LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 11.04.03

Presse-Infos | Der LWL

Henrichshütte und Stadtmuseum zeigen "Zwangsarbeit in Hattingen"
Doppelausstellung stellt Menschen und Motive in den Mittelpunkt

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Hattingen (lwl). "... ich arbeitete doch zwölf Stunden. Morgens bekamen wir Brühsuppe und 100 Gramm Brot, die nächste Mahlzeit gab es erst abends. Ich weiß nicht, wie viele von uns am Leben geblieben wären, wenn wir dort länger geblieben wären." Mit Bitterkeit denkt Wiktor Dankow an seine Zeit als Rangierer auf der Henrichshütte. Ganz anders der Niederländer Adriaan Liebregts: "Für mich persönlich ist es eine schöne Zeit gewesen: Ich habe gut Geld verdient, nur die Bombardierungen haben mir Angst gemacht."

Erinnerungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Und doch teilen die Männer ein Stück Lebensgeschichte: Sie gehörten zum Heer der rund 10.000 Zwangsarbeiter aus ganz Europa, die während des Zweiten Weltkriegs in Hattingen lebten. Fast die Hälfte von ihnen arbeitete in der Rüstungsproduktion der Henrichshütte. Am 15. April 1945 wurde die Stadt durch die Amerikaner befreit. Genau 58 Jahre später holt eine Doppel-Ausstellung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und der Stadt Hattingen das Thema ans Tageslicht. "Zwangsarbeit in Hattingen" - vom 15. April bis 27. Juli 2003 im Stadtmuseum und im Westfälischen Industriemuseum Henrichshütte zu sehen - stellt Menschen, Motive und Einzelschicksale in den Mittelpunkt.

Stadtmuseum: Leben oder überleben

Das Stadtmuseum zeigt unter der Überschrift "Leben oder überleben" den Alltag in den über 80 Zwangsarbeiter-Lagern in Hattingen. Nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten wurden die Zwangsarbeiter je nach Herkunft extrem unterschiedlich behandelt. Die Kategorie der Unterkünfte reichte von der Baracke bis zum Pensionszimmer. "Hunger, Schläge, Kälte und Angst bestimmten das Dasein der Menschen aus Osteuropa. Die Westeuropäer lebten dagegen unter deutlich besseren Umständen, sie hatten Kontakt zur Heimat und ein großes Maß an Freiheit", erklärt Museumsleiterin Petra Kamburg.

Die sehr unterschiedlichen Lebens- und "Wohn"-situationen begegnen den Ausstellungsbesuchern in inszenierten Räumen, die zu zentralen Informationsträgern werden. Ein sogenanntes Pensionszimmer stand, entsprechend der nationalsozialistischen Rassenideologie, den "privilegierten" ausländischen Arbeitskräften - den freiwilligen westlichen Zivilarbeitern zu. Holländer und Belgier, angelockt durch eine großangelegte deutsche Werbekampagne, waren den deutschen Arbeitskollegen in fast allen Belangen gleichgestellt. "Ein Kinobesuch, Post von zu Hause, Kontakt zu Hattinger Familien - es gab wenig Einschränkungen. Den Urlaub aber nutzen trotzdem viele, um nicht mehr zurück zu kehren", erklärt Museumsleiterin Petra Kamburg.


Die überwiegende Mehrzahl der Hattinger Zwangsarbeiter arbeitet jedoch in der Industrie und hauste in riesigen Barackenlagern oder anderen Gemeinschaftsunterkünften: unübersehbar für die Bevölkerung. Petra Kamburg: "Umfunktionierte große Säle in Gaststätten, in denen in Hattingen zum Beispiel französische Kriegsgefangene untergebracht wurden, befanden sich sogar oftmals mitten in der Stadt. Die westlichen Zwangsarbeiter waren eingesperrt, aber kein Stacheldrahtzaun trennte sie von der Außenwelt.

Besonders betroffen vom Unwertesystem des NS-Regimes waren die Ostarbeiter. Russen mussten ein Abzeichen mit den Buchstaben "OST" auf ihrer Kleidung tragen, Polen ein "P". Öffentliche Einrichtungen durften sie nicht benutzen, Beziehungen zu Deutschen waren untersagt. Auch die Unterkünfte, einfachste Baracken - eng, schmutzig und düster, umgeben von Stacheldrahzaun - spiegeln die unmenschlichen Zustände wider, unter denen die Ostarbeiter leben mussten: dreistöckige, grob gezimmerte Pritschenreihen, durchlöcherte Strohsäcke, die als Matratzen dienten, verdreckte Wolldecken.

Eines der größten Lager der Stadt war das Wohnlager Welper. Bis zu 2.500 Beschäftigte der Henrichshütte lebten in dieser Barackenstadt. Zeitzeuge Friedhelm Gerlach (72), der als Jugendlicher auf der Hütte eine Ausbildung zum Modellschreiner absoliverte, hat dieses Lager mit mehr als 40 Einzelgebäuden nach alten Plänen maßstabsgrecht für die Ausstellung im Stadtmuseum rekonstruiert.

Henrichshütte: 100 Gramm Brot und 12 Stunden Arbeit

Fast die Hälfte der Hüttenbelegschaft bestand gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus Zwangsarbeitern. Mehr als 4.500 Frauen und Männer aus der Ukraine, aus Frankreich, Belgien und Holland, aus Polen, Serbien und Tschechien schufteten zeitweise in den Betrieben der Hütte bis zu 70 Stunden pro Woche, um Granathülsen, Panzergehäuse und Geschützrohre für den Krieg gegen ihre eigene Heimat herzustellen. Am authentischen Ort setzt das LWL-Industriemuseum ihre Geschichte in Szene.


"Wir wollen zwei Perspektiven deutlich machen", erklärt Historikerin Anja Kuhn, Leiterin des Projektes beim Industriemuseum. "Wir zeigen einerseits die Sicht der Deutschen, ihre individuellen Handlungsmöglichkeiten vor dem Hintergrund der NS-Ideologie. Auf der Gegenseite bringen wir die leidvollen Lebenserfahrung der Zwangsarbeiter ins Bewusstsein."

Basis der Ausstellung bilden die Recherchen von Stadtarchivar Thomas Weiß, der dem Thema Zwangsarbeit in Hattingen seit vier Jahren auf der Spur ist. Jüngere Erkenntnisse aus dem Konzernarchiv von Thyssen-Krupp lieferten weitere wichtige Bausteine. Das eigentliche "Pfund", mit dem die Ausstellung wuchern kann, sind Interviews mit Zeitzeugen. Mit Hilfe ausländischer Historiker und Dolmetscher wurden 20 ehemalige Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen aus der Ukraine, aus den Niederlanden und Italien ausführlich zu ihrer Hattinger Zeit befragt. O-Töne - im Original und in der Übersetzung - werden die Besucher beim Weg durch die Ausstellung begleiten.

Weil es neben schriftlichen Quellen - und dem eigentlichen Ort des Geschehens - wenige Exponate gibt, setzt das Ausstellungsteam der Henrichshütte auf Inszenierungen, die die Gefühle der Besucher ansprechen. "Wir hoffen, damit vor allem Jugendliche zu erreichen", so Anja Kuhn. So platzen die Besucher am Ausstellungsbeginn im Bessemerstahlwerk regelrecht in eine Werksleiterbesprechung zum Thema "Bedrohung der Rüstungsproduktion durch Arbeitermangel" hinein. Auf dem Sitzungstisch liegen Formulare zum Anfordern von Personal. "Mit diesen Formularen wurde letztlich am grünen Tisch über das Schicksal tausender Menschen entschieden", erklärt die Wissenschaftlerin.

Eine Fahneninstallation mit Biografien und Portraits stellt die Zwangsarbeiter als "Menschen wie du und ich" vor ihrer Verschleppung vor: Menschen mit Beruf, mit Heiratsplänen, mit Hoffnungen für die Zukunft. Ein Weg mit Schienenstrang, der sich stetig verengt und als Einbahnstraße zum Werkstor führt, bringt die Besucher ins Zentrum der Schau. Rüstungsgüter, Fotos, Arbeitswerkzeuge und Dokumente stehen für den Arbeitsalltag zwischen den Eckpfeilern "Ideologie" und "Ökonomie". O-Töne zeugen von Gesten der Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Ein Zwangsarbeiter erzählt die Geschichte vom Butterbrot, das ein deutscher Kollege ihm zugesteckt hat, eine Zeitzeugin berichtet von den unmenschlichen Schikanen deutscher Vorgesetzter.

Als Abschluss hat die Ausstellung auf der Henrichshütte noch eine Besonderheit zu bieten:
Das Museum hat einen alten Luftschutzstollen als "Produkt von Zwangsarbeit" wieder zugänglich gemacht. Zwangsarbeiter haben ihn in den Hang gegraben, als Schutzraum stand der Stollen allerdings nur einigen Angestellten und deutschen Arbeiterfamilien der Henrichshütte zur Verfügung. Tatsächlich verloren viele Hattinger Zwangsarbeiter bei Angriffen der Alliierten ihr Leben.

Begleitprogramm

Zahlreiche Veranstaltungen begleiten zwischen 15. April und 27. Juli die gemeinsame Ausstellung der Stadt Hattingen und des LWL: Vorträge und Filme im Stadt- und Industriemuseum und bei der Volkshochschule Hattingen, Schullesungen der Stadtbücherei, Theaterstücke und Schulprojekte. Führungen - auch in Kombination - für Schulklassen und Erwachsenen-Gruppen ergänzen das Angebot.

Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitbuch erschienen.

Zwangsarbeit in Hattingen
Eine Ausstellung - zwei Orte
15. April bis 27. Juli 2003

Stadtmuseum Hattingen
Marktplatz 1-3, 455527 Hattingen-Blankenstein
Tel. 02324 / 68161-0

Westfälisches Industriemuseum Henrichshütte
Werksstraße 25, 455527 Hattingen
Tel. 02324 / 9247-0







Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, Westf. Industriemuseum, Tel. 0231 6961-127 und Thomas Griesohn-Pflieger, Stadt Hattingen, Tel. 02324 204-2401
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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