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Mitteilung vom 18.03.05

Presse-Infos | Der LWL

Kumpel auf vier Beinen
Industriemuseum Zollern erzählt Geschichte der Grubenpferde

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Dortmund (lwl). Er mochte gerne Butterbrote, Äpfel und gepellte Apfelsinen und war ein echter Kumpel: Tobias arbeitete zwölf Jahre lang als Schlepper auf der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen - bis zum 23. Juni 1966. Als der braune Wallach in den Ruhestand ging, endete nach gut 100 Jahren die Ära der Grubenpferde im Ruhrbergbau.

Das Westfälische Industriemuseum Zeche Zollern II/IV erzählt die Geschichte von Tobias am Beginn einer Ausstellung über die "Kumpel auf vier Beinen". Vom 20. März bis 19. Juni 2005 informiert das Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) umfassend über Leben und Arbeit der Grubenpferde - von der Rekrutierung bis zum Gnadenbrot. Fotos, Exponate wie Zug-Geschirre und Grubenhalfter sowie Inszenierungen typischer Arbeitssituationen unter Tage und schließlich Berichte von Zeitzeugen machen das Thema anschaulich.

Das Bild vom Grubenpferd, das auf der siebten Sohle schuftete und niemals die Sonne sah, erregt heute vor allem Mitleid. "Mitte des 19. Jahrhunderts, als Grubenpferde erstmals im Ruhrbergbau eingesetzt wurden, gab es keine moralisierende Diskussion um ihren Einsatz. Zweckrationale Aspekte gaben den Ausschlag: Pferde erleichterten den Menschen durch ihre Zugkraft die Arbeit und steigerten die Produktivität der aufstrebenden Branche," erklärte Museumsleiterin Dr. Ulrike Gilhaus heute (18.3.) beim Presserundgang. Während ein erwachsener Schlepper nur eine Lore fortbewegte, konnte ein Pferd acht bis zehn Loren ziehen.

Seinen Höhepunkt erreichte der Pferdeeinsatz im Untertagebetrieb 1910 mit 8.384 Tieren im Bezirk des Oberbergamtes Dortmund. Nach dem Ersten Weltkrieg ging ihre Zahl mit der einsetzenden Mechanisierung allmählich zurück. Lokomotiven und Förderbänder lösten das Pferd in der Streckenförderung ab. 1950 gab es noch 550 Grubenpferde im Oberbergamtsbezirk. Auf "Zollern II/IV" ging mit Nurmi 1953 das letzte Grubenpferd in den Ruhestand.

Arbeiten und Leben unter Tage
Grubenpferde gehörten nicht den Zechen, sondern waren Eigentum von Pferdeverleihfirmen, die auch das Futter, Geschirr, Decken und sonstiges Zubehör lieferten. Nach der Anlieferung ging es mit dem Förderkorb unter Tage. Wie lange die Pferde dort blieben, war sehr unterschiedlich. Während es auf den kleinen Stollenzechen kein Problem bereitete, die Pferde täglich auf die Weide zurück zu führen, blieben die vierbeinigen Schlepper auf den großen Schachtanlagen monatelang, manchmal auch jahrelang unter Tage. "Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wäre der logistische Aufwand, Dutzende von Pferden täglich oder wöchentlich ans Tageslicht zu bringen, zu groß gewesen", erklärt die Historikerin Dr. Anne Kugler-Mühlhofer, die die Ausstellung mit erarbeitet hat.
Im Stall unter Tage erholte sich das Grubenpferd von den Strapazen der Schicht. Hier wurde das Tier gestriegelt und gepflegt. In regelmäßigen Abständen kamen Schmied und Tierarzt. Zu den häufigsten Krankheiten zählten Verletzungen der Hufe durch Feuchtigkeit oder scharfe Metallteile und Verdauungsstörungen. Außerdem verletzten sich die Tiere in den oft engen Streckenquerschnitten leicht an Kopf und Flanken, so dass ihr Körper bald mit Narben und Schwielen übersät war.
Erst seit den 1930er Jahren erregten die Arbeits- und Lebensbedingungen der Grubenpferde die Aufmerksamkeit des internationalen Tierschutzes. Gilhaus: "Durch Kampagnen versuchte man, Arbeitsbedingungen und Pflege der Tiere zu verbessern und forderte, auf die Arbeitskraft der Pferde zugunsten von technischen Transportmöglichkeiten ganz zu verzichten."
Betriebstechnisch galt das Grubenpferd als "Schlepper" und wurde auf den Schichtenzetteln auch so geführt. Seine Aufgabe war es, die beladenen und leeren Förderwagen von den Abbaustellen zum Schacht und zurück zu ziehen. Neben der Kohle beförderten die Tiere auch sämtliches Material für den Untertagebetrieb - oft in Doppelschichten. Ihre 400 bis 1500 Meter lange Strecke kannten die vierbeinigen Schlepper zwar "blind". Dass die meisten Grubenpferde in der ewigen Nacht unter Tage ihr Augenlicht verloren, ist aber ein falsch. Ulrike Gilhaus: "Zur Hochzeit des Pferdeeinsatzes gab es auf den Strecken und in den Ställen schon elektrisches Licht. Die Tiere lebten also nicht in vollständiger Dunkelheit."

Mythos Grubenpferd

Unmittelbarer Kamerad des Pferdes war oft ein sehr junger Bergmann. Anne Kugler-Mühlhofer: "Wer aus der Landwirtschaft kam oder mit Tieren umgehen konnte, bekam vom Steiger die Arbeit des Pferdeführers zugewiesen. Eine Anlernzeit gab es nicht." Die Menschen identifizierten sich stark mit ihren vierbeinigen Kameraden, deshalb entwickelte sich zwischen Mann und Pferd häufig eine enge Beziehung. Die schwere tägliche Anstrengung der Tiere beim Schleppen, vor allem aber ihr Dasein in der Dunkelheit und ihr eintöniges Leben in dem unnatürlichen Lebensraum erregten Mitgefühl und weckten Hilfsbereitschaft. Viele Bergleute verwöhnten ihre Tiere deshalb mit Leckereien.
Seit den 1930er Jahren widmeten Bergleute verstorbenen Grubenpferden symbolische Grabsteine, schrieben Bücher und Gedichte, schnitzten oder malten nach Feierabend Abbilder ihrer tierischen Kameraden. Später belegen viele Fotos der jeweils letzten Vierbeiner, dass man überall wehmütig Abschied nahm und sich bewusst war: mit Laudan, Otto, Castor, Nurmi, Wachtel, Emma und Tobias ging eine Ära zu Ende.

Kumpel auf vier Beinen. Grubenpferde im Ruhrbergbau
20. März (Eröffnung 11 Uhr) bis 19. Juni 2005

Westfälisches Industriemuseum Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5, Dortmund-Bövinghausen
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr
Eintritt: Erwachsene 3,50 €; Kinder ab 6 Jahren 2 €, Familienkarte 8 €

Terminhinweis: Begleitend zur Ausstellung findet unter dem Motto "Die Nachfahren der Grubenpferde stellen sich vor" über Pfingsten (14./15. Mai 2005) auf dem Gelände der Zeche Zollern II/IV eine Tierschau statt.



Pressekontakt:
Markus Fischer, Tel. 0251 591-235 und Christiane Spänhoff, LWL-Industriemuseum, Telefon: 0231 6961-127
presse@lwl.org




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