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Mitteilung vom 19.12.19

Presse-Infos | Kultur

Neue Publikation präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse der Archäologie

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Münster (lwl). Vom 5.000 Jahre alten Megalithgrab über ein römisches Marschlager und eine mittelalterliche Grafengruft bis hin zum modernen Industriedenkmal und Schauplätzen der Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg: Westfalen ist reich an Bodendenkmälern, die es zu schützen und zu erhalten gilt. Das belegt die neue Publikation "Archäologie in Westfalen-Lippe 2018" des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). In 75 Beiträgen informieren 99 Autoren über die aktuellen Forschungsergebnisse aus Archäologie und Paläontologie und die größten Ausstellungen in Westfalen im Jahr 2018.

Auf 316 Seiten laden die LWL-Archäologie für Westfalen und die Altertumskommission für Westfalen zu einer Reise an die verschiedenen Fundplätze in der Region ein - vom Sauerland bis ins Münsterland, von Ostwestfalen bis ins Ruhrgebiet. Die Spanne reicht von paläontologischen Fossilienfunden bis zu den Zeugnissen der jüngsten Vergangenheit. Vieles wird hier zum ersten Mal präsentiert, aber auch Altbekanntes in neuem Licht betrachtet.

"Die spektakulären Bodendenkmäler, die unsere Archäologinnen und Archäologen im Laufe des vergangenen Jahres entdeckt und erforscht haben, geben Aufschluss über die Entwicklung der Kulturlandschaft dieser Region und die Lebensumstände ihrer Bewohner", erklärt Prof. Dr. Michael Rind, Chefarchäologe des LWL. "Deshalb haben sie einen einmaligen Zeugniswert für uns heute, aber auch für die Generationen nach uns." Besonders hervorzuheben seien die spektakulären Überreste der Steinhauser Hütte in Witten (Ennepe-Ruhr-Kreis) oder die reich verzierte Grafengruft im Kloster Wedinghausen (Hochsauerlandkreis): "Beide waren für uns eine Überraschung und sind in ihrer Ausführung von europäischem Rang."

"Bei der Entdeckung und Erhaltung solcher Funde profitieren wir als Archäologinnen natürlich von den technischen Errungenschaften anderer Disziplinen", so Dr. Aurelia Dickers, Vorsitzende der Altertumskommission. "Aber auch die klassischen Methoden kommen weiter zum Einsatz. Hier wird je nach Gegebenheiten individuell entschieden und kombiniert." So könne der Arbeitsprozess verbessert, Zeit gespart und die Qualität der Ergebnisse verbessert werden. Der jetzt erschienene achte Band der "Archäologie in Westfalen-Lippe" sei nicht nur eine interessante Lektüre für Fachleute, sondern für alle, die sich für die Vergangenheit ihrer Heimat interessieren - ob es von regionaler oder überregionaler Warte.

So sorgte die Untersuchung von Schauplätzen der NS-Kriegsverbrechen im Sauerland 2018 für große Aufmerksamkeit und Betroffenheit: Im März 1945 ermordeten Angehörige von Waffen-SS und Wehrmacht zwischen Warstein und Meschede insgesamt 208 polnische und russische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Tat gilt als eines der größten Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges in Deutschland außerhalb von Konzentrationslagern und Gefängnissen. Anhand von 400 Funden konnten LWL-Archäologen nicht nur die letzten Stunden im Leben der Ermordeten, sondern auch den Ablauf der grausamen Taten rekonstruieren.

Der aktuelle Band ist in jeder Buchhandlung, in den LWL-Museen in Herne, Haltern und Paderborn sowie im Internet unter http://www.archaeologie-und-buecher.de zum Preis von 19,50 Euro erhältlich. Die Beiträge des Bandes stehen nach einem Jahr auch online über Open Access kostenfrei zur Verfügung, wo ab sofort auch die Beiträge des Jahresrückblicks 2017 als Download bereitstehen. Weitere Informationen gibt es unter http://www.lwl-archaeologie.de.

Archäologie in Westfalen-Lippe 2018
Herausgegeben von der LWL-Archäologie für Westfalen und der Altertumskommission für Westfalen
316 Seiten, durchgehend farbig bebildert
Verlag Beier & Beran
Langenweißbach 2019
ISBN 978-3-95741-113-6
ISSN 2191-1207
19,50 Euro


Ein Blick ins Buch: Auswahl von Beiträgen

Ausgrabungen im Spätsommer 2018 bestätigten nicht nur die Existenz des Galeriegrabs Wewelsburg II (Kreis Paderborn), sondern lieferten auch umfassende Erkenntnisse zur Architektur des Megalithgrabs. Die Grabkammer war mit Kalksteinplatten abgedeckt, ein Findling und weitere Kalksteinplatten bildeten die Wandsteine der Grabkammer. Zwischen den Wandsteinen befand sich ein Zwickelmauerwerk aus kleineren Kalksteinen. Im Inneren der Grabkammer konnten die Fachleute zahlreiche Knochen bergen, die zukünftig mit DNS- und Isotopie-Verfahren untersucht werden.

In Bielefeld-Sennestadt entdeckten Archäologen des LWL ein römisches Marschlager, das wahrscheinlich während der Germanienfeldzüge unter Kaiser Augustus angelegt worden ist. Kennzeichen dafür sind der vieleckige Lagerumriss, die Größe von 26 Hektar, die sogenannten Clavicula-Tore und der für Marschlager typische Spitzgraben von 1,6 Meter Breite mit dahinterliegendem Wall. Das Schopketal und der westlich davon liegende Taleinschnitt am Markengrund bildeten zwei Durchgänge, durch die das Feldheer den Teutoburger Wald überschreiten konnte, um an die Weser zu gelangen.

Im Kloster Wedinghausen in Arnsberg (Hochsauerlandkreis) öffneten LWL-Archäologen im Zuge von Sanierungsarbeiten die mittelalterliche Gruft der gräflichen Stifterfamilie. Überraschend zeigte sich, dass die Wände der Grabkammern mit kunstvollen, 700 Jahre alten Bildern verziert waren. Der Stil der bemalten Grabkammern deutet auf eine Herkunft aus Brügge. In Europa sind nur sehr wenige Beispiele von derart aufwendig bemalten Kammern bekannt.

Im Oktober 2018 haben LWL-Archäologinnen zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Sauerland/Hemer e.V. und einer Fachfirma einen mittelalterlichen Bergbau in Brilon (Hochsauerlandkreis) untersucht. In einer Tiefe von neun Metern wurde im 12. Jahrhundert eisenerzhaltiger Lehm abgebaut. Zurück blieb ein Hohlraum, den die Wissenschaftler per 3-D-Laservermessung so dokumentierten, dass der Raum mit simulierter Textur und den echten Farben vorstellbar wird. An den Wänden der Kluft haben sich noch die Spuren der verwendeten Werkzeuge erhalten. Einen Eindruck gibt ein Video, das über die Homepage der LWL-Archäologie zu finden ist.

Zwei Lederschuhe aus der Brückenstraße in Bocholt (Kreis Borken) zieren das diesjährige Cover der "Archäologie in Westfalen-Lippe". Die zwei Schuhe sind vermutlich einmal luxuriöse Haus- und/oder Straßenschuhe gewesen. Dieser Typ Schuh ist für Westfalen bislang noch nicht belegt und daher ein wichtiger Beitrag zur archäologischen Schuh- und Lederforschung. Bei der Ausgrabung wiesen Archäologen im südwestlichen Bereich der Untersuchungsfläche eine Bebauung aus dem 15. oder 16. Jahrhundert nach, die wohlhabende Bewohner erkennen lässt. Aus dieser Zeit stammen auch die beiden Schuhe.

Zwischen Februar und Oktober 2018 haben Archäologinnen unter der Leitung des LWL die massiven Reste der Kellerebene der ehemaligen Steinhauser Hütte in Witten (Ennepe-Ruhr-Kreis) auf einer Fläche von circa vier Hektar freigelegt und dokumentiert. Anhand der Befunde kann die technische Entwicklung einer Stahlhütte am Beginn der Hochindustrialisierung, vom Puddel- über das Bessemer- bis hin zum Siemens-Martin-Verfahren minutiös nachvollzogen werden.

Bei der Dokumentation wurde eine Kombination aus Orthofotografie, tachymetrischem Aufmaß und »Structure from Motion«-Technologie (SfM) angewendet, sodass ein 3-D-Modell der Anlagen angefertigt werden kann. Die herausragende Bedeutung des Industriedenkmals wird unter anderem durch den Besuch der UNESCO-Weltkulturerbekommission während des laufenden Projekts unterstrichen. "Die monumentalen Reste zweier Stahlhütten gelten schon jetzt als einmaliges Zeugnis der Industrialisierung im Ruhrgebiet und finden international Beachtung", erklärt Rind. "Vergleichbare Überreste solcher Anlagen gibt es in dem Umfang europaweit kaum mehr."

Im März 1945 wurden 208 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion von Angehörigen der Waffen-SS und der Wehrmacht an drei Plätzen im Sauerland zwischen Meschede und Warstein (Hochsauerlandkreis/Kreis Soest) ermordet. Durch historische Forschungen wurden die Tatorte entdeckt und archäologische Arbeiten initiiert. Begehungen mit Metalldetektoren sowie Sondage-Grabungen legten eine Vielzahl an persönlichen Gegenständen der Opfer frei. Am Tatort »Kuhweide« bei Meschede konnten archäologisch komplexe Aktivitätszonen rekonstruiert und damit die historische Überlieferung ergänzt werden.

+++ Achtung Redaktionen: +++
Das Inhaltsverzeichnis der neuen LWL-Publikation sowie eine Auflistung der einzelnen Fundorte haben wir Ihnen als Anlage beigefügt (s. Online-Version dieser Pressemitteilung - über den Link oberhalb dieser Mail erreichbar).

Haben Sie Probleme das PDF-Dokument zu lesen? Dann wenden Sie sich bitte unter presse@lwl.org an die LWL-Pressestelle. Wir helfen Ihnen gerne weiter.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Dr. Carolin Steimer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-3504
presse@lwl.org



Anlagen:
Anlage 1: AiW2018_Inhaltsverzeichnis.pdf
Anlage 2: AiW2018_Ortsverzeichnis.pdf


LWL-Einrichtung:
LWL-Archäologie für Westfalen
Zentrale
An den Speichern 7
48147 Münster
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Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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