LWL-Newsroom

Mitteilung vom 22.07.20

Presse-Infos | Kultur

"Leben am Toten Meer - Archäologie aus dem Heiligen Land"

Neue Sonderausstellung im LWL-Museum in der Kaiserpfalz

Bewertung:

Paderborn (lwl). Ab Freitag (24.7.) zeigt das Museum in der Kaiserpfalz des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Paderborn die Sonderausstellung "Leben am Toten Meer - Archäologie aus dem Heiligen Land". Die Schau ist europaweit die erste, die sich mit mehr als nur einem Teilaspekt dieser scheinbar lebensfeindlichen Region befasst.

"Die Ausstellung fällt in eine Zeit, wo uns jedes Kulturvorhaben, das tatsächlich stattfindet, als großes Geschenk erscheint", erklärt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. "Das Projekt 'Leben am Toten Meer', an dem so viele internationale Leihgeber beteiligt waren, hat uns gezeigt, wie groß die Solidarität von Kultureinrichtungen untereinander auch in schwierigen Zeiten und über Landesgrenzen hinweg ist."

12.000 Jahre Kulturgeschicht in acht Themenfeldern
Die Sonderausstellung, die im LWL-Museum in der Kaiserpfalz bis zum 15. November läuft, zeigt 12.000 Jahre Kulturgeschichte der Region, vorgestellt in acht Themenfeldern. "Im Nahen Osten entwickeln sich manche Kulturen deutlich früher als bei uns in Westfalen," erklärt LWL-Chefarchäologe Prof. Dr. Michael Rind. "Daher sind die Funde vom Toten Meer nicht nur einzigartige Zeugnisse einer weit zurückliegenden Kultur. Sie faszinieren schon allein aufgrund ihres hohen Alters und des ausgezeichneten Erhaltungszustandes."

Die rund 350 Exponate stammen von 23 Leihgebern, darunter die Israel Antiquity Authorities in Jerusalem, das Israel Museum Jerusalem, das Ashmolean Museum in Oxford und das British Museum in London. Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählen mehr als 2.000 Jahre alte Fragmente von Bibelhandschriften aus Qumran, die als "Jahrtausendfund" der Archäologie gel-ten, sowie bis zu 8.000 Jahre alte Textilfunde und Handschriften antiker Gelehrter wie Plinius und Ezechiel.

Paderborns enge Beziehungen zum Heiligen Land
Museumsleiter Dr. Martin Kroker erklärt: "Der Schwerpunkt des LWL-Museums in der Kaiserpfalz liegt eigentlich auf dem westfälischen Mittelalter. Mit dieser Ausstellung erschließen wir uns neue Themengebiete und Regionen. Paderborn mit seinen engen Verbindungen zur Archäologie und seinen religiösen wie kulturellen Beziehungen zum Heiligen Land erscheint geradezu prädestiniert für eine Ausstellung zum Toten Meer."

Obwohl der Schwerpunkt der Ausstellung auf der Zeit bis zur Frühislamischen Epoche liegt, geht sie auch auf die Gegenwart ein: Interviews geben Einblicke in das heutige Leben in der Konfliktregion. Auch der Klimawandel ist Thema - und mit ihm das Verschwinden des Toten Meeres. "Ziel der Ausstellung ist es, die Kulturgeschichte dieser lebensfeindlich anmutenden und doch anziehenden Region vorzustellen, die auch in der Vergangenheit keine Einheit dar-stellte, und viel mehr bietet als nur Schreckensszenarien wie Sodom und Gomorra", sagt Kroker.


Die Themenbereiche der Sonderausstellung

Natur und Selbsterhaltung
Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Frage, warum es Menschen seit Jahrtausenden in die unwirtliche Region rund um das Tote Meer zieht. Es wird auf die Bedeutung des hohen Salzgehaltes des Sees, seiner wohltuenden Mineralien, auf das natürliche Vorkommen von Asphalt (Bitumen), die Möglichkeit des Dattelpalmenanbaus sowie die Nutzung des Balsamstrauches für Öle und Parfüm eingegangen. Oasen bieten dank Wasser aus Flussläufen (Wadis) die Möglichkeit für Ackerbau und Viehzucht.

Wellness
Schon in hellenistisch-römischer Zeit war die wohltuende Wirkung der Thermalquellen an den Ufern des Salzsees überregional bekannt. Gleichzeitig wirft die Darstellung der Bäderkultur ein luxuriöseres Bild auf die Region, die durch den Balsamstrauch sogar zum politischen Spielball zwischen Kleopatra/Marc Anton und Herodes wurde. Balsam wurde vom 7. Jahrhundert v. Chr. bis in die byzantinische Zeit in den Oasen im südlichen Jordantal verarbeitet und war ein wert-volles Exportgut. Die botanische Bestimmung der Balsampflanze stellt indes ein bis heute nicht vollständig gelöstes Rätsel dar.

Mobilität
Steiles und felsiges Terrain gepaart mit Seespiegelschwankungen erschwerte die Mobilität entlang der Ufer. Die Schifffahrt hatte derweil mit dem hohen Salzgehalt des Sees zu kämpfen. Dennoch bewegten sich Menschen und Waren aus anderen Regionen zum Toten Meer. In der Ausstellung wird anhand verschiedener Funde aus weit entfernten Gegenden die Mobilität der Menschen am Toten Meer und ihre Vernetzung von Anatolien bis nach Ägypten dargestellt.

Höhlen, Dörfer und Städte
Ist Jericho wirklich die älteste Stadt der Welt? Wie entsteht ein Tell (Erhebung durch wiederholte Besiedlung)? Neben Antworten auf diese Fragen zeigt die Ausstellung anhand von Modellen auch die Entwicklung verschiedener Hausformen. Eine Besonderheit der Region rund um das Tote Meer sind die zahlreichen Höhlen, die von Menschen als Behausungen genutzt wurden. Vor allem in Zeiten politischer oder religiöser Verfolgung dienten sie auch als Zufluchtsorte.

Macht und Ohnmacht
Spätestens seit dem ausgehenden 2. Jahrtausend v. Chr. befinden sich die Bewohner der Region in stetem Konflikt um die Macht im Land. Berühmt sind die Palastanlagen von Jericho, Machärus und Masada, die der römische Klientelkönig Herodes errichten ließ, um seine Ansprüche zu dokumentieren. Unscheinbarer, aber ebenso aussagekräftig sind sogenannte "Iudaea Capta" ("Judäa ist erobert") Münzen. Sie preisen die Unterwerfung Judäas durch Kaiser Vespasian bzw. seinen Sohn Titus. Eine Herrschaft, die zur Rebellion führte: Die Aufständischen suchten dabei Zuflucht in den Höhlen am Toten Meer und hinterließen Alltagsgegenstände und Schriftstücke, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind.

Kult und Religion
Wenn man etwas mit dem Toten Meer verbindet, dann Kult und Religion. Mit Gips überzogene Schädel und Steinmasken zeugen vom Ahnenkult in der frühen Jungsteinzeit. Aus der späten Kupfersteinzeit ist der Fund aus der "Cave of the Treasure" ("Höhle des Schatzes") im Nahal Mischmar berühmt. Ein Teil der dort gefundenen Kupferobjekte ist in der Ausstellung zu sehen, darunter mehrere Zepter.
Die Sensation, den der Fund der Schriftrollen von Qumran in den 1950er Jahren auslöste, wird in der Ausstellung ein wenig entzaubert. Der Ausgräber, der Dominikanermönch Roland de Vaux, interpretierte die dicht bei den Höhlen gefundenen Siedlungsreste als Kloster der jüdischen Sekte der Essener - eine mittlerweile umstrittene Theorie.
Die Schriftrollen sind inzwischen ein politischer Spielball zwischen den politischen Mächten am Toten Meer. Vier originale Fragmente können in der Ausstellung gezeigt werden.

Forschen
Römischen Autoren wie Plinius dem Älteren (gest. 79 n. Chr.) verdanken wir frühe Berichte zum Toten Meer. Pilger besuchten und beschrieben ab byzantinischer Zeit die Region. Erst seit Ein-setzen des Humanismus stehen naturwissenschaftliche Untersuchungen, gepaart mit politischen und ökonomischen Interessen, im Mittelpunkt. Ausgrabungen in der Region ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren geprägt von der Suche nach biblischen Orten wie dem durch Posaunen zerstörten Jericho oder den durch Feuer verwüsteten Städten Sodom und Gomorra. Mit der Etablierung der Archäologie als Wissenschaft im Laufe des 20. Jahrhunderts beackerten vor allem britische Archäologen das Feld ihres Mandatsgebietes Palästina. Heutzutage sind archäologische Untersuchungen vornehmlich international geprägt. Sie zielen darauf ab, die Kulturgeschichte der Region zu rekonstruieren und zu erhalten.

Textilien
Das trockene Klima am Toten Meer ist ideal für die sonst so seltene Erhaltung von Textilien. Belege für unterschiedliche Stoffe und Webtechniken zeigen Funde von der Jungsteinzeit bis in byzantinische Zeit.


Weitere Informationen unter:
hhtp://https://www.lwl-kaiserpfalz-paderborn.de
https://de-de.facebook.com/museuminderkaiserpfalz/
https://www.instagram.com/lwl_kaiserpfalzmuseum/

Ab dem 01.08.2020 werden auch wieder Gruppenführungen im LWL-Museum in der Kaiserpfalz angeboten.
















Programm zur Ausstellung

Führungen

Führungen sind nur entsprechend der Corona-Verhaltensregeln möglich. Bitte informieren Sie sich über den neuesten Stand auf unserer Homepage unter lwl-kaiserpfalz-paderborn.de oder kontaktieren Sie uns telefonisch unter 05251/1051-10 oder per Mail unter angeli-ka.mateja@lwl.org.

Gruppenführungen
Für Schulklassen, Erwachsene und Familien
Kosten pro Stunde 30 €

Leben am Toten Meer. Archäologie aus dem Heiligen Land
Standard-Rundgang für Erwachsene und Klassen 9-13 (1,5 Stunden)

Ab ans Meer! Kurzurlaub im Museum
Rundgang für Erwachsene und Kinder ab 8 Jahren (1,5 Stunden)

Reise ins Land der Bibel
Rundgang für Schulklassen 3-4 (1,5 Stunden)

Früchte der Einöde - Leben in Extremen
Rundgang für Schulklassen 5-8 (2 Stunden)

Nähe zum Fremden - Austausch und Konflikte
Rundgang für Schulklassen 9-13 und Erwachsene (1,5 Stunden)

Spuren des Glaubens am Toten Meer
Themen-Rundgang zu Kult und Religion für Schulklassen 9-13, Konfirmanden- und Firmgruppen sowie Jugendliche und Erwachsene (1,5 Stunden)

Kindergeburtstag
Ab ans Meer! Kurzurlaub im Museum
Für Kinder ab 8 Jahren (2 Stunden) - Kosten 60 € inkl. Museumseintritt (zzgl. 1 € Materialkosten pro Kind)


Kurse
Für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren

Kreuz und Quer - Beschreibstoffe à la Papyrus
Barbara Hattrup, Textilgestalterin (Kosten 30 € inkl. Führung, zzgl. Museumseintritt und Material)

Binsenweisheit - Korbflechten
Claudia Gensch, Korbflechterin (Kosten 30 € inkl. Führung, zzgl. Museumseintritt und Material)

Am Anfang war das Wort - doch in welcher Sprache?
Sonnhild Weirauch, M.A. (Kosten 30 € inkl. Führung und Material, zzgl. Museumseintritt)

Details zu den einzelnen Programmen finden Sie unter http://www.lwl-kaiserpfalz-paderborn.de.


Vortragsreihe

Donnerstag, 20. August, 19:30 Uhr
"Wo sind Sodom und Gomorra? Die archäologische Erforschung des Toten Meeres"
Dr. Martin Peilstöcker, Bibelhaus Erlebnismuseum Frankfurt a. M., Kurator der Ausstellung

Donnerstag, 17. September, 19:30 Uhr
"Und die Wasser des Meeres sollen geheilt werden" (Ez 47,8) - Utopische Heilsbilder im Buch des Propheten Ezechiel
Prof. Dr. Michael Konkel, Theologische Fakultät Paderborn

Mittwoch, 7. Oktober, 19:30 Uhr
"Aufstand gegen die Römer. Qumran, Masada und die Höhlenverstecke in der judäischen Wüs-te"
Prof. Dr. Hans-Peter Kuhnen, Vor- und Frühgeschichte/Biblische Archäologie, Universität Mainz

Weitere Termine werden nachgeholt.



Ausstellungskatalog

Martin Peilstöcker/ Sabine Wolfram (Hrsg.): "Leben am Toten Meer - Archäologie aus dem Heiligen Land" (Dresden 2019), 352 Seiten, 29,90 Euro.


Der Begleitband zur Sonderausstellung "Leben am Toten Meer - Archäologie aus dem Heiligen Land" gibt einen Einblick in die Jahrtausende alte Kulturgeschichte und die Ausgrabungsergebnisse einer scheinbar lebensfeindlichen Region.

Essays zu den Themen Forschungsgeschichte, Natur und Subsistenz, Kulturgeschichte, Wellness, Mobilität, Höhlen, Dörfer und Städte, Macht und Ohnmacht, Kult und Religion, Qumran sowie den umfangreich erhaltenen Textilresten werden ergänzt durch Beiträge zu den wichtigsten Fundorten am Toten Meer, darunter Jericho, Qumran, Masada und Machärus. Der Objektkatalog präsentiert zudem auf über 80 Seiten die Exponate der Sonderausstellung.

352 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Karten und Diagrammen in einem fadengehefteten Festeinband für 29,90 EUR.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Dr. Carolin Steimer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-3504
presse@lwl.org



LWL-Einrichtung:
Museum in der Kaiserpfalz
Ikenberg 2
33098 Paderborn
Karte und Routenplaner



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 18.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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