LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 13.03.06

Foto zur MitteilungNotkultur nach dem Krieg in "Aufbau West"
Foto: LWL/Holtappels


Foto zur MitteilungWerbeplakat der Deutschen Kohlenbergbauleitung in Essen aus dem Jahr 1949.
Foto: Bergbau-Archiv Bochum


Foto zur MitteilungAus der Nachkriegsproduktion in Rhein-bach: Glasbecher mit dem Porträt des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, um 1963.
Foto: LWL


Foto zur MitteilungDas "Turbanmännchen", bekleidet mit verschiedenen Stoffen, warb in den 1960er Jahren für Produkte der Firma Reichel in Rheinberg.
Foto: privat, Repro: LWL


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Presse-Infos | Der LWL

60 Jahre Nordrhein-Westfalen
"Aufbau West" zeigt frühe Erfolgsgeschichte des Landes

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Dortmund (lwl). In diesem Jahr feiert Nordrhein-Westfalen sein 60-jähriges Bestehen. Einige Monate vor den offiziellen Feiern blickt das Westfälische Industriemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL) in Dortmund mit seiner Sonderausstellung "Aufbau West" (bis 26.3.) auf die Anfänge des Landes zurück und dokumentiert seinen Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Briten hatten im Rahmen der Neuordnung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 Rheinland und Westfalen zum Bindestrichland zusammengefügt. Im Juni 1946 beschloss die Regierung in London diese Ehe, die als "operation marriage" in die Geschichtsbücher einging. "Grund zum Feiern sahen zunächst jedoch die Wenigsten, denn diese Verbindung war eher eine Zwangs als eine Liebesheirat. Außerdem brachten die Briten ungebeten noch zahlreiche Verwandte mit in die junge Ehe ein, als sie begannen, einen großen Teil der Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten von den Flüchtlingsaufnahmeländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen umzusiedeln.

Die Bewohner des neuen Bundeslandes waren 'not amused', denn ihnen fehlte es selbst am Nötigsten", so LWL-Ausstellungsmacherin Dr. Dagmar Kift. Vor allem das industrielle Herzstück des Landes an Rhein und Ruhr hatte im Bombenkrieg schwere Schäden davongetragen: zahlreiche Betriebe der Schwerindustrie, dazu drei Viertel der Bergarbeiterwohnungen sowie die meisten Straßen und Schienenwege waren zerstört und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Heizmaterial mehr als mangelhaft.

Wie die Menschen improvisierten und vieles am Rande der Legalität organisierten, deuten in "Aufbau West" unter anderem ein Schlachterbesteck, das für die Schwarzschlachtung steht, sowie ein Eimer Kohle an: Der Kölner Kardinal Frings versicherte der frierenden und hungernden Bevölkerung in seiner Silvesterpredigt 1946, sie dürfe in Gottes Namen ruhig auch mal Kohlen klauen. Ab jetzt hieß der Kohlenklau im Volksmund "Fringsen".

Der Wiederaufbau begann im Ruhrgebiet, denn mit dem Bergbau verfügte NRW über die entscheidende Schlüsselindustrie. Ohne Kohle konnten keine Mahlzeiten gekocht, keine Wohnungen beheizt und auf dem Weltmarkt keine Lebensmittel gekauft werden. Ohne Kohle fuhren keine Lokomotiven und Schiffe, liefen keine Fabriken und konnte kein Strom erzeugt werden. "Auf den Bergmann kommt es jetzt an" heißt eines der Plakate, mit denen "Aufbau West" die Werbung des Bergbaus um mehr Arbeitskräfte verdeutlicht: Nur mit mehr Bergleuten konnte mehr Kohle gefördert werden.

Im Bergbau fanden auch viele Flüchtlinge und Vertriebene Arbeit und bauten sich hier eine neue Existenz auf. Fast jeder dritte Heimatvertriebene, der in die nordrhein-westfälische Industrie angeworben wurde, ging in die Montanindustrie. Auch in der Glas-, Textil- und Bekleidungsindustrie oder im Anlagen- und Maschinenbau ersetzten Flüchtlinge und Vertriebene die fehlenden Arbeitskräfte. Sie gaben aber auch als Unternehmer zahlreiche Anstöße, siedelten neue Industriezweige an und erweiterten einheimische Produktpaletten.

So suchte die zu 70 Prozent kriegszerstörte und bislang wenig industrialisierte Stadt Rheinbach im Rheinland nach einer "schornsteinlosen Industrie" - und siedelte ab 1947 systematisch vertriebene Firmen und Fachleute aus der nordböhmischen Glasveredelungsindustrie an. Ein Jahr später folgte die Gründung einer Glasfachschule, die bereits zehn Jahre später als die größte der drei Glasfachschulen der Bundesrepublik galt. Glasindustrie und Fachschule wurden im Raum Bonn-Euskirchen zu strukturbestimmenden Faktoren. Objekte aus der Rheinbacher Produktion zeigen, wie sich das böhmische Glas hier weiterentwickelte.

Heimtextilien der Firma Reichel aus Rheinberg (Kreis Wesel) dagegen illustrieren nicht nur die Geschichte einer weiteren industriellen Neuansiedlung. Sie dokumentieren auch eine abenteuerliche Betriebsgeschichte. 1937 hatte Herbert Reichel mit einer Weberei im Sudetenland angefangen und den Betrieb nach der Vertreibung in seiner Geburtsstadt Hohenstein-Ernstthal in Sachsen neu aufgebaut. Angesichts der drohenden Enteignung verließ er, wie so viele Unternehmer, die junge DDR - und fing in Rheinberg in den späten 1940er Jahren ein drittes Mal neu an. Er beschäftigte bis zu 1.800 Menschen, darunter viele Fachleute aus seiner sächsischen Heimatstadt, und die Einwohnerzahl der Stadt wuchs von 5.400 vor dem Krieg auf 12.300 um 1970 an.

Viele der damals gegründeten Betriebe existieren heute nicht mehr. NRW ist seit einigen Jahren auf dem Weg zu einer international konkurrenzfähigen Hightech-, Dienstleistungs- und Wissenschaftsregion. Vor 60 Jahren aber waren seine traditionellen Industrien die Grundlage für einen erfolgreichen Wiederaufbau. Sie und die Menschen, die in ihnen arbeiteten, standen in den Jahren nach dem Krieg zudem nicht nur im Brennpunkt der wirtschaftlichen, sondern auch der sozialen und politischen Auseinandersetzungen der jungen Bundesrepublik. Der damalige Ministerpräsident Arnold beispielsweise sah in der Montanmitbestimmung einen wesentlichen Baustein seines Ziels, NRW zum "sozialen Gewissen der Bundesrepublik" zu machen. Der Bochumer Historiker Dietmar Petzina bezeichnete NRW nicht zuletzt deshalb unlängst als das "Labor des sozialen Ausgleichs für die alte BRD".

Die Ausstellung "Aufbau West" rückt die frühe Erfolgsgeschichte des Landes ins Licht und erzählt sie am Beispiel der nordrhein-westfälischen Industrien und anhand von 40 Lebensgeschichten. "Mit diesem biografischen Ansatz macht die Ausstellung die große Geschichte auch auf einer sehr persönlichen Ebene nachvollziehbar - und die Anteile der Menschen am Erfolg des Landes deutlich", so Kift.

Das LWL-Museum Zeche Zollern II/IV in Dortmund bietet jeden Sonntag um 15 Uhr kostenlose Führungen (nur Museumseintritt) an. Der Ausstellungskatalog Aufbau West. Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder (19,90 €) ist im Museumsshop sowie im Buchhandel erhältlich. Die gleichnamige DVD mit Unterrichtsmaterialien und einem Quiz für Lehrer und Schüler ist ebenfalls im Museumsshop erhältlich oder kann beim Westfälischen Landesmedienzentrum bestellt werden (medienzentrum@lwl.org, 19,90 €).

"Aufbau West - Neubeginn zwischen Vertreibung und Wirtschaftswunder" bis 26.03.2006
Westfälisches Industriemuseum Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5, Dortmund-Bövinghausen
Geöffnet Di - So 10 - 18 Uhr

Termine: sonntags, 15 Uhr Offene Ausstellungsführung
Fr, 17.3., 18 Uhr
Wirtschaftswunderrevue. Die 50er Jahre live mit den "Sweethearts", Eintritt 5 €
Do, 23.3., 20.30 Uhr Filmschätze: Kultur im Revier in den 1950er Jahren
So, 26.3. 11-18 Uhr Abschlussfest: Führungen, Kinderprogramme,
historische Maschinen in Aktion, Oldtimer-Show,
Schlagerperlen mit der Gruppe "Sweethearts"



Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, Westf. Industriemuseum, Tel. 0231 6961-127 und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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