LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 08.12.03

Foto zur MitteilungHochzeit unter Naziherrschaft.
Foto: Sammlung Möllenhoff/Schlautmann-Overmeye


Foto zur MitteilungEin Anschein von Normalität. Beim Tennis, Sommer 1938.
Foto: Sammlung Möllenhoff/Schlautmann-Overmeye


Foto zur Mitteilung10. November 1938: SA-Männer in der zerstörten münsterischen Synagoge.
Foto: Sammlung Möllenhoff/Schlautmann-Overmeye


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Presse-Infos | Der LWL

'Zwischen Hoffen und Bangen - Filmaufnahmen einer jüdischen Familie im 'Dritten Reich'

Bewertung:

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat einen wahrscheinlich einzigartigen Fund veröffentlicht: Filmaufnahmen, die den Alltag jüdischer Mitbürger in Münster Ende der 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts dokumentierten. Soweit bekannt, sind es die einzigen von Juden in Deutschland selbst gemachten Aufnahmen aus jener Zeit, die das "Dritte Reich" überdauerten.

Ein münsterischer Kaufmann habe private Aufnahmen seiner Familie in Münster gemacht, erläuterte Dr. Markus Köster, Leiter des Westfälischen Landesmedienzentrums am Montag (8.12.) vor der Presse in Münster. Der LWL habe die Aufnahmen bearbeitet und präsentiere den 20-minütigen Film 'Zwischen Hoffen und Bangen - Filmaufnahmen einer jüdischen Familie im "Dritten Reich'' am Dienstag in Münster (20 Uhr, Westfälisches Museum für Kunst und Kulturgeschichte) der Öffentlichkeit.

Frühjahr 1939: Eine Familie im Garten ihres Hauses. Die Menschen scheinen gut gelaunt, eine gedrückte Stimmung ist ihnen nicht anzusehen. Doch der Schein trügt. Ihre Situation ist schon lange prekär. Alle Personen, die hier zu sehen sind, gehören dem jüdischen Glauben an. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen hatten sie bereits sechs Jahre Nazidiktatur erdulden müssen - die Reichspogromnacht lag gerade ein halbes Jahr zurück.

Diese und die übrigen Aufnahmen des Films wurden in den Jahren 1937 bis 1939 von Siegfried Gumprich gemacht, einem Getreidehändler, der mit seiner Frau Louise und den Kindern Brigitte und Walter in Münster in Westfalen wohnte.

Sie zeigen Szenen aus dem Leben einer jüdischen Familie in Deutschland zur Zeit der Naziherrschaft: die Familie scheinbar unbeschwert beim Spiel im Garten, beim Tennissport, auf einer Urlaubsreise mit dem Auto an den Rhein, beim Sonntagsspaziergang in der münsterischen Altstadt und auf der Promenade, beim Badeurlaub in Holland.

"Wenn man sich klar macht, wann und im welcher Situation sie aufgenommen wurden, erscheinen die Aufnahmen als ganz und gar ungewöhnliche, fast verstörende Dokumente", so Köster. "Sie lassen die Vermutung zu, dass die Gumprichs - wie viele jüdische Deutsche - in ihrem Vaterland sehr verwurzelt waren und mit diesen Filmbildern versuchten, sich ein Stück der de facto schon verlore-nen gegangenen Heimat zu bewahren. Gleichzeitig wiesen sie den Gedanken an Auswanderung lange Zeit von sich und hofften bis zuletzt auf eine Verbesserung ihrer Situation."

Neben den Gumprichs zeigen die Bilder auch den letzten Rabbiner Münsters, Dr. Julius Voos, der gemeinsam mit seiner Frau Stephanie im Januar 1939 nach Münster kam und sich mit der Familie Gumprich anfreundete. Julius Voos stand in Münster einer jüdischen Gemeinde vor, die im alltäglichen Leben von den anderen Münsteranern fast völlig isoliert und durch Zwangsverkäufe und Berufsverbote finanziell völlig ausgeplündert war. Für das Ehepaar Voos wurde Münster nach dem Scheitern ihrer Emigrationspläne zur tödlichen Falle. Im März 1943 wurden sie mit ihrem zweijährigen Sohn nach Auschwitz deportiert und umgebracht.

Diesem Schicksal entkam die Familie Gumprich nur knapp. Am 28. August 1939, drei Tage vor Kriegsbeginn, brachte ein befreundeter katholischer Pfarrer die Familie zur niederländischen Grenze, von wo sie buchstäblich in letzter Minute nach Großbritannien emigrieren konnte. Auf diese Weise wurden auch Siegfried Gumprichs Filmaufnahmen vor der Vernichtung bewahrt. Im Besitz von Sohn Walter überdauerte das in seiner Überlieferung wohl einmalige, auf Normal 8 gedrehte Amateuerfilmmaterial - insgesamt rund 40 Minuten - viele Jahrzehnte im fernen Kanada, wohin Walter Gumprich 1957 ausgewandert war.

1987 begannen die münsterischen Historikerinnen Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer Kontakt zu Juden aufzunehmen, die während der NS-Zeit aus Münster emigriert waren. Im Laufe dieser Bemühungen erhielten sie von Walter Gumprich mehrere Filmrollen. So gelangten die Aufnahmen nach über 50 Jahren nach Deutschland zurück. Ihre Wiederentdeckung kommt einer "kleinen filmischen Sensation" gleich, da privates Filmmaterial einer jüdischen Familie aus der Zeit des "Dritten Reiches" in Deutschland bislang nicht bekannt war.

Mit Hilfe von Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer hat der Historiker und Fernsehjournalist Markus Schröder im Auftrag des LWL-Landesmedienzentrums die Bilder über das Leben einer jüdischen Familie im Deutschland der Jahre 1937 bis 1939 zu einem zwanzig minütigen Dokumentarfilm verarbeitet, der sie durch einen Kommentar sowie ergänzende Standbilder in den historischen Kontext der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Bürger in Deutschland einordnet.

Exemplarisch zeigt der entstandene Film, auf welche Weise sich die Diskriminierung und Verfolgung der Juden in Deutschland während des "Dritten Reichs" vollzog, aber auch, wie die Betroffenen das ihnen aufgezwungene Schicksal zu meistern versuchten.

Walter Gumprich hat die Veröffentlichung der Aufnahmen ausdrücklich begrüßt. Nach seinem Wunsch sollen sie dokumentieren, dass die von den Nazis diffamierten Juden Menschen wie alle anderen waren.

Interessierte Privatpersonen können den Film beim Westfälischen Landesmedienzentrum (medien-zentrum@lwl.org) für 9,90 Euro + 2,60 Euro Versand kaufen. Schulen und Vereine, die auch das Vorführrecht erwerben wollen, zahlen 35 Euro.

Achtung Veranstaltungshinweis:

Die Premiere wird in Münster am Dienstag, 9.12. um 20 Uhr im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte sein, in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und dem Geschichtsort Villa ten Hompel.






Pressekontakt:
Karl G. Donath, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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