LWL-Newsroom

Mitteilung vom 01.04.03

Presse-Infos | Der LWL

Ausstellung über Säkularisation im Kloster Dalheim eröffnet

Lichtenau (lwl). Am Dienstag (1.4.) ist im Kloster Dalheim (Kreis Paderborn) die Ausstellung "Zerstreut und zerschlagen" über die Säkularisation (Verweltlichung) des ehemaligen Augustiner-Klosters eröffnet worden (bis 31.10.).

"Mit der klösterlichen Ruhe der Augustiner-Chorherren war es Anfang 1803 vorbei", so der Beauftragte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) für das zukünftige Westfälischen Klostermuseum Dalheim, Prof. Matthias Wemhoff bei der Eröffnung: "Der preußische Staat ergriff Besitz von ihrem Kloster." 200 Jahre später zeigt die Ausstellung, wie die Säkularisation einer geistlichen Gemeinschaft konkret vor sich ging. Ihre Angehörigen mussten innerhalb von wenigen Tagen ihr Kloster verlassen, die Kunstschätze wurden zerstreut oder zerschlagen, und Pferde, Kühe und Schweine zogen in die Klosterräume ein.

Der erste Blick von der Klosterpforte aus lässt erkennen, welche wirtschaftliche und kulturelle Blüte das 1452 gegründete Kloster Dalheim noch im 18. Jahrhundert erlebte. Große Scheunen und Ställe deuten auf die Landwirtschaft des Konventes hin. Entlang der Mauer des Prälatengartens führt ein Weg die Besucher in den durch barocke Flügelbauten eingefassten Ehrenhof an der Westseite des Klosters. Die repräsentative Fassade lässt hinter dem Portal den Zugang zu ähnlich prachtvollen Innenräumen vermuten. Doch ein seit 1838 direkt in die Mittelachse eingebauter Backofen versperrt den direkten Zutritt in das Klosterinnere. Wemhoff. "Das macht deutlich, welche Störungen in die ehemals wohlgeordnete geistliche Welt der Chorherren mit der Aufhebung des Klosters eingebrochen sind." Nur der erst in diesem Jahr wieder geöffnete Durchgang erlaubt vom Portal aus weitere Schritte in den benachbarten Raum der Klosterküche, die heute als Foyer dient.

Warum das Dalheimer Kloster seit 200 Jahren nicht mehr als religiöse Gemeinschaft existiert, kennzeichnet ein Stempel auf dem Übersichtsplan der Anlage: " - in Besitz genommen - " ist dort über eine frühneuzeitliche Klosteransicht des Malers Fabritius gedruckt.

Der preußische Adler empfängt Besucher am Beginn ihres Rundganges durch die ehemalige Klausur. Darunter befindet sich eine Reproduktion des Schreibens, mit dem der preußische König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) am 21. Februar 1803 die Aufhebung des Klosters verfügte.
Der Südflügel des Kreuzganges, durch die 1803 einsetzende Umnutzung des Klosters in eine staatliche Domäne am stärksten in Mitleidenschaft gezogen, kann jetzt erstmals wieder in seiner ursprünglichen Dimension erlebt werden. Die vermauerten Fenster zum Kreuzhof wurden dazu wieder freigelegt.

Entlang der Südwand begleitet ein Zeitstrahl die Besucher in die Zeit zwischen 1770 und 1815. Die Abbildung der so genannten Schonlau-Vedute, einer Klosteransicht aus dem Jahr 1737, spiegelt zunächst noch einmal die Blütezeit des Konventes im 18. Jahrhundert wider, die sich in zahlreichen Neubauten niederschlug. Die Geschichte des Bildes vermittelt aber zugleich auch schon wieder einen Eindruck von der späteren Zerstreuung und Zerstörung klösterlicher Kunstwerke: Es ist das einzige von einst mehr als 150 Gemälden des Klosters, das heute noch als zum früheren Klosterbesitz gehörig bekannt ist.

Während im Paderborner Land auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch Idylle herrschte und Dalheim ein florierendes Kloster war, braute sich andernorts in Europa schon eine geistige Strömung zusammen, die schließlich auch das Ende Dalheims herbeiführen sollte.

Die Philosophie der Aufklärung richtete ihre gesellschaftliche Kritik - von Frankreich ausgehend - in besonderer Weise gegen die als nutzlos angesehenen Klöster. Doch auch innerhalb der katholischen Kirche galt das traditionelle Ordensleben keineswegs mehr überall als eine angesehene Lebensform.

Im "Reichsdeputationshauptschluss" wurden 1803 die deutschen Fürsten, die links des Rheins Besitzungen an Frankreich verloren hatten, für ihre Verluste mit den so genannten "geistlichen Staaten" entschädigt. Damit wurden sie nicht nur zu Landesherren über die bisher von Bischöfen und anderen Prälaten regierten Länder, sondern ergriffen zugleich auch Besitz von den in diesen Gebieten gelegenen Ordensniederlassungen.

Das Hochstift Paderborn war im Vorgriff auf diese Regelungen bereits 1802 von preußischen Truppen besetzt worden, kurz danach begann die systematische Erfassung der Klöster und ihres Vermögens. Die eigentliche Aufhebung der Klöster folgte in den ersten Monaten des Jahres 1803. Eine bis in die kleinsten bürokratischen Details ausgearbeitete "General-Instruktion für die zur Aufhebung der Klöster in den Entschädigungsprovinzen angeordneten Kommissarien" gab den Ablauf der Inbesitznahme von der Verlesung des Dekretes über die Inventarisierung des gesamten Besitzes - von den Kirchenschätzen bis zu Kochtöpfen, von Betten bis zu Servietten - bis hin zum Umgang mit dem Klosterpersonal genau vor. Den überlieferten Reaktionen der Chorherren auf die Klosteraufhebungen, aber auch der sakralen Architektur des Gebäudes gegenübergestellt, vermittelt die nüchterne Sprache der Instruktion ein Bild davon, welche Welten mit der Aufhebung des Klosters und seiner Umwandlung in eine staatliche Domäne aufeinander stießen.

Der weitere Rundgang durch die Klosteranlage ist geprägt von der "Verwischung des klösterlichen Ansehens" durch die Preußen. So erinnert am vermuteten Ort des ehemaligen Skriptoriums, der Schreibstube des Klosters, nichts mehr an die Bedeutung, die Bücher für die Chorherren einst hatten.

Der im Rahmen des Aufhebungsprotokolls angefertigte Katalog erlaubt zwar einen Einblick in die keineswegs auf theologische Werke beschränkte Dalheimer Bibliothek, spiegelt ihre Bestände aber wohl keineswegs vollständig wider.

Wie der ehemalige Ort der täglichen Konventversammlung umgenutzt wurde, belegt ein Plan aus dem 19. Jahrhundert. "Stall für 40 Kühe" ist dort verzeichnet, Boxen und Futtergang sind im Fundament bis heute deutlich ablesbar. Von den Sitzen des Priors und der Chorherren hingegen fehlt jede Spur, lediglich spärliche Reste der Wandbemalung lassen die vormalige Bedeutung des Raumes noch erahnen. Ähnlich sieht es im Chorraum der Klosterkirche aus: An das spätmittelalterliche Sakramentshaus erinnert nur noch die Hintergrundmalerei auf der Rückwand; die filigrane Struktur des gotischen Tabernakels wurde ebenso zerschlagen wie der barocke Hochaltar von Heinrich Papen.

Im Laienschiff wird der historische Moment des Zerstreuens gegenwärtig gemacht. Packkisten ste-hen zum Abtransport der Kirchenausstattung in die Pfarrgemeinden der Umgebung bereit; eine Liste verzeichnet penibel das Gewicht und den geschätzten Wert der liturgischen Gefäße aus Edelmetall, die zu Gunsten der Staatskasse eingeschmolzen wurden. Eine Karte des Umlandes lädt dazu ein, Statuen, Beichtstühle und die Orgel aus Dalheim an ihren neuen Bestimmungsorten in den Kirchen der näheren und weiteren Umgebung im Original in Augenschein zu nehmen.

So wie der Weg der "pensionierten" Chorherren - ihr weiteres Schicksal ist nur ansatzweise bekannt, lediglich einer konnte als Tabakfabrikant im bürgerlichen Leben Fuß fassen - führt auch der Weg der Besucher von der Kirche aus durch den westlichen Kreuzgang wieder hinaus aus dem Kloster. Wemhoff: "Im geplanten Westfälischen Klostermuseum will der LWL zwar auch zeigen, was zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Klöstern der Region zerstreut und zerschlagen wurde - ebenso aber will er dokumentieren, dass die jahrhundertealte klösterliche Tradition in der Region schon bald nach 1803 neu auflebte und bis heute an vielen Orten gepflegt wird."

Zerstreut und zerschlagen. Die Säkularisation des Klosters Dalheim 1803.
1. April bis 31. Oktober 2003

Buchung von Gruppenführungen und museumspädagogischen Programmen
Tel. 05251 10510, Fax 05251 281892

Anfahrt
PKW: A 44, Ausfahrt Marsberg-Meerhof, Richtung Lichtenau, 4 km bis Dalheim.
Von / über Paderborn: Warburger Straße, B 68 bis Lichtenau, von dort 8 km bis Dalheim.

Kloster Dalheim
Am Kloster 11
33165 Lichtenau-Dalheim
https://www.kloster-dalheim.de

Öffnungszeiten
1. April bis 31. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr. Montags - außer an Feiertagen - sind Klosterkirche und Klausurgebäude geschlossen, nur Außenbesichtigung der Anlage möglich.

Eintritt
2,00 Euro (ermäßigt 1,00 Euro)







Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, Telefon 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit 21.000 Beschäftigten für die 8,4 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


Der LWL auf Facebook:
https://www.facebook.com/LWL2.0




zur Druckansicht dieser Seite

zu den aktuellen Presse-Infos