LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 11.07.06

Foto zur MitteilungDer Zahn verrät, wo ein Mensch aufgewach-sen ist. Hier der Zahn von Alina, die vor 2550 Jahren ihre Kindheit an der Weser verbrachte.
Foto: C. Knipper


Foto zur MitteilungDem Zahn wird für die Analyse eine Probe entnommen.
Foto: C. Knipper


Foto zur MitteilungDie "Damen von Ilse" in ihren Gipsblöcken im Archäologie-Museum in Herne.
Foto: LWL/Brentführer.


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Presse-Infos | Der LWL

Das Geheimnis der "Damen von Ilse"
Archäologen lüften Rätsel um die Herkunft der Frauen

Bewertung:

Herne/Petershagen-Ilse (lwl). Den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist es gelungen, eines der Geheimnisse um die 20 "Damen von Ilse" zu lüften, die vor 2550 Jahren in Petershagen-Ilse (Kreis Minden-Lübbecke) beerdigt worden waren. Bereits die Ausgräber waren von den Frauen fasziniert, weil ihr Schmuck und die Bestattungsart für die Region und die Zeit untypisch sind. Zwar sind die Funde seit 2003 im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne zu sehen, aber längst sind nicht alle Fragen beantwortet, die die geheimnisvollen Damen aufgeben. Jetzt wurde mit Hilfe von so genannten Strontium-Isotopenanalysen an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen das Rätsel um die Herkunft von fünf der Frauen ein Stück weit gelöst: Diese Untersuchungen erga-ben, dass einige von ihnen tatsächlich Ortsfremde waren und nicht in Ilse aufgewachsen sind.

Insgesamt 24 Bestattungen entdeckten die LWL-Archäologen, als sie in den Jahren 1998/99 und 2004 ein Gräberfeld in Petershagen-Ilse untersuchten. Sie fanden meist nur noch Spuren der Holzsärge und Skelette, Knochenreste hatten sich selten erhalten. 20 Frauen waren hier mit ihrem Schmuck beerdigt worden: Alle trugen Schläfenringe und Fußringe, einige auch Perlenketten oder Armringe aus Bronze. Bereits die Ausgräber waren von den Frauen, die um 550 v. Chr. völlig aus der Reihe tanzten, fasziniert und gaben ihnen moderne Namen. Denn Alina, Claudia, Andrea, Sarah, Ophelia und die anderen lagen unverbrannt in ihren Gräbern, was in Westfalen seit 700 Jahren nicht mehr üblich war. Und der Schmuck, den sie trugen, war für die Region ebenfalls untypisch.

Damit gaben die "Damen von Ilse" den Forschern zahlreiche Rätsel über ihre Herkunft und ihr Schicksal auf. Es stellte sich vor allem die Frage, ob in Ilse Fremde, die sich hier niedergelassen hatten, bestattet worden waren oder ob der Schmuck über Händler nach Westfalen gekommen war. "Da nicht nur der Schmuck, sondern auch die Bestattungsart zu der Zeit hier fremd waren, sprach einiges dafür, dass hier tatsächlich Ortsfremde bestattet worden waren", so Dr. Daniel Bérenger, Grabungsleiter in Ilse und Archäologe vom Westfälischen Museum für Archäologie. "Allerdings konnten wir es nur vermuten. Ein Beweis fehlte bisher."

Den Beweis konnten jetzt Wissenschaftler der Eberhard-Karls-Universität Tübingen mit Hilfe der so genannten Strontium-Isotopenanalyse liefern. Diese Methode macht sich die Tatsache zu nutze, dass in Gesteinen verschiedene Isotope des Spurenelements Strontium vorkommen. Das Verhältnis dieser Isotopen zueinander hängt von der Art und dem Alter der Gesteine ab und variiert dadurch von Region zu Region. Aus dem Boden und Grundwasser wird das Strontium von Pflanzen aufgenommen. Über die Nahrungskette gelangt es dann in den menschlichen Organismus, wo es in Knochen und Zähne eingelagert wird. Weil sich Zähne nach der Kindheit nicht mehr verändern, bleibt hier das Isotopenverhältnis identisch mit dem am Lebensort des Kindes. So verraten die Zähne, wo ein Mensch aufgewachsen ist.

Für die Analysen wurden die Zähne von fünf der Frauen aus Ilse untersucht. "Die Analysen haben ergeben, dass zwei der fünf Frauen - Alina und Claudia - hier aufgewachsen sind. Andrea, Sarah und Ophelia waren dagegen in dieser Gegend fremd, wie das Strontium-Isotopenverhältnis zeigt, das bei ihnen vom ortsüblichen Wert abweicht", erklärt Corina Knipper, Archäologin von der Universität Tübingen. Dies könnte bedeuten, dass einige Familien eingewandert sind, hier sesshaft wurden und wir mehrere Generationen vor uns haben: Andrea, Sarah und Ophelia kamen demnach als Erwachsene an die Weser und repräsentieren damit die Einwanderergeneration, während Alina und Claudia bereits hier geboren wurden. "Dass wir verschiedene Generationen vor uns haben, ist für uns neu, da wir über die Grabbeigaben kein unterschiedliches Alter feststellen konnten", so Bérenger. "Wenn es darum geht, Wanderungs- und Integrationsprozesse in der Vergangenheit zu rekonstruieren, ist dieser Aspekt absolut spannend."

Bleibt die Frage, wo die Damen ursprünglich herkamen. Dies lässt sich derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. Aufgrund der Isotopenverhältnisse kommen Gebiete mit Buntsandstein und Grundgebirge im Untergrund in Frage, wie sie zum Beispiel in Baden-Württemberg im Schwarzwald und im Odenwald anstehen. Dies würde auch die Annahmen der Archäologen stützen, da ein Teil der Grabbeigaben für diese Regionen typisch ist. Es gibt aber in Europa noch andere Gebiete aus denen die Frauen theoretisch stammen könnten. Um verlässliche Aussagen treffen zu können, bräuchte man ein feines, flächendeckendes Netz an Vergleichsdaten mit den Isotopenverhältnissen anderer europäischer Gebiete. Und die fehlen bisher, da die Untersuchungsmethode noch sehr jung ist.

Die "Damen von Ilse" haben also noch nicht all ihre Geheimnisse verraten. Vielleicht gelingt es mit dem Fortschreiten dieser oder anderer Methoden die verbleibenden Fragen zu beantworten.

Im LWL-Archäologiemuseum in Herne sind die Gräber von Ilse ausgestellt. Allerdings sind sie noch nicht vollständig ausgegraben: Da die Funde sehr empfindlich waren, wurden sie auf der Ausgrabung mitsamt der Erde mit Gipsbinden umwickelt, als Block geborgen und in der Restaurierungswerkstatt geröntgt. So wissen die Forscher, was sich noch in den Blöcken verbirgt. Normalerweise werden die Funde anschließend im Labor vorsichtig freigelegt und konserviert. In Herne sind sie jedoch mitsamt der Erde und der Gipsbinden ausgestellt, um diese Ausgrabungsmethode den Besuchern zu zeigen.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, Tel. 0251 591-235 und Jana Sager, Tel. 0251 5907-287
presse@lwl.org




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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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