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Mitteilung vom 29.08.18

Presse-Infos | Kultur

Comic trifft Flügelaltar

LWL-Museum für Kunst und Kultur weiht Kunstwerk von Anke Feuchtenberger ein

Bewertung:

Münster (lwl). Was haben ein Comic und ein Flügelaltar gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Jahrhunderte trennen die beiden Werke und damit sind die Bilderwelten so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich, was sie vereint: Die Erzählung anhand aufeinanderfolgender Bilder, wie ein Comic es praktiziert, war auch im Mittelalter schon bekannt: Die Menschen erfuhren die christliche Botschaft über die Bilder der Künstler. Mittelalter trifft Gegenwartskunst: Unter diesem Motto steht die Eröffnung des Comic-Altars von Anke Feuchtenberger (*1963), der in der Langen Nacht der Museen am Samstag (1.9.) um 19 Uhr im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster präsentiert und dauerhaft in der Sammlung zu sehen sein wird.

Im Februar 2017 lud das Kunstmuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) die Comic-Zeichnerin und Illustratorin Anke Feuchtenberger ein, auf eines der Hauptwerke der Mittelalter-Sammlung, den Flügelaltar des "Schöppinger Meisters" (entstanden um 1470), mit modernen künstlerischen Mitteln zu reagieren. Ausgangspunkt hierbei war die Darstellung der Leidensgeschichte Christi in einzelnen, aufeinanderfolgenden Bildtafeln, die sehr auffällig an die Formensprache und Erzählweise moderner Comics erinnert. "Es war ein großes Glück, mit Anke Feuchtenberger eine Künstlerin zu gewinnen, der es trotz der Präsenz des Altars gelingt, eine eigene Bilderzählung zu erschaffen. Viele Themen der Passionsgeschichte wie Folter, Leid, Tod, Heimat und Wunder kommen auch in ihrem Werk vor - ein wunderbarer Dialog zwischen Mittelalter und Gegenwart", so Direktor Dr. Hermann Arnhold.

Entstanden ist ein künstlerischer Dialog auf Augenhöhe, in dem der Comic-Altar "Tracht und Bleiche" die Passionsgeschichte aus dem 15. Jahrhundert vielfältig neu deutet und fortschreibt. Darüber hinaus führt er vor Augen, welche nahe Verwandtschaft zwischen der Erzählweise des Mittelalters und dem Comic sowie der "Graphic Novel" der Gegenwart besteht. "Inspiriert haben Feuchtenberger dabei die christliche Ikonografie, aber auch außerchristliche Symbole, deutsche Märchen und Mythen, Archetypen, Naturerscheinungen, die Motivik der Alchemie und nicht zuletzt auch Ereignisse der Zeitgeschichte", erklären die Kuratoren des Auftragswerkes, Ingrid Fisch und Dr. Daniel Müller Hofstede.

Vier Ebenen durchziehen den Bildzyklus, der aus 31 wabenförmigen Bildplatten besteht: Es gibt die Ebene der Bienen, sie steht für einen übergeordneten Organismus, für das Perfekte und Heilige. Daneben gibt es die Ebene der Mutter, die auf Vergangenheit, Angepasst-Sein, Leid und Verletzlichkeit anspielt. Die Ebene der Tochter dagegen verbindet das Volkstümliche und Slapstickhafte mit der Zukunft, der Hoffnung und der Fähigkeit zum Wundern. Die Ebene des Witzes schließlich, repräsentiert durch alberne Zuckerrüben und -tüten, dient als komische Entlastung der aufgebauten Spannung.

Ein wichtiger Aspekt in Feuchtenbergers Erzählung ist der Blick auf das Leiden der Frau: "Ich bin mir darüber klar, dass ich die Kreuzigung nicht erzählen kann. Hingegen kann ich aus familiärer Erfahrung vom Leiden der Frauen im Krieg erzählen und die Auswirkungen, die er auf mehrere Generationen von Frauen hat. Bei Interviews mit Ärztinnen von ,Ärzte ohne Grenzen' in Genf ist mir klar geworden, dass auch heute - wie damals - Vergewaltigung ein Mittel der Kriegsführung ist, das bei aller Allgemeingültigkeit und Massenhaftigkeit dieser Kriegsführung gegen den Leib der Frauen immer eine ganz konkrete Biografie, ein einzigartiger Lebensmut zerstört wird", sagt Feuchtenberger.

Ihre Erzählstränge gehen assoziativ auf die mittelalterliche Bilderwelt ein. Manchmal übersetzt die Künstlerin einzelne Elemente direkt in ihre persönliche Erzählsprache: "Das Balsamgefäß ist zugleich ein Zuckerrübensirupglas, die Tür zur Verwahrung der Jungfräulichkeit wird wie ein Kreuz geschleppt, die lebendige Weide (in der Antike ein Mondbaum, ein ewig lebender Baum, im Mittelalter deswegen zum Hexenbaum verdammt) steht an Stelle des Holzkreuzes. Ich habe unzählige Transformationen vorgenommen, wie auch die christliche Ikonografie aus Transformationen viel älterer Religionen besteht."

Eröffnung des Comic-Altars "Tracht und Bleiche":
Samstag (1.9.) anlässlich der Langen Nacht der Museen um 19 Uhr, anschließend um 20.30 Uhr
Konzert mit Almut Kühne (Gesang) und Johanna Borchert (Klavier) im Auditorium, ab 21.30 Uhr Signierstunde mit Anke Feuchtenberger.



ACHTUNG REDAKTIONEN:
Anke Feuchtenberger steht für Kurzinterviews zur Verfügung. Bitte melden Sie diese an bei Claudia Miklis, Pressesprecherin LWL-Museum für Kunst und Kultur, claudia.miklis@lwl.org, Telefon 0251 5907-168.



Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Claudia Miklis, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Telefon: 0251 5907-168, presse.landesmuseum@lwl.org.
presse@lwl.org



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