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Mitteilung vom 08.10.20

Presse-Infos | Psychiatrie

Das Immunsystem der Seele stärken

Zum Welttag der psychischen Gesundheit am 10.10.: Fragen an Prof. Dr. Martin Holtmann zur Resilienz bei Kindern und Jugendlichen

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Münster/Hamm (lwl). Jedes vierte Schulkind leidet unter psychischen Problemen, einige davon so schwer, dass ärztliche Hilfe nötig ist. Das besagen aktuelle Studien zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. In jeder Schulklasse sind ein bis zwei Schüler an Depression erkrankt, ebenso viele leiden unter Angststörungen. Zum "Welttag der psychischen Gesundheit" am kommenden Samstag (10.10.) fordert Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann, die Resilienz, das Immunsystem der Seele, von Kindern und Jugendlichen weiter zu stärken. Der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik Hamm für Kinder und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) weist darauf hin, dass gerade in Zeiten von Corona-Krise und Lock-down Kinder und Jugendliche besonders psychisch belastet seien. Eltern komme da nicht nur im Lockdown eine besondere Verantwortung zu. Und Schulschließungen seien da genau der falsche Weg. Abgesehen vom Unterricht helfe die Schule als Kommunikationsort für soziale Kontakte unter Gleichaltrigen die psychische Widerstandskraft, die Resilienz, von Kindern und Jugendlichen zu erhöhen, so Holtmann.

Wir haben Prof. Holtmann zum Thema Resilienz bei Kindern und Jugendlichen befragt.

Was bedeutet Resilienz generell?
Martin Holtmann
: Resilienz wird mit "psychischer Widerstandskraft" übersetzt. Es geht dabei also um das "Immunsystem der Seele" und wie Menschen dieses Immunsystem stärken können. Wenn sie sagen können: "Ich lass mich nicht unterkriegen!", dann ist das schon ein eindeutiges Zeichen für eine resiliente Haltung. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Physik und bedeutet dort so viel wie Spannkraft oder Elastizität zum Beispiel einer Feder. So kann man sich viel-leicht bildlich auch das Immunsystem der Seele vorstellen: als strapazierfähig selbst in Krisensituationen, wenn es nur ausreichend gestärkt ist.

Warum sind manche Menschen resilienter als andere?
Martin Holtmann
: Das ist die Frage danach, was die Resilienz eines Menschen überhaupt beeinflussen kann. Es gibt Schutzfaktoren, die ein Mensch besitzt und die seine Psyche positiv beeinflussen können. Wenn man Menschen begleitet und deren Entwicklung beobachtet, lässt sich feststellen, dass offenbar in psychischer Hinsicht einige weniger gut und andere besser durchs Leben kommen. In Studien wurde nachgewiesen, dass sicher diejenigen Menschen resilienter sind, die merken, dass sie selbst Einfluss auf das eigene Leben haben und nicht als Objekt von anderen durchs Leben gehen müssen. Ein positives Selbstwertgefühl entsteht, wenn ich merke, dass ich selbst Probleme in meinem Leben lösen kann. Das ist nichts Anderes als in der Schule, wenn ich vor einer Mathe-Aufgabe sitze. Wenn ich die Schritte kenne, um diese Aufgabe zu lösen, dann fühle ich mich gut und stärke so auch mein Selbstwertgefühl. Oder: Wenn ich weiß, wie ich mit Stress umgehen kann. Das zeugt dann von hoher sozialer Kompetenz und personaler Resilienz.

Wie können Kinder und Jugendliche psychisch gestärkt werden?
Martin Holtmann
: Im Fokus muss die Frage stehen, unter welchen Bedingungen wachsen Kinder und Jugendliche auf. Die familiäre Komponente ist da besonders wichtig. Wenn Eltern ihren Kindern nicht zuhören können, sie nicht ermutigen, sie nicht deren Selbstbewusstsein bestärken und vergrößern können, ihnen nicht die Möglichkeit gewähren, autonom zu werden - wenn das alles nicht geschieht, dann schadet das der Entwicklung der Kinder. Deshalb ist es auch so wichtig, bei psychischen Problemen der Kinder immer Eltern und Kinder gemeinsam in den Blick zu nehmen. Den Kindern geht es besser, wenn auch die Eltern psychisch gesund sind.

Welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf die Resilienz bei Kindern und Jugendlichen?
Martin Holtmann
: Es ist so wichtig, dass bei einem möglichen nächsten Lockdown keine Schule mehr schließen muss. Beim ersten Lockdown im Frühjahr konnte man erkennen, dass es zwar einige Familien gab, in denen Kinder nicht psychisch unter Druck standen oder sich langweilten, weil sich die Eltern mit den Kindern beschäftigten, mit ihnen Hausaufgaben machten, unterhielten, Ausflüge unternahmen. Es gab aber auch viele Eltern, die in der häuslichen Quarantäne keinen Kontakt zu ihren Kindern fanden. Die Kinder flüchteten dann in den Konsum von Computerspielen oder anderen Medien. Daran sieht man, was fehlt, wenn Schule schließt: Schule ist viel mehr als nur ein funktionaler Ort zum Lernen, sondern im besten Fall ein Ort der Kommunikation unter gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen und auch mit erwachsenen Vertrauenspersonen, die die personale Resilienz stärkt.
Hier erhalten Kinder ein positives Selbstwertgefühl, hier können sie es trainieren. Und in den Familien sollten die Eltern Kindern zuhören, sie loben, Eigeninitiative entwickeln lassen und das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung gelten lassen. Kinder dürfen dabei nicht zum Objekt in der Erziehung werden. Wenn ich mich als Subjekt erlebe, dann fördert das die positive Selbsteinschätzung ungemein.
In der LWL-Universitätsklinik Hamm bieten wir dabei den jungen Patientinnen und Patienten zum Beispiel ein soziales Kompetenz-Training an. Darin lernen sie, wie sie ihre Interessen in einer Gruppe durchsetzen können, wie man sich auch mal bei Mitmenschen entschuldigt oder Fehler zugibt. Ein zweites Angebot, das Feinfühligkeitstraining, soll eine verfahrene Beziehung zwischen Eltern und Kindern wieder verbessern helfen. Die Eltern sollen den verloren gegangenen, inneren Kontakt zu ihren Kindern wiederfinden können. Um es mit einem Bild zu sagen: Eltern müssen ihre Kinder nicht selbst aus dem reißenden Fluss des Lebens zu retten versuchen, sondern sie zu guten Schwimmern ausbilden.


Zur Person:
Prof. Dr. Dr. med. Martin Holtmann (49) ist seit 2009 Ärztlicher Direktor der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Er hat zudem eine Professur für Kinder-/Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Er war zuvor am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und an der Goethe-Universität Frankfurt, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, tätig. Holtmann hat in Münster, Würzburg und Padua Theologie und Humanmedizin studiert. Er promovierte 2002 und erlangte nach der Habilitation 2006 die Lehrbefugnis für das Fach "Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie".



Pressekontakt:
Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



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LWL-Universitätsklinik für Kinder und Jugendliche Hamm
Heithofer Allee 64
59071 Hamm
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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