LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 18.08.06

Foto zur MitteilungBergmann mit Grubenpferd beim "Buttern" auf der Zeche Robert Müser in Bochum-Werne, 1937.
Foto: Deutsches Bergbau-Museum


Foto zur MitteilungFritz Loose, der letzte Pferdeführer der Zeche Hannover.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungDas Pferd als Schlepper: Inzsenierung aus der Ausstellung "Kumpel auf vier Beinen".
Foto: LWL


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Presse-Infos | Der LWL

"Die waren ja so wie wir" - Kumpel auf vier Beinen
Industriemuseum Zeche Hannover zeigt Geschichte der Grubenpferde

Bewertung:

Bochum (lwl). Er mochte gerne Butterbrote, Äpfel und gepellte Apfelsinen und war ein ech-ter Kumpel: "Tobias" arbeitete zwölf Jahre lang als Schlepper auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen - bis zum 23. Juni 1966. Als der braune Wallach vor vierzig Jahren in den Ruhestand ging, endete die gut 100-jährige Ära der Grubenpferde im Ruhrberg-bau. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zeigt in seinem Westfälischen Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum die Geschichte von Tobias in seiner Ausstellung über die "Kumpel auf vier Beinen".

Vom 20. August bis 15. Oktober 2006 informiert das LWL-Museum umfassend über Leben und Arbeit der Grubenpferde - von der Rekrutierung bis zum Gnadenbrot. Fotografien, Exponate, Inszenierungen typischer Arbeitssituationen unter Tage sowie Erinnerungen von Zeitzeugen und Kunstwerke rund um die Grubenpferde machen das Thema anschaulich.

Das Bild vom Grubenpferd, das auf der siebten Sohle schuftete und niemals die Sonne sah, erregt heute vor allem Mitleid. "In den 1850er Jahren, als die ersten Pferde im Ruhrrevier unter Tage eingesetzt wurden, standen jedoch wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund: Während ein erwachsener Schlepper nur eine Lore fortbewegte, konnte ein Pferd acht bis zehn Loren ziehen. Das rechnete sich in der aufstrebenden Bergbaubranche", erklärt LWL-Museumsleiter Dietmar Osses.

Seinen Höhepunkt erreichte der Pferdeeinsatz im Untertagebetrieb im Jahr 1910 mit 8.384 Tieren im damaligen Einzugsbereich des Dortmunder Oberbergamtes. Danach verdrängten nach und nach Lokomotiven und Förderbänder die Pferde in der Streckenförderung. Die moderne Krupp-Zeche Hannover hatte bereits 1892 als erstes Bergwerk des Bezirks eine maschinelle Förderanlage eingesetzt. 1934 absolvierte "Konrad" als letztes von drei Gruben-pferden, seine letzte Schicht.

Arbeiten und Leben unter Tage
Grubenpferde gehörten meist nicht den Zechen, sondern waren Eigentum von Pferdeunternehmern, die die Pferde verliehen und für Futter, Geschirre und Ersatz bei Krankheit sorgten. Nach der Anlieferung ging es mit dem Förderkorb unter Tage. Wie lange sie dort blieben, war von Zeche zu Zeche verschieden. Während die Pferde die kleinen Stollenzechen problemlos täglich für den Gang zur Weide verlassen konnten, lieben die vierbeinigen Schlepper auf den großen Schachtanlagen oft wochen- und monatelang unter Tage. "Meist fuhren die Pferde zu Feiertagen aus - weil dann die teuren Feiertagsschichten für die Pflege der Pferde und auch Futterkosten eingespart werden konnten", weiß der Historiker Osses aus zahlreichen Zeitzeugengesprächen.

Unter Tage konnten sich die Grubenpferde im eigenen Stall von den Strapazen der Schicht erholen. Hier wurden die Tiere gestriegelt und gepflegt. Regelmäßig kamen Schmied und Tierarzt zur Pflege und Kontrolle. Zu den häufigsten Krankheiten zählten Verletzungen der Hufe durch Feuchtigkeit oder scharfe Metallteile sowie Verdauungsstörungen. Außerdem verletzten sich die Tiere in den engen Strecken leicht an Kopf und Flanken, so dass ihr Körper bald mit Narben und Schwielen übersät war.

Um 1900 machten die Zeitungen des Ruhrgebiets verstärkt auf mutwillige Quälereien der Pferde unter Tage aufmerksam. Als Folge wurden die Kontrollen der Bergbehörden verstärkt und das "Necken und Quälen" der Tiere in den Arbeitsordnungen der Zeche unter harte Strafen gestellt. Ende der 1930er Jahren erregten die Arbeits- und Lebensbedingungen der Grubenpferde die Aufmerksamkeit des internationalen Tierschutzverbandes, der forderte, vollständig auf den Einsatz der Pferde unter Tage zu verzichten und statt dessen Maschinen einzusetzen.

Betriebstechnisch galt das Grubenpferd als "Schlepper" und wurde auf den Schichtenzetteln der Zeche auch so aufgeführt. Seine Aufgabe war es, die Förderwagen von den Abbaustellen zum Schacht und zurück zu ziehen. Seit den 1920er Jahren beförderten die Pferde jedoch meist vor allem Grubenholz und anderes Material für den Ausbau der Stollen und Strecken. Ihre 400 bis 1500 Meter lange Strecke kannten die vierbeinigen Schlepper zwar "blind". Dass die meisten Grubenpferde in der ewigen Nacht unter Tage ihr Augenlicht verloren, ist aber ein Mythos. In einer Hörstation der Ausstellung berichtet der langjährige Pferdeführer Horst Höfer eindrücklich, das die Arbeit mit blinden Pferden unter Tage wegen der zahlreichen Gefahren kaum möglich gewesen wäre.

Mythos Grubenpferd
Der unmittelbare Kamerad des Grubenpferdes war oft ein junger Berglehrling. Die Menschen identifizierten sich stark mit ihren vierbeinigen Kameraden, deshalb entwickelte sich zwischen Mann und Pferd häufig eine enge Beziehung. "Die waren ja so wie wir", berichtet Fritz Loose, der letzte Pferdeführer der Zeche Hannover, in einer Hörstation der Ausstellung. Die schwere tägliche Anstrengung der Tiere beim Schleppen, vor allem aber ihr Dasein in der Dunkelheit und ihr eintöniges Leben in dem unnatürlichen Lebensraum erregten Mitgefühl und weckten Hilfsbereitschaft. Viele Bergleute spiegelten in den Tieren ihr eigenes Schicksal, und manch einer verwöhnte die Pferde mit Leckereien. Das Miteinander mit dem Tier in der unwirklichen Welt der Maschinen hatte für viele auch etwas tröstliches. "Es war eine schöne Zeit", meint der ehemalige Bergmann Max Pausch aus Bochum-Hordel rückblickend beim Rundgang durch die Ausstellung. Pausch betreute als Pferdejunge 1948 die Grubenpferde der Zeche Lohberg.

In den 1930er Jahren widmeten Bergleute verstorbenen Grubenpferden symbolische Grabsteine, schrieben Bücher und Gedichte, schnitzten oder malten nach Feierabend Abbilder ihrer tierischen Kameraden. Wenig später avancierten die Grubenpferde zum Thema der bildenden Kunst. Später belegen viele Fotos der jeweils letzten Vierbeiner, dass man überall wehmütig Abschied nahm und sich bewusst war: mit "Blitz", "Konrad", "Haumann", "Nurmi" und zuletzt "Tobias" ging eine Ära zu Ende.

Kumpel auf vier Beinen. Grubenpferde im Ruhrbergbau
20. August (Eröffnung 11 Uhr) bis 15. Oktober 2006
Westfälisches Industriemuseum Zeche Hannover
Günnigfelder Straße 251, 44793 Bochum
Geöffnet Samstag 14 - 18, Sonntag 11 - 18 Uhr.
Führungen Di - So, 11 - 18 Uhr nach Anmeldung

Begleitprogramm
So, 17.9., 14 - 18 Uhr
"Pferde in Bewegung": Ponys, Pferde und Schmiedevorführung mit der Dortmunder Schmie-din Belinda Hess

So, 24.9., 14 - 18 Uhr
"Pferde als Helfer. Therapeutisches Reiten, Voltigieren und Hippotherapie. In Kooperation mit dem Verein für therapeutisches und sportliches Reiten Herdecke und dem Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke

Di, 10.10., 20 Uhr
Zeitzeugengespräch mit dem ehemaligen Bergmann und Grubenpferdekenner Horst Höfer aus Unna



Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, Westf. Industriemuseum, Tel. 0231 6961-127 und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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