LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 06.09.07

Foto zur MitteilungEin Grubenwehrmann birgt einen toten Kameraden, vermutlich auf einer französischen Zeche um 1910.
Foto: Fritz-Hüser-Institut


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Presse-Infos | Kultur

"Ich hatte einen Kameraden" - Schichtgebete und Totengedenken

Neue Dauerausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Bewertung:

Dortmund (lwl). Am Sonntag, 9.9., eröffnet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) im LWL-Industriemuseum, Zeche Zollern, im Kellergeschoss des Lohnhallenkomplexes eine neue Abteilung der Dauerausstellung: "Ich hatte einen Kameraden" greift mit den tödlichen Arbeitsunfällen am Beispiel der Zeche Zollern eines der schwierigsten Kapitel der Bergbaugeschichte auf. Sie dokumentiert die 161 tödlichen Unfälle auf der Schachtanlage Zollern II/IV.

Die chronologische Übersicht der tödlichen Unglücke auf Zollern zeigt, welche Unfälle typisch waren, wie gehäuft sie auftraten und wie sie sich im Laufe der Zeit veränderten. Die Ausstellung bringt den Besuchern Arbeitsabläufe und Betriebsgeschichte aus einer nie gekannten Perspektive eindringlich und auf beinahe brutale Art und Weise nahe. "Der oft gehörte Einwand mancher Besucher, die schönen Gebäude täuschten über die Härte der Arbeitswelt hinweg, wird hier widerlegt", sagt Museumsleiterin und Ausstellungsmacherin Dr. Ulrike Gilhaus. So nah war man den Menschen, die auf Zollern gearbeitet haben, noch nie. Gilhaus weiter: "Die Zahl der tödlich Verunglückten fällt sofort ins Auge und der Besucher sieht, wie Jugendliche, kaum aus der Schule entlassen, abstürzten oder vom abgerissenen Kokereigewölbe erschlagen wurden. Alte, erfahrene Hauer sprangen in Panik wegen verdächtiger Geräusche aus dem Korb und erlitten einen Genickbruch." Die Ausstellung macht außerdem die Häufung der Unfälle in Kriegszeiten, bedingt durch den Einsatz von Bergfremden und Kriegsgefangenen sowie durch vernachlässigten Ausbau, deutlich.

Die Dokumentation belegt schließlich auch den allmählichen Rückgang vermeidbarer Unfälle. Denn auffällig oft starben in den ersten dreißig Betriebsjahren Männer jeder Altersgruppe über Tage - gerade ihre Zahl ging seit 1930 erheblich zurück. Deutlich wird, dass auch eine Zeche, die wie Zollern von Massenunglücken verschont blieb, den Familien einen hohen Tribut abverlangte. Manche Familien haben hier mehrere Angehörige verloren, und im Durchschnitt starben in jedem Betriebsjahr 2,5 Männer bei der Ausübung ihrer Arbeit. Am Einzelschicksal wird auch deutlich, was Solidarität unter Tage bedeuten konnte: 1915 verunglückten auf Zollern zwei Hauer bei dem Versuch, einen durch Sprengstoffgasschwaden bewusstlosen Kameraden zu retten. Alle drei wurden tot geborgen. In den meisten der 161 Fälle konnten Name, Todesdatum, Alter, berufliche Funktion und Todesumstände rekonstruiert werden. Lediglich zehn Männer blieben trotz aller Bemühungen unbekannt, aber aufgrund der Betriebsstatistik wissen die Museumsmitarbeiter, in welchem Jahr sie starben.

Der Raum der neuen Ausstellungsabteilung beherbergte früher die Elektrohauptverteilung der Zeche. Ihre technischen Komponenten sind weitestgehend erhalten und wurden behutsam restauriert. Der Raum ist auch aufgrund der geringen Fläche mit nur wenigen Objekten bestückt. Dadurch wirkt er karg und auf das Wesentliche reduziert. An die Wand ist ein schlichter Wandstein montiert, den die Bergbau-Berufsgenossenschaft Bochum als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte. Der "Den Toten" gewidmete Stein hing früher im Foyer der Genossenschaft.

"Die Ausstellung verbindet das Thema des Todes mit den starken religiösen Traditionen im Bergbau, die aus der ständigen Bedrohung durch Unfallgefahren resultierten", erzählt Dr. Ulrike Gilhaus. Diese Verbindung von Bergbau und Glauben fand in den "Bergbaugemeinden" des Ruhrgebietes ihren Niederschlag darin, dass Objekte der bergbaulichen Arbeitswelt in den Kirchen sakrale Funktionen übernahmen: So gab es Altäre aus Kohle, die nicht von Kerzen, sondern von Grubenlampen geschmückt wurden. Elemente der Arbeitswelt vermischten sich mit christlichen Bildmotiven, wenn z.B. Fenster und Wandmalereien Heiligenfiguren vor stilisierten Fördergerüsten zeigten. Schauobjekt der neuen Abteilung ist eine hinterleuchtete Replik des sogenannten Bergmannsfensters der evangelischen Kirche St. Stephani in Gladbeck-Zweckel, entworfen in den 1950er Jahren. Das Motiv verbindet Angst vor Verschüttung unter Tage mit christlicher Verheißung und Hoffnung. Es ist das einzige bekannte Objekte, das auch textlich durch Psalm 71, Vers 20 eine Verbindung von Glauben und bergbaulicher Arbeitswelt herstellt.

Das LWL-Industriemuseum lädt für Sonntag, 9.9., zu einer ökumenischen Andacht ein. Um 15 Uhr findet in der Lohnhalle ein Schichtgebet und Totengedenken statt. Anschließend bietet die Museumsleiterin Dr. Ulrike Gilhaus eine Führung durch den neuen Ausstellungsbereich an.

"Ich hatte einen Kameraden"
Neue Dauerausstellung im Kellergeschoss unter der Lohnhalle
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5, 44388 Dortmund
Öffnungszeiten: Di- So 10 - 18 Uhr



Pressekontakt:
Kathrin Wißmach, LWL-Industriemuseum, Tel. 0231 6961-127 und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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