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Mitteilung vom 07.05.15

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Sogar die Kegelbahn ist erhalten

LWL zeichnet ehemalige Luftnachrichtenkaserne in Münster als Denkmal des Monats aus

Bewertung:

Münster (lwl). Der Abzug der britischen Rheinarmee aus Deutschland stellt die Denkmalpflege vor eine Herausforderung: Haben die freiwerdenden Kasernen, die oft noch aus dem "Dritten Reich" stammen, einen Denkmalwert? Für die ehemalige Luftnachrichtenkaserne am Albersloher Weg in Münster-Gremmendorf, die später als York-Kaserne von den britischen Streitkräften genutzt wurde, haben die Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) mit "ja" beantwortet und sie jetzt sogar als Denkmal des Monats ausgezeichnet.

"Anlagen wie die Kaserne in Gremmendorf haben einen hohen geschichtlichen Aussagewert für die Entwicklung von Militärbauten, da es hier kaum schriftliche Überlieferungen gibt", erklärt LWL-Denkmalpflergerin Dr. Marion Niemeyer. "So dokumentiert die erhaltene Kaserne, dass hier nicht nur für die nationalsozialistische Zeit eine kriegswichtige Dienst- und Ausbildungsstätte untergebracht war. Das Offizierskasino als aufwändig gestalteter repräsentativer Ort für Feiern der hohen Dienstgrade sowie zwei Kantinen, die auch den einfachen Soldaten gut gestaltete Räume boten, zeigen, dass auch für Geselligkeit und Unterhaltung gesorgt wurde", so Niemeyer weiter. Im Keller ist sogar eine hölzerne Kegelbahn vollständig erhalten. "Kegelbahnen wurden mit dem Beginn der Kasernierung von Truppen im 19. Jahrhundert Bestandteil von Militäranlagen. Die Gremmendorfer Kaserne zeigt, dass die Wehrmacht an dieser Tradition festhielt", so Niemeyer.

Die 50 Hektar große Luftnachrichtenkaserne wurde 1936 gebaut. Von den über 50 Gebäuden wurden im Zweiten Weltkrieg nur wenige beschädigt, da die Alliierten schon früh planten, die Militäranlagen nach dem Krieg weiter zu nutzen. Nach dem Krieg waren hier zunächst polnische und russische Zivilarbeiter untergebracht. Von 1948 bis 2013 war die Anlage als "York-Kaserne" Standort der britischen Rheinarmee.

"Die Kaserne am Albersloher Weg nähert sich in ihrem Erscheinungsbild dem Siedlungsbau der 1930er-Jahre an, da die Architekten die Gebäude dem regionalen Baustil anpassten: Die meisten Gebäude sind aus heimischen Materialien wie Backstein und Sandstein niedrig gebaut und haben hohe Satteldächer. Auch Gauben, Terrassen- und Treppenanlagen sowie Zierfachwerk zeigen die Nähe zur Heimatschutzarchitektur, die einen großen Teil des zeitgenössischen Baugeschehens im Münsterland bestimmte und in der Öffentlichkeit positiv besetzt war", so Niemeyer. Auch die Ausstattung hat Bezüge zur heimischen Architektur: So ist der Stil des großen Kamins im Offzierskasino mit seinen ornamentierten Sandsteinwangen an die offenen Herdfeuer der Münsterländer Dielenhäuser angelehnt. "Landschaftstypische Architektur und Ausstattungselemente zu verwenden, stand für die nationalsozialistischen Planer und Konstrukteure also nicht im Widerspruch zur rationalisierten und normierten Bauweise, die ab 1933 als Teil der intensiven Kriegsvorbereitung das Baugeschehen im Reich bestimmte", so Niemeyer. Die technischen Gebäude ließen die Architekten als große, stützenfreie zum Teil mehrstöckige Hallen in feuersicherer Stahltbetonskelettbauweise bauen

Hintergrund
Die Anlage erstreckt sich bis heute weitgehend unverändert über eine L-förmige Grundfläche entlang des Albersloher Weges. Das große, eingefriedete Areal war in drei Zonen mit unterschiedlichen Funktionen unterteilt. Im Norden lagen der Bau- und Lagerplatz sowie ein großes bewaldetes Übungsgelände in der Mitte Verwaltungs-, Wohn- und Technikgebäude der Kompanien und im Süden der Schießplatz und die Sportanlage. Dabei war das gesamte Grundstück von einer knapp zwei Meter hohen Backsteinmauer mit Hauptzufahrt am Albersloher Weg eingefriedet.
Wie die Schießstände waren Einrichtungen einer Sportausbildung verbindlicher Be-standteil der Wehrmachtskasernen. Sportliche körperliche Ertüchtigung gehörte wie die Ausbildung an der Waffe zu den Kernaufgaben der militärischen Erziehung und diente der von den Machthabern intensiv betriebenen Kriegsvorbereitung. Welche Funktion die Gebäudegruppe östlich der Kampfbahn besaß, konnte bislang nicht ermittelt werden.
Den Kern der Anlage bildet die dicht mit Verwaltungs-, Wohn- und Technikgebäuden bebaute mittlere Zone. Hier befand sich der Hauptzugang zur Kaserne, von der aus man zu einem baumbestandenen Vorplatz mit Stabsgebäude zur Linken und Funkerwerkstatt zur Rechten gelangt. Der südlich des Vorsplatzes liegende Bereich war dem Offizierskasino vorbehalten, das ursprünglich eine eigene Zufahrt für Gäste besaß.
Die Wohn- und Unterrichtsgebäude der Truppe stehen kompanieweise u-förmig um kleine Grünflächen. Die Planer haben so für jede Kompanie eine klare, zweckgerichtete Zuordnung der Gebäude entwickelt und gleichzeitig eine Auflockerung durch begrünte Freiflächen erreicht. Die städtebauliche Struktur der weitläufigen Anlage wird durch die großzügige Anordnung niedriger Gebäude um größere Grünflächen bestimmt, womit man in erster Linie den Forderungen des Luftschutzes folgte. Gleichzeitig wirkten die baumbestandenen Freiflächen und die versetzte Wegeführung dem Eindruck von Strenge entgegen, die von der symmetrischen Abfolge der Gebäude ausgeht.



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