LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 12.06.08

Foto zur MitteilungBau eines Wohnhauses in der Barkhofsiedlung in Nordwalde (1952).
Foto: Privatbesitz


Foto zur MitteilungDie Biographien aus der Bauindustrie enthalten auch Lebensgeschichten von Unternehmern, die am Technikum in Lage studierten.
Foto: LWL/Holtappels


Foto zur MitteilungLeben in der MSA-Siedlung in Dortmund, 1950er Jahre.
Foto: Hamburgisches Architekturarchiv


Foto zur MitteilungArbeiterinnen kontrollieren Gardinen bei der Deutschen Bobinet GmbH, Trier (1950er Jahre).
Foto: LWL/Tritschler


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Presse-Infos | Kultur

Ausstellung im LWL-Ziegeleimuseum

Aufbau West - Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder

Bewertung:

Lage (lwl). Der ‘Aufbau Ost' provoziert seit Jahren politische Diskussionen. Was viele nicht wissen: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verlief der Transfer in entgegengesetzter Richtung. Arbeitskräfte, Know-how und Unternehmergeist aus dem Osten trugen maßgeblich zum hiesigen Wirtschaftswunder bei. Das zeigt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vom 15. Juni bis 21. September in der Ausstellung ‘Aufbau West' in seinem Ziegeleimuseum in Lage (Kreis Lippe). Die Ausstellung war 2005/06 in der Zentrale des LWL-Industriemuseums in Dortmund und 2007 im Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen zu sehen.

Über 10 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene kamen nach 1945 in die westlichen Besatzungszonen. ‘Aufbau West' nimmt ihre Leistungen und Erfahrungen in den Blick. Schwerpunkt ist die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen, wo Ende der 1950er Jahre fast jeder fünfte Einwohner aus dem Osten kam.

50 Zeitzeugen hat das Ausstellungsteam befragt, 800 Exponate zusammengetragen. Das Spektrum reicht von der Anstecknadel bis zum Drahtwebstuhl, vom Streichholzbriefchen bis zum Bahnwaggon, vom historischen Radiospot bis zum Heimatfilm. Projektleiterin Dr. Dagmar Kift: ‘Wir zeigen keine abstrakte Industriegeschichte, sondern stellen Menschen in den Mittelpunkt. Die Ausstellung macht deutlich, wie sich die Zuwanderer in Nordrhein-Westfalen einlebten und gemeinsam mit den Einheimischen den oft schwierigen Neuanfang bewältigten.'


Hintergrund

Ablehnung und Hilfsbereitschaft


Ein Stimmengewirr unterschiedlicher Sprachen sowie Fotos von zerstörten Städten im Ruhrgebiet und ländlicher ‘Idylle' im Münsterland empfangen die Besucher im Ausstellungsgebäude. ‘Die Ankunft im Westen bedeutete für die meisten Flüchtlinge und Vertriebenen zwar Sicherheit, aber willkommen waren sie in der Regel nicht', fasst Dr. Dagmar Kift ein Ergebnis der Befragung von Zeitzeugen zusammen. Die durch Flucht und Lageraufenthalte gezeichneten Menschen mit ihrem fremden Dialekt habe niemand aufnehmen und durchfüttern wollen. Vor allem auf dem Land war gesellschaftliche Ausgrenzung überwiegend die Folge.

Anders in den großen Städten: Viele Bewohner, insbesondere des Ruhrgebiets, waren selbst in den Osten evakuiert worden und mussten von dort ebenfalls zurückflüchten. Kift: ‘Sie teilten viele Erfahrungen der Flüchtlinge und Vertriebenen. Auch sie wurden in Notunterkünften oder ehemaligen Zwangsarbeiterlagern untergebracht und mussten viel Improvisationstalent aufbringen, um nicht zu verhungern oder zu erfrieren.' Ein Etagenbett aus der Notunterkunft, Fotos, Dokumente und hinübergerettete Dinge aus der alten Heimat veranschaulichen das Thema. Private Leihgeber haben Erinnerungsstücke beigetragen - darunter ein Plüschaffe, der die neunjährige Susanne Wiesner auf der Vertreibung aus Schlesien tröstete.

Wirtschaft und Gesellschaft

Die meisten Vertriebenen wurden zunächst in den ländlich geprägten Ländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern untergebracht. Nach 1948 brachten mehrere Umsiedlungsaktionen Hunderttausende nach Nordrhein-Westfalen, das sich zum Bundesland mit dem größten Flüchtlingsanteil entwickelte. ‘Hier ersetzten die Menschen aus dem Osten die in der Montan- und Bauindustrie fehlenden Arbeitskräfte. In der Textil- und Bekleidungsindustrie, der Glasbranche und im Maschinenbau siedelten sie als Unternehmer neue Produktionszweige an', erläutert die Projektleiterin. Die Ausstellung stellt Beispiele aus diesen Branchen vor und lenkt in ‘biografischen Häuschen' immer wieder den Blick auf einzelne Lebensgeschichten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trug der Bergbau maßgeblich zum Wiederaufbau der Wirtschaft bei - obwohl ein eklatanter Mangel an Arbeitskräften die Produktion hemmte. Militärregierung, Unternehmen und Arbeitsämter warben deshalb gezielt Menschen aus den Flüchtlings-Aufnahmeländern an. Bis 1954 wurden rund 800.000 Bergleute neu eingestellt. Sie kamen in Städte, die der Zweite Weltkrieg in Trümmerlandschaften verwandelt hatte. Der Wiederaufbau stellte daher vor allem die Bauindustrie vor große Herausforderungen, weil Rohstoffe fehlten und die Infrastruktur zerstört war. Das berühmte Bild der ‘Trümmerfrauen' steht für die Stunde Null. In den Folgejahren fanden viele Flüchtlinge und Vertriebene in der Bauindustrie Beschäftigung - wenige als Unternehmer, viele als Arbeiter wie Gerhard Lorenz aus Voigtsdorf (Niederschlesien), der als zwölfjähriger nach Flucht und Vertreibung mit seiner Familie in Bocholt (Kreis Borken) ankam. Von 1950 an arbeitete er 38 Jahre lang als Maurer bei verschiedenen Bauunternehmen in der Region. An die erste Zeit in der ‘Fremde' hat er nicht nur gute Erinnerungen: ‘Auf Gemeindefesten konnte es schon zu Entgleisungen von Einheimischen kommen, die die Vertriebenen beschimpften und auf Distanz hielten', erzählt der heute 69-Jährige.

Neben einzelnen Lebensläufen stellt die Ausstellung anhand von Bauplänen, Fotos und historischen Werkzeugen auch typische Siedlungsprojekte der Zeit vor: die mit Marshallplan-Mitteln erbaute MSA-Siedlung im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst und die Barkhof-Siedlung in Nordwalde (Kreis Steinfurt). ‘Diese beiden Siedlungen stehen für die Integrationspolitik in Nordrhein-Westfalen, denn hier wurden Einheimische und Zugewanderte bewusst gemeinsam untergebracht', erläutert Dr. Andreas Immenkamp vom Ausstellungsteam. Die Flüchtlingsstadt Espelkamp in Ostwestfalen - zu sehen in einem Werbefilm von 1954 mit dem Schauspieler Horst Tappert als Protagonist - war vom Typ her die Ausnahme.

Die Textilindustrie war vor dem Krieg durch eine weitgehende regionale Arbeitsteilung gekennzeichnet. Während etwa im Münsterland, im Aachener Raum und in Krefeld die Baumwollindustrie bzw. die Wollfabrikation und Seidenproduktion heimisch waren, konzentrierten sich Betriebe für die Produktion von Gardinen und Strümpfen in verschiedenen Regionen Mittel- und Ostdeutschlands. Dr. Arnold Lassotta, Textilfachmann im Ausstellungsteam: ‘Die Versorgung der hiesigen Bevölkerung allein durch die heimische Textilindustrie wäre angesichts der alten Arbeitsteilung zwischen Ost und West nicht möglich gewesen.'

Hier lagen die Chancen für vertriebene Fachleute und Unternehmer. So wie Herbert Reichel, der 1948 mit 60 Lastwagen aus der Karl-May-Stadt Hohenstein-Ernstthal nach Rheinberg (Kreis Kleve) umsiedelte, um dort Teppiche und Gardinen zu produzieren. Oder Karl Rüger, ebenfalls aus Sachsen, der ab 1950 in Sprockhövel (Ennepe-Ruhr-Kreis) rundgestrickte Strümpfe fertigte - zwei Beispiele aus der Ausstellung. ‘Am Ende der Entwicklung gab es in Westdeutschland nahezu alle Produktionsarten, die vor dem Krieg über ganz Deutschland verteilt waren', so Lassotta.

Als neuen Standort für die Bekleidungsindustrie stellt die Ausstellung die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen vor. Der damalige Sonderbeauftragte für den Wiederaufbau, Dr. Wendenburg, holte nach dem Krieg Unternehmen aus Breslau, Stettin und Lodz in die ‘Stadt der 1000 Feuer'. Das Ergebnis: Mit über 50 Firmen und rund 7.000 meist weiblichen Beschäftigten wurde die neue Branche Mitte der 50er Jahre zum fünften Standbein der Gelsenkirchener Industrie. Hier fand auch Marianne Jedamczik nach ihrer Rückkehr aus der Evakuierung in Bocholt eine berufliche Perspektive. Als 17-Jährige begann sie als Hilfskraft im Zuschnitt bei der Firma Feilgenhauer, ‘vormals Dresden'. Solche Hinweise auf den ursprünglichen Firmensitz in zeitgenössischen Anzeigen, Fotos und Produkte erinnern an die Aufbaujahre.

Spuren

Die zahlreichen Beispiele aus den Industriebranchen zeigen, dass Flüchtlinge und Vertriebene im Westen vielfältigere Spuren hinterlassen haben, als die Vertriebenentreffen heute vermuten lassen. Wer einen Audi fährt, Kaiser-Backformen in den Ofen schiebt, dem Kuchen einen echten Stonsdorfer folgen lässt und sich anschließend mit Odol den Mund spült, benutzt Produkte von Firmen, die ursprünglich im Osten angesiedelt waren und nach 1945 in den Westen übersiedelten.

‘Die Ausstellung holt Erinnerungen aus der Binnenwelt regionaler und lokaler Heimatstuben heraus und verknüpft sie mit der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik', schrieb Schirmherrin Dr. Christina Weiss, 2005 Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, in ihrem Grußwort zum Katalog.

Aufbau West.
Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder

15.6. - 21.9.2008
LWL-Industriemuseum
Ziegeleimuseum in Lage, Sprikernheide 77
Geöffnet Di - So 10 - 18 Uhr



Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, LWL-Industriemuseum, Tel. 0231 6961-127 und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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