LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 07.03.05

Foto zur MitteilungPaul Brune in der Universitätsbibliothek Bochum, 2004.
Foto: Petrides


Foto zur MitteilungPaul Brune mit anderen Jugendlichen vor dem St.Johannes-Stift Marsberg, um 1950.
Foto: LWL/von Rüden


Foto zur MitteilungSt. Johannes-Stift Marsberg: Schlafsaal um 1950.
Foto: LWL/Hild


Foto zur MitteilungSt. Johannes-Stift Marsberg: Unterricht um 1950.
Foto: LWL/Hild


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Presse-Infos | Der LWL

Filmbiographie über die langen Schatten der Psychiatrie des 'Dritten Reiches"'

Bewertung:

Münster (lwl). Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat am Montag (7.3.) in Münster einen neuen Film mit dem Titel "Lebensunwert" über die NS-Psychiatrie vorgestellt. Der 45-minütige Film von Robert Krieg und Monika Nolte zeichnet am biographischen Beispiel Paul Brunes die Psychiatrie in der Nazi-Zeit nach, aber auch ihre dunkle Kontinuität bis fast in die Gegenwart. Das Porträt des heute 69-Jährigen hat das LWL-Landesmedienzentrum gemeinsam mit dem WDR produziert und als DVD herausgegeben.

Paul Brune wurde 1943 als Achtjähriger in die so genannte Kinderfachabteilung der Provinzialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck eingewiesen. Hinter der Beschönigung "Kinderfachabteilung" verbarg sich eine der Tötungsstationen der "Kindereuthanasie", die allein in Westfalen über 200 Säuglinge, Kinder und Jugendliche traf. Gleichzeitig gingen von Dortmund-Aplerbeck wie von der Klinik Marsberg (Hochsauerlandkreis), wohin Brune später verlegt wurde, auch die Transportaktionen im Rahmen der Erwachsenen-"Euthanasie" aus. Ihr fielen über 5.000 westfälische Patienten zum Opfer. Die Einrichtungen in Aplerbeck und Marsberg befanden sich wie alle Landesheilanstalten der Provinz Westfalen in der Trägerschaft des Provinzialverbandes, Vorläufer des LWL.

Mit Glück überlebte Paul Brune die Massenmorde der NS-Psychiatrie, doch zu einem hohen Preis: Die Stigmatisierung, "lebensunwert" zu sein, wurde er nie mehr los. Als angeblicher Psychopath blieb er auch nach Kriegsende gegen seinen Willen in der Psychiatrie und musste erleben, dass die Misshandlungen an Patienten dort praktisch unverändert weiter gingen.

Erst 1957 hob ein Gericht die Entmündigung von Brune auf. Er arbeitete hart für ein neues Leben, studierte und wollte Lehrer werden. Doch am Ende seines Studiums holte ihn seine alte "Irrenhausakte" wieder ein. Ein Amtsarzt attestiert ihm "asoziales Verhalten infolge Erbanlage". Brune, der heute in Bochum lebt, erkämpfte sich zwar noch sein zweites Staatsexamen, der Weg in den Schuldienst aber blieb ihm verwehrt.

"Die Biographie Paul Brunes ist in vielen Punkten erschreckend typisch für den Umgang der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit den Opfern der NS-Rassenhygiene und für die Zustände in der Psychiatrie der Nachkriegszeit insgesamt", so Dr. Markus Köster, Leiter des Westfälischen Landesmedienzentrums. Katastrophale Unterbringungsbedingungen, menschenunwürdige Behandlungsmethoden", das Verschweigen und Verdrängen der nationalsozialistischen Psychiatrieverbrechen und skandalöse personelle Kontinuitäten unter der Ärzteschaft hätten bis weit in die Zeit der Bundesrepublik hinein angedauert.

Die Verbrechen des Dritten Reiches im Zeichen der "Rassenhygiene" und der "Vernichtung unwerten Lebens" gehören zu den lange wenig beachteten Kapiteln deutscher Zeitgeschichte. Was 1934 mit massenhaften Zwangssterilisationen begann, endete seit 1939 nach Schätzungen für über 200.000 Menschen mit der Ermordung in der so genannten Euthanasie. Die Opfer dieser Verbrechen zählen noch immer zu den weitgehend vergessenen Opfergruppen. Sie selbst und ihre Angehörigen sind häufig bis heute traumatisiert und stigmatisiert.

Köster: "Erst die gesellschafts- und dann auch psychiatriegeschichtliche Zäsur im Gefolge von '1968' machte den Weg für eine kritische Reflexion der Verstrickung in die NS-Verbrechen frei. Dies gilt auch für die Psychiatrie im Bereich des Landschaftsverbandes. Nachdem hier bis in die 1970er Jahre sowohl im Anstaltsalltag als auch im Umgang mit der NS-Vergangenheit eklatante Defizite zu konstatieren waren, setzte parallel zur Psychiatriereform die Aufarbeitung der eigenen Geschichte ein."

Ihren vorläufigen Abschluss erreichte diese Aufarbeitung in der Verpflichtung, alle noch lebenden Opfer für das Unrecht um Entschuldigung zu bitten, das sie in den psychiatrischen Einrichtungen des LWL während des Nationalsozialismus und der Nachkriegsjahre erlitten haben.

LWL-Direktor Wolfgang Schäfer hatte sich im Januar 2003 offiziell bei Paul Brune entschuldigt. Bei der Filmpremiere am Montagabend in Münster machte Schäfer deutlich, dass "Leid und Unrecht nicht rückgängig zu machen sind, die Verbrechen der Vergangenheit uns aber jetzt und in Zukunft verpflichten, psychisch kranke und geistig behinderte Menschen zu unterstützen und das gesellschaftliche Klima so zu gestalten, dass sie mit uns gemeinsam ein menschenwürdiges Leben führen können."

Die DVD richtet sich insbesondere an die schulische und außerschulische Bildungsarbeit, um dort sowohl für eine historische Auseinandersetzung mit dem Thema "Euthanasie" als auch für einen Einstieg in dessen aktuelle Bezüge zur Verfügung zu stehen. Das Filmporträt Paul Brunes wird deshalb auf der DVD ergänzt durch ein Interview mit dem leitenden Chefarzt der LWL-Kinder- und Jugendklinik Marsberg, Dr. Falk Burchard, in dessen Vorgängereinrichtung Paul Brune mehrere Jahre untergebracht war. Burchard lenkt den Blick auf die beunruhigende Aktualität vieler Aspekte des Themas: von der disziplinierenden Funktion, die die Psychiatrie auch heute noch hat, über die Debatten um Chancen und Risiken der Humangenetik bis zu den in Zeiten knapper Kassen immer wieder aufbrechenden Kosten-Nutzen-Diskussionen im Gesundheitswesen.

Zur DVD gehört auch ein 30-seitiges Begleitheft: Es enthält neben einer biographischen Skizze Paul Brunes einen Beitrag des Historikers Prof. Dr. Franz Werner Kersting, der die Brüche und Kontinuitäten der westfälischen und deutschen Psychiatriegeschichte zwischen NS-Zeit und den 1970er Jahren beleuchtet. Im letzten Teil des Hefts findet sich zudem eine Zusammenstellung von weiteren Medien und didaktischen Materialien, die sich zur Behandlung des Themas im Unterricht verwenden lassen.

Die DVD ist beim LWL zum Preis von 14,90 Euro zuzüglich 2,60 Euro Versandkosten (ohne die Lizenz zur öffentlichen Vorführung und zum Verleih) bzw. 45 Euro (mit der Lizenz zur nichtgewerblichen öffentlichen Vorführung und zum nichtgewerblichen Verleih) erhältlich: Westfälisches Landesmedienzentrum, 48133 Münster, medienzentrum@lwl.org, Tel: 0251 591 3902.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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