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Mitteilung vom 22.06.22

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Ausgrabungen der LWL-Archäologie in der Herforder Kaufmannssiedlung

Ergebnisse mit Spannung erwartet

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Herford (lwl). Da, wo sich im Mittelalter die Kaufmannssiedlung Radewig, heute Herford, befand, soll nun auf über 3.000 Quadratmetern dieses Stadtquartier weiterentwickelt werden. Aus schriftlichen Quellen ist einiges bekannt über diesen Teil der Keimzelle der späteren Hansestadt, allerdings wurde dieses Wissen bisher kaum durch archäologische Funde gestützt. Die derzeit ersten großflächigen archäologischen Untersuchungen, die der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) begleitet, lassen tief in die Herforder Stadtgeschichte blicken. Zwischen Kirchgasse, Löhrstraße und Janup entdeckten die Forscher:innen jetzt erstmals die Ursprünge der Siedlung Radewig, die mindestens bis ins 10. und 11. Jahrhundert zurückreichen.

Bisher waren die Fachleute im mittelalterlichen Herford schon an verschiedenen Stellen fündig geworden. So erforschten sie Anfang der 1990er Jahre das Damenstift unter dem Münsterkirchplatz und konnten 2015 in der Clarenstraße die ältesten Höfe von Alt-Herford aus dem 8. Jahrhundert nachweisen.

"In der Radewig bietet sich uns aber erstmals die Gelegenheit, Einblicke in die Sach- und Lebenskultur einer weiteren Bevölkerungsschicht des mittelalterlichen Herfords zu bekommen, nämlich in die der Kaufleute und Händler", erklärt Dr. Sven Spiong, Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen.

Gemeinsames Interesse von Stadt und LWL ist groß
Bereits mit Beginn der Ausgrabungsarbeiten brachten sich sowohl das Stadtarchiv als auch das Städtische Museum mit ein, recherchierten, stellten Karten, Pläne und Aufzeichnungen zur Verfügung. Sowohl die Leiterin des Städtischen Museums, Sonja Langkafel, als auch Stadtarchivar Christoph Laue freuen sich darüber, dass durch die Zusammenschau der schriftlichen und bildlichen Quellen sowie archäologischen Befunde und Funde die Entwicklung der Kirchgasse und ihrer Bewohner:innen von der Frühzeit bis in die Gegenwart nachgezeichnet werden kann.

Im derzeitigen Untersuchungsbereich lag nach dem ältesten schriftlichen Nachweis spätestens seit 973 die mittelalterliche Kaufmannssiedlung Radewig, oder auch Rodewich. Sie war zunächst eher weitläufig, wurde aber wahrscheinlich im Laufe des 12. Jahrhunderts dann zu einem dicht bebauten Stadtteil Herfords. Dessen Bürgerhäuser waren zu großen Teilen von einem Stadtbrand im Jahr 1638 betroffen, weiß auch der Stadtarchivar. Er kennt die historischen Pläne und vermutete, dass das Grabungsteam im Stadtquartier auf Ergebnisse stoßen würde: "Auf dem Stadtbrand-Plan von 1638 ist erkennbar, dass der gesamte damals enger bebaute Bereich im Feuer lag. Daher ist es naheliegend, dass unter der Brandschicht die Überreste dieser dichten Bebauung im Rahmen der Ausgrabung wieder zu Tage treten werden."

Außerdem zeigen Katasterpläne von 1826 und 1827 sowie ein Stadtplan von 1896, dass im 19. Jahrhundert der jetzt untersuchte Bereich spärlich und meist ohne tiefere Eingriffe in den Boden bebaut war. Daher dürften die darunter verborgenen archäologischen Spuren ungestört die Zeit überdauert haben.

Erste Bestandsaufnahme
Auch für das Ausgrabungsteam kamen die ersten Befunde und Funde nicht überraschend, denn vor etwa 30 Jahren wurden hier bereits sogenannte Suchschnitte angelegt. Bei deren Untersuchung wurden bereits Spuren der mittelalterlichen Bebauung erfasst, die bis in das 13. Jahrhundert zurückreichten. Auch ein paar wenige Funde aus einer Zeit, die deutlich vor 1200 liegt, machten die Fachleute neugierig. Die Pläne der Stadt Herford zur Weiterentwicklung dieses Areals sind nun Ausgangspunkt für weitergehende Untersuchungen.

"Bisher haben wir noch keine genaue Vorstellung davon, wie die Menschen in der Frühzeit der Kaufmannssiedlung gelebt haben und wie ihre Häuser aussahen", erklärt LWL-Archäologe Spiong, der die Untersuchungen zusammen mit seinem Kollegen Dr. Andreas Wunschel begleitet. Die Forschungen in der Radewig sollen dies nun ändern und auch zeigen, ob erhaltenswerte Denkmalsubstanz im Boden ist, die dann in Pläne späterer Neubauten einzubeziehen wäre.

Im Bereich der aktuell untersuchten Fläche stand mindestens seit 1827 ein kleines Wohnhaus, das 1952 abgebrochen wurde. Mit Spannung erwarten die Fachleute, in welchem Ausmaß sich noch Überreste der Vorgängerbebauung erhalten haben. Grabungsleiterin Dr. Eva Manz konnte bereits in einer Tiefe von etwa 40 Zentimetern die Brandschicht von 1638 erfassen, doch das Interesse richtet sich vor allem auf die Fundamente der Häuser, die hier vorher gestanden haben und darauf, wie weit ihre Wurzeln zurückreichen.

Diese Wurzeln zeigen sich jetzt in Form erster Siedlungsgruben, die sich anhand der daraus gebogenen Keramik in das 10. bis 11. Jahrhundert datieren lassen. Noch sind es einzelne Gruben aus der Anfangszeit der Marktsiedlung. Doch im weiteren Fortgang der Grabung hofft das Grabungsteam ein genaues Bild vom Leben in der Herforder Marktsiedlung rekonstruieren zu können. Da es bisher nur wenige Bodeneingriffe auf der nun untersuchten Fläche gab, sind die Erwartungen der Archäolog:innen auch für die nächsten Grabungsabschnitte groß.

Öffentliche Führung
Am Mittwoch, den 13. Juli um 17 Uhr wird eine kostenlose, öffentliche Führung über die Ausgrabung an der Kirchgasse angeboten. Gemeinsam mit
- Grabungsleiterin Dr. Eva Manz
- Leiterin des Städtischen Museums Herford Sonja Langkafel und dem
- Leiter der Außenstelle Bielefeld, LWL-Archäologie für Westfalen, Dr. Sven Spiong

werden die Ausgrabung und das umgebende Areal erkundet.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Sandra Görtz, LWL-Archäologie für Westfalen, Tel.: 0251 591-8946
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