Hereduc > Politische Propaganda und Lebenswirklichkeit römischer Soldaten


 
Ralf Grimmeisen / Renate Wiechers

Politische Propaganda und Lebenswirklichkeit römischer Soldaten im besetzten Germanien in augusteisch-tiberischer Zeit

Ein kritischer Vergleich archäologischer und literarischer Quellen

 
 
Ort
 
 
Unterrichtsfächer
Latein, Geschichte
 
 
Zeit
Römische Kaiserzeit
 
 
Dauer / Umfang
Vorbereitung ca. 8 Stunden
Exkursion ca. 4 Stunden
Evaluation ca. 4 Stunden
 
 
Zielgruppe
Oberstufe (GK/LK Latein und Geschichte, Latinumskurs 11)
 
 
Das Projekt
Im Westfälischen Römermuseum Haltern lassen sich in exemplarischer Weise die Funktionsstrukturen römischer Legionslager in Germanien aus augusteischer Zeit nachvollziehen. Hierdurch haben wir die Möglichkeit, das Alltagsleben und die Lebenswirklichkeit römischer Soldaten den offiziellen, ideologisch-propagandistischen Darstellungen der Regierung in Rom kritisch gegenüberzustellen.

Im Jahre 16 n.Chr. beendete Kaiser Tiberius die verlustreichen und kostenintensiven Militärexpeditionen in Germanien und gab die dortigen Stützpunkte endgültig auf. Fast dreißig Jahre lang hatten römische Soldaten versucht, von ihren linksrheinischen Basen, über die Nordsee, von ihren Lagern entlang der Lippe und vom Unterlauf des Main aus das vielseitige Gemisch germanischer Stämme unter dauerhafte Kontrolle zu bringen.

Die im Jahre 12 v.Chr. nach längerer Vorbereitungszeit begonnenen Feldzüge in das rechtsrheinische Germanien waren als pragmatische Reaktion auf germanische Einfälle in die römische Provinz Gallia Belgica geplant. Allerdings zeigte sich bald, dass zur Stabilisierung der Rheingrenze Truppenverbände in Germanien selber konzentriert werden mussten. Die damit verbundene militärische Etablierung Roms im Gebiet zwischen Rhein und Elbe, Main und Nordsee erwies sich auf Dauer jedoch insgesamt als zu instabil, da sie sich im Wesentlichen nur auf die Einfallskorridore beschränkte. Eine flächige Kontrolle unterblieb in dem gleichen Maße, wie sie angesichts der Vielzahl und Heterogenität germanischer Stämme und ihrer inneren Verflechtungen unmöglich war.

Dennoch versuchten die politisch und militärisch verantwortlichen Mitglieder des kaiserlichen Hauses, den Okkupationszustand allmählich in zivile Verwaltungsstrukturen zu überführen. Ungeachtet der Frage, ob und in welchem Zustand beziehungsweise seit wann überhaupt mit römischen Plänen für die Schaffung einer Provinz Germania zu rechnen ist, schlugen alle derartigen Versuche im Jahre 9 n.Chr. mit dem Untergang der Besatzungsarmee und dem Tod des P. Quinctilius Varus im saltus Teutoburginiensis fehl.

Im Mittelpunkt des Unterrichtsprojektes steht das so genannte 'Hauptlager’ von Haltern. Angelegt im letzten Jahrzehnt v. Chr. und bis 9 n. Chr. belegt, diente es als Standlager für eine Legion. Die römischen Truppenstandorte an der Lippe waren Ausgangspunkt für den Einmarsch in die mittlere Weser-Elbe-Region und sicherten den Nachschub für diese Unternehmungen. Die seit gut einhundert Jahren in Haltern durchgeführten Ausgrabungen haben uns in einzigartiger Weise ein komplettes Legionslager mit all seinen Funktionen und Strukturen im römisch besetzten Germanien erschlossen, an hand dessen wir nunmehr auch in der Lage sind, die erhaltenen antiken literarisch-historiographischen Darstellungen der Germanienfeldzüge in augusteisch-tiberischer Zeit mit den Ergebnissen der archäologischen Forschung kontrastiv zu vergleichen.

Durch Fundorte wie Kalkriese und Lahnau-Waldgirmes haben wir seit neuester Zeit auch detaillierte archäologische Einblicke in die militärischen Auseinandersetzungen mit den Germanen sowie in den Aufbau ziviler Verwaltungsstrukturen und in die beginnende Romanisierung im rechtsrheinischen Gebiet. Haltern demgegenüber dient uns zur Überprüfung, wie das Alltagsleben römischer Soldaten in der besetzten Region ausgesehen hat. Dabei steht hier nicht die Ausnahmesituation des Kampfes sondern das nüchterne, harte und auch psychologisch aufreibende Kasernenleben im Zentrum.

Diese prinzipiell auf das römische Militärleben fokussierten Ausstellungsinhalte werden im Römermuseum an einigen Stellen durch Übersetzungen antiker literarischer Quellen zu ausgewählten Aspekten germanischen Lebens ergänzt. Der damit verbundene, prinzipielle Perspektivenwechsel ist jedoch nur als Andeutung, als Hinweis auf die Existenzprobleme der unterworfenen einheimischen Bevölkerung zu verstehen, da die verwendeten Texte ausschließlich die römische Sichtweise beinhalten. Um ihn umfassend zu vollziehen, ist ein Besuch in Herne zu empfehlen, wo das kürzlich eröffnete Westfälische Museum für Archäologie Fundmaterial speziell zum Leben der Germanen präsentiert und einen bewusst dialektischen Kontrapunkt zum Römermuseum in Haltern setzt. Entsprechende museumspädagogische Materialien für Herne sind geplant.

Der Vergleich der in den beiden Museen 'vertretenen' Standpunkte ermöglicht den Schülerinnen und Schülern in exemplarischer Weise grundsätzliche und strukturelle Einblicke in zumeist divergierende Sichtweisen und Interpretationen von historischen Situationen und Prozessen - im vorliegenden Fall
  1. die Propaganda und
  2. die Lebenswirklichkeit der römischen Besatzungsmacht (Haltern) sowie
  3. die Existenz der germanischen Bevölkerung (Herne). Aus dem damit verbundenen Spannungsbogen heraus fördert er weiterhin die kritische und kontrastive Auseinandersetzung mit ihnen und schafft nicht zuletzt ein vertieftes Bewusstsein für die Problematik ihrer Beurteilung.

Die Schülerinnen und Schüler lernen somit im Rahmen der Ausstellung im Westfälischen Römermuseum Haltern auf zwei grundsätzlichen inhaltlichen Fachebenen. Zum einen erfahren sie - soweit nachvollziehbar - die Realität militärischen Alltagslebens fern ab von heroisierend-verklärenden antiken aber auch neuzeitlichen Darstellungen. Zum anderen erkennen sie, wie weit diese Lebenswirklichkeit im Kontrast zur der offiziellen, politischen Propaganda und Sichtweise der historischen Ereignisse (wie wir sie in erster Linie aus den epigraphischen und numismatischen Quellen, aber auch aus Teilen der literarischen Überlieferung erschließen können) stand.

Die so geöffneten Felder eines sich vielfach anbietenden Gegenwartsbezuges (zum Beispiel aktuell der Irak-Krieg) weisen auf die Grundsätzlichkeit und Exemplarität des Themas nicht nur in der europäischen Geschichte hin. Darüber hinaus erhalten die Schülerinnen und Schüler einen tiefen und unmittelbaren, damit aber auch differenzierten Einblick in die vielschichtigen Interpretationsebenen des antiken Quellenmaterials, an hand dessen das Funktionsschema politischer Propaganda vor dem Hintergrund der ‚Unbestechlichkeit’ archäologischen Quellenmaterials herausgearbeitet werden kann. Schließlich galt auch schon in der Antike die Maxime, dass Krieg und seine angebliche Notwendigkeit (bellum iustum) der eigenen Bevölkerung propagandistisch vermittelt werden mussten und dass die offizielle Darstellung der eigenen (nicht nur militärischen) Außenpolitik immer auch unter dem Grundsatz der innenpolitischen Herrschaftslegitimation und -sicherung stand.
 
 
Projektverlauf
Das hier entwickelte Unterrichtsprojekt ist strukturell auf jedes (europäische) Museum mit entsprechenden Funden und Ausstellungsinhalten übertragbar und besitzt über die fachwissenschaftlichen Inhalte (römische Germanienpolitik) hinausgehende methodische Grundlagenrelevanz. Insofern ist die Zusammenarbeit mit dem Westfälischen Römermuseum Haltern an dieser Stelle als modellhaft anzusehen - wohl wissend, dass die eigene unterrichtliche Schwerpunktgestaltung von den Lernzielen, den (teilweise curricular vorgegebenen) Fachinhalten und vor allem von den eigenen Denkanstößen und der eigenen Kreativität von Lehrern und Lerngruppen abhängt.

Die kontrastive Arbeit mit literarischen, archäologischen, epigraphischen und numismatischen Quellen bildet den methodischen Schwerpunkt des Unterrichtsprojektes. Sie wird im schulischen Unterricht vorbereitet, indem nach einer kurzen Einführung in das Thema (Topographie, Historischer Hintergrund) mit der Formulierung der Aufgaben und Problemstellungen die Übersetzung (nur im Fach Latein) und Interpretation relevanter Quellentexte zum Thema ‚Die Römer in Haltern’ und zur augusteisch-tiberischen Germanienpolitik stattfindet (also zumeist aus den Res Gestae, aus Velleius Paterculus und Tacitus). Ergänzend können Ausschnitte aus Cassius Dio in Übersetzung gelesen werden, wodurch sich zum Beispiel die Aspekte der zivilen Verwaltung im Abgleich mit den Ausgrabungen in Waldgirmes überprüfen und beurteilen lassen.

Ziel der Arbeit im Westfälischen Römermuseum Haltern ist es, die im Unterricht erarbeiteten Ergebnisse und aufgeworfenen Fragestellungen mit Hilfe der im Rahmen des vorgestellten Projektes entwickelten museumspädagogischen Arbeitsmaterialien (in Vorbereitung) zu überprüfen und anschließend fachlich und methodisch zu evaluieren. Die Arbeitsblätter ihrerseits greifen die Gesamtkonzeption des Projektes auf, indem sie selber weitere Texte - zumeist in Übersetzung - enthalten, die den Schülerinnen und Schülern helfen, den Bezug zwischen Ausstellung und vor gelagertem Unterricht herzustellen. So bietet es sich etwa an, die Problematik der ständigen Todesgefahr für Soldaten in Germanien und die damit verbundenen psychologischen Probleme nicht nur am Caelius-Stein zu thematisieren und zu diskutieren, sondern zusätzlich Grabsteine für gefallene Soldaten aus Mainz heranzuziehen und dann aber auch generell über Kriegsdienstverweigerungen in Rom zu sprechen (so etwa explizit bei Properz 2,7.13f. oder auch bei Cassius Dio 56,23.2 bei Rekrutierungen nach der Varus-Niederlage) - ein Thema, was angesichts des Alters von Oberstufenschülern und unter dem Aspekt der so genannten 'Out-Of-Area-Einsätze’ der Bundeswehr sicherlich existentielle Fragen aufwirft.

Die Schülerinnen und Schülern orientieren sich im Vorfeld thematisch anhand des vom Lehrer zusammengestellten Materials, sie organisieren weitere Informationen über Internet-Recherchen und planen anhand des Museumsführers die Schwerpunkte ihrer Arbeit im Museum. Gleichzeitig werden die eigenen Ideen und Fragestellungen mit den museumspädagogischen Angeboten und den fachlich-methodischen Lernzielen abgestimmt.

Es bietet sich dabei arbeitsteiliges Vorgehen in Kleingruppen an, wodurch die von der Lerngruppe im Vorfeld definierten Wissensbereiche, wie sie sich in der Ausstellung (und damit auch im Museumsführer) widerspiegeln, effizient erschlossen und anschließend von jeder Kleingruppe dem Plenum vorgestellt werden. Genannt seien der historische Hintergrund und die (soweit bekannten) Gründungsdaten der Lippelager, Lagerstrukturen und Funktionseinheiten des Militärapparates, Wirtschafts- und Logistikaspekte, medizinische Versorgung und Hygiene aber auch psychologische und soziale Probleme des Zusammenlebens im römischen Truppenlager von Haltern. Dadurch werden die schulischen Unterrichtsinhalte mit der Museumsarbeit sinnvoll zu einer Einheit verklammert, wozu vor allem auch die museumspädagogischen Arbeitsblätter dienen.

Weiterhin ist im Vorfeld abzustimmen, welche von den angebotenen Führungen und Programmen in das Unterrichtsprojekt integriert werden (einzusehen auf der Website des Römermuseums Haltern Insbesondere die Benutzung der für das Römermuseum Haltern eigens hergestellten Repliken im originalen Maßstab (Marschgepäck/sarcina, Zelt/tentorium, Vermessungsinstrument/groma, Schreibtafel/tabula oder tessera, steinerne Handmühle/mola manuaria), die Erschließung des Lagermodells und die Übersetzungs- und Interpretationsarbeiten am Caelius-Stein (Replik des Originals im Rheinischen Landesmuseum Bonn) sollten beim Projekt nicht ausgespart werden. Einen besonderen Schwerpunkt nehmen jedoch die in der Ausstellung präsentierten Holzfunde aus Oberaden ein (vor allem ein Holzfass, das in der Sekundärverwendung als Brunnenverschalung diente), die eine direkte Gegenüberstellung archäologischer und literarischer Quellen zum Gründungsdatum des Lagers ermöglichen - hier ergänzen sich das dendrochronologisch ermittelte Fälldatum von 11 v.Chr. und die schriftliche Überlieferung bei Cassius Dio (54,33.1) in einzigartiger Form. Für die Schülerinnen und Schüler besteht die Möglichkeit, die für Oberaden aus den dendrochronologisch untersuchten Hölzern erstellte Jahrring-Kurve im Römermuseum mit der so genannten Standardkurve für Eichenholz zu vergleichen und so die Datierung von Holzfunden anhand der Jahrringe selber nachzuvollziehen, wodurch sie auch erste Einblicke in archäologische Fachmethoden erlangen. In die Planung einzubeziehen sind auch die in der Ausstellung präsentierten Übersetzungen antiker Textquellen.

An dieser Stelle sei weiterhin auf die Möglichkeit verwiesen, sich im Rahmen des Projektes den Film "Aus dem Leben des römischen Legionärs" anzusehen, der einen ersten lebendigen Einblick in die Thematik liefert. Auf die archäologisch-historische Situation in Haltern ausgerichtet sind verschiedene Diaserien mit begleitendem Kommentar, die die im Projekt erarbeiteten Inhalte sinnvoll ergänzen und veranschaulichen (für beides siehe unten das Kapitel 'Institutionen' etc.). Die vom Westfälischen Landesmedienzentrum erstellten Diaserien "Westfalen im Bild" werden im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit dem Internet-Portal online angeboten.

Die Ergebnisse werden dabei handlungsorientiert und möglichst eigenverantwortlich von den Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Die fachliche Endkontrolle und Freigabe erfolgt jedoch durch den Lehrer. Anschließend kann eine Mappe erstellt werden, die sämtliche Arbeitsunterlagen beinhaltet, die Ergebnisse sichert und als Grundlage für die Evaluation und zur weiteren thematischen Arbeit in der Schule dient. Zu denken ist hier neben einer methodischen Reflexion vor allem an die Bereiche der kritischen Diskussion und Bewertung der Ergebnisse und des anschließend intendierten Gegenwartsbezuges. Im Rahmen einer kleinen Ausstellung, einer eigenen Zeitung oder Reportage sollte das Projekt zuletzt in der Schule präsentiert werden.
 
 
Allgemeine Hinweise
zum Thema
Wendemarken europäischer Geschichte zwischen Alltagsleben und politischer Ideologie

Die Varus-Niederlage und der letztendliche Entschluss des Tiberius, prinzipiell auf die Besetzung weiträumiger Gebiete in Germanien zu verzichten, können als Zäsur mit entscheidenden und langfristig wirkenden Auswirkungen auf die politische, kulturelle und soziale Gliederung und Entwicklung in Mitteleuropa gesehen werden.

Nun ergeben sich derartige Zäsuren oftmals nicht als mehr oder weniger zwangsläufige Ergebnisse historischer Entwicklungen und Konstellationen - sie sind vielmehr als Entscheidungen politischer Einzelpersonen oder Gruppen zu sehen und stehen damit in Wechselwirkung mit deren eigenen Sichtweisen, Intentionen und Motivationen. So wie also die römische Reichsregierung einen spezifischen Blickwinkel auf die Ereignisse in Germanien besaß und ihre oftmals wechselnden Entscheidungen und politischen sowie militärischen Maßnahmen auch unter dem Aspekt von Ideologie, Propaganda und eigener Herrschaftslegitimation und -sicherung dem eigenen Volk und den Soldaten vor Ort sprichwörtlich verkaufen musste, so besaßen auch diese eine eigene, von den Erfahrungen und der Lebenswirklichkeit vor Ort geprägte Sichtweise.

Die in der kontrastierenden Betrachtung im Unterricht herauszuarbeitende, oftmalige Diskonformität beider Standpunkte soll den Schülerinnen und Schülern helfen, an hand der damit verbundenen Exemplarität das singuläre historische Ereignis und seine Darstellung und Interpretation in der literarischen Überlieferung und offiziellen zeitgenössischen Sichtweise durch archäologisches Quellenmaterial zu überprüfen. Sie finden durch diese Vorgehensweise einen eigenen Standpunkt in der Diskussion um Entwicklungen in der europäischen Geschichte, entwickeln historisches Bewusstsein und setzen sich kritisch mit dem Problem einseitiger und unreflektierter Geschichtsdarstellung auseinander. Sie lernen andererseits aber auch, dass zur Bildung eines - soweit überhaupt möglich - objektiven und ganzheitlichen Geschichtsbildes die Heranziehung unterschiedlichster Quellengattungen nötig ist. Der Umgang mit ihnen muss jedoch eingeübt werden und hier bietet sich insbesondere im Fach Latein die Gelegenheit zu einer direkten Auseinandersetzung mit Originaltexten, wodurch die Schülerinnen und Schüler einen tiefen und differenzierten Einblick in Sprache und Formen politischer Terminologie erwerben.

Damit sind wir beim Gegenwartsbezug, der an dieser Stelle weit über die rein europäische Geschichte hinausweist. Der Truppenstandort Haltern und die römische Germanienpolitik sollten in der Schule nicht als singuläres und damit abgeschlossenes historisches Phänomen behandelt werden - damit wäre nur einem rein antiquarischen Interesse gedient. Vielmehr kennzeichnen die Varus-Niederlage, die Aufgabe der Stützpunkte auch an der Lippe und der Abzug der römischen Truppen aus dem rechtsrheinischen Gebiet eine Zäsur in der europäischen Geschichte, die weit reichende Auswirkungen bis in die neuere Zeit gehabt hat. Hier sei vor allem auf die Problematik des Nationalstaates im 19. Jahrhundert, auf die politische, militärische und ideologische Konfrontation zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich mit der Eskalation im deutsch-französischen Krieg 1870/71 und im 1. Weltkrieg und der dabei eingesetzten Propaganda hingewiesen, die bewusst mit inhaltlichen Versatzstücken aus der Zeit der römischen Besatzung arbeitete, wie dies exemplarisch am Hermannsdenkmal auch in der Schule herausgearbeitet werden könnte.

Eine andere Möglichkeit von Gegenwartsbezug bietet eine Untersuchung aktueller Kriegspropaganda, so etwa der zahlreichen Pressemitteilungen im Irak-Krieg, die sich in vielerlei Hinsicht, teilweise bis hin zum Wortlaut, mit der antiken Überlieferung offizieller, staatlicher Verlautbarungen zur Germanienpolitik vergleichen lassen. Dies wiederum ist eine Aufgabe, die vor allem im Lateinunterricht geleistet werden könnte und die den Schülerinnen und Schülern hilft, sprachliche Instrumente und Mechanismen zu erkennen und zu beurteilen, mit denen Politik legitimiert wird und politische Entscheidungen von den Machteliten der Bevölkerung als ihrem Interesse dienend verkauft werden.
 
 
Lernziele
Da das Projekt im Rahmen des Socrates-Programmes der EU erscheint, wird an dieser Stelle auf eine Lernziel-Klassifizierung entsprechend den Richtlinien und Lehrplänen für die Sekundarstufe II des MSWWF NRW sowie auf ihre Unterteilung in die Fächer Latein und Geschichte verzichtet.
 
 
 
Die Schüler sollen ...
  • sich eigenständig in die fachliche Thematik einarbeiten und methodische Kompetenzen in der Informationsbeschaffung, -strukturierung und -auswertung erlangen,
  • die in den Quellen sichtbaren Widersprüche zwischen offizieller Kriegspropaganda und der Realität des Soldatenlebens und der Besatzungssituation vor Ort am Beispiel von Haltern erkennen, beurteilen und dazu einen eigenen Standpunkt einnehmen,
  • wichtige lateinische Quellen zu den augusteisch-tiberischen Germanienkriegen der Jahre 12 v.Chr.-16. n.Chr. in Auszügen kennen,
  • sie in sprachlich und inhaltlich angemessener Form in ihre Muttersprache übersetzen (im Fach Latein) und
  • ihren unterschiedlichen Charakter und Wert als Quelle (Politisches Testament, Augenzeugenberichte, wertende Geschichtsschreibung, offizielle Inschriften, Grabsteine, Münzen) erkennen und beurteilen,
  • wissen, dass Archäologie, Numismatik und Epigraphik eigenständige Fachdisziplinen sind,
  • deren Aufgaben und Methoden kennen lernen und einen ersten Umgang mit ihnen einüben sowie,
  • die dabei besprochenen lateinischen Inschriften und Münzlegenden in sprachlich und inhaltlich angemessener Form in ihre Muttersprache übersetzen (im Fach Latein),
  • die Notwendigkeit erkennen, durch interdisziplinäre Arbeit ein möglichst umfassendes Bild historischer Ereignisse zu gewinnen, dass uns als Grundlage für deren Rekonstruktion, Interpretation und differenzierte Beurteilung dient,
  • in Grundzügen die Geschichte der römischen Germanienfeldzüge und -politik in augusteisch-tiberischer Zeit kennen und anschließend,
  • deren Bedeutung für die europäische Geschichte verstehen und beurteilen,
  • im Museum die strukturellen und funktionalen Elemente des Hauptlagers von Haltern sowie des Alltagslebens römischer Soldaten erarbeiten, dadurch sich empathisch in deren Lebenssituation hineinversetzen sowie
  • das dadurch gewonnene Bild mit den literarischen Quellen kontrastiv vergleichen und differenziert bewerten,
  • einen Vergleich mit historischer und aktueller Kriegspropaganda im Sinne eines Gegenwartsbezuges herstellen, dabei
  • die antiken literarischen Quellen sprachlich mit heutigen kontrastierend vergleichen und somit,
  • eigenständig historische Situationen vornehmlich unter dem Aspekt der Ideologiekritik beurteilen.
 
 
Unterrichtsmaterialien
Einführungstexte:
Informationen für Lehrerinnen und Lehrer:
 
 
Literatur
Grundlegende Informationen zum Museum und zum Militärstützpunkt Haltern sowie zu den inhaltlichen Schwerpunkten und Fragestellungen des Projektes finden sich in:

RUDOLF AßKAMP / RENATE WIECHERS
Westfälisches Römermuseum Haltern, Münster 1996


Über die darin aufgeführte Literatur hinausgehend seien vor allem folgende Medien und Publikationen aufgeführt:


1. Fachdidaktische Publikationen für Latein und Geschichte

Der Altsprachliche Unterricht Heft 4+5 (September 2001): "Lernen im Museum"

Praxis Geschichte Heft 4 (August 1989): "Römer am Rhein"
Praxis Geschichte Heft 6 (November 1998): "Römische Legionäre"
Praxis Geschichte Heft 5 (September 2003): "Augustus"


2. Fachwissenschaftliche Publikationen

A. BECKER / G. RASBACH
Die spätaugusteische Stadtgründung in Lahnau-Waldgirmes - Archäologische, architektonische und naturwissenschaftliche Untersuchunge. In: Germania 81, 2003, S. 147-199

M. CLAUSS
Lexikon lateinischer militärischer Fachausdrücke, Stuttgart 1999 (Schriften des Limesmuseums Aalen, Bd. 52)

J. D. CREIGHTON / R. J. A. WILSON (Hg.)
Roman Germany - Studies in Cultural Interaction, Portsmouth 1999 (JRA Suppl. Series, no. 32)

TH. FISCHER / M. ALTJOHANN (Hg.)
Die römischen Provinzen - Eine Einführung in ihre Archäologie, Stuttgart 2001

G. FRANZIUS (Hg.)
Aspekte römisch-germanischer Beziehungen in der Frühen Kaiserzeit, Vortragsreihe zur Sonderausstellung "Kalkriese - Römer im Osnabrücker Land" 1993 in Osnabrück, Espelkamp 1995 (Quellen und Schrifttum zur Kulturgeschichte des Wiehengebirgsraumes, Reihe B, Bd. 1)

K. GILLIVER
Auf dem Weg zum Imperium - Eine Geschichte der römischen Armee, Stuttgart 2003.

H.-W. GOETZ / K.-W. WELWEI (Hg.)
Altes Germanien - Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich, Quellen der Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr, 2 Bde., Darmstadt 1995 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Band Ia, Teile 1 und 2)

R. GRIMMEISEN
Raetien und Vindelikien in julisch-claudischer Zeit - Die Zentralalpen und das Alpenvorland von der Eroberung bis zur Provinzialisierung, Essen 1997

M. JUNKELMANN
Panis militaris - Die Ernährung des römischen Soldaten oder der Grundstoff der Macht, Mainz 1997 (Kulturgeschichte der Antiken Welt, Bd. 75)

Ders.
Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experiment, Mainz 1986 (Kulturgeschichte der Antiken Welt, Bd. 35)

TH. KISSEL
Kriegsdienstverweigerung im römischen Heer. In: Antike Welt 27, 1996, S. 289-296

J.-S. Kühlborn
Germaniam pacavi - Germanien habe ich befriedet, Archäologische Stätten augusteischer Okkupation, Münster 1995

B. OVERBECK
Rom und die Germanen - Das Zeugnis der Münzen (Ausstellungskatalog) Stuttgart 1985

W. SCHLÜTER
Römer im Osnabrücker Land, Die archäologischen Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke, Bramsche 1991 (Schriftenreihe Kulturregion Osnabrück des Landschaftsverbandes Osnabrück e.V., Bd. 4)

W. SCHLÜTER / R. WIEGELS (Hg.)
Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese, Internationaler Kongress der Universität Osnabrück und des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e.V. vom 2. bis 5. September 1996, Osnabrück 1999 (Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption, Bd. 1)

S. VON SCHNURBEIN
Untersuchungen zur Geschichte der römischen Militärlager an der Lippe, Frankfurt 1981 (Sonderdruck aus: Berichte der Römisch-Germanischen Kommission 62 (1981) 5-101)

L. WAMSER / CH. FLÜGEL / B. ZIEGAUS (Hg.)
Die Römer zwischen Alpen und Nordmeer - Zivilisatorisches Erbe einer europäischen Militärmacht, (Ausstellungskatalog), Mainz 2000

R. WIEGELS / W. WOESLER (Hg.)
Arminius und die Varusschlacht - Geschichte-Mythos-Literatur, Paderborn, München 1995

R. WOLTERS
Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation in Gallien und Germanien - Zur Entstehung und Bedeutung der so genannten Klientel-Randstaaten, Bochum 1990 (BHS: Alte Geschichte Nr. 8)

R. WOLTERS
Die Römer in Germanien, 2. Aufl., München 2001

R. WOLTERS
"Tam diu Germania vincitur" Römische Germanensiege und Germanensieg-Propaganda bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., Bochum 1989 (Kleine Hefte der Münzsammlung an der RUB Nr. 10/11)
 
 
Unterrichtsmaterialien

Das vorgestellte Projekt ist grundsätzlich auf jedes Museum mit entsprechenden Funden und Ausstellungsinhalten im europäischen Raum übertragbar. Im Rahmen eines Kooperationsprojekts zwischen dem Internet-Portal und dem Westfälischen Landesmedienzentrum werden folgende Diaserien mit Begleitheft der Reihe "Westfalen im Bild" online zur Verfügung gestellt werden:
 
 
 
H.-J. HÖPER
 Heft "Alltagsleben römischer Legionäre"
(Westfalen im Bild, Reihe: Vor- und Frühgeschichte in westfälischen Museen Heft 4), Münster 1990.

H.-J. HÖPER
 Heft "Römerlager an der Lippe"
(Westfalen im Bild, Reihe: Historische Ereignisse in Westfalen, Heft 2), Münster 1988.

J.-S. KÜHLBORN / D. BÉRENGER / S. BERKE
 Heft "Luftbildarchäologie in Westfalen"
(Westfalen im Bild, Reihe: Archäologische Denkmäler in Westfalen, Heft 4), Münster 1989

A. ROERKOHL
 Heft "Das Hermannsdenkmal"
(Westfalen im Bild, Reihe Kulturdenkmale in Westfalen, Heft 5), Münster 1992

"Aus dem Leben des römischen Legionärs - Vom Bürgersoldaten der Punischen Kriege zum Berufssoldaten um Christi Geburt" [16mm und VHS, etwa 16 Minuten]
Institut für Weltkunde in Bildung und Forschung, Jüthornstarße 33, 22043 Hamburg, Tel. 040/687161 (Der Film ist in vielen Medienzentren ausleihbar.)

Arbeitsbögen sind in Vorbereitung.
 
 
Nützliche Adressen
Eine aktuelle Übersicht der museumspädagogischen Angebote ist in gedruckter Form direkt über das Römermuseum Haltern und das Westfälische Museum für Archäologie in Herne oder über das Internet erhältlich. Zur terminlichen und organisatorisch-inhaltlichen Abstimmung ist eine rechtzeitige Kontaktaufnahme mit den Museen erforderlich

LWL-Römermuseum Haltern
Weseler Straße 100
45721 Haltern am See
Tel. 02364/93760
Fax 02364/937630
URL: http://www.lwl-roemermuseum-haltern.de
E-Mail: lwl-roemermuseum@lwl.org

LWL-Museum für Archäologie
Europaplatz 1
44623 Herne
Tel. 02323/946280
Fax: 02323/9462833
URL: http://www.lwl-landesmuseum-herne.de
E-Mail: lwl-archaeologiemuseum@lwl.org
 
 
Links
Weitere Verweise und nützliche Informationen - auch als Basis für eine Internet-Recherche durch die Schülerinnen und Schüler - bieten folgende WWW-Adressen:

Texte der im Projekt behandelten antiken Autoren
URL: http://www.thelatinlibrary.com

Wichtige Links zu archäologisch-philologisch relevanten Zeitschriften, Instituten, Projekte etc.
URL: http://www.novaesium.de/verweise.htm und
URL: http://www.archaeologie-online.de

Informationen zu den augusteisch-tiberischen Feldzügen in das rechtsrheinische Germanien und zur römischen Germanienpolitik von Caesar bis zur Spätantike
URL: http://www.novaesium.de/geschichte2.htm

Rekonstruktionen römischer Militärbauten aus Museen, darunter auch von den römischen Lagern an der Lippe
URL: http://www.arw-modellbau.de/Modellgalerie/romer1/body_romer1.html

Informationen zu den Ausgrabungen von Kalkriese, zur Frage der Varus-Schlacht sowie zum römischen Heerwesen und der Germanienpolitik in augusteisch-tiberischer Zeit
URL: http://www.geschichte.uni-osnabrueck.de/projekt/index.html

Darstellung, Beschreibung und Übersetzung des Caeliussteins durch das Institut für alte Geschichte der Universität des Saarlandes
URL: http://www.uni-saarland.de/fak3/fr39/Caeliusstein/Dreamindex.htm

Informationen zu den Ausgrabungen der spätaugusteischen Siedlung im Lahntal, mit virtuellen Rekonstruktionen
URL: http://www.waldgirmes.de/roemer/index.htm

Einblicke in das römische Lagerleben
URL: http://www.lateinforum.de/aalen/tour.htm

Seite über eine Schulexkursion nach Haltern, mit interessanten und nützlichen Zusatzinformationen
URL: http://www.laurentianum.waf-online.de/mikes/lghalt04.htm

Eenglischsprachige Seite mit Kartenmaterial und Links, u.a. zur Provinz Germania Inferior
URL: http://www.livius.org/home.html

Virtueller Katalog des Limesmuseums in Aalen
URL: http://www.uni-tuebingen.de/limes-museum/sqhm/alf/alf.html#oberg

Informationen v.a. zur augusteisch-tiberischen Germanienpolitik
URL: http://www.uni-tuebingen.de/limes-museum/sqhm/alf/texte/1101provinzen.html und
URL: http://www.uni-tuebingen.de/limes-museum/sqhm/alf/texte/1102gallien.html
 
 



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