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Mitteilung vom 29.07.04

Foto zur MitteilungEin Herz zum Tauschen: Diese Strohschatulle fertigte ein russischer Kriegsgefangener an, um sie gegen ein Stück Brot zu tauschen.
Foto: LWL


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Herz gegen Brot getauscht Ausstellung zeigt zum Jubiläum 'Schätze der Arbeit'

Bewertung:

Dortmund/Gütersloh (lwl). Mit einer großen Ausstellung feiert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen des Westfälischen Industriemuseums. Mehr als 250.000 Objekte hat das Museum in dieser Zeit zusammengetragen - ein Gedächtnis der Region: Die Objekte liefern einmalige Einblicke in die Arbeits- und Alltagsgeschichte der Industrialisierung. Das Spektrum reicht vom Abortkübel bis zur Dampflok, von der Glasmacherpfeife bis zum Henkelmann. Nur ein Bruchteil der Stücke ist normalerweise in den Dauerausstellungen an den acht Standorten des Museums für die Öffentlichkeit zugänglich. Zum Jubiläum packt das Westfälische Industriemuseum sein Lager aus und zeigt in der Zentrale auf der Zeche Zollern II/IV in Dortmund rund 500 'Schätze der Arbeit'. In einer Serie stellt der LWL die originellsten, ältesten und bedeutsamsten Exponate der Ausstellung vor.

Strohschatulle eines russischen Kriegsgefangenen
Die kleine Strohschachtel sieht aus wie ein Urlaubssouvenir. Die Handarbeit, die mit viel Sorgfalt und Geschick angefertigt worden ist, verrät nichts über die grausamen Umstände, unter denen sie entstanden ist. Denn die herzförmige Schatulle ist das Werk eines russischen Kriegsgefangenen, der während des Zweiten Weltkrieges in einem Lager bei Bielefeld untergebracht und wohl verzweifelt auf der Suche nach Lebensmitteln war.

'Seinen Namen und die Geschichte seiner Schachtel kennen wir nicht', berichtet Anja Kuhn, wissenschaftliche Referentin im Westfälischen Industriemuseum Henrichshütte Hattingen. 'Über ähnliche Objekte wissen wir, dass sie oft in der knappen Freizeit hergestellt wurden, um sie bei Deutschen gegen Lebensmittel einzutauschen.' Denn die Nahrung war knapp in den Lagern.

So auch im 'Stalag 326' in Schloß Holte-Stukenbrock (Kreis Gütersloh). 'Stalag' ist die Abkürzung für 'Stammlager' im Gegensatz zu 'Oflag', dem Offizierslager. Die Ernährung der meist russischen Kriegsgefangenen war völlig unzureichend. Sie setzte sich aus Brot, Ersatzkaffee und einfacher Suppe zusammen. Das Brot für die Gefangenen wurde 'Russenbrot' genannt und enthielt neben Rübenschnitzeln und Sägespänen mitunter auch Laub. Geschätzt wird, dass die Tagesration durchschnittlich 200 Kilokalorien enthielt. Diese Versorgung reichte angesichts der schweren körperlichen Arbeit nicht aus. Viele Kriegsgefangene magerten deshalb ab oder starben sogar an Unterernährung und Auszehrung.

Diese Behandlung war von den Nationalsozialisten durchaus gewollt. Denn die russischen Kriegsge-fangenen galten nach der NS-Rassenideologie und Kriegspropaganda als 'Feinde des deutschen Volkes', als Menschen zweiter Klasse. Das international geltende Kriegsvölkerrecht wurde außer Kraft gesetzt und den Kriegsgefangenen eine menschenwürdige Behandlung gemäß der Genfer Konvention verweigert. Deshalb wurden im Deutschen Reich auch keine Vorkehrungen getroffen, um dem Strom von Hunderttausenden russischen Kriegsgefangenen zu begegnen. Als die ersten Gefangenen im 'Stalag 326' eintrafen, gab es dort keine Unterbringungsmöglichkeiten. Zunächst mussten die Menschen auf der Erde schlafen, bis sie sich ihre Baracken selbst gebaut hatten.

Der Tauschhandel in den Lagern war aufgrund der menschenunwürdigen Versorgung lebensnotwendig. Mit Strohschatullen, Holzschnitzwerk und Schmuck aus Schrott hatten die Kriegsgefangenen etwas in der Hand, um es gegen Lebensmittel einzutauschen. Dem NS-Regime war dieser Handel allerdings ein Dorn im Auge, weil dadurch die 'deutschen Volksgenossen' Kontakt zu den russischen Kriegsge-fangenen hatten. Im Bürokratendeutsch hieß das 'volkstumspolitisch unerwünscht'.

Doch ganz unterbinden konnten die Nazis die Beziehungen nicht. So berichten Zeitzeugen, dass es auch immer wieder menschliche Gesten gab und Deutsche den hungernden Gefangenen am Arbeits-platz aus Mitleid ein Stück Brot zusteckten.

Schätze der Arbeit
25 Jahre Westfälisches Industriemuseum
20. Juni bis 12. September 2004
Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5,
Dortmund-Bövinghausen
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreise: Erwachsene: 3,50 €, ermäßigt: 2,10 €, Familienkarte: 8 €
www.industriemuseum.de



Pressekontakt:
Markus Fischer Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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