LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 29.05.06

Foto zur MitteilungEin Foto von der Entdeckung des Mammut-Babys.
Foto: Zoologisches Museum der Russischen Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg


Foto zur MitteilungDima fertig für den Transport.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungMuseumsleiterin Dr. Barbara Rüschoff-Thale: Lange Verhandlungen über das Exponat.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungEiner der sechs Globen von Ingo Günther zeigt die größte Ausdehnung des Eises vor rund 20.000 Jahren.
Foto: LWL/Günther


Foto zur MitteilungKlimaforscher Prof. Dr. Andreas Hense.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungDiese Spitze des Kölner Doms kommt in die Ausstellung nach Herne.
Foto: Dombauarchiv Köln


Foto zur MitteilungHistorische Dampfmaschinen in Dortmund.
Foto: LWL/Westfälisches Landesmedienzentrum


Foto zur MitteilungMuseumsleiterin Dr. Barbara Rüschoff-Thale mit verbrannten Tierknochen aus dem ältesten Feuer der Welt, das vor ca. 1,6 Millionen Jahren im afrikanischen Swartkraans brannte.
Foto: LWL/Kuhn.


Foto zur MitteilungEin etwa 5000 Jahre alter Schädel mit einer Pfeilschussverletzung aus dem dänischen Porsmose.
Foto: Dänisches Nationalmuseum Kopenhagen.


Foto zur MitteilungDer etwa 125 000 Jahre alte Schädel aus Krapina in Kroatien mit verheilten Verletzungen zeigt die soziale Kompetenz der Neandertaler.
Foto: Croatian Natural History Museum, ZagrebL/Mjeda.


Zum Herunterladen bitte mit der linken Maustaste auf das Foto klicken. Nachdem sich das neue Fenster geöffnet hat, bitte das Foto mit der rechten Maustaste speichern.

Die zum Download angebotenen Fotos dürfen nur mit Fotonachweis und gemeinsam mit der Pressemitteilung oder dem Thema verwendet werden, in deren Zusammenhang sie veröffentlicht wurden. Eine gesonderte Verwendung der Fotos ist nicht gestattet. Bei Ausstellungen ist die Reproduktion nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Ausstellung erlaubt. Bei einer anderweitigen Nutzung sind Sie verpflichtet, selbständig die Fragen des Nutzungsrechts zu klären.

Presse-Infos | Der LWL

Exponate und Themen

Bewertung:

Im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne macht ab 30. Mai die bisher größte Ausstellung in Deutschland über "Klima und Mensch" sowohl die Anpassungsfähigkeit der Menschen, Tiere und Pflanzen über die Jahrtausende als auch die Wetter-Extreme vor sechs Millionen Jahren bis zu zukünftigen Hochwasserkatastrophen erlebbar (bis 30. Mai 2007). Das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) wird das "Leben in Extremen" auf 900 Quadratmetern mit über 800 bedeutenden Exponaten aus allen Kontinenten präsentieren.
Hier einige der wichtigsten Themen:

Spektakulärer Mammutfund kommt in Klima-Ausstellung nach Herne

Ein Donnern kündigt sie an, schwere, stampfende Schritte ertönen schon von weitem, eine Mammut-Herde bewegt sich durch die sibirische Tundra. Mitten drin ein Mammut-Baby, 90 Zentimeter groß, etwa sieben Monate alt. Der Kleine ist krank, hat eine Fußverletzung und ist von Parasiten befallen, er schleppt sich etwas hinter den anderen Tieren her. Plötzlich, ein unbedachter Schritt: Das geschwächte Kalb fällt in eine Schlammkuhle. Die anderen Tiere ziehen weiter, nur die Mutter bleibt, streckt ihren Rüssel in die Grube, versucht das Baby herauszuziehen, vergeblich. Sie wartet, bis ihr Junges erlöst wird, passt auf, dass keine Raubtiere zu nahe herankommen, die sich schon von allen Seiten nähern - bis das Mammut endlich im Schlamm versinkt, dauert es mehrere Tage.

Die traurige Geschichte des Mammut-Babys Dima ereignete sich vor rund 35.000 Jahre in Russland, im sibirischen Permafrostgebiet, wohin sich die Mammuts am Ende der letzten Eiszeit zurückgezogen hatten. Zum Glück für die Forscher: "Denn nur wegen der eisigen Temperaturen wissen wir auch, warum Dima so schwach war und ums Leben gekommen ist", sagt Barbara Rüschoff-Thale. "Der sibirische
Dauerfrostboden ist eine natürliche Gefriertruhe, die zahlreiche Tierleichen bis heute bewahrt hat", erklärt die Leiterin des Westfälischen Museums für Archäologie in Herne, in dem das Mammut-Baby bei der Ausstellung "Klima und Mensch" zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder in Deutschland zu sehen ist. Auch Dima war über zehntausende Jahre vollständig gefroren, gute konserviert sind noch sämtliche inneren Organe im Körper erhalten.

Den Leichnam ins LWL-Museum nach Herne zu bekommen, war gar nicht so einfach. Der Leihgeber, das Zoologische Museum der Russischen Akademie der Wissenschaften St. Petersburg, ist ein zäher Verhandlungspartner. Rüschoff-Thale: "Es hat über ein Jahr gedauert, bis das Museum überhaupt zu Gesprächen bereit war - eine positive Entscheidung für uns stand da noch in weiter Ferne." Aber: Die Treffen in Russland haben sich für die Museumsleiterin auch aus einem anderen Grund gelohnt. "Ich habe dort viel aus erster Hand über die Fundgeschichte von Dima erfahren."

Denn nicht nur Dimas Tod, sondern auch die Entdeckung des Mammut-Babys vor 30 Jahren war etwas Besonderes. Eine Gruppe von Goldsuchern buddelte im Sommer 1977 direkt über Dimas Leichnam, der von einer dicken Schicht aus knochenhartem, gefrorenen Schlamm bedeckt war. Immer wieder riss die Schaufel eines Baggers den Boden auf, holte Kies und Sand nach oben, bis plötzlich der Baggerfahrer etwas Ungewöhnliches erblickte. Er stieg von seinem Fahrzeug herunter, schaute in das Loch und entdeckte das Mammut.

"Zum Glück informierten die russischen Goldgräber Wissenschaftler vor Ort, die den Fund sicherten", sagt Barbara Rüschoff-Thale. Eile war geboten, denn das am besten erhaltene Mammutbaby, das jemals gefunden wurde, drohte aufzutauen und zu verwesen. Die Forscher tauchten den Leichnam in Paraffin, das den Körper konservierte.

Ein Forscher erklärt mit Fußball das Klima

Samstag, 4. Februar 2006, 15.46 Uhr in Gelsenkirchen: Lincoln legt sich den Ball zurecht, läuft an, schießt das Leder in einem Bogen über die Mauer - und Borussia Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller lenkt den Ball zur Ecke. Fast hätte es 1:0 für Schalke 04 gestanden. Schalke hätte das 127. Revierderby danach vielleicht kontrolliert, noch ein Tor gemacht und gewonnen. Aber nur "vielleicht", denn stattdessen blieb es beim 0:0, auch nach 90 Minuten.

"Für diese Fußballpartie spielt ein solcher vergebener Freistoß sicherlich eine große Rolle, für die gesamte Saison bedeutet er eventuell noch etwas, für die kommenden Jahre wahrscheinlich schon nichts mehr, für die ,Ewige Tabelle' der Bundesliga praktisch nichts", sagt Prof. Dr. Andreas Hense, der die Ausstellung "Klima und Mensch" wissenschaftlich begleitet.

Was hat das Klima mit Kicken zu tun? Der Klimaforscher von der Universität Bonn nutzt den Fußball-Vergleich, um einen wichtigen Unterschied zu veranschaulichen - den zwischen Klima und Wetter. Zu ahnen, ob der Schuss ins Tor geht, käme demnach der Frage gleich, ob es aus einer bestimmten Wolke am Himmel regnen wird oder nicht. Das Spielergebnis als Summe vieler Spielzüge und Freistöße vorherzusagen, sei schon schwieriger - ähnlich wie das Wetter der kommenden Tage zu kennen, das sich aus vielen Wolken zusammensetzt und sich kurzfristig ändern kann.

Wer eine Prognose über eine gesamte Saison abgeben möchte, müsse im Vergleich den Verlauf aller vier kommenden Jahreszeiten ankündigen. Hense: "Das Auf und Ab in der ,Ewigen Tabelle' gibt das langfristige Klima wieder. Extreme oder überraschende Einzelspielergebnisse beeinflussen aber nicht die Ewige Tabelle des Klimas." Diesen Vergleich finden die Besucher auch im LWL-Museum in Herne. Hense erklärt, warum: "Bei beiden, beim Fußball und beim Klima, sind Voraussagen schwierig, weil vieles zu einem gewissen Grad vom Zufall abhängig ist."

Der Klimaforscher kann auch anders, wissenschaftlicher. "Das Wetter ist der physikalische Zustand der Atmosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort." Das heißt: Wolken, Regen, Schnee, Sonnenschein, die aktuelle Temperatur, ein Wirbelsturm, "all das, was tatsächlich draußen zu sehen und zu fühlen ist, macht das Wetter aus. Klima hingegen ist die Statistik des Wetters in der Atmosphäre und im Ozean", erläutert Hense, "es beschreibt alle möglichen und wahrscheinlichen Stürme und Wasserströmungen, Regengüsse und Hitzewellen." Je nachdem, wie lange und für welche Region die Forscher die Atmosphäre und den Ozean beobachten, sprechen sie von regionalem oder globalem Klima.

Neben dem "Fußball-Klima-Modell" erklären andere Exponate in Herne, welche Gase sich in der Atmosphäre befinden, wie der Treibhauseffekt entsteht oder warum Regen und Schnee fallen. Plakativ verdeutlichen das die Globen von Ingo Günther.

Der international renommierte Künstler ersetzt zum Beispiel auf einer von sechs Weltkugeln das gewohnte Bild der Erde durch helle und dunkle Flecken: Sie stellen die Orte dar, an denen Eis- und Schneeflächen oder heller Wüstensand das Sonnenlicht reflektieren und damit die Atmosphäre abkühlen oder an denen dunkle Flächen wie Wasser und Wälder das Sonnenlicht absorbieren und die Atmosphäre aufheizen.

Auch Klimaforscher Hense möchte klarmachen, dass viele Faktoren das Klima beeinflussen, so wie auch viele einzelne Spielaktionen die Fußball-Bundesliga. Im Gegensatz dazu sei das Klima allerdings deutlich wichtiger für die Menschheit. "Wir müssen die Eingriffe der Menschen in das komplizierte Netz des globalen Klimasystems besser verstehen", sagt Andreas Hense. Von einer "Klimakatastrophe" als Folge dieser Eingriffe zu sprechen lehnt der Forscher vehement ab. "Katastrophen sind Ereignisse, die eigentlich nicht für möglich gehalten werden. Wir wissen aber, wie die möglichen Entwicklungen ablaufen könnten, auch wenn wir noch nicht genug wissen, um die wahrscheinlichen Entwicklungen abschätzen zu können."

Apropos Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten: Das lässt sich auch im Fußballbild ausdrücken - etwa wenn die Clubs des Ruhrgebiets weitere fünf Jahre ohne Titel blieben: "Wir wissen, dass der Gewinn der Deutschen Meisterschaft durch eine Revier-Mannschaft möglich ist. Aber wie wahrscheinlich ist dies in den kommenden Jahren in Anbetracht der Überlegenheit von Bayern München?"

Saurer Regen am Kölner Dom und wie Rinder Klima machen

Wenn man zu den reich verzierten Spitzen des Kölner Domes schaut, erblickt man jahrhundertealte Steinmetzkunst, originale Zeugen von über 700 Jahren Geschichte. Original? Schön wär's, leider stammt keine einzige der Spitzen der gewaltigen Kirche mehr aus dem 13. oder den folgenden Jahrhunderten, als die Dombaumeister mit ihrem Werk begannen.

"Der so genannte saure Regen, der durch die Auto- und Industrieabgase entsteht, ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem immer größeren Problem geworden. Er hat den weichen Drachenfelser Trachyt der Domspitzen einfach zerfressen", sagt Archäologin Julia Hallenkamp-Lumpe.

Die Wissenschaftlerin freut sich deswegen besonders darüber, dass eine originale Spitze des gotischen Domes aus dem späten 13. Jahrhundert in der Ausstellung "Klima und Mensch" im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne zu sehen ist. "An ihr können wir sehr gut erkennen, wie der Mensch mit seinem Einfluss auf die Umwelt seine eigenen Bauwerke zerstören kann."

Das Beispiel des Domes ist auch aus einem anderen Grund einzigartig: Der Steinbruch, in dem das Material für die Domspitzen gewonnen wurde, steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Einen Ersatz aus dem Original-Gestein wird es daher nicht mehr geben.

Der Kölner Dom ist zwar schon 700 Jahre alt, Umweltzerstörung ist aber ein noch viel älteres Thema, wie die Ausstellung in Herne zeigt. Einen großen Einschnitt setzen die Wissenschaftler in der Zeit vor etwa 12.000 Jahren, als im Nahen Osten die ersten Jäger und Sammler sesshaft wurden und begannen Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. "Mit jedem Entwicklungsschritt, den der Mensch seitdem gegangen ist, wurde sein Einfluss auf die Umwelt größer", berichtet Julia Hallenkamp-Lumpe. "Unsere Vorfahren reagierten nicht mehr nur auf die Umwelt, sondern griffen zunehmend aktiv ein."

In den ersten Jahrtausenden der Sesshaftigkeit lebte der Mensch noch weitgehend im Einklang mit der Natur. "Weil die Bevölkerungszahlen aber immer rascher stiegen, mussten die Menschen immer mehr Landschaft immer intensiver nutzen - und damit veränderten sie die Landschaft auch." Sie störten den Energie- und Wasseraustausch, vernichteten durch Brandrodungen die Wälder als natürliche Kohlenstoffspeicher und setzten diesen zugleich frei.

Die Folge: Der Kohlenstoff reagiert mit dem Sauerstoff der Luft und verwandelt sich in Kohlendioxid, das den natürlichen Treibhauseffekt verstärkt. Nur ein Beispiel aus der Geschichte: "Die Menschen im alten Griechenland holzten vor über zweieinhalbtausend Jahren in Attika ganze Wälder ab, um eine Flotte gegen die Perser zu bauen", sagt die Archäologin.

Heute verändern ausgedehnte Städte durch ihre Wärmeausstrahlung sogar die lokalen Wind- und Niederschlagsverhältnisse. Mit weiteren Folgen: "Das so genannte Mikroklima riesiger Städte beeinflusst das Umlandklima, das wiederum das regionale Klima mitbestimmt", erklärt die Forscherin.

Seit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert nutzt die Menschheit in vergleichsweise kurzer Zeit riesige Mengen der fossilen Energieträger Öl, Erdgas und Kohle, die sich über Millionen von Jahren angesammelt haben. Bei deren Verbrennung entsteht ebenfalls das Treibhausgas Kohlendioxid. Für den Treibhauseffekt ist zudem ein weiterer, ungewöhnlich erscheinender Faktor verantwortlich. "Mittlerweile beeinflussen wir sogar mit unserer Fleischproduktion das Klima", erklärt Julia Hallenkamp-Lumpe. "1,3 Milliarden Rinder weltweit erzeugen mit ihrer Verdauung zwölf Prozent aller Methangasemissionen auf der Welt. Das sind 115 Millionen Tonnen Treibhausgas - genau soviel wie der gesamte Verkehr auf der ganzen Erde freisetzt."

Doch die Ausstellung in Herne zeigt auch aktuelle Beispiele für die vielen positiven Ansätze, Aktionen und Forschungen, die den Klimaschutz zum Ziel haben. So rief etwa die Kenianerin Wangari Maathai das "Green Belt Movement" ins Leben. Im Rahmen dieses größten, panafrikanischen Aufforstungsprojektes wurden seit 1977 mehr als 30 Millionen Bäume gepflanzt. Für dieses Engagement erhielt Maathai 2004 den Friedensnobelpreis. Die Begründung: Der Frieden auf der Welt hängt von der Bewahrung der Umwelt ab.

Ältestes Lagerfeuer der Welt in Herne

Über Generationen kannten die Menschen, die vor etwa 1,6 Millionen Jahren im heutigen Südafrika lebten, Wärme nur als Sonnenstrahlen - an kühleren Abenden und natürlich im Winter froren die Männer, Frauen und Kinder. Die Familien schmiegten sich aneinander und suchten Unterschlupf vor der Kälte. Wenn durch Zufall mal in der Nähe ein Blitz in einen Baum einschlug, standen sie stundenlang davor - etwas ängstlich zwar, aber
auch begeistert von der Hitze, die der entflammte Baum ausstrahlte. Bis eines Tages ein Familienmitglied auf die Idee kam, einen brennenden Ast mitzunehmen und das Feuer mit gesammeltem Holz weiter brennen zu lassen: Der Grundstein für einen wichtigen Schritt in der menschlichen Evolution war gelegt.

"Für die frühen Menschen spielte das Feuer ein ganz wichtige Rolle", erklärt Museumsleiterin Dr. Barbara Rüschoff-Thale. "Unsere Urahnen waren nun für Wetterschwankungen besser ausgestattet und konnten auch in kälteren Gebieten außerhalb von Afrika überleben. Das ist letztendlich einer der Gründe, weshalb sich der Mensch über die ganze Erde ausbreiten konnte. " Die LWL-Archäologin ist deswegen stolz darauf, in der Ausstellung "Klima und Mensch" in Herne verbrannte Knochen vom ältesten bekannten Feuer der Welt zu zeigen, die aus Swartkraans, Südafrika, stammen.

"Das Feuer befriedigte viel mehr Bedürfnisse, als wir es uns in unserer technisch hochentwickelten Umgebung vorstellen können", erläutert Rüschoff-Thale. Feuer diente natürlich als Wärmespender, war aber auch Waffe und Schutz vor wilden Tieren.

Die Menschen konnten mit dem Feuer kochen: "Manche Speisen wurden überhaupt erst genießbar, andere konnten besser verwertet werden - die Garung spaltet zum Beispiel die Eiweiße im Fleisch auf, die wiederum wichtig für die Hirnbildung beim Menschen waren." Und: Das Feuer war der soziale Mittelpunkt einer jeden noch so kleinen Gesellschaft: "Ums Feuer scharte man sich, tauschte Erfahrungen aus, und hier fanden sicher auch wichtige Zeremonien statt".

Die frühen Menschen, die Afrika verließen, um in andere Gebiete vorzudringen, verbreiteten das Wissen des Feuermachens. Rüschoff-Thale: "Die ältesten bekannten Feuerreste außerhalb Afrikas sind daher auch erst halb so alt, etwa 800.000 vor unserer Zeit. Das bisher älteste Feuer in Europa, das Wissenschaftler entdeckt haben, brannte vor 600 000 Jahren am Mittelrhein." Die Menschen lernten schnell, die Flammen zu kontrollieren. In der folgenden Zeit, über zehntausende Jahre hinweg, experimentierten sie mit Feuerstein, Pyrit, Markasit und Zunder, um selbst Feuer zu machen.

Erst viel später begannen die Menschen, den Hitzespender auch für viele andere Zwecke einzusetzen. In der Ausstellung sind Exponate von einer Steinlampe über einen Altarleuchter bis zu Kochgeschirr zu sehen - dazu gehören auch Feuerzeuge, denn die Menschen wollten das Feuer immer bei sich haben. Das Wort "Feuer-Zeug" erinnert noch daran, dass es ursprünglich aus mehreren Gegenständen bestand: Im Mittelalter waren das Feuerstahl und Feuerstein, Zunder und Häcksel.

Auch andere Technologien wurden durch die "Zähmung des Feuers" möglich. Die Menschen verhütteten Erz, schmolzen Metall und erfanden Feuerwaffen. "Dann schloss sich der Kreis" so Barbara Rüschoff-Thale. Denn die flächendeckende Nutzung des Feuers war der Start für den Einfluss auf das Klima durch den Menschen. Zum Beispiel wurden Unmengen Holz gebraucht. "Wie sich das auch schon auf das Klima auswirkte, es zumindest lokal verändert hat, ist noch wenig erforscht.

Mit der Dampfmaschine, ebenfalls mit Feuer betrieben, begann dann die Industrialisierung, ohne die unsere Welt heute nicht mehr denkbar ist." Spätestens seit dieser Zeit beeinflussen die Menschen massiv das Klima - mit bislang unbekannten Folgen.

Der Neandertaler trotzte dem Klima - und verschwand

Als der etwa 30-jährige Mann auf die Jagd ging, ahnte er noch nicht, was ihm an diesem Tag passieren sollte. In einem dunklen Waldstück erspähte er Spuren eines Rinds, denen er über mehrere Hundert Meter folgte. An einem Bach sah er dann das Tier, schlich sich an, immer näher, hob seine Axt - und bekam einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf. Ein anderer Jäger war ihm zuvor gekommen, hatte das Beutetier schon für sich ausgemacht und sich mit einem schweren Stock den Konkurrenten vom Hals geschafft. Der verletzte Mann hatte Glück, einige Stunden später fanden ihn einige Familienmitglieder, blutend, mit einem dicken Loch im Kopf.

Die Geschichte spielte sich so oder ähnlich vor etwa 125.000 Jahren ab, im Gebiet des heutigen Krapina in Kroatien. Das Besondere an der Geschichte: "Die Angehörigen des Neandertalers
kümmerten sich um den verletzten Jäger und pflegten ihn wieder gesund", sagt Dr. Michael Baales. Der LWL-Archäologe begründet seine Theorie mit einem Fundstück, das in der Ausstellung "Klima und Mensch" ab dem 30. Mai im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne zu sehen ist. "Das Schädeldach weist eine verheilte, schwere Kopfverletzung auf, die der Mann ohne Pflege niemals überlebt hätte." Sein Fazit: "Auch der Neandertaler war ein Gemeinschaftswesen, wie alle Menschen." Darauf deutet auch eine Elle hin, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird und deren Narben wahrscheinlich von Arthrose oder einer Amputation herrühren.

Für die Wissenschaftler beweisen diese Funde, dass die Neandertaler sich sozial verhielten, "ohne das sie in den extremen Situationen und Klimaten auch nicht hätten überleben können". Die frühe Menschenart musste sich, wie alle menschlichen Gemeinschaften, mit Krankheiten, aber auch mit Verletzungen aus gewaltsamen Kämpfen auseinandersetzen. Auch diesen Teil der menschlichen Geschichte dokumentiert die Ausstellung - etwa mit einem 5.000 Jahre alten Schädel, den Archäologen in Porsmose in Dänemark fanden und in dem noch eine Pfeilspitze steckt.

Der Neandertaler benötigte den sozialen Zusammenhalt auch, um mit den wechselnden und extremen Klimabedingungen in Europa zurechtzukommen. Vor 120.000 Jahren zum Beispiel war es durchschnittlich bis zu zwei Grad wärmer als heute. Während der Höhepunkte der jüngsten Eiszeit dagegen wurde es selbst im Sommer kaum wärmer als zehn Grad Celsius, und die Winter waren lang mit ständigem Frost.

Trotzdem verbreitete sich der Neandertaler von Portugal bis nach Usbekistan, von Italien bis Wales, wo er zeitgleich mit Leoparden lebte, wie Fundstücke in der Ausstellung belegen. In Herne war er übrigens auch. Ein etwa 80.000 bis 100.000 Jahre alter Faustkeil, den man in der Ruhrgebietsstadt fand, belegt das.

"Er war sehr flexibel, körperlich wahrscheinlich sogar besser gerüstet als der Homo Sapiens, der vor etwa 200.000 Jahren in Ostafrika entstand", berichtet Michael Baales. Der klassische Neandertaler hatte massivere Knochen und einen muskulöseren Körperbau als der moderne Mensch, außerdem Überaugenwülste, eine flache Stirn und ein fliehendes Kinn.

"Der Neandertaler hatte zudem ein größeres Hirnvolumen, konnte besser hören und sehen und war stärker", erklärt der Archäologe. Trotz dieser Vorteile starb der Neandertaler vor etwa 36.000 Jahren aus. "Warum, weiß niemand so genau", sagt Baales.

Vielleicht lag es ja daran, dass sich der Homo Sapiens aus Europa wieder nach Afrika zurückzog, als es vor 64.000 Jahren während der letzten Kaltzeit in Europa wieder richtig eisig wurde. Der Neandertaler aber blieb - und verschwand.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Unesco und des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und ist ein Kooperationsprojekt mit der Nordrhein-Westfälischen Stiftung für Umwelt und Entwicklung. Sie wird außerdem gefördert von: Kulturstiftung Westfalen-Lippe, Gelsenwasser AG, ThyssenKrupp Steel AG, Schenker Deutschland AG, RWE Westfalen-Weser-Ems AG, Stadtwerke Herne AG, 1komma6 Multimediale Dienstleistungen GmbH, Bildungs- und Erziehungsstiftung der Herner Sparkasse, Herner Sparkasse, DB Regio NRW GmbH, Schwing GmbH, Deutsche Steinkohle AG, Stadt Herne, Stadtmarketing Herne GmbH, Ter Hell Plastic GmbH, Germanwings GmbH, CareUnit AG, Deutsche Benkert GmbH & Co. KG, Reifen Stiebling GmbH, Dr.Hauschka Kosmetik/Wala Heilmittel GmbH, Bofrost Dienstleistungs GmbH und Co. KG, Sasol Germany GmbH, Kulturinitiative Herne e.V., Verein der Freunde und Förderer des Westfälischen Museums für Archäologie e. V.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


Der LWL auf Facebook:
http://www.facebook.com/LWL2.0







Ihr Kommentar




zu den aktuellen Presse-Infos