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Mitteilung vom 18.09.19

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Neue Sonderausstellung "Pest!" im LWL-Museum für Archäologie in Herne

Die Geschichte einer Seuche und ihre weltweiten Auswirkungen

Bewertung:

Herne (lwl). Die Pest ist eine Seuche, die schon seit Jahrtausenden die Menschheit begleitet und Millionen von Toten gefordert hat. Als "Schwarzer Tod" hat sie sich tief im kulturellen Gedächtnis der Menschheit verankert. Das Museum für Archäologie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) widmet sich ab Freitag (20.9.) in Herne mit der Sonderausstellung "Pest!" dieser Krankheit, welche die Menschen wie keine andere geprägt hat.

Was ist die Pest? Welche Gegenmaßnahmen haben die Menschen früher ergriffen? Ist die Pest heute ausgerottet? Diese und weitere Fragen beantwortet die neue Sonderausstellung in einer Reise durch die Geschichte dieser Krankheit. Archäologische Funde sowie Objekte der Kunst- und Kulturgeschichte zeichnen den Weg der Pest von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Anschauliche Wachsmodelle und Medienstationen laden Besucher jeden Alters zum Entdecken ein. Die Ausstellung läuft bis zum 10. Mai 2020.

"Die Diskussionen um eine Impfpflicht verdeutlichen, wie aktuell das Thema ansteckender Krankheiten ist", betonte LWL-Direktor Matthias Löb am Mittwoch (18.09.) in Herne. "Auch wenn die Pest heute zum Glück heilbar ist, hat die Ausstellung einen hohen Gegenwartsbezug. Sie zeigt nicht nur den Umgang mit einer Seuche, sondern auch das menschliche Verhalten im Angesicht von existenziellen Bedrohungen mit Schuldzuweisungen an Minderheiten. Das Ausgrenzen ganzer Bevölkerungsgruppen und ihre Verfolgung wegen einer vermeintlichen Bedrohung ist ein Muster, das sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Die Pest als Pandemie ist größtenteils Geschichte, die Verhaltensmuster sind es nicht."

In der Ausstellung folgen die Besucher der Seuche quer durch alle Epochen der Menschheitsgeschichte. Die ältesten Exponate sind jungsteinzeitliche Steinwerkzeuge aus einem Grab bei Augsburg, dessen Tote nachweislich mit der Pest infiziert waren. Über babylonische Tontafeln der Bronzezeit führt die Reise in die erste große Pandemie im frühen Mittelalter, die sogenannte Justinianische Pest, als die Seuche vom Mittelmeerraum bis zur Nordsee wütete.

Museumsleiterin Dr. Doreen Mölders:
"Insbesondere in Epochen, aus denen wir keine oder nur wenige Schriftquellen haben, können wir anhand von archäologischen Funden in Verbindung mit DNA-Analysen etwa die Ausbreitung und Übertragung der Pest erforschen."

Die Sonderausstellung biete aber mehr als eine Zeitreise. "Wir beleuchten die Geschichte der Pest von ganz unterschiedlichen Seiten", so Mölders. "Es geht uns sowohl um die sozialen Aspekte als auch um den medizinischen Fortschritt. Zudem thematisieren wir die düsteren Seiten des Umgangs mit der Pest." Als im Mittelalter die Seuche Mitte des 14. Jahrhunderts ganz Europa erfasste, wurden vielerorts Juden verantwortlich gemacht und verfolgt. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Schatzfunde, die sich jüdischen Besitzern zuweisen lassen und in der Angst vor Pogromen angelegt wurden. Exemplarisch zeigt das LWL-Archäologiemuseum unter anderem den Schatzfund aus dem Stadtweinhaus von Münster.

Erst im Jahr 1894 gelang es Alexandre Yersin, ein Bakterium als Pest-Verursacher zu identifizieren, das in der Folge nach ihm benannt wurde: Yersinia pestis. Zu dieser Zeit erreichte die Pest in ihrer letzten großen Welle über Hongkong alle Kontinente. Unter einem Mikroskop können sich die Besucher echte, aber unschädlich gemachte Pestbakterien ansehen. Die Symptome der Pest verdeutlichen historische Wachsmodelle: Schwellungen, schwarzblaue Beulen und abgestorbenes Gewebe.

Wie ist ein Pestbakterium aufgebaut und wie entfaltet es seine tödliche Wirkung? In einem eigenen Bereich bietet die Ausstellung Antworten auf diese naturwissenschaftlichen Fragen. Ein Experte für Archäogenetik hat das Museum beraten: Marcel Keller erforschte mit seinen Kollegen am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte die Pest anhand von alter DNA aus Skelettmaterial.

Im Zentrum seiner Studien steht die Justinianische Pest, die im 6. Jahrhundert ausbrach. "Uns gelang es erstmalig, die Justinianische Pest auf den Britischen Inseln nachzuweisen, wofür es zuvor nur vage Hinweise gab", so Keller.

Darüber hinaus hat die Forschergruppe das Bakterium auch in Proben aus Frankreich, Spanien und Süddeutschland identifiziert. Die reichen Beigaben einer der untersuchten Bestattungen aus dem bayerischen Altenerding finden sich ebenfalls in der Ausstellung. "Uns ist es wichtig, den aktuellen Stand der Forschung zu präsentieren", erklärt Museumsleiterin Mölders.

Für Westfalen ergibt sich ein besonderer Bezug zur Pest: Einer der wenigen erhaltenen und bekannten Pestfriedhöfe findet sich im Wünneberger Stadtteil Leiberg im Kreis Paderborn. Die Pestwellen vom 14. bis zum 18. Jahrhundert in Europa führten zu extremen Todeszahlen, welche durch Einzelbestattungen auf dem örtlichen Friedhof allein aus Platzgründen nicht mehr aufgefangen werden konnten. Da diese Nähe zudem die Gefahr einer weiteren Verseuchung erhöhte, bestatteten die Einwohner ihre Toten entgegen der christlichen Praxis häufiger in Massengräbern außerhalb des Ortes.

Gleiches galt auch für das frühneuzeitliche Dorf Leiberg, wo die Pest im Jahr 1635 ausbrach und 400 Opfer forderte. Für die Ausstellung wurde eine Kopie des steinernen Kreuzes angefertigt, das vor Ort an die Toten erinnert. "Die Ausstellung erzählt die historische Tiefe der Pest, aufgrund derer die Seuche noch heute im kollektiven Gedächtnis ist - darin liegt der besondere Gewinn dieser Präsentation", so Löb.

Darüber hinaus bietet das LWL-Museum für Archäologie zur Sonderausstellung "Pest!" ein breites Rahmenprogramm an. Dazu zählen Lesungen, ein Herbstferienprogramm, eine lange "Pest-Nacht" und Filmabende.

Alle Termine mit detaillierten Beschreibungen können dem Veranstaltungskalender und der Website entnommen werden (https://pest-ausstellung.lwl.org/de/veranstaltungen).

"Kultur und Gesundheitswesen sind zwei der fünf Säulen des LWL. Die Ausstellung vereint diese Bereiche beim LWL als größtem Kulturträger in Westfalen und als Krankenhausträger zu einer spannenden und lehrreichen Geschichte über ein nicht gerade leichtes Thema", so Dieter Gebhard, Vorsitzender der LWL-Landschaftsversammlung. Er wird die Ausstellung am Donnerstag (18 Uhr) eröffnen.

Die Sonderausstellung wurde unter anderem unterstützt von der LWL-Kulturstiftung, der NRW-Stiftung, dem Förderverein des Museums sowie der Kulturstiftung der Westfälischen Provinzial Versicherung und der Herner Sparkasse.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Nils Wolpert, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-8921
presse@lwl.org



LWL-Einrichtung:
LWL-Museum für Archäologie Herne
Westfälisches Landesmuseum
Europaplatz 1
44623 Herne
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Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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