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Mitteilung vom 15.12.17

Presse-Infos | Maßregelvollzug

Patienten rufen "Ramadan", wenn sie reden wollen

LWL-Zentrum Eickelborn beschäftigt ehemaligen Flüchtling als Pflege-Assistenten

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Lippstadt-Eickelborn (lwl). "Ramadan! Ramadan!", schallt es durch die Aufnahmestation der forensischen Klinik in Eickelborn. Mohammad Ramadan eilt über den langen Flur an die Zimmertür des rufenden Patienten und spricht mit ihm auf Arabisch. Seit Februar arbeitet der syrische Kurde als Pflege-Assistent im LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt. Vor 20 Jahren ist er aus seinem Heimatland nach Deutschland geflüchtet. Seine Anstellung hat Modellcharakter für die Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL): Zum ersten Mal wurde ein ehemaliger Flüchtling im Stationsdienst eingestellt.

"Mohammad Ramadan hat sich für die Aufnahmestation als echter Glücksgriff erwiesen", sagt Pflegedirektor Bernd Sternberg. Am Anfang sei die Klinik vorsichtig an die Bewerbung herangegangen. "Ein Flüchtling ohne Ausbildung, seit vielen Jahren mit wechselndem Aufenthaltsstatus in Deutschland - da schaut man schon genauer hin", erklärt Sternberg. "Unser Eindruck beim Bewerbungsgespräch war dann so gut, dass wir uns entschieden haben, ihm eine Chance zu geben."

Das Gespräch mit dem Patienten an der Zimmertür ist schnell beendet. "Er wollte nur nach seiner nächsten Zigarette fragen", erklärt Ramadan. Er eilt ins Pflegedienstzimmer, kehrt mit Feuerzeug und Zigarette zurück und steckt eine für den Patienten an. Noch ein paar freundliche Worte auf Arabisch, ein Händeschütteln, dann wird der 34-jährige Pflege-Assistent bei der Arztvisite gebraucht. Zwischendurch noch schnell Wasserkisten sortieren und in den Hof stellen. Ramadans Aufgabe ist es, das Pflegepersonal von Alltagsaufgaben zu entlasten: Essen verteilen, Besucher abholen oder Post ausgeben.

Türöffner zu den Patienten
Viele Patienten mit Migrationshintergrund können sich nur schwer verständigen. Manche sprechen überhaupt kein Deutsch. Die Aufnahmestation hat 24 Plätze; im November waren hier zehn Patienten ohne Deutschkenntnisse untergebracht, acht davon aus dem arabisch-sprachigen Raum. Für den stationsleitenden Psychotherapeuten Philipp Hintze ist Ramadan ein Türöffner zu diesen Patienten. "Seine Anwesenheit wirkt positiv auf das Stationsklima. Wir profitieren genauso von seinen immensen Sprachkenntnissen wie von seiner ruhigen und zugewandten Art mit den Patienten", sagt er. Ramadan ist mit allen Dialekten der arabischen Sprache vertraut. Außerdem spricht er Persisch, Kurdisch und Türkisch. Und er spricht sehr gut Deutsch, was ihm zuvor schon eine Übersetzungstätigkeit für die Polizei und für ein Flüchtlingsheim eingebracht hatte.

Bei der Arztvisite ist Ramadan ganz Ohr, Auge und Stimme, während er zwischen Arzt und Patient dolmetscht, hin und wieder noch eine Erklärung zum besseren Verständnis hinzufügt. "Guter Mann!", sagt der Patient beim Verlassen des Raumes und klopft Ramadan auf die Schulter. Er ist hier für viele Patienten aus dem arabischen Raum eine wichtige Bezugsperson, weil er ihre Sprache und ihre Kultur versteht. "Ich musste aber auch lernen, mich abzugrenzen", sagt Ramadan. Es soll keine Abhängigkeit entstehen. Therapiegespräche werden nach wie vor meist von offiziellen Dolmetschern übersetzt. Ramadan sieht seine Rolle vor allem darin, zwischen den Patienten und dem Personal zu vermitteln. "Nicht jedes auf den ersten Blick abweichende Verhalten ist krankheitsbedingt, manches ist auch kulturabhängig", erklärt Psychotherapeut Hintze. Lautes Sprechen zum Beispiel sei meistens kein Anzeichen für Aggressivität, sondern ganz normales Gesprächsverhalten im türkisch-arabischen Kulturraum. "Da konnte der syrische Kollege schon so manches Missverständnis ausräumen", so Hintze.

Weiterqualifizierung möglich
Ein Patient war anfangs sehr verschlossen gegenüber dem Stationspersonal. "Weil ich auch Moslem bin, hat er irgendwann mit mir gesprochen", erinnert sich Ramadan. Der Patient meinte, Probleme mit Gott zu haben, und wollte deswegen sterben. "Ich konnte das Personal zum Glück rechtzeitig warnen." Solche Erkenntnisse sind wichtig für das gesamte Team der Station. Deshalb sitzt Ramadan inzwischen regelmäßig am Stationscomputer und dokumentiert seine Eindrücke.

"Wie es aussieht, ist Herr Ramadan ein Naturtalent im Umgang mit psychisch kranken Menschen", sagt Pflegedirektor Sternberg. "Deshalb haben wir ihm auch nahe gelegt, eine berufsbegleitende Ausbildung zum im Pflege- und Erziehungsbereich zu machen." Ein Angebot zur Weiterqualifizierung, das allen Pflege-Assistenten des Eickelborner LWL-Zentrums offen steht, wenn sie sich mit dem Maßregelvollzug vertraut gemacht haben. Derzeit sind 37 Assistenzkräfte als Unterstützung der Pflegeteams auf den Stationen tätig. Drei davon absolvieren bereits berufsbegleitend eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger.

Ramadan selber hat das Angebot vorerst abgelehnt. Er will erst genug Geld verdienen, um seine Mutter für einen Besuch nach Deutschland zu holen. Als Sohn einer politisch aktiven kurdischen Familie ist Ramadan im Alter von 14 Jahren aus Angst vor Repressalien aus der Heimat geflohen. "Seit über zehn Jahren habe ich meine Mutter nicht gesehen. Mein Sohn soll endlich seine Großmutter kennenlernen", betont er. Auch diese Trennungserfahrung teilt er mit vielen der Migranten unter den Patienten.
Im LWL-Zentrum sind derzeit knapp 330 Patientinnen und Patienten stationär untergebracht, davon haben 40 Prozent einen Migrationshintergrund. Auf der Aufnahmestation macht das Modell Ramadan bereits Schule: Anfang November wurde ein weiterer ehemaliger Flüchtling als Pflege-Assistent eingestellt.



Pressekontakt:
Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Petra Schulte-Fischedick, LWL-Maßregelvollzug, Telefon: 0231 4503-4100
presse@lwl.org



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