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Mitteilung vom 19.10.07

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Fotoatelier Elvira: Das erste abstrakte Werk der Kunstgeschichte

LWL-Landesmuseum zeigt die Entwicklung vom Jugendstil zum Expressionismus

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Münster (lwl). Das LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster präsentiert vom 25. November 2007 bis zum 17. Februar 2008 in einer umfassenden Ausstellung mit über 200 Exponaten die bekannte Kunst des "Blauen Reiters" (Kandinsky, Marc, Klee) und der "Brücke" (insbesondere Kirchner) in einem neuen Zusammenhang. Erstmals werden im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) die Ursprünge des Expressionismus im Münchner Jugendstil um 1900 mit der Ausstellung "Freiheit der Linie - Von Obrist und dem Jugendstil zu Marc, Klee und Kirchner" gezeigt.

Gemeinsames Thema der ausgestellten Kunstwerke ist die Bewegung. In Kunsthandwerk und Architektur, in Bildern und Skulpturen gestaltete der Jugendstil ausdrucksvolle lineare Bewegungen, die bereits durch ihre bloßen Verläufe Empfindungen darstellen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Wirken des Bildhauers, Kunstgewerblers und Lehrers Hermann Obrist (1862 - 1927) in München. Bereits vor 1900 verselbständigte er lineare und rhythmische Bewegungen zu abstrakten und ausdrucksgeladenen Formen.

Wie eine Beleidigung des bürgerlichen Geschmacks muss zum Beispiel der 1897/98 von August Endell entworfene Neubau des "Fotoateliers Elvira" in München-Schwabing gewirkt haben. Die Fassade zur Straße war weitgehend fensterlos, um den Einfall von grellem Sonnenlicht im Fotostudio zu vermeiden. Ein riesiges, 13 mal 7 Meter großes gegenstandsloses Stuckornament überzog die gesamte Wand des Obergeschosses. Wie ein Drachenleib oder eine Muschelform bäumte sich die Form auf und zerflatterte in Spitzen und Bändern.

1944 wurde das Haus durch Bomben zerstört, bereits 1937 hatte man die Ornamentik abgeschlagen. Sie passte nicht in die Zufahrtsstraße zu Hitlers neu gebautem "Haus der Deutschen Kunst".

Übrig geblieben sind nur Schwarzweiß-Fotos. Trotzdem ist das "Fotoatelier Elvira" das bekannteste Werk des Münchener Jugendstils, das Fanal einer neuen Kunst. In der Ausstellung im LWL-Landesmuseum wird ein Großfoto gezeigt, das von dem Künstler Gottfried von Haeseler in den ursprünglichen Farben koloriert wurde: grün für die Wand, Alpenveilchen-Violett und Türkis für das Ornament.

Die Architektur und ihre Farbigkeit waren in München ein Skandal. "Aber sie war erfolgreich - ebenso wie auch die beiden Auftraggeberinnen, Anita Augspurg und Sophia Goudstikker, die als extravagante Frauenrechtlerinnen ebenso stadtbekannt waren, wie als Fotografinnen der gehobenen Gesellschaft begehrt", erklärt Dr. Erich Franz, Kurator am LWL-Landesmuseum.

Bereits 1898, im Entstehungsjahr des "Fotoatelier Elvira", schwärmte sein Architekt, der gerade einmal 27-jährige August Endell, von "Werken reiner Formkunst". Er hatte Philosophie studiert und sich mehr mit der Theorie der Formempfindungen als mit der Gestaltungspraxis beschäftigt. Schon damals, 13 Jahre vor Kandinskys erstem abstrakten Gemälde, sah Endell "formale Gebilde" voraus, "die nichts sind und nichts bedeuten, die direkt ohne intellektuelle Vermittlung auf uns wirken, wie die Töne der Musik". Tatsächlich zeigt die Darstellung auf der Fassade keinen Drachen, keine Muschel und auch keine Meerjungfrau. Sie besteht aus Gefühlen, die durch die Bewegung der Formen vermittelt werden: Kraft, Leichtigkeit, Schärfe, Verspieltheit. Dieses Mitgehen des Betrachters nannte man damals "Einfühlung", ein Modewort in der Zeit der überfeinerten Empfindungen. "Nichts anderes als Gefühle stellte dieses violette ,Ornament' dar. Es war das erste abstrakte Werk der Kunstgeschichte", so Franz.



Pressekontakt:
Claudia Miklis, Telefon 0251 5907-220, claudia.miklis@lwl.org und Frank Tafertshofer, Telefon 0251 591-235
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