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Mitteilung vom 17.11.08

Presse-Infos | Soziales

LWL-Themenvorschlag: Kinder-Krankheit ADHS: Früh erkannt - das Schlimmste gebannt

Test und Therapie: LWL-Fachleute helfen noch vor der Einschulung

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Meschede/Marsberg/Münster (lwl). Daniel schaut aus dem Fenster, spielt mit einer gelben Stoppuhr, verkriecht sich unter dem Tisch. Schnell kommt er wieder hoch, klettert zurück auf seinen Stuhl, um direkt wieder hinabzurutschen. Der Sechsjährige lächelt, dann wirft er sich nach hinten, in die Arme seiner Mutter. Er sucht Körperkontakt, immer wieder, streichelt seine Mama, sie fährt ihm durch die braunen Haare. Antworten aber will er Sozialpädagogin Mechthild Tebbe nicht, die ihn gerade in einem einstündigen Gespräch untersucht. Sie fragt nach seinen Freunden im Kindergarten, und danach, ob er oft Streit habe. "So richtig hat er keinen Kontakt", erklärt seine Mutter Sabine und zuckt hilflos mit den Schultern, "er spielt eben lieber allein."

Alle Symptome deuten bei Daniel, der auch schon beim Kinderarzt und bei einer Ergotherapeutin war, darauf hin, dass er an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/
Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leidet - so wie schätzungsweise vier bis acht Prozent der Schulkinder in Deutschland.

Fast zu spät
In den meisten Fällen wird die Auffälligkeit erst entdeckt, wenn es schon fast zu spät ist. "Normalerweise kommen Kinder erst im dritten oder vierten Schuljahr zu uns", erklärt Kinder- und Jugendpsychiaterin und -psychotherapeutin Sabine Fuchs, die Daniel gemeinsam mit Mechthild Tebbe untersucht. "Dann ist es aber oft schon sehr spät. Die Kinder haben kaum Freunde und sind in der Schule als Zappelphilipp verschrien", sagt Fuchs, die Leitende Ärztin der Tagesklinik und Ambulanz des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Meschede, in der Dominik gerade eingehend untersucht wird.

Um auffälligen Kindern einen besseren Einstieg in die Schullaufbahn zu ermöglichen, hat die LWL-Klinik Marsberg gemeinsam mit ihren Ambulanzen in Meschede, Marsberg, Paderborn und Höxter ein landesweit einzigartiges Modellprojekt aufgelegt. Die Klinik arbeitet für das zweiteilige "Screening", das ADHS und andere kinderpsychiatrische Auffälligkeiten bei künftigen Schulkindern erkennen soll, seit Dezember 2007 in den Kreisen Paderborn, Höxter und dem Hochsauerlandkreis mit den kinder- und jugendärztlichen
Diensten zusammen.

Teilnahme freiwillig
"Bei der Schuleingangsuntersuchung für die Grundschule füllen die Eltern einen Fragebogen aus. Dann werden die Kinder auf Aufmerksamkeit und Konzentration getestet", erläutert Sabine Fuchs das Vorgehen. Die Eltern der auffälligen Kinder werden darauf hingewiesen, dass sie ihre Sprösslinge zu dem zweiten Schritt des Screenings in einer der vier beteiligten LWL-Ambulanzen anmelden können, berichtet die Ärztin, die das Projekt mit angestoßen hat. "Die Teilnahme ist freiwillig."

Um die richtige Diagnose zu stellen und - wenn nötig - mit einer Verhaltens- oder einer Konzentrationstherapie oder in schwereren Fällen mit einer Medikation beginnen zu können, werden die Kinder in mehreren Schritten untersucht. Am Anfang steht das Gespräch mit der Mutter und dem kleinen Patienten selbst. Die Therapeutinnen oder Therapeuten fragen nach dem Geburtsverlauf, nach dem Schlaf-, Ess- und Spielverhalten, nach Krankheiten und ärztlichen Behandlungen.

Daniel hat keinen leichten Start ins Leben gehabt. Er und sein Zwillingsbruder waren "Frühchen", haben viel geschrien und oft nicht gut geschlafen - die sprachliche und die motorische Entwicklung hingegen waren völlig normal. "Seit Daniel einen kleinen Bruder hat, ist es schlimmer mit seiner Unruhe geworden", berichtet die Mutter. Für das abschließende Beratungsgespräch wertet Sabine Fuchs einen ausführlichen Fragebogen aus, den sie gemeinsam mit der Mutter ausgefüllt hat.

Therapiechancen steigen
Die Diagnose der Ärztin ist eindeutig. "Der Junge ist motorisch unruhig, kann sich schlecht konzentrieren und ist impulsiv", erklärt die Ärztin. "Wir müssen davon ausgehen, dass auch Daniel hyperaktiv ist - wie etwa ein Drittel der untersuchten Kinder." Für Daniel und seine Familie ist dieses Untersuchungsergebnis nicht positiv, weiß Sabine Fuchs. "Die Chancen, die Auffälligkeit durch eine geeignete Therapie in den Griff zu bekommen, sind durch die frühzeitige Erkennung der Krankheit aber stark gestiegen."

Auch Daniels Mutter ist nicht glücklich mit der Diagnose. "Aber es ist gut, jetzt Bescheid zu wissen und etwas unternehmen zu können", sagt sie. "Denn wir lieben unseren Sohn trotz seiner Krankheit genauso wie unsere anderen Kinder und werden ihm jede Hilfestellung geben, damit er in der Schule und im ganzen Leben die gleichen Chancen wie jedes andere Kind hat."

Zum Thema:
Die LWL-Tagesklinik und Ambulanz Meschede und deren "Mutterklinik", die kinder- und jugendpsychiatrische LWL-Klinik Marsberg, gehören zum LWL-PsychiatrieVerbund Westfalen. Unter einem Dach fasst der Verbund sämtliche Gesundheitseinrichtungen des LWL - Kliniken, Wohnverbünde, Pflegezentren und Rehabilitationszentren - im Bereich der Psychiatrie zusammen. Sie behandeln und betreuen jährlich rund 150.000 Menschen. An 32 Standorten in Westfalen-Lippe bietet der LWL-Psychiatrieverbund für Menschen mit psychischer Erkrankung, psychischer oder geistiger Behinderung vielfältige Leistungen zur Behandlung, Rehabilitation, Eingliederung und Pflege an. Diese dezentrale Standortstruktur und die enge Verzahnung aller Angebote, Einrichtungen und Dienste des LWL ermöglichen eine gemeindenahe und zugleich flächendeckende psychiatrische Versorgung mit einem hohen Versorgungsstandard.

Mehr Infos: http://www.lwl-psychiatrieverbund.de



Pressekontakt:
Karl G. Donath, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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