LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 20.04.05

Foto zur MitteilungLouis Decaestecker, französischer Zwangsarbeiter, als 22-Jähriger auf seinem Schlepper "016" bei Magdeburg. Seine Erinnerungen sind ebenfalls in dem Buch nachzulesen.
Foto:privat


Foto zur MitteilungAlfred Dusautier an seinem 84. Geburtstag am 2. Juli 2004 bei der ersten Durchsicht der deutschen Übersetzung seiner Erinnerungen.
Foto: WIM


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Presse-Infos | Der LWL

Zwangsarbeit in der Binnenschifffahrt
Westfälisches Industriemuseum stellt neues Buch vor

Bewertung:

Dortmund / Waltrop (lwl). Im Jahr 1943 war jeder vierte Arbeiter auf deutschen Schiffen ein "Ausländer": 12.500 Zwangsarbeiter aus 15 Nationen gehörten zum fahrenden Personal in der Binnenschifffahrt. Einer von ihnen war der junge Bankangestellte Alfred Dusautier aus Armentières (Frankreich).
Seine Erinnerungen stehen im Mittelpunkt eines neuen Buchs aus dem Westfälischen Industriemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).

Die erste fundierte Studie zu einem bislang unerforschten Kapitel in der Verkehrsgeschichte stellte der LWL am Mittwoch (20.4.) im Museum Altes Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop vor. Herausgeber Dr. Eckhard Schinkel, wissenschaftlicher Referent im LWL-Industriemuseum, hat die in ihrer Ausführlichkeit einzigartigen Erinnerungen des heute 84-jährigen Franzosen durch weitere Zeitzeugenberichte und historische Dokumente aus dem Reichsverkehrministerium ergänzt. Seine Forschungsergebnisse zum Thema Zwangsarbeit in der deutschen Binnenschifffahrt sind in zwei Studien zusammengefasst.

"Die Veröffentlichung stößt bereits jetzt auf große Resonanz", freut sich Schinkel. So würdigte Bundesverkehrsminister Dr. Manfred Stolpe das Buch als "wertvolle Publikation". Dem Westfälischen Industriemuseum komme das große Verdienst zu, einen bisher weithin unbekannten Aspekt deutscher Geschichte anhand von Zeitzeugenberichten wissenschaftlich aufgearbeitet und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben.

Ausländer standen während des Zweiten Weltkriegs in der Arbeitshierarchie ganz unten, das galt grundsätzlich auch für die Schiffsbesatzungen. In der kleinen Gemeinschaft an Bord war das Klima aber oft besser. Eckhard Schinkel: "Die Chancen für eine menschlichere Arbeit unter dem allgemeinen Diktat des Unrechts waren in der Binnenschifffahrt größer als in der Montan- und Schwerindustrie." Diese Erfahrungen machte auch Alfred Dusautier. Er gehörte zu den 4014 Franzosen, die im Jahr 1943 im Rahmen des S.T.O. (Service du Travail Obligatoire) nach Deutschland deportiert wurden. Von März 1943 bis April 1945 leistete er Zwangsarbeit bei der Kanal-Verkehrs-Aktien-Gesellschaft, die längste Zeit davon auf dem Binnenschiff "Wettstein", das vor allem Kohle und Erze zwischen dem Ruhrgebiet und Salzgitter transportierte.

1995 begann Dusautier seine Erinnerungen aufzuschreiben und knüpfte erste Kontakte zum Westfälischen Industriemuseum. Seine mehr als 100 Seiten umfassenden Aufzeichnungen, die das Museum für die Publikation übersetzen ließ, schildern erlebte und erlittene Wirklichkeit: die Requirierung, den Bahntransport nach Dortmund und weiter nach Blexen, die Ausbildung zum Matrosen - und natürlich immer wieder den Arbeitsalltag. Schwerstarbeit war vor allem der Umschlag der Ladung in den Häfen: Für das Öffnen und Schließen der Luken mussten zwei Männer jeweils vier Tonnen Planken und Eisenträger zur Seite räumen:

"Für das Entladen, das in einem höllischen Tempo durch fahrbare Brückenkräne erfolgte, hatten wir schon am frühen Morgen damit begonnen, die vielen Planken aufzunehmen, mit denen die Laderäume abgedeckt waren. Das Schiffsdeck wurde aufgeräumt, man rollte die Festmachedrähte auf. Das war eine einfache, aber schmerzhafte Arbeit für die Hände, wenn man über keine Schutzhandschuhe verfügte. Die KVAG hatte sehr wenig Sorge für unsere persönliche Ausrüstung getragen. Erst viel später, Anfang Juni 1943, konnte ich mir das erste Paar gebrauchte Arbeitshandschuhe besorgen im Tausch gegen eine Dose Ölsardinen, die sich in einem Paket von meiner Mutter befand."

Neben den Erinnerungen Dusautiers und weiterer Zeitzeugen enthält das Buch auch die Geschichte von Jozef Wieczorkiewiecz aus Polen, der 1999 auf der Suche nach seiner Vergangenheit im Alten Schiffshebewerk nach 54 Jahren seine "Nixe" wiederfand. Auf dem Dampfbereisungsboot leistete er während des Krieges zwei Jahre lang als Heizer Zwangsarbeit. Heute liegt die "Nixe" als Museumsschiff in Waltrop vor Anker. Die Schilderungen des Polen und seine Begegnung in Waltrop, die seinerzeit auch in einem Videofilm festgehalten wurde, hat LWL-Museumsleiter Herbert Niewerth für das Buch zusammengefasst.

Totaler Einsatz für die Kriegswirtschaft.
Zwangsarbeit in der deutschen Binnenschifffahrt 1940-1945.

Erinnerungen - Dokumente - Studien.
Hg. v. Dr. Eckhard Schinkel,
Westfälisches Industriemuseum, Quellen und Studien, Band 11,
Klartext-Verlag, Essen 2005, 12,90 Euro



Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, Westf. Industriemuseum, Tel. 0231 6961-127 und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




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