LWL-Newsroom

Mitteilung vom 20.02.18

Presse-Infos | Kultur

RevierGestalten. Von Orten und Menschen

Neue Ausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern

Bewertung:

Dortmund (lwl). Mit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop endet im Dezember die Ära des Steinkohlenbergbaus in Deutschland. Die Kohlenkrise an der Ruhr begann schon vor 60 Jahren. Seither hat sich die Region enorm gewandelt. Diesen Veränderungen widmet sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in einer neuen Ausstellung mit dem Titel "RevierGestalten - Von Orten und Menschen" (24.2.-28.10.2018) im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund.

Die Schau richtet den Blick auf Orte des Wandels und stellt Frauen und Männer vor, die den Prozess beeinflusst und miterlebt haben. Fotografien, Filme, Dokumente und Exponate wie Modelle, Banner, Werkzeuge, Kleidungsstücke und Instrumente veranschaulichen den Weg von der Zeche zum Museum, den Kampf um Zechensiedlungen sowie die Umnutzung industrieller Gebäude. In Videos erzählen Nachfahren ehemaliger "Zolleraner", welche Spuren die Bergbauvergangenheit in ihrem Leben hinterlassen hat.

"Die Zeche Zollern wie das ganze LWL-Industriemuseum sind überzeugende Beispiele für einen gelungenen Strukturwandel. Als sich 1966 die Tore für den Betrieb der Zeche Zollern schlossen, konnte sich niemand vorstellen, dass eines Tages allein dieser Ort über 100.000 Menschen pro Jahr in seinen Bann ziehen würde. Wo einst Energie in Form von Kohle produziert wurde, produzieren wir heute neue Energie durch Industriekultur. Unsere Ausstellung spürt den Ideen und Haltungen nach, die viele Menschen in den vergangenen Jahrzehnten beflügelten, aus alten Industrieanlagen neue Orte zu kreieren - auch als Inspiration für die Zukunft, denn Wandel ist immer", sagte Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, am Dienstag (20.2.) bei der Vorstellung der Schau in Dortmund. Sie ist die erste einer Reihe von Ausstellungen, die das LWL-Industriemuseum 2018 unter dem Dach der Initiative "Glückauf Zukunft!" zum Ende des Steinkohlenbergbaus an seinen fünf Standorten im Ruhrgebiet zeigt.

Als wertvoller Schatz für die Vorbereitung der Schau erwiesen sich mehr als 100 Interviews mit ehemaligen Bergleuten, die das LWL-Industriemuseum in den 1980er Jahren führte. "Wir haben die Aufzeichnungen aus der Sammlung geholt und wieder Kontakt gesucht. Denn wir wollten wissen, was aus den Familien geworden ist und in welcher Weise der Bergbau im Leben der nächsten Generationen noch eine Rolle spielt", erklärt LWL-Museumsleiterin Dr. Anne Kugler-Mühlhofer. Mit (Video-)Interviews, Fotos, Texten und persönlichen Erinnerungsstücken stellt die Ausstellung beispielhaft acht Familien vor, denen der Bergbau "im Blut" steckt.

Von Orten
Im Erdgeschoss der historischen Zechenwerkstatt erzählt das LWL-Industriemuseum zunächst seine eigene Geschichte: Es geht um den Werdegang der Zeche Zollern von der Schließung bis zur Einrichtung als Museum. Zeitungsausschnitte, Fotos und Interviews zeigen Beteiligte und Motive der damaligen Rettung. Prospekte erinnern an die frühen 1980er Jahre, als ein Möbelhändler die Lohnhalle als Verkaufsraum nutzte. Rosa Gummistiefel gehörten zur Schutzkleidung einer Wissenschaftlerin, die in den 1980ern Akten der Zeche Zollern sichtete. Kauenkörbe und Werkzeuge stehen für den Grundstock der heutigen Museumssammlung.

Viel Raum widmete das Ausstellungsteam dem Kampf um Zechensiedlungen im Revier - Eisenheim in Oberhausen, Rheinpreußen in Duisburg, die Auguststraße in Gelsenkirchen und die Alte Kolonie Eving in Dortmund haben alle ihre eigene Geschichte. "Manche Initiativen waren erfolgreich, andere konnten den Abrissbagger nicht stoppen. Gemeinsam aber ist allen, dass Menschen sich zusammen taten, um für ihr zu Hause und ihr soziales Umfeld zu kämpfen", erklärt Kuratorin Jana Golombek vom LWL-Industriemuseum. So zeigt ein Plakat aus dem Jahr 1981 protestierende Frauen in der Gelsenkirchener Auguststraße, unter ihnen die 85-jährige "Oma Kiliman", die damals als "älteste Hausbesetzerin der Republik" in die Geschichte einging. Ein Original-Banner aus dem Jahr 1979 hängt über einem Großfoto von Frauen aus der Siedlung Rheinpreußen im Hungerstreik. Auch hören und sehen kann man den Protest um die Duisburger Koloniehäuser: An der Vitrine mit der "Quetsche" von Frank Baier erklingen seine "Lieder aus Rheinpreußen", und Ausschnitte aus dem Film "Gegen Spekulanten" von 1976 veranschaulichen den damaligen Kampf.

Weniger erfolgreich waren Jahre zuvor die Bewohner der Dortmunder Siedlung Alter Clarenberg: Ein Fenster mit weißem Kreuz erinnert an den vergeblichen Kampf um den Erhalt der Kolonie in den 1960er Jahren. Die Häuser der letzten Bewohner wurden mit diesem Zeichen markiert, bevor auch dort der Abrissbagger anrückte, um Platz zu machen für eine moderne Hochhaussiedung.

Karten und Modelle veranschaulichen die Stadt- und Siedlungsplanung im Revier seit den 1960er Jahren. Dem Blick in die Geschichte fügt die Ausstellung mit Planspielen für die Brache des Dortmunder Unternehmens Hoesch Spundwand ein aktuelles Beispiel hinzu. Als erfolgreiches Muster für die Nutzung ehemaliger Industriegebäude als Kulturorte stellt die Ausstellung den Bahnhof Langendreer in Bochum und die Essener Zeche Carl vor. "Auch dies sind Beispiele für eine starke Bewegung von unten, die sich ihre Freiräume im Ruhrgebiet erobert und stillgelegte Industriegebäude neu genutzt hat", so Golombek. Mancher hat hier klein angefangen: So hatte die Thrash-Metal-Band "Kreator", die mit zwei Millionen verkauften Alben weltweit Ruhm erlangte, in der Zeche Carl ihren ersten Proberaum. Sänger "Mille" Petrozza stellte seine Gitarre für die Ausstellung zur Verfügung. Ein altes Mischpult aus der Frühzeit der Zeche Carl steht für die Erfolgsgeschichte der Firma TDA, heute eins der bundesweit größten Unternehmen für Veranstaltungstechnik. Ausschnitte aus dem Film "Das Gegenteil von Grau" zeigen aktuelle Initiativen im Ruhrgebiet und beantworten die Frage, was die Menschen im Revier dazu bewegt, aktiv zu werden und ihr Umfeld zu gestalten.

Auf einem stilisierten "Marktplatz" in der Mitte der Ausstellungsfläche können die Museumsbesucher in alten Zeitungen blättern oder auf Ruhebänken aus Paletten eine Runde Memory spielen: Den ersten Satz der Motive bekommen sie am Eingang in einem Kiosk ausgehändigt, das jeweils zweite Stück können sie an den einzelnen Ausstellungsstationen einsammeln.

Von Menschen
Auf der Galerie im Obergeschoss der historischen Zechenwerkstatt stellt das LWL-Industriemuseum ehemalige "Zolleraner" Bergleute und deren Nachfahren vor. Mit acht Familien haben die Ausstellungsmacherinnen Kontakt aufgenommen und Interviews geführt. "Wir wollten wissen, welche Rolle der Bergbau für die Kinder, Enkel oder Urenkel der aktiven Generation noch hat und was die wandelnde Industrielandschaft für jeden einzelnen bedeutet", erklärt Historikerin Jana Flieshart, die für diesen Teil der Ausstellung verantwortlich ist. Auf Bänken, oder auch mal bequem im Liegestuhl, können sich die Besucher vor Bildschirmen niederlassen und sehen und hören, was die Familienmitglieder zu berichten haben. Teile der alten Interviews aus den 1980er Jahren hat das Industriemuseum nachsprechen lassen und stellt diese ebenfalls in Auszügen vor. Fotowände und Erinnerungsstücke aus dem Familienbesitz ergänzen die Präsentation.

Die jüngeren Familienmitglieder bewerten die Tätigkeit der Eltern und Großeltern und den Wandel der Industrie auf ver¬schiedene Weise. Manche erleben die ehemaligen Industriestandorte als Symbol für die Geschichte und begrüßen die Umnutzung der Gebäude, andere wünschen sich eine Zukunft, in der man um das wirtschaftliche Fortkommen der Region stärker bemüht ist, bevor Kunst und Kultur weiter gefördert werden können. Eigenschaften wie Zusammenhalt und Teamgeist oder eine Mentalität des "Anpackens" - notwendig und charakteristisch für die Arbeit unter Tage - formulieren viele Interviewpartner als typisch für die Menschen im Revier und auch als eigene Haltung. Flieshart zieht dieses Fazit aus den Interviews: "Was geblieben ist, sind nicht nur Objekte, die Eltern und Großeltern hinterlassen haben, sondern Lebenseinstellungen, Interessen und die Erinnerung an Orte und Menschen des Reviers."

Etwas Bleibendes hinterlassen können am Schluss auch die Besucher der Ausstellung: Sie sind eingeladen, Kommentare zum Ruhrgebiet und ein ausgedrucktes Selfie auf eine Pinnwand zu kleben und damit selbst zu "Reviergestalten" zu werden.

Eröffnung
Bei der Eröffnung der Ausstellung am Freitag (23.2.) um 18 Uhr begrüßt Dieter Gebhard, Vorsitzender der LWL-Landschaftsversammlung, die Gäste. Nach einem Grußwort von Bärbel Bergerhoff-Wodopia von der RAG-Stiftung, die die Ausstellung finanziell unterstützt hat, geben die Kuratorinnen Jana Flieshart und Jana Golombek eine Einführung. Für die musikalische Begleitung sorgt das Ruhrkohle Orchester.

Geschichten vom Pütt
Begleitend zur Ausstellung bietet das LWL-Industriemuseum in Kooperation mit dem Fritz-Hüser-Institut eine Reihe von Lesungen mit dem Schauspieler Felix Lampert an. Er liest mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten aus Romanen, Erzählungen und Gedichten. Der Eintritt ist frei.

13.3. 18 Uhr: Geschichten vom Pütt I - Seilfahrt
17.4. 18 Uhr: Geschichten vom Pütt II - Siedlung
11.9. 18 Uhr: Geschichten vom Pütt III - Grubenpferde
9.10. 18 Uhr: Geschichten vom Pütt IV - vor Kohle

Begleitbuch
RevierGestalten. Von Orten und Menschen. Hg. LWL-Industriemuseum, Jana Flieshart und Jana Golombek, 155 Seiten, Klartext Verlag, Essen 2018, ISBN 978-3-8375-1922-8. 19,95 Euro


Reviergestalten. Von Orten und Menschen
24.2. - 28.10.2017

LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5 | 44388 Dortmund
Geöffnet Di - So 10 - 18 Uhr
http://www.lwl-industriemuseum.de



Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Christiane Spänhoff, LWL-Industriemuseum, Telefon: 0231 6961-127
presse@lwl.org



LWL-Einrichtung:
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur
Grubenweg 5
44388 Dortmund
Karte und Routenplaner



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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