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Mitteilung vom 19.06.20

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Siedlungsreste aus Jahrtausenden

Große Ausgrabung am Industriegebiet geht zu Ende

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Bocholt (lwl). Nach fast einem Jahr geht ein großes Grabungsprojekt in Bocholt-Mussum zu Ende. Im 40 Hektar großen Erweiterungsbereich des "Industrieparks XXL" lagen sieben Bodendenkmäler. Eine Fachfirma untersuchte diese unter Fachaufsicht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), damit anschließend die Bauarbeiten beginnen können. Nun präsentierten die Fachleute die Ergebnisse: Unmittelbar neben den Höfen Groß Egeling und Groß-Hardt fanden sich Überreste von Vorgängerbauten aus dem hohen und späten Mittelalter sowie der Frühen Neuzeit. Weiter zurück durch die Zeit blicken seltene Siedlungsreste aus dem Frühmittelalter im Bereich zweier weiterer Fundstellen, darunter ein Schmiedeplatz. Auch in prähistorische Zeiten geben verschiedene Fundstellen auf dem großen Areal Einblicke: in die Lebensweise der Siedler in der Eisenzeit, über die Bronze- bis hin zur Jungsteinzeit.

"Um diese wichtigen Geschichtsquellen vor ihrer Zerstörung durch Überbauung zu erforschen und angemessen zu dokumentieren, waren großflächige Ausgrabungen erforderlich", erklärt Dr. Christoph Grünewald, Leiter der Außenstelle Münster der LWL-Archäologie für Westfalen. Überraschend war die Notwendigkeit der Ausgrabungen nicht, nachdem die Archäologen bereits 2018 Voruntersuchungen durchgeführt hatten. Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass Ausgrabungen wichtige neue Erkenntnisse bringen würden.
So begann die von der Stadt Bocholt beauftragte Grabungsfirma im Sommer 2019 mit den Arbeiten unter Leitung von Stephan Deiters: "Aufgrund der Größe des Areals und der vielversprechenden Voruntersuchungen haben wir einige Funde und Befunde erwartet, allerdings sind wir rückblickend von deren Vielfältigkeit und Komplexität überrascht."

Mittelalter auf Hof Egeling
Östlich neben dem Hof Groß-Egeling, erstmals fassbar in einer Urkunde aus dem Jahr 1264, wurden komplexe Baustrukturen aus dem Hoch- und Spätmittelalter gefunden. Dabei handelt es sich um Grundrisse zweier großer Pfostenhäuser sowie viele Gräben, mehrere Brunnen und einige andere Befunde.

Erschwert wurden die Arbeiten hier durch den hohen Grundwasserspiegel. "Allerdings sorgte dieser auch für einen hervorragenden Erhaltungszustand, besonders von Holz", erklärt Dr. Jürgen Gaffrey, Referent der LWL-Archäologie. Denn neben den Brunnen konnten die Archäologinnen mehrere Holzkästen und zwei Fässer entdecken. Diese lagen so tief im Boden, dass sie durch das Grundwasser konserviert wurden. Deiters deutet die Funde: "Teilweise wurden die Kastenkonstruktionen sicher als Vorratsbehälter oder zur Nahrungsaufbereitung genutzt."

Als gesichert gilt diese Theorie für zwei der Holzkästen, da diese Reste von geschälten Eicheln enthielten. Eicheln wurden im Mittelalter in schlechten Erntezeiten in Wasser eingeweicht, um die Bitterstoffe zu entziehen und zum Verzehr genießbar zu machen. Das Umfeld des Hofs barg noch weitere nennenswerte Funde: bronzenes Kochgeschirr sowie einen ledernen Kinderschuh, der von den Fachleuten in das 14. Jahrhundert datiert wird.

Mittelalter und beginnende Neuzeit auf Hof Groß-Hardt
Der früher "Nienhaus" genannte Hof taucht 1488 erstmals in schriftlichen Quellen auf. Westlich von diesem kamen gleich sechs Grundrisse großer Hofgebäude zutage. Sicher sind die Experten, dass sie nicht alle zeitgleich bestanden, sondern mehrere Siedlungsphasen vom hohen Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit widerspiegeln. Zwei ganz besondere Funde konnten hier dem Boden abgewonnen werden: eine spanische Silbermünze aus dem Jahr 1562 und ein geschnitzter Kamm aus Knochen.

Auch hier konnte sich Holz im feuchten Boden sehr gut erhalten: In einem Grabenschnitt legten die Archäologen einen hölzernen Einbau von etwa neun mal drei Metern frei. "Wir wissen noch nicht, wozu er diente", sagt Deiters, "allerdings lassen wir derzeit Pflanzenreste, die sich darin befanden, archäobotanisch untersuchen." Archäobotaniker können kleinste Pflanzenrückstände aus vergangenen Zeiten untersuchen und bestimmen. Sie liefern oft wichtige Informationen darüber, was damals auf Feldern und Wiesen wuchs.

Frühes Mittelalter - Waffen und Schmuck
An einer weiteren Fundstelle und am Standort eines geplanten Regenrückhaltebeckens trafen die Archäologen auf frühmittelalterliche Siedlungsspuren. "Diese sind in Westfalen gar nicht so häufig, daher ist dies ein toller Fund", freut sich Grünewald. Zwei Gebäudegrundrisse konnten die Fachleute am Platz des Regenrückhaltebeckens ausmachen. Sie werden in die unruhige Zeit der Merowinger (etwa 450-750) datiert, der Vorgänger Karls des Großen.

Die Menschen, die in dieser Zeit hier siedelten, haben einige bemerkenswerte Dinge hinterlassen, die ein genaueres Bild ihrer Lebensumstände zeichnen: zwei Messer aus Eisen, ein Sax (einschneidiges Hiebschwert) und viele Schlacken, die bei Schmiedeprozessen entstanden. "Die Schlacken lagen im Umfeld der Hausgrundrisse verstreut, und ihre räumliche Verteilung legt den Schluss nahe, dass eines der Gebäude als Schmiede genutzt wurde", erklärt Deiters. Eine schmuckvolle Gewandspange (sogenannte Sternfibel), die im gleichen Bereich entdeckt wurde, stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist somit einige Jahrhunderte jünger.

Aus prähistorischer Zeit
Ein großes Pfostenhaus aus der Eisenzeit (etwa 800 v. Chr. bis Christi Geburt) mit etwa zwölf mal sechs Metern Grundfläche konnte anhand von Bodenverfärbungen an einer Fundstelle nachgewiesen werden. Noch älter, nämlich aus der mittleren Bronzezeit (um 1500 v. Chr.), ist ein Beil (sogenanntes Randleistenbeil) aus Bronze. Es war bereits bei den Voruntersuchungen 2018 entdeckt worden.

Der letzte bemerkenswerte Fund gelang den Archäologen erst vor einigen Tagen und ist etwa 5.000 Jahre alt: eine Feuersteinklinge, die vermutlich als Messer verwendet wurde. "Die Klinge aus Rijckholt-Feuerstein zeigt, dass die jungsteinzeitlichen Siedler bereits Handel trieben. Denn das Rohmaterial, aus dem die Klinge gefertigt ist, stammt nachweislich aus der Nähe von Maastricht in den Niederlanden", sagt Gaffrey. Dort wurde das Gestein bereits vor vielen Tausend Jahren bergmännisch abgebaut und als Halbfertig- oder Fertigprodukt über weite Strecken verhandelt.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Sandra Maus, LWL-Archäologie für Westfalen, Tel.: 0251 591-8946
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