Mitteilung vom 24.02.26
Presse-Infos | Kultur
Von Rom nach Paderborn
Drei Fragen an Stadtarchäologin Dr. Sveva Gai
Achtung: Redaktionen: Gern vermitteln wir ein Gespräch mit Sveva Gai
Paderborn (lwl). Was verbirgt sich unter der Paderborner Innenstadt? Seit elf Jahren geht Dr. Sveva Gai als Stadtarchäologin dieser Frage auf den Grund und stößt dabei immer wieder auf unerwartete Funde und Befunde, die Geschichte schreiben oder auch umschreiben. Was erstaunt: Die Archäologin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist eine echte Römerin aus der "Ewigen Stadt".
Wie kommt eine italienische Archäologin nach Paderborn?
Diese Entscheidung ergab sich ganz natürlich aus meinem bisherigen Lebensweg, der immer durch meine Absichten und Ziele geprägt war. Nach meinem Archäologie-Studium in Rom und nach mehreren Jahren archäologischer Arbeit auf dem Forum Romanum, im Zentrum der ewigen Stadt, wollte ich andere Ortschaften, andere Archäologien, andere Arbeitsweisen und vor allem andere Sprachen kennenlernen.
Deutschland hatte mich als Land immer fasziniert, aber vor allem der Klang der Sprache begeisterte mich. Ich habe also einfach mit einer viermonatigen Anstellung als Archäologin in Tübingen angefangen. Dabei entwickelte ich die Idee zu promovieren und als ich auch damit fertig war und meine Sprachkompetenzen weit genug entwickelt waren, habe ich beschlossen, dass ich auch in Deutschland Arbeit suchen könnte.
Und warum dann Westfalen?
Der Zufall wollte es, dass ich - nach einer kurzen Zeit beim Landesdenkmalamt Sachsen in Dresden - eine Anstellung als Volontärin im LWL-Museum in der Kaiserpfalz in Paderborn erhalten habe. Das war mein Start beim LWL.
Der Stadt Paderborn bin ich immer verbunden geblieben. Sie hat sehr viele spannende Themen zur Geschichte und Archäologie zu bieten, natürlich eine ganz andere Archäologie als in Italien, aber für einen gewissen Zeitrahmen, die Karolingerzeit, auch eine Geschichte von europäischem Rang. Die vielfältigen Aufgaben, die ich hier in Paderborn während meines ganzen Berufslebens übernehmen durfte, haben mich immer begeistert. Es sind mehrere internationale Projekte entstanden. Die Tätigkeiten haben oft ein dichtes Netz von Kontakten und Kooperationen mit anderen Institutionen auch im Ausland mit sich gebracht, sodass ich wirklich froh bin, hier meinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt zu haben.
Und doch wieder in Italien zu arbeiten war kein Traum?
Italien ist glanzvoll und unermesslich in seiner Geschichte und in der Erhaltung von Zeugnissen der Vergangenheit, aber dort zu arbeiten kann sehr schwer sein, und die Begeisterung schwindet, wenn der äußere Rahmen nicht stimmt.
Was macht eine Stadtarchäologin eigentlich?
Die Stadtarchäologie in Paderborn ist in dieser Form einzigartig in Westfalen. Sie ist ein Referat der LWL-Archäologie für Westfalen, die wiederum das Resultat eines Abkommens zwischen Kommune und dem LWL ist. Der Vertrag hat immer eine Dauer von fünf Jahren und ist bisher immer verlängert worden. Die Aufgaben sind vielfältig. Mein Schwerpunkt ist die Beratung in allen Fragen der Archäologie und bei Bodeneingriffen, die infolge von Bauplanungen notwendig sind. Das betrifft alle Baumaßnahmen, von Kanalleitungen und Straßenversorgung bis hin zu großen städtebaulichen Vorhaben, die oft die archäologische Untersuchung mehrerer Hektar Fläche nach sich ziehen.
Was gibt es aktuell aus der Paderborner Unterwelt zu berichten?
Im Moment laufen drei interessante archäologische Maßnahmen in Paderborn. Die erste ist im Paderquellgebiet, in dem die Neugestaltung der gesamten Anlage mit Bäumen und Stauden nach den Zerstörungen des Tornados 2022 geplant ist. Hier werden zirka 90 Bäume gepflanzt, und überall dort, wo Löcher entstehen, sind Archäolog:innen tätig. Das gesamte Paderquellgebiet war bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs komplett überbaut. Als das Naherholungsgebiet angelegt wurde, riss man alle Bauten ab, ohne dass eine notwendige Dokumentation erfolgt ist.
Die Löcher helfen jetzt, die noch erhaltenen Mauern und Fundamente sowie viele ehemalige Pflasterungen und Kanäle freizulegen, und auf diese Weise die ursprüngliche Bebauung an ebendieser Stelle zu rekonstruieren. Sogar ein Ozonwasserwerk gab es hier bis zum Jahr 1937, eine Einrichtung zur Reinigung des Paderwassers. Diese war damals eine innovative Pionieranlage zur Trinkwasseraufbereitung, die in ganz Europa Interesse geweckt hat. Wir hoffen, auf ihren Grundriss zu stoßen und ihn richtig kartieren zu können.
Eine weitere Entdeckung, die auf großes Interesse stieß, war der Gewölberaum mit anschließendem großen runden Schacht unterhalb des Rathauskellers, der gerade saniert wird. Von diesem Befund hatte keiner mehr Kenntnis, und er stellte sich als absolute Neuentdeckung dar. Er liegt bis zu elf Meter unterhalb des heutigen Fußbodens und gehörte zu dem spätmittelalterlichen Vorgängerbau des heutigen Rathauses, das im 15. und dann im 17. Jahrhundert errichtet wurde.
Ein weiterer Gewölberaum zeigte sich - ebenfalls vollkommen unerwartet - im Ehrenhof vor der Jesuitenkirche, die heutige Marktkirche. Bevor die Jesuiten nach Paderborn kamen und ihr Kolleg samt Kirche errichtet haben, war das Areal städtisch und komplett überbaut. Davon haben wir nur spärliche Schriftquellen, materielle Anhaltspunkte, um Gebäude zu positionieren und zu rekonstruieren, fehlen uns bis heute.
Darüber hinaus hat die Errichtung einer neuen Stadtverwaltung großflächige Untersuchungen mitten im Stadtzentrum mit sich gebracht. Hier haben wir die Überreste der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtbebauung freigelegt. Außerdem wurde ein riesiger, zerklüfteter Steinbruch entdeckt, der im 11. Jahrhundert angelegt worden war, um Steingebäude wie die Abdinghofkirche zu erbauen. Am Boden der Baugrube, in mehr als 5 Metern Tiefe, haben wir einige mittelalterliche Latrinen entdeckt, die viele Funde aus der Zeit zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert enthielten. Latrinen sind immer eine wahre Fundgrube für uns Archäolog:innen.
Pressekontakt:
Dr. Carolin Steimer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-3504 und Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org
LWL-Einrichtung:
LWL-Archäologie für Westfalen
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An den Speichern 7
48147 Münster
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Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 21.000 Beschäftigten für die 8,4 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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