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Mitteilung vom 22.09.06

Presse-Infos | Der LWL

¿Sprengstoff!¿ im Westfälischen Industriemuseum Zeche Nachtigall: Ausstellung erinnert an Explosion der Roburit-Fabrik vor 100 Jahren

Bewertung:

Witten (lwl). Am Abend des 28. November 1906 brach im Mischgebäude der Wittener Roburit-Fabrik ein Feuer aus. Kurze Zeit später erschütterten zwei gewaltige Explosionen den Stadtteil. Die Fabrik, die ausgerechnet Sicherheitssprengstoffe für den Bergbau herstellte, flog in die Luft. 41 Menschen kamen ums Leben, mehrere hundert wurden verletzt und über 2000 obdachlos. 100 Jahre später erinnert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Westfälischen Industriemuseum Zeche Nachtigall mit der Ausstellung ¿Sprengstoff!¿ (24.9.06 ¿ 28.1.07) an das Ereignis. ¿Die Katastrophe war nicht nur ein lokales Ereignis, sie löste im gesamten Kaiserreich Bestürzung aus¿, so Projektleiterin Ingrid Telsemeyer heute (22.9.) bei der Vorstellung der Schau in Witten.

Über 120 Exponate hat das Ausstellungsteam zusammengetragen und in Szene gesetzt; mehr als die Hälfte davon sind Leihgaben. Die größte unter ihnen ist die Annener Feuerglocke, die damals die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr zum Einsatz rief. Unmittelbare Eindrücke aus der Zeit der Katastrophe vermitteln mehr als 40 Ansichtspostkarten vom Unglücksort sowie Plakate mit Hilfsangeboten. Zentrales Exponat ist ein repräsentatives Foto-album der Fabrikbesitzer aus dem Jahr 1903, in das später Unglücksfotos eingeklebt wurden. Jahre nach der Explosion gelangte es in den Besitz des Polizisten und Unglücksopfers Ludwig Wahl. Sein Gehör wurde durch die enorme Druckwelle schwer geschädigt, und er erhielt 1909 eines der ersten Hörgeräte, die es auf dem Markt gab. Die Kosten von 90 Mark wurden aus den reichsweit gesammelten Spendengeldern erstattet. ¿Die Geschichte von Ludwig Wahl ist ein typisches Beispiel dafür, wie wir den Blick in der Ausstellung immer wieder auf einzelne Menschen lenken¿, so Ingrid Telsemeyer.

Einen anschaulichen Eindruck von Größe und Lage der Fabrik vermittelt ein Modell, das in den Werkstätten des LWL-Industriemuseums nach historischen Plänen und Fotografien gebaut wurde. Feuerwehr- und Polizeiutensilien, medizinische Hilfsmittel wie Krücken und Beinprothesen, historische Fotografien und andere Dokumente ergänzen die Schilderungen von Zeitzeugen. Über Hörstationen vermitteln sie einen lebendigen Eindruck vom Verlauf des Unglücks und von den Debatten um die Ursache und die juristische und moralische Schuld. Medien-Stationen regen zum Nachdenken über die eigene Einstellung zum Thema an. Das umfangreiche Begleitprogramm (s.u.) reicht von Vorträgen über Sicherheitstrainings mit der Feuerwehr Witten bis zu einer Tagung.
Die Ausstellung beschränkt sich aber nicht auf die Katastrophe allein. ¿Wir nehmen auch die gesellschaftlichen Reaktionen auf das Unglück in den Blick¿, betont Telsemeyer. Unter den Überschriften ¿Sensation und Solidarität¿ sowie ¿Erinnern und Vergessen¿ geht es um die Zeitungsberichterstattung zum Unglück, um Angst, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft der Menschen sowie die Aufarbeitung des Falls durch die Gerichte bis hin zur späteren Erinnerungskultur. ¿Zu den Jahrestagen war das Unglück in Witten immer wieder präsent. Heute erinnert in Witten nur noch wenig an das große Unglück. Jetzt nach 100 Jahren wurde die Katastrophe für die Ausstellung erstmals gründlich erforscht¿, erläutert Dr. Martina Kliner-Fruck, Leiterin des Stadtarchivs Witten, das zahlreiche Dokumente zur Ausstellung beisteu-erte. Das Stadtarchiv, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund sowie der Geschichtsverein Annen sind Kooperationspartner des Projektes.

Am Ende zieht die Schau auch Parallelen zur heutigen Katastrophenbewältigung und den nach wie vor vorhandenen Risiken der industriellen Produktion. Telsemeyer: ¿Jüngere Unglücke wie Bhopal, Tschernobyl oder die Explosion in der Feuerwerksfabrik im niederländischen Enschede im Mai 2000 zeigen, dass das Risiko einer Katastrophe heute so aktuell wie damals ist.¿

Begleitprogramm


So, 24.9. Eröffnung
12¿18 Uhr Die Feuerwehr der Stadt Witten mit dem Infomobil und einem Löschfahrzeug
Vorstellung der Jugendfeuerwehr
14 Uhr Offizielle Eröffnung der Ausstellung
ab 15 Uhr freie Ausstellungsbesichtigung


Vorträge im Westfälisches Industriemuseum Zeche Nachtigall


Mi, 27.9.06 19.30 Uhr
¿Nur drei Arbeiter machten einen gesunden Eindruck ¿¿ Die Roburit-Fabrik in Witten 1886¿1906. Von Dr. Frank Ahland, Historiker & Publizist, Witten, und Stefan Nies, Historiker, Dortmund

Mi, 15.11. 19.30 Uhr
Vom Schwarzpulver zum Sicherheitssprengstoff. Von Dr. Ralf Zimmermann, Holzwickede

Mi, 22.11.06 19.30 Uhr
Der Mensch ist immer schuld! ¿ Wie menschlich ist ¿menschliches Versagen¿? Von Dr. Karl-Ernst Poppendick, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund

Di, 28.11.06 19.30 Uhr
Analyse von Unfällen beim Umgang mit Sprengstoff. Von Dr. Thomas Lehmann, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, Berlin

Mi, 10.1.07 19.30 Uhr
Die Produktion und Sicherheit des Wettersprengstoffs Roburit heute. Von Dr. Burkhard Eule-ring WASAG Chemie Sythen, Haltern


Vorträge an anderen Orten


Mi, 25.10.06 19 Uhr
¿Ganz Annen liegt sozusagen in einem Trümmerhaufen¿. Die Explosion der Roburit-Fabrik und ihre Folgen für Annen. Dr. Frank Ahland, Historiker & Publizist, und Stefan Nies, Historiker, Haus Witten, Ruhrstraße

Mi, 17.1.07 ab 18 Uhr
12. Wittener Archivforum mit Führung durch die Feuer- und Rettungswache Witten, Dortmunder Straße (18 Uhr) und Vortrag (19 Uhr): "¿ mindestens die moralische Verpflichtung des Staates ¿" ¿ Konsequenzen aus der Roburit-Explosion vom 28.11.1906 in Witten, von Dr. Frank Ahland, Witten und Stefan Nies, Dortmund, Vortragsraum der Feuerwehr

Fr, 19.1.07 10-18 Uhr
Jahrestagung des Vereins Historikerinnen und Historiker vor Ort
Thema: ¿Gott sei Dank ist Dortmund noch eben verschont geblieben ¿" Vom Umgang mit industriellen Risiken vor Ort. Infos unter https://www.historiker-vor-ort.de



Außerdem


Sicherheits-Training für Kinder und Erwachsene mit der Feuerwehr Witten
(Anmeldung erforderlich)
- Brandschutz mit ¿Fridolin Brenzlich¿ max. 15 Kinder
- Sicherheits- und Brandschutztraining für max. 30 Erwachsene

Termine:

05.11.2006 15¿17 Uhr
26.11.2006 15¿17 Uhr
07.01.2007 11¿13 Uhr
Gruppenführungen
Auf den Spuren der Roburit-Katastrophe unterwegs (Gruppenführung auf Anfrage)

Begleitbuch
Unter dem Titel Sprengstoff! erscheint eine Begleitpublikation zur Ausstellung, die die dort angesprochenen Themen, über das lokale Beispiel hinausgehend vertieft.

Sprengstoff! ¿ Die Explosion der Wittener Roburit-Fabrik 1906

24. September 2006 bis 28. Januar 2007
Westfälisches Industriemuseum Zeche Nachtigall
Nachtigallstraße 35, 58452 Witten
Geöffnet Di ¿ So 10 ¿ 18 Uhr



Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, LWL-Industriemuseum, Telefon: 0231 6961-127 und Markus Fischer, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 20.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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