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Mitteilung vom 04.03.20

Presse-Infos | Soziales

Menschen mit Behinderung im Alter - "Unterstützung innovativ gestalten"

Forschungsprojekt zeigt neue Wege

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Münster. Forscher der Katholischen Hochschule NRW (KatHO NRW) in Münster haben zusammen mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und dem Landesverband Lebenshilfe NRW untersucht, wie Menschen mit Behinderung im Alter leben wollen - und was Anbieter von Unterstützung tun können, damit das auch Realität werden kann.

Eine wichtige Erkenntnis des Projektes "MUTIG": Auch Menschen mit Behinderung wollen das, was Menschen ohne Behinderung wollen: möglichst bis ins hohe Alter in ihrer eigenen Wohnung leben und selbstbestimmt mit Unterstützung ihren Alltag individuell gestalten.

Die Wirklichkeit sieht bislang oft noch anders aus: Menschen mit geistiger Behinderung zum Beispiel leben im Alter noch mehrheitlich in Wohnheimen mit 20 und mehr anderen Menschen. Ihre Freiräume für eine individuelle Lebensgestaltung sind stark beschränkt. Wie sich das ändern kann, diskutieren rund 200 Teilnehmer auf einer Tagung in Münster am Mittwoch und Donnerstag (4. und 5.3.2020).
Das Forscherteam hat Wohnsettings und Wohndienste in Deutschland (in NRW und Bayern), in den Niederlanden und in Skandinavien untersucht und zeigt auf, was sich wie ändern sollte und anders gestaltet werden könnte. Menschen mit Behinderung des Lebenshilferats NRW haben sich an diesen Überlegungen beteiligt. Das Forschungsprojekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

"Kleinere Wohngemeinschaften, mehr Autonomie der Betreuer, mehr digitale Technik"
Entscheidend sei, wie Menschen mit Behinderung selbst ihren Alltag gestalten wollen.

Das fordere auch das neue Bundesteilhabgesetz, so Projektleiter Prof. Dr. Friedrich Dieckmann vom Institut für Teilhabeforschung der KatHO NRW: "Das Leben in Wohneinrichtungen mit mehr als zwölf Personen, das zeigt die empirische Wohnforschung, wirkt sich negativ auf die individuelle Teilhabe und Lebensqualität aus. Wir müssen uns vom Wohnheim mit 24-Plätzen als Leitmodell verabschieden. Wir brauchen kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, eine größere Autonomie der Betreuerteams und mehr Einsatz von digitaler Technik."

"Wenn heute ältere Menschen mit Behinderung mehr Pflege und Unterstützung brauchen, ist es Aufgabe der Anbieter, ihre Unterstützung in der vertrauten Wohnung entsprechend anzupassen", so Prof. Dr. Sabine Schäper. Viele Anbieter dächten noch in "trägerinternen Versorgungsketten", die Menschen mit Behinderung aufgrund des Unterstützungsbedarfs in eine Wohnform sortiert. Und das Interesse des Trägers an der Auslastung eines Pflegeheims spielt eine große Rolle. "Im Ergebnis landen zu viele ältere Menschen mit gewöhnlichen Pflegebedarfen viel zu früh in Pflegeheimen." Das Bundesteilhabegesetz fordere dazu auf, die individuell notwendige Unterstützung unabhängig von der Wohnform zu gestalten.

Bei ihren Forschungen hat das Forschungsteam innovative Ansätze gefunden, wie es auch anders ginge, so Dieckmann und Schäper weiter. Ein besserer "Hilfemix" wäre ein großer Fortschritt. Dieckmann: "Wenn sich Profis aus der Behindertenhilfe, aus der Altenpflege und aus der Stadtteilarbeit besser abstimmten, kommt das dem betreuten Menschen mit Behinderung sofort zugute. Im besten Fall kann er durch einen guten Hilfemix auch im Alter in seiner eigenen Wohnung in seinem Viertel bleiben." Ein Schlüssel sei die Betreuung in der bei Nacht. Ein Beispiel aus den Niederlanden habe gezeigt, dass durch Einsatz digitaler Technologien eine eigene kleine Anzahl von Nachtwachen viele Bewohnerinnen und Bewohner mit Behinderung, die verteilt in einem Stadtteil allein, zu zweit oder in Wohn- oder Hausgemeinschaften leben, verlässlich und personalschonend nächtliche Sicherheit und Unterstützung geben.

"Wir finanzieren die Hilfen für 32.000 Menschen mit Behinderungen im Betreuten Wohnen und für 22.000 Menschen in Heimen. Unsere Aufgabe, besteht darin, noch mehr selbständiges Wohnen möglich zu machen", so Jürgen Kockmann vom LWL. Darum habe der LWL zum Beispiel ein eigenes Programm mit innovativen Wohnprojekten ("Sewo") für insgesamt zehn Millionen Euro aufgelegt. "Wenn Sie zum Beispiel das Wohnprojekt in Bochum-Weitmar sehen, leben dort heute Menschen, von denen viele noch vor Jahren glaubten, dass sie wegen ihrer schweren Behinderungen nur im Heim leben könnten. Heute hat dort jeder sein eigenes Apartment."

Mit einer Kombination aus intelligenter Haustechnik ("Ambient Assisted Living"), gut organisierter Nachtwache und Vernetzung im Stadtteil sei das möglich. Kockmann: "Solche Ansätze sind ermutigend, das hat uns das Forschungsprojekt gezeigt."

"Entscheidend bei allen Beispielen neuer Wohnangebote ist grundsätzlich, dass sie die Wahlmöglichkeiten erweitern und ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen bei notwendiger gewährleisteter Unterstützung. Ein wesentliches Kennzeichen der Qualität dieses Projektes steckt nicht nur in der beeindruckenden Vielfalt unterschiedlicher erforschter Angebote, sondern auch darin, dass Menschen mit Behinderung selbst mitwirken konnten und ihre Wünsche und Vorstellungen in die Ergebnisse eingeflossen sind. Der Lebenshilferat NRW macht uns allen deutlich: es ist an der Zeit, zukünftige Bewohner*innen nicht nur zu fragen, sondern sie im besten Falle gleich von Anfang an in Planungen einzubeziehen und bei Forschungsprojekten als Co-Forscher*innen auf Augenhöhe mitwirken zu lassen. Leben in allen Lebensphasen, so wie ich das möchte, ist ein Wunsch, den alle Menschen gleichermaßen haben. Die Ergebnisse des Projektes zeigen gut, wie es gehen könnte und zeigen zugleich auch Hindernisse auf, die behoben werden müssen. Insgesamt ermutigende Ergebnisse." sagt Bärbel Brüning, Geschäftsführerin des Landesverbandes Lebenshilfe NRW e.V.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, Tel.: 0251 591-235, presse@lwl.org und Monika Laumann, Tel.: 0251 41767-39, m.laumann@katho-nrw.de
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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