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Mitteilung vom 25.03.09

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Sehnsuchtsort, sagenhafter Märchenschauplatz und "braune" Vergangenheit

LWL-Wanderausstellung "Mythos Wald"

Bewertung:

Werl (lwl). Das Lexikon betrachtet den Wald als "ein in Schichten aufgebautes Ökosystem, das dauerhaft mit Gehölzen wie Bäumen bewachsen ist". Förster sehen den Wald ganz nüchtern als Arbeitsplatz, die Holzindustrie als Rohstoff liefernde Existenzgrundlage und Umweltschützer als ein mehr oder weniger gefährdetes Ökosystem. Für andere ist der Wald beliebtes Ausflugsziel oder als Sinnbild für Ruhe und Einsamkeit gar ein Sehnsuchtsort. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand hierzulande um den Wald ein idealisierender "Mythos", der nicht zuletzt von Märchen geprägt wurde. Diesen "Mythos Wald" greift die neuste Wanderausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) auf. In acht westfälischen Museen zeigt die Ausstellung 80 Exponate rund um den "Mythos Wald".

"Zur 2000. Wiederkehr der 'Schlacht im Teutoburger Wald' haben wir uns mit dem Mythos Wald beschäftigt. Dabei geht es uns überhaupt nicht um die historischen Ereignisse um Varus und Arminius sondern nur darum, wie rund um das Naturphänomen Wald mit Texten und Bildern der Mythos Wald entstanden ist", so Ausstellungsmacherin Ann-Katrin Thomm vom LWL-Museumsamt.

In vielen Kulturen steht der Wald für eine eigene Lebenswelt. "In Deutschland sind die kulturellen und symbolischen Bezüge aber besonders ausgeprägt. So hat sich hier der Wald in der Kunst und Literatur - vor allem im Märchen - zu einem Mythos entwickelt. Weil ein Mythos die Vergangenheit idealisiert, entdeckten national Denkende das gemeinschafts- und identitätsstiftende Potential. Dieses Schicksal schuf schließlich den Mythos des 'deutschen Waldes'", erklärt Thomm.

Hintergrund:
Erst als es in Mitteleuropa schon längst keine Urwälder mehr gab, schufen Maler und Dichter das Waldesdunkel und den von Wölfen und Zwergen bevölkerten Märchenwald. Mal inszenierten sie den Wald als beseelte Naturwelt mit eigenen Gesetzen, mal als Ort der Abgeschiedenheit vom hektischen Alltag, in dem sich der Mensch aufgehoben fühlte, gleichzeitig aber auch vielen Gefahren ausgesetzt war.

Thomm:
"Das war eine Reaktion auf die Entfremdung von Mensch und Natur, die durch die beginnende Industrialisierung und Modernisierung der Gesellschaft im frühen 19. Jahrhundert immer offensichtlicher wurde. Nur kurze Zeit später begann die politische und nationale Instrumentalisierung des 'deutschen Waldes'. Er wurde das Gegenbild zu Fortschritt, anonymer Großstadt und einer maroden Kultur. Bis die Nationalsozialisten ihn zum Vorbild für die deutsche 'Volksgemeinschaft' machten: Wie in der 'Waldgemeinschaft' sollte nur der Stärkste überleben und alles 'Fremde' aus der 'Volksgemeinschaft' verbannt werden". Wegen seiner "braunen" Vergangenheit war der Wald nach 1945 als nationales Identifikationsobjekt fragwürdig geworden. Dennoch hatte der Mythos Wald in den Heimatfilmen der 1950er Jahre ein idyllisches Nachleben. In den Fokus geriet der Wald dann wieder in den Umweltdebatten der 1980er Jahre unter dem Schlagwort "Waldsterben".

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Bereiche, die für die wechselhafte Kulturgeschichte stehen und ausgewählte künstlerische und triviale Vermittlungsformen des "Mythos Wald zeigen: Dabei steht die "Waldeinsamkeit", für die Entdeckung des Waldes in der Kunst und Literatur im frühen 19. Jahrhundert. "Hier ist der Wald nicht mehr nur eine Ansammlung von Bäumen, sondern ein in sich geschlossener Raum, tief und unergründlich, aber auch idyllisch und friedlich", so Thomm. Der "Mythos Wald" taucht auch in der Musik auf. So brachte Carl Maria von Weber in der Oper "Der Freischütz" in den frühen 1820er Jahren den Wald auf die Bühne. Eine Hörstation mit einer kleinen Bühneninstallation vermittelt in der Ausstellung einen Eindruck davon.

Der "Märchenwald" ist der sagenhaft-magische Schauplatz vieler Erzählungen und popularisierte den Wald als mythische Welt. Vor allem die Grimmschen Märchen lösten eine Bilderflut mit märchenhaften Waldszenen aus: "Rotkäppchen" im Wald erstrahlte auf Porzellantellern, und "Hänsel und Gretel" brachten als Papiertheater den Wald in die bürgerlichen Wohnstuben.

Der "Gemütswald" machte den "Mythos Wald" zu einer gelebten Fiktion: Gestresste Stadtbewohner gingen in den Wald, um in der vermeintlich urwüchsigen Idylle Geist und Körper zu erholen.

Ein weiterer Ausstellungsschwerpunkt stellt den "Deutschen Wald" in den Mittelpunkt: Im "Deutschen Urwald" besiegten die Germanen die Römer, Fritz Lang bannte in seiner Verfilmung der Nibelungensage der frühen 1920er Jahre den "deutschen Wald" (1936) auf Zelluloid. Anhand eines Filmausschnittes des NS-Propagandafilmes "Ewiger Wald" macht die Ausstellung deutlich, wie die Nationalsozialisten den "Deutschen Wald" und das "Deutsche Volk" als "Schicksalgemeinschaft" inszenierten.

"Waldidylle - schon gestorben?" fragt die Ausstellung wegen der "braunen" Vergangenheit des Waldes. Die Antwort geben die Heimatfilme der 1950er Jahre. In den 1980er Jahren prägte der Begriff "Waldsterben" die Umweltdebatten.

"Wir wollen die Besucher mit unserer Wanderausstellung anregen, über den 'Wald in unseren Köpfen' nachzudenken. Denn unsere Wälder sind sicherlich vieles, doch eines schon lange nicht mehr: natürliche, von Menschenhand unberührte Refugien", so Thomm. Zu den 80 Exponaten der Ausstellung gehören das Holzbuch aus der Bad Berleburger Xylothek (um 1800/10), Druckgrafiken von Carl Lieber zur Oper "Der Freischütz", Schulwandbilder, Aushangfotos zum Film "Die Nibelungen" (1922/24) und das Modell "Ein Wald auf Reisen", das Timm Ulrichs 1997 geschaffen hat, sowie signierte Plakate von Klaus Staeck.

Zur Ausstellung "Mythos Wald" ist ein gleichnamiges Begleitbuch erschienen, das auf 144 Seiten ca. 140 Abbildungen enthält. Es ist für 13 Euro an der Museumskasse oder direkt beim LWL-Museumsamt (wma.info@lwl.org) erhältlich.

Mythos Wald
Eine Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen
Museum Forum der Völker - Völkerkundemuseum der Franziskaner
Melsterstr. 15 in 59457 Werl
26. März bis 10. Mai 2009
geöffnet: dienstags - freitags 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
samstags und sonntags 14 bis 17 Uhr

Weitere Ausstellungsstationen:
Museum Wendener Hütte in Olpe
17. Mai bis 5. Juli

Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum,
Bad Oeynhausen
12. Juli bis 6. September

Hellweg-Museum Unna
13. September bis 8. November

Westfälisches Schieferbergbau- und Heimatmuseum
Holthausen in Schmallenberg
15. November bis 10. Januar 2010

Hamaland-Museum in Vreden
17. Januar bis 14. März 2010

Städtisches Heimatmuseum Lippstadt
21. März bis 9. Mai 2010

Naturkundemuseum Bielefeld
16. Mai bis 11. Juli 2010



Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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