, die der eher ungebildete Adel nicht habe durchschauen können.

Inzwischen haben Forscher die Veränderungen identifiziert. Äbtissin Adelheid betonte mit ihren Ergänzungen das Wahlrecht ihres Stifts. Außerdem beschränkte sie die Rechte des Vogtes in der Stadt Essen.

Erzbischof Engelbert, der die Vogtei in Kirchenhand zurückbringen wollte, verhandelte Anfang November 1225 mit Friedrich in Soest. Auf der Heimreise wurde er ermordet und der Graf später als Beschuldigter hingerichtet. "Somit wurde Adelheid plötzlich zur lachenden Dritten, die ihre Position durchsetzen konnte", sagt Leenen. Die nachfolgenden Vögte waren in ihrer Stellung geschwächt. Auch vom Tod des Erzbischofs profitierten die Ordensfrauen. Denn Engelbert habe vorgehabt, das Stift zu kontrollieren. Da seine Nachfolger dieses Ziel ebenfalls langfristig verfehlten, blieb das Stift noch bis ins 19. Jahrhundert weitgehend unabhängig.

Die Popstars des Mittelalters?
Sie waren tapfere Krieger, zuvorkommende Gentlemen und Beschützer der Witwen und Waisen: So gesehen waren Ritter die Lichtgestalten einer finsteren Zeit - dem "dunklen Mittelalter". "Aus heutiger Sicht kann man sie als Popstars bezeichnen", sagt Dr. Stefan Leenen. Das LWL-Museum für Archäologie zeigt, wer die Ritter waren und wie sich selbst sahen.

"Der Ritter war für viele Menschen ein Vorbild", erklärt Leenen. "Doch es war lediglich ein Ideal, dem sie nacheiferten. Die echten Ritter hingegen taugten meist nicht als Idole." In Wirklichkeit führten sie häufig untereinander Kleinkriege, unter denen vor allem die untergebenen Bauern litten. Versuche, die sogenannten Fehden zu unterbinden, scheiterten. Mit ihren Streitigkeiten verärgerten die Ritter auch die Kirche, die ihren Tatendrang im Kampf gegen die vermeintlich Ungläubigen (und nicht gegen andere Christen) forderte. "Das Bild des tugendhaften Ritters gilt daher nur eingeschränkt."

Entstanden ist das Rittertum auf dem Schlachtfeld." Bereits im frühen Mittelalter gab es Reiterkrieger, die für ihren Herrn in den Krieg zogen. Hoch zu Pferd und durch eine Rüstung geschützt dominierten sie über Jahrhunderte das Kriegsgeschehen. Weit später erst entwickelte sich ein gesellschaftlicher Stand unterhalb des Hochadels. Ab dem 13. Jahrhundert mussten sich die Ritter ihre Sporen nicht mehr selbst verdienen. Die geborenen Ritter definierten sich von nun an durch ihren Stand, und der wurde vererbt."

Maßgebend waren die ritterlichen Tugenden, die stark von der Kirche geprägt wurden. Ein Ritter sollte täglich eine Messe hören, die Kirche achten und das Christentum verteidigen. Zudem sollte er seinem Landesherrn treu ergeben sein. Ruhm und Ehre konnte er sich auch abseits des Krieges in Turnieren verdienen. In ihnen bewies der Ritter seine Tapferkeit gegenüber seiner Herzensdame.

Die Ausbildung zum Ritter begann bereits im frühen Kindesalter. Nach der zunächst rein christlichen Erziehung wurde ein Junge ab sieben Jahren am Hof eines Adeligen ausgebildet. Dort erlernte er die vornehmen Sitten und Gebräuche, Musik, Tanz, Geschichte und besonders die Kampfkunst, bis er vom Knappen zum Ritter ernannt wurde. Bei einer feierlichen Zeremonie erhielt der Knappe ein geweihtes Schwert und versprach die ritterlichen Tugenden zu pflegen. "Auch die Söhne des Kaisers Friedrich Barbarossa wurden auf diese Weise zum Ritter, was verdeutlicht, wie sehr das ritterliche Ideal bis in die höchsten Gesellschaftskreise geschätzt wurde", erklärt Leenen.

Am allmählichen Niedergang des Ritterstandes änderte dies wenig. Neue Kriegstechniken erschwerten den gepanzerten Reitern das Bestehen auf dem Schlachtfeld. Die Verwaltung der Ländereien und die Rechtssprechung im Reich übernahm immer mehr eine gebildete Beamtenschaft. "Viele Ritter konnten ihren hohen Lebensstandard nicht länger aufrechterhalten und verarmten", sagt Leenen.

Im Umkehrschluss blühten die Städte wirtschaftlich auf und zogen die Menschen in Scharen an. In ihnen entstand eine neue Oberschicht, und diese Bürger verteidigten sich selbst. Leenen: "Im städtischen System hatten die Ritter nichts verloren." Oftmals suchten die Ritter den Konflikt mit den Städten, wagten meist aber nicht die direkte Auseinandersetzung. Stattdessen überfielen Raubritter städtische Kaufleute auf ihren Wegen außerhalb der Stadtmauern. Dennoch lebten die ritterlichen Tugenden fort, weil sich auch die Stadtmenschen an einer ritterlichen Lebensweise orientierten.

Seltener Helm mit Büffelhörnern
Man nannte ihn den schwarzen Prinzen. Der Sohn des englischen Königs erhielt seinen Beinamen wegen seiner schwarzen Rüstung, die in der Kathedrale von Canterbury am Grabmal des Prinzen zu besichtigen ist - ebenso wie sein Helm. Weltweit gibt es nur einen vergleichbaren Helm, den das LWL-Museum für Archäologie in Herne in der neuen Ausstellung zeigt.

Der Helm - ein sogenannter Topfhelm - ist eine Leihgabe aus der Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Er wurde um das Jahr 1350 gefertigt und gehörte vermutlich dem österreichischen Adeligen Albert von Prankh. Neben dem Helm aus Canterbury ist er der einzige bekannte Topfhelm, der samt Helmschmuck erhalten ist. Ein lederner Aufsatz in Gestalt von Büffelhörnern ziert den aus Metall gefertigten Kopfschutz. Der starre Gesichtsschutz deckt fast das gesamte Gesichtsfeld ab und sorgt für das topfähnliche Aussehen des Helms. "Der Träger konnte nur sehr eingeschränkt durch schmale Schlitze sehen und bekam auch nur schwer Luft", sagt Dr. Stefan Leenen.

Auch wenn der Wiener Helm vermutlich für Turniere genutzt worden sei, verdeutliche er doch anschaulich eine verhängnisvolle Entwicklung für die damaligen Ritter, so der Mittelalterexperte. Denn neue Waffentechniken zwangen die Reiterkrieger, den eigenen Körper auf dem Schlachtfeld stärker zu schützen. Anfangs mit vergleichsweise leichten Kettenhemden und Beinschützern ausgestattet, steckten die Ritter später von Kopf bis Fuß in Eisen. Das hat zum einen das Sehfeld, zum anderen aber auch die Bewegungsmöglichkeiten stark begrenzt.

Der erhoffte Erfolg des zusätzlichen Schutzes blieb dagegen aus. Die Ritter verloren - bedroht von Bogen, Armbrust oder Langwaffen - ihre militärische Bedeutung. Dabei hatten sie jahrhundertelang das Kriegsgeschehen dominiert. Ihre Ausrüstung kostete ebenso wie die Ausbildung ihrer Kriegsrösser ein Vermögen. Die großwüchsigen Pferde der Profisoldaten wurden speziell dazu ausgebildet, im Schlachtgeschehen die Nerven zu behalten. Doch mit langen Stangenwaffen warfen gegnerische Fußtruppen die gepanzerten Reiter immer öfter aus dem Sattel. Bogenschützen bedrohten ihr Leben bereits aus großer Distanz. "Besonders die englischen Langbogenschützen waren gefürchtet", sagt Leenen. "Mit ihrer Hilfe zwang auch der Schwarze Prinz seine Feinde in die Knie."

Eine der letzten großen Ritterschlachten des Mittelalters ereignete sich im Juni 1288 bei Worringen. In der Auseinandersetzung vor den Toren Kölns standen sich etwa 10.000 Kämpfer gegenüber, jeder Zweite von ihnen war ein Ritter. Der grausame Kampf entschied einen sechs Jahre währenden Erbfolgestreit um die Grafschaft Limburg. Rund 2000 Beteiligte verloren ihr Leben. Viele von Ihnen waren Bauern. Die meisten Ritter kamen glimpflich davon - nicht aber aufgrund ihrer Schutzhelme, sondern weil sie als Gefangene dem Gegner ein stattliches Lösegeld einbrachten.

160-Kilo-Brocken
Das Exponat mit der größten Durchschlagskraft in der Ausstellung ist ein rund 163 Kilogramm schweres Wurfgeschoss. Die mächtige Kugel mit einem Durchmesser von einem halben Meter ist eine Leihgabe aus dem Schloss Strünkede in Herne.

"Vermutlich waren die Mauern der Burg Strünkede Ziel des Geschosses", sagt Dr. Stefan Leenen. Der Vorgängerbau des späteren Wasserschlosses sei mehrfach belagert worden. Ähnliche Kugelfunde legen den Beschuss weiterer Burganlagen in der Region nahe, darunter die Hörder Burg in Dortmund, die Raffenburg in Hagen oder die Isenburg in Essen. Oft sei nicht eindeutig zu klären, ob die Kugeln von Angreifern abgefeuert wurden oder sie zum Munitionsbestand der Burg gehörten. Im Fall der Raffenburg gebe es aber einen schriftlichen Beleg. Bei einer Belagerung im Jahr 1288 sahen sich die Burgbewohner dem schweren Beschuss ausgesetzt.

Geschosse wie das von Schloss Strünkede wurden mit einer sogenannten Blide geworfen. Diese präzise Belagerungsmaschine, eine Art Wurfschleuder, war aus Holz gefertigt. Sie wurde meist in Einzelteilen auf Wagen zum Ort der Belagerung transportiert und dort zusammengebaut. "Eine Blide war eine effektive Maschine, die auch aus großer Reichweite enorm durchschlagskräftig war", so der Archäologe. Häufig sei aus einer Entfernung von 300 bis 400 Metern geschossen worden, wobei die Kugeln meist nicht schwerer als 100 Kilogramm waren. Leenen: "Da ein Gegengewicht den langen Hebel der Maschine sehr schnell beschleunigte, beförderte die Blide deutlich größere Gewichte als Katapulte, die nur über Seile gespannt wurden." Unter den Wurfgeschossen seien nicht immer nur schwere Steine gewesen, sondern auch Fäkalien oder Tierkadaver. Damit haben die Belagerer den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen unter den eingeschlossenen Burgbewohnern fördern wollen.

Abbild Barbarossas
Zu den hochkarätigen Exponaten der Schau des LWL zählt der sogenannte Cappenberger Kopf. Das rund 30 Zentimeter hohe Abbild Friedrich Barbarossas ist das älteste plastische Bildnis eines deutschen Kaisers mit individuellem Charakter. Für die vergoldete Bronzeplastik haben die Ausstellungsmacher einen besonderen Platz geschaffen: Eine originalgetreue Kopie der Grabplatte des Klostergründers Gottfried von Cappenberg. "Auf der Platte hat Barbarossa womöglich schon vor 700 Jahren gestanden", sagt Mittelalterforscher Dr. Stefan Leenen.

Graf Gottfried (um 1096 bis 1127) und die Mitglieder seiner Familie gehörten zu den einflussreichsten Adeligen im Reich. Gottfried und sein Bruder Otto standen im Jahr 1121 im Heer des Herzogs von Sachsen, das für den Dombrand in Münster verantwortlich war. Später bereuten die Geschwister ihre Tat und ließen ihr weltliches Leben hinter sich. Sie gaben ihr Vermögen der Kirche und wandelten ihre Stammburg in ein Kloster um - das Kloster Cappenberg bei Selm (Kreis Unna).

Dort wurde der Barbarossa-Kopf über Jahrhunderte als Behältnis für eine Reliquie des Evangelisten Johannes genutzt. Otto von Cappenberg, von 1156 an Probst des Klosters, vermachte das als Gefäß verwendete Herrscherbildnis seinen Ordensbrüdern. Standort des Kopfes war fortan vermutlich ein kreuzförmiger Sockel auf der Grabplatte seines Bruders. "Form und Größe des Sockels in der rechten Hand des Klostergründers lassen darauf schließen", erklärt Leenen.

Der Barbarossa-Kopf war ein Geschenk des Kaisers an seinen Taufpaten Otto von Cappenberg. "Es handelt sich dabei um eine idealisierte Darstellung von Friedrich Barbarossa, die mit der Wirklichkeit wohl recht wenig übereinstimmt", so der Archäologe. Ein Stirnreif spiele auf die Herrscher im antiken Rom an, in deren Tradition sich der Kaiser sah. Friedrich (1155 bis 1190) selbst konzentrierte seine Politik auch stark auf Italien. Dort nannte man ihn wegen der Farbe seines Bartes "Barbarossa" ("Rotbart").

Das Kloster Cappenberg wurde im Jahr 1803 aufgelöst. Die Grabplatte Gottfrieds in der noch bestehenden Stiftskirche ist heute nur eingeschränkt zugänglich. Daher soll die erstellte Kopie nach der Ausstellung an die Gemeinde gehen, damit sie dort zusammen mit dem Barbarossa-Kopf dauerhaft präsentiert werden kann.

Durch die Klosterstiftung Gottfrieds von Cappenberg wurde das territoriale Gefüge der Region im 12. Jahrhundert entscheidend verändert, denn die mögliche weltliche Vormachtstellung der Grafen zu Cappenberg wurde damit hinfällig.

Das Kloster Cappenberg wurde nach der Auflösung wieder zu einem Adelssitz. Es zählt heute zum Besitz der Grafen von Kanitz und beherbergt unter anderem eine Kunstgalerie und eine Außenstelle des LWL-Museums für Kunst und Kulturgeschichte. Die ehemalige Stiftskirche ist heute die Pfarrkirche St. Johannes Evangelist und steht unter der Leitung eines Prämonstratenser-Paters.

"Alte Kuhhaut"
Das Stadtarchiv Soest leiht dem LWL-Museum für Archäologie zwei seiner kostbarsten Archivalien: die älteste Niederschrift des Stadtrechts in Soest, die "Alten Kuhhaut", und das sogenannte "Nequambuch", eine mittelalterliche Übersicht über Verbrechen und dafür drohende Strafen.

Die "Alte Kuhhaut" entstand um das Jahr 1225 und verdankt ihren Namen dem Material, auf dem sie geschrieben ist. "Auslöser für die Niederschrift war vermutlich der Tod des Kölner Erzbischofs Engelbert am 7. November 1225", sagt Dr. Stefan Leenen. Soest sei damals wichtigste westfälische Stadt im Kölner Machtbereich gewesen. "Nach dem gewaltsamen Tod des Bischofs probten die Stadtbewohner den Aufstand und gaben sich das neue Recht", so der Mittelalterforscher.

In 66 Zeilen führt die "Alte Kuhhaut" für die Soester Stadtbewohner Rechtsbestimmungen auf. Die repräsentative Urkunde enthält beispielsweise eine Gerichtsordnung, das Straf-, das Zivil- und das Marktrecht. Leenen: "Nachdem sich der neue Erzbischof mit der Stadt gütlich geeinigt hatte, scheint das Recht auch anerkannt gewesen zu sein." Die ersten 52 Artikel aus 1225/26 wurden später um elf weitere ergänzt. Etwa 1280 wurde die "Alte Kuhhaut" durch eine Neufassung ersetzt.

Das "Nequambuch" ist eine etwas jüngere Rechtsquelle Soests. Es bezeichnet ein Acht- und Schwurbuch, das zahllose Schreiber zwischen 1315 und 1421 mit 376 Einträgen füllten. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Nennungen von Gesetzesverbrechern. "Von ähnlichen Amtsbüchern dieser Art in anderen Städten setzt sich das Nequambuch vor allem durch seine Miniaturen ab, die von hoher künstlerischer Qualität sind", erklärt Leenen. Die 13 Miniaturen illustrieren Eintragungen zu Themen wie "strafweise Einäscherung des Hauses", "Ausweisung aus der Stadt", "Gefangensetzung" oder "Schandstrafe des Wippens

Ausstellung
1225 kommt der Kölner Erzbischof Engelbert, einer der mächtigsten Männer des Reiches, während eines Überfalls bei Gevelsberg im heutigen Ruhrgebiet gewaltsam ums Leben. Wie dieser Mord die ganze Ruhrregion veränderte - das ist Ausgangspunkt und Leitmotiv der größten Mittelalterausstellung, die bisher im Ruhrgebiet gezeigt wurde: "Aufruhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen" läuft vom 27. Februar bis 28. November 2010 im LWL-Museum für Archäologie in Herne.

Events, Workshops, Führungen und Mittelaltermärkte sowie ein Außenprogramm in elf Burgen und Schlössern der Region begleiten die Ausstellung.

27. Februar bis 28. November 2010
"AufRuhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen"

LWL-Museum für Archäologie
Europlatz 1, 44623 Herne
Di, Mi, Fr 9-17 Uhr, Do 9-19 Uhr
Sa, So und feiertags 11-18 Uhr
Eintritt: Zwischen 2 und 6 Euro, Familienkarte 12 Euro, Gruppenrabatte

http://www.aufruhr1225.lwl.org



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer und Martin Holzhause, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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