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Mitteilung vom 08.05.15

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Letzter Jakobsweg für Westfalen eröffnet

Neue Trasse von Bielefeld über Münster nach Wesel ist 195 km lang

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Telgte (lwl). Am Freitag (8.5.) ist in Telgte der fünfte und letzte durchgehende Weg der Jakobspilger nach historischem Vorbild feierlich eröffnet worden. Nach vorherigen Strecken (von Osnabrück nach Wuppertal, von Höxter nach Bochum, von Marburg über Siegen nach Köln und von Minden nach Soest) hat die LWL-Altertumskommission für Westfalen die alte Fernhandelsroute von Bielefeld über Warendorf, Münster, Coesfeld und Borken nach Wesel zunächst wissenschaftlich erforscht und dann als rund 195 Kilometer langen Pilgerweg ausgeschildert, wie der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Matthias Löb, bei der Eröffnung in der Wallfahrtsstadt Telgte erläuterte.

Löb: "Vom dem bekanntesten westfälischen Wallfahrtsort geht jetzt ein ausgeschilderter Pilgerweg in den bekanntesten spanischen Wallfahrtsort. Was vor 13 Jahren begann, kommt mit insgesamt 1.000 Kilometern Jakobspilgerwegen in Westfalen zu einem guten Ende."

Gemeinsam mit der Vorsitzenden der Altertumskommission für Westfalen, Dr. Aurelia Dickers, stellte Löb außerdem den Pilgerführer vor ("Jakobswege Band 11. In 10 Etappen von Bielefeld über Münster nach Wesel", 14,95 Euro, auch für Radwanderer; Bachem-Verlag, ISBN 978-3-7616-2878-2). Der Führer beschreibe den historischen Weg, die über 1.000 Jahre alte Tradition der Pilgerreise nach Santiago de Compostela (Spanien) und die Sehenswürdigkeiten entlang der Trasse in Westfalen.

Auch die seit 2013 bestehende Web-App für Smartphones wird um die aktuelle Wegstrecke erweitert. Neben der Navigation bietet die App viele der Informationen aus dem Buch in verkürzter Form. Die App steht sowohl im Internet unter http://www.jakobswege-westfalen.de bzw. über den jeweiligen App-Store kostenlos zur Verfügung.

Die Trasse
Die Trasse von Bielefeld nach Wesel (vom Startpunkt Nicolaikirche in Bielefeld über Steinhagen, Marienfeld, Harsewinkel, Warendorf, Telgte, Münster, Tilbeck, Schapdetten, Nottuln, Darup, Coesfeld, Hochmoor, Velen, Ramsdorf, Borken, Raesfeld, Marienthal nach Wesel) wurde mit der charakteristischen Jakobsmuschel (europaweit gelb auf blauem Grund) ausgeschildert, erläuterte Projektleiterin Ulrike Steinkrüger. In Bielefeld zweigt der Weg von der 2013 eröffneten Route nach Soest ab. In Münster kreuzt er den von Osnabrück kommenden und über Dortmund weiter nach Wuppertal-Beyenburg führenden Weg der Jakobspilger. In Wesel schließt der Weg an eine Trasse des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) an und ist bis Santiago de Compostela durchgehend ausgeschildert.

Pilger benutzten im Mittelalter das vorhandene Wegenetz und hierbei vor allem die großen Handelsrouten. Entlang der Fernwege profitierten sie nicht nur von den Gasthäusern und von anderen auf Vorbeiziehende eingestellten Einrichtungen, sondern auch vom Anschluss an andere Pilger und Reisende. In Gruppen waren Pilger sicherer vor Überfällen und anderen Gefahren. "Daher galt es im Projekt die mittelalterlichen Wege und Spuren der Jakobspilger so genau wie möglich zu rekonstruieren", erläutert Dickers.

Auch der neue Pilgerweg ist nach Angaben von Steinkrüger an historisch belegte Wegführungen angelehnt. Steinkrüger: "Hohlwege am Jostberg in Bielefeld und am Daruper Berg bei Coesfeld zeugen von der historischen Nutzung mit schweren Fuhrwerken. Die tief ins Gelände eingegrabenen Wegrelikte dokumentieren eindrucksvoll die damalige Wegesituation. Auch ehemalige Landwehrdurchlässe, Galgenplätze oder Sühnekreuze wie dasjenige in Tilbeck sind Zeugnisse der alten Wegetrasse.

Dass auch tatsächlich Pilger diesen Weg benutzten, zeigt zum Beispiel das im 15. Jahrhundert auf dem Jostberg in Bielefeld bestehende Franziskanerkloster. Dessen Brüder hatten sich der Versorgung der Pilger zum dort verehrten Heiligen Jodokus, aber sicherlich auch durchreisender Pilger zu anderen Zielen verschrieben. In vielen Städten bestanden Herbergen oder Hospitäler, in denen durchreisende Pilger unterkommen konnten, so z. B. in Bielefeld, Marienfeld, Warendorf und Coesfeld. Mit der alten Jakobikirche aus dem 12. Jahrhundert und einer Jakobi-Bruderschaft im 16. Jahrhundert zeigt die Stadt Coesfeld eine besondere Tradition der Verehrung des Apostels Jakobus d.Ä.

Abschluss des Projektes
Mit dem aktuell eröffneten Pilgerweg von Bielefeld nach Wesel findet das 2002 in Leben gerufene Projekt "Wege der Jakobspilger in Westfalen" seinen Abschluss.
Eine Kooperation ergänzte das Engagement des LWL: Dank der ehrenamtlichen Arbeit einer Projektgruppe um das Ehepaar Schmoranzer aus Bestwig führt der Jakobsweg "Heidenstraße" quer durch das Sauerland, während sich der LWL auf die übrigen Regionen Westfalens konzentrieren konnte. "Für die Pflege der Wege wird der LWL auch in Zukunft aufkommen und jährlich rund 8000 Euro in die Nachmarkierung investieren", so Löb.
Mitfinanziert haben die LWL-Kulturstiftung, die Sparkasse Münsterland Ost sowie die Sparkasse Westmünsterland.

Die Geschichte der Wege der Jakobspilger
Die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im über 2.000 Kilometer entfernten nordspanischen Santiago de Compostela hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht. Man versprach sich die Heilung von Körper und Seele als Lohn für den Besuch der Kultstätte.

Seit dem 10. Jahrhundert kamen aus ganz Europa Pilger, Männer und Frauen aus allen Schichten, nach Spanien, zu Fuß oder zu Pferd. Als Beleg und Erkennungszeichen diente die Jakobsmuschel, die jeder Pilger in Santiago erstehen konnte und deutlich sichtbar an der Kleidung oder Umhängetasche trug.

Seit einigen Jahren erlebt die Pilgerfahrt eine Renaissance, nicht erst, seit TV-Stars wie Hape Kerkeling sich auf den Weg machten: 2013 waren es über 255.000 Pilger, darunter etwa 7,5 Prozent Deutsche. Bereits 1987 hatte der Europarat dazu aufgerufen, die Jakobspilgerwege in Europa zu erforschen. 1993 erklärte die UNESCO den spanischen Teil des Weges, den "Camino Francés", zum Weltkulturerbe.

Über Jakobspilger, die aus Westfalen stammen, sei insgesamt nur wenig bekannt, so die Forscherin Ulrike Steinkrüger. Bekanntester westfälischer Pilger ist Bischof Anno aus Minden, der sich in den Jahren 1174 und 1175 auf den Weg nach Santiago de Compostela machte, das damals als Pilgerort gleichrangig neben Rom und Jerusalem stand. Auch Bernhard II. zur Lippe, der Gründer der Stadt Lippstadt, pilgerte wohl im Jahr 1182 zum Grab des Apostels.

Durch eine Pilgerreise konnten Verbrecher ihrer Strafe entgehen, wenn ein Gericht sie dazu verurteilte. "Bettler, Räuber und Steuerhinterzieher im Pilgergewand haben zusammen mit den Strafpilgern die Pilgerfahrt im Laufe der Zeit in Verruf gebracht. Jakobsbrüder wurden vielerorts mit Gesindel gleichgestellt. Deshalb soll die Jakobi-Kirche in Herford, einer wichtigen Sammelstation für Pilger in Westfalen, 1530 wegen der Jakobspilger geschlossen worden sein", erläuterte Steinkrüger. Für mittellose Menschen war jedoch eine Pilgerreise oft die einzige Möglichkeit, die Heimat zu verlassen. Wohlhabende konnten das Pilgern auch delegieren und einen Berufspilger mieten.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



LWL-Einrichtung:
Altertumskommission für Westfalen
An den Speichern 7
48157 Münster
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 17.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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