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Mitteilung vom 05.10.16

Presse-Infos | Kultur

Sonderausstellung im LWL-Museum für Archäologie in Herne

Auf exotischer Zeitreise durch Vietnam

Bewertung:

Herne (lwl). Schiffswracks, riesige Bronzetrommeln, Drachenköpfe und ein acht Meter hoher begehbarer Tempel: Am Freitag (7.10.) startet die neue Sonderausstellung "Schätze der Archäologie Vietnams" im LWL-Museum für Archäologie in Herne und fächert zehn Jahrtausende Geschichte auf. Erstmals sind diese Nationalschätze Vietnams in Deutschland - bis zum 26. Februar 2017 haben Besucher die Möglichkeit, auf eine exotische Zeitreise zu gehen und spektakuläre Funde von UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten wie der Tempelstadt My Son im Dschungel Mittelvietnams und dem Kaiserpalast Thang Long in der Hauptstadt Hanoi zu sehen.

"Eine große Anstrengung, neun Jahre Vorbereitungszeit, aber wir haben es geschafft: Wir haben mehr als 400 Objekte über 10.000 Kilometer Luftlinie von Hanoi nach Herne gebracht und zeigen nun als Erste in Deutschland die Schätze der Archäologie Vietnams", erklärte Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).
"Wer noch keine Fernreise nach Asien gemacht hat, wer seine Vorstellung vom Land nicht nur aus US-Filmen über den Vietnam-Krieg beziehen will, dem bieten wir einen anderen Einstieg: Wir holen Vietnams Geschichte nach Deutschland."

"Das Besondere der Ausstellung ist neben ihrem Konzept sicherlich der Rang der Objekte selbst. Sie sind zum Teil extra für die Ausstellung ausgegraben oder gefertigt worden und damit auch aus wissenschaftlicher Sicht von herausragender Bedeutung", erklärte Chefkurator Dr. Andreas Reinecke. Die Ausstellung orientiert sich in ihrem Grundriss am Aufbau eines vietnamesischen Tempels. Nachbauten, 3-D-Rekonstruktionen und Landschaftsbilder ergänzen die rund 400 Originale.
Die Ausstellung ist chronologisch angelegt. Sie beginnt in der Steinzeit mit der Expedition in eine Tigerhöhle, gefolgt von dem berühmten Bootsgrab von Viet Khe aus der über 2.000 Jahre alten Dong Son-Kultur. "Teile dieses Nationalschatzes durften nur mit der Unterschrift des vietnamesischen Premierministers das Land verlassen - wir haben lange gezittert", so Dr. Josef Mühlenbrock, Leiter des LWL-Museums.

Weiter geht es in den Dschungel Vietnams zur Tempelstadt My Son, deren acht Meter hoher Tempel in den Ausstellungsräumen nachgebaut wurde. Letzter Höhepunkt ist die Zitadelle "Thang Long", eine große Palastanlage mit faszinierenden Terrakotta-Figuren von Drachen und anderen Fabelwesen.

Die Ausstellung wurde vom LWL-Museum für Archäologie, dem Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz und den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim in enger Zusammenarbeit mit der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) entwickelt. Außenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier und der vietnamesische Minister für Kultur, Sport und Tourismus, Nguyen Ngoc Thien, haben die Schirmherrschaft übernommen. Kooperationspartner der Ausstellung ist der Studien- und Erlebnisreiseveranstalter Gebeco.

Eine Vielzahl von Veranstaltungen begleitet die Sonderausstellung, angefangen von Führungen über wissenschaftliche Vorträge bis hin zu Kreativseminaren.
Das LWL-Museum für Archäologie in Herne ist Premierenort der Ausstellung. Danach wird sie im Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz und in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen sein.


Mehr Infos: http://www.lwl-landesmuseum-herne.de und http://www.vietnam-ausstellung.de
LWL-Museum für Archäologie, Europaplatz 1, 44623 Herne, Tel. 02323 94628-0


Schätze der Archäologie Vietnams
Herausgegeben vom LWL-Museum für Archäologie, Herne, Staatlichen Museum für Archäologie, Chemnitz, Curt-Engelhorn-Stiftung für die REM, Mannheim, Deutschen Archäologischen Institut Berlin/Bonn durch Andreas Reinecke
Nünnerich-Asmus Verlag
600 Seiten, 760 Abbildungen
24 x 30 cm, gebunden
ISBN: 978-3-945751-44-2
€ 29,90 (D ) / sFr 29,90 / € 30,80 (A)






Eine Auswahl von Exponaten:

Der Tempelnachbau

Spezialfirmen setzten den Tempelnachbau in der Ausstellung möglichst realistisch um. Das Original ist der Po Klong Garai-Tempel der Cham-Kultur in Südvietnam, erbaut Ende des 13. Jahrhunderts auf einem mit Kakteen und Dornengestrüpp bewachsenen Hügel.

Seit März 2016 hatten die Fachleute an den Entwürfen für das Durchgangstor gearbeitet. Rund sieben Wochen hat es gedauert, bis mittels CAD-Technik und mit Wasserstrahlschnitt die einzelnen Elemente aus Leichtholzplatten entstanden. In München hat der Maler Waggi von Seidlein mit Dispersions-Wandfarbe die Illusion von Ziegeln und Spuren der Jahrhunderte auf die Oberfläche gebracht.

Im Museum richten sich nun 100 Quadratmeter bemalte Fläche und 800 Kilogramm Material zu einer Tempelfassade auf. Im Inneren trägt ein Stahlgerüst die Konstruktion, angefertigt von der RAG-Lehrlingswerkstatt. Insgesamt türmen sich gut 1,2 Tonnen Gewicht zu der Inszenierung auf.

Die Tempel dieser Kultur, von denen nur noch 20 bis 40 überwiegend als Ruinen erhalten sind, waren relativ gleichförmig angelegt. Durch den Eingangspavillon (gopura) erfolgte der Zutritt zum Heiligtum, das von einer Umfassungsmauer (antarmandala) umgeben war. Im Zentrum stand der meist nach Osten oder Westen ausgerichtete Haupttempel (kalan), der bis zu 25 Meter hoch sein konnte und die zentrale Kultfigur beherbergte. Weitere Elemente waren die Schatzkammer (kosagrha), in der die Kultgeräte und heiligen Schriften aufbewahrt waren, ein kleiner überdachter Schrein (posha) mit dem Stein der Gründungsinschrift und die große Versammlungshalle (mandapa) für die Opferzeremonien.
Die bedeutendste Tempelstätte der Cham ist My Son, das inmitten des Dschungels verborgene UNESCO-Weltkulturerbe. Hier wurden vom 4. bis ins 14. Jahrhundert hinein die hinduistischen Tempelanlagen errichtet, immer wieder erweitert und erneuert. Die ersten Heiligtümer waren Holz-Pagoden mit Statuen der hinduistischen Götter Schiva, Vishnu oder der Ahnen der Cham-Herrscher in ihrem Inneren. Ab dem 7. Jahrhundert bauten die Cham gewaltige Tempelanlagen aus Ziegelsteinen, die mit "Baumharzkleber" fast fugenlos verbunden waren.

Reliefs und Skulpturen aus Sandstein machen die Anlage, die in ihrer größten Ausdehnung acht Tempelgruppen mit mehr als 70 Gebäudeteilen umfasste, zu einem Erlebnis - auch wenn nur noch 20 Prozent davon erhalten sind. Nach dem Zerfall des Champa-Reiches war die Anlage völlig in Vergessenheit geraten. Die französischen Kolonialherren entdeckten sie wieder, und Archäologen untersuchten unter Henri Parmentier die Tempelstätte. 2002 begannen Ausgrabungen, um die Bauten zu retten - darunter ehemals 24 Meter hohe Türme, die mit Löwen und Elefanten verziert waren.




Der Bambuskorb von Ho Chi Minh
Bambus ist nicht nur seit Urzeiten eines der wichtigsten Materialien für nahezu alle Alltagsgegen stände in Vietnam. Der pflanzliche Rohstoff kann auch politische Dimensionen annehmen. Das zeigt ein schlichter Bambuskorb: Er gehörte dem Staatschef Ho Chi Minh, der damit Bauern bei der Arbeit geholfen haben soll.

Es ist zwar kein klassischer archäologischer Fund. Für die Vietnamesen nimmt der Korb von Ho Chi Minh jedoch den Rang einer Reliquie ein. In einer Zeit, als sich das Land in den 1950er Jahren von den Schäden des Indochina-Krieges zu erholen versuchte, griff auch der damalige Staatsführer persönlich zum Arbeitsmaterial, um Tatkraft zu demonstrieren.

Der Bevölkerung standen derweil nur unzureichende Mittel zur Verfügung, um eine moderne Infrastruktur aufzubauen und die Versorgung der Menschen zu gewährleisten. Dort, wo die entsprechende Technik fehlte, konnten die Arbeiten nur durch den massenhaften Einsatz von Arbeitskräften bewältigt werden. Für die Landwirtschaft war die Instandhaltung des komplizierten Be- und Entwässerungssystems besonders wichtig. Dabei kamen auch einfachste Hilfsmittel wie Körbe aus Bambusgeflecht zum Einsatz.

Einen dieser einfachen Körbe soll Präsident Ho Chi Minh selbst zur Hand genommen haben, um ihn bei Erdarbeiten zusammen mit den Bauern zu benutzen. Zumindest für kurze Zeit für die Kameras - und damit auch zu Propagandazwecken. Der Korb wird in einem Ausstellungsbereich gezeigt, der sich mit der deutschen Sicht auf Vietnam beschäftigt. Denn was sich 9.000 Kilometer entfernt in Asien abspielte, nahm die Öffentlichkeit hier lange Zeit nicht wahr. Erst mit der Kolonialpolitik Frankreichs geriet Vietnam als "Indochina" auch hierzulande in den Fokus. Der Erste Vietnamkrieg (1946 bis 1954) trug seinen Teil dazu bei.

Eine besondere Rolle nahm Vietnam im Spannungsfeld zwischen den kommunistischen Staaten und damit auch der DDR sowie den USA und ihren Verbündeten, darunter die Bundesrepublik, ein. Das Interesse am Schicksal des Landes nahm insbesondere mit dem Vietnamkrieg (1964 bis 1975) zu, als in beiden deutschen Staaten die Politik in jeweils getrennten Lagern Stellung bezog und sich die Bevölkerung lautstark äußerte. Nach dem Krieg machten Kontraktarbeiter und Flüchtlinge auch im deutschen Alltag die Auswirkungen präsent. Rund 100.000 Vietnamesen leben heute in Deutschland.




Trommeln als Kunstobjekte
Riesige Trommeln, von denen es ebenfalls winzige Miniaturen gibt, sind weit mehr als reine Klangkörper. Sie sind der Stolz der heutigen Vietnamesen und stellten auch in der Bronzezeit Kunstwerke dar, die eng mit der Religion und Riten verknüpft waren.
Die Trommeln sind mit Kunst übersät und geben einer kompletten Kultur ihren Namen. Sie waren Symbole der Elite, wurden nach dem Guss in der Gemeinschaft "geweiht" und verloren mit dem Tod des Besitzers ihre Rolle als Klangkörper. Oft wurde deshalb ihr Eigentümer mit der Trommel bestattet. Auch die größte Bronzetrommel Vietnams, entstanden im 3. bis 1. Jahrhundert v. Chr., ist in der Sonderausstellung zu sehen. Ihr Hohlkörper hat einen Durchmesser von 116,5 Zentimetern. Die Trommel ist mit Froschaufsätzen, einem zwölfzackigen Stern im Zentrum und zwölf Verzierungszonen geschmückt, deren Motive von Mäandern über Kreisaugen, fliegenden Vögeln bis zu Haustypen reichen. Sie erzählen Geschichten wie den Prozessionszug federgeschmückter Krieger oder Bilder aus der Ober- und Unterwelt.
Die Menschen der Dong Son-Kultur in Vietnam haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen und wurden von den Chinesen zu den "Hundert Barbarenstämmen" im Süden gezählt. Insbesondere ihre Gräber vermitteln aber eine ganz andere Geschichte. Waffen, Gefäße, Schmuck und Instrumente sind kunstvoll gegossen und reich verziert. Sie kombinierten die lange Tradition chinesischer Bronzegießer mit Motiven der eigenen Vorstellungswelt.

Für die Sonderausstellung wurde eine dieser Trommeln nach der antiken Technik nachgegossen. Dafür wird zunächst der innere Kern mit der Form der Trommel hergestellt. Davon wird eine dreiteilige Außenform abgenommen, auf der im Negativ die späteren Verzierungen eingeritzt werden. Henkel und Aufsätze werden an passender Stelle so eingesetzt, dass sie mit der Trommelwandung beim Guss verschmelzen. Die fertig zusammengesetzte Form wird mehrere Stunden vorgeheizt. Die Bronze wird in einem großen Tiegel über glühender Holzkohle geschmolzen, ein Gebläse sorgt für die erforderliche Temperatur. Die flüssige Bronze wird in ein Einfüllloch in der Mitte der Trommelfläche gegossen. Die Gussformen können schließlich außen gelöst und der innere Kern entfernt werden. Daher ist jede Trommel ein Unikat.





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Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Katja Burgemeister, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-8921.
presse@lwl.org



Anlagen:
Anlage 1: Pressematerial: Schätze der Archäologie Vietnams


LWL-Einrichtung:
LWL-Museum für Archäologie Herne
Westfälisches Landesmuseum
Europaplatz 1
44623 Herne
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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