Plaggenwirtschaft und Plaggenböden in Westfalen

Abb. 1: Abtransport von Plaggen in der Senne um 1938 (Foto: © LWL-Medienzentrum für Westfalen)

Was sind Plaggen?

Auf den nährstoffarmen Sandböden Westfalens erforderte der Getreideanbau auf Dauerackerland seit jeher eine regelmäßige Düngung der Felder. Traditionell verwendete man hierzu sog. Plaggen. Dies sind abgestochene Stücke des durchwurzelten Oberbodens mitsamt der darauf befindlichen Humusauflage und Vegetation. Die Plaggen wurden mit der Plaggenha­cke in der Heide (s. Beitrag Hetzel/Schmitt), im Wald und Grünland sowie im Moor gestochen. Sie dienten als Einstreu in den Ställen, um das Vieh sauber zu halten und den tierischen Dung aufzufangen. Auch wo ausreichend Stroh als Einstreu zur Verfügung stand, streute man zusätzlich Plaggen ein oder versetzte den Stallmist mit Plaggen. Hierzu schichtete man beides zu Haufen und ließ das Gemenge eine bestimmte Zeit kompostieren, bevor es auf die Felder gestreut und untergepflügt wurde.

Die Plaggen wurden in den extensiv genutzten Marken gewonnen. Zunächst lieferten die Wälder noch ausreichend Laubstreu und Plaggen. Aufgrund zunehmender Verheidung der Landschaft wurden im 19. Jh. überwiegend Heideplaggen gestochen, die sich gut als Einstreu eigneten. Sehr begehrt, aber nur schwer verfügbar, waren zu dieser Zeit die sog. Grünplaggen (Wiesenplaggen), die mit Mist vermischt einen hoch geschätzten Dünger abgaben. Man stach sie an sämtlichen grasbewachsenen Plätzen wie Weg- und Ackerrändern oder holte sie verbotenerweise aus den Wiesen der Marken. Da eine abgeplaggte Fläche sich erst wieder viele Jahre bis Jahrzehnte erholen musste, bis dort erneut Plaggen gestochen werden konnten, war das erforderliche Plaggenland (sog. Plaggenmatt) um ein Vielfaches größer als das Ackerland. Zwangsweise mussten die Plaggen somit über teils weite Distanzen transportiert werden. Die gesamten mit der Plaggenwirtschaft verbundenen Arbeiten brachten einen enormen Arbeitsaufwand mit sich.

Die Anfänge der Plaggenwirtschaft werden zumeist ins Hochmittelalter datiert und mit dem Beginn des intensiven Roggenanbaus um 1000 n. Chr. in Verbindung gebracht (s. Beitrag Bergmann). Der vermutlich älteste urkundliche Nachweis für die Plaggennutzung in Westfalen stammt aus dem Jahr 1316. Aber auch erst viel später angelegte Felder können einen mächtigen Plaggenauftrag aufweisen. Der Niedergang der westfälischen Plaggenwirtschaft begann mit den Markenteilungen im späten 18. und 19. Jh. Ein Großteil des nun in individuellen Privatbesitz überführten Plaggenlandes wurde aufgeforstet oder in Wiese und A­ckerland umgewandelt. Ab dem 20. Jh. wurde der Plaggendung verstärkt durch synthetischen Mineraldünger ersetzt. In ärmeren Gegenden wie der Senne (s. Beitrag Seraphim) verwendete man Plaggen noch bis in die 1930er Jahre (Abb. 1).

Mit der Plaggenwirtschaft eng verwandt und nicht immer scharf von ihr zu trennen ist eine Erddüngung der Felder. Neben einer Sandeinstreu in den Ställen zählt hierzu die Nutzung von abgegrabenem Boden, Aushub aus Erdfanggräben oder Sand aus Bächen, die mit Plaggen, Dung, Mergel, Asche oder anderen Substraten versetzt wurden und dann als Dünger auf die Felder gelangten.

Abb. 2: Brauner Plaggenesch bei Warendorf. Die Plaggenauflage ist ca. 75 cm mächtig. (Foto: T. Kasielke)

Plaggenböden

Die offizielle Bezeichnung für einen Boden aus Plaggenauftrag lautet Plaggenesch, sofern dieser mind. 40 cm mächtig ist. Die Bezeichnung geht auf die für Eschfluren charakteristische Plaggendüngung zurück, wobei nicht alle Esche zwangsweise einen Plaggenboden tragen. Auch die mit dem Esch häufig vergesellschafteten Kämpe wurden bei Bedarf mit Plaggen gedüngt, weshalb Plaggenböden nicht auf die Eschfluren beschränkt sind.

Da Plaggenesche in der Regel bis heute ackerbaulich genutzt werden, beginnt das Bodenprofil zumeist mit einem Pflughorizont. Dieser besteht ebenso wie der darunter folgende Esch-Horizont aus aufgetragenem Plaggenmaterial. Der ursprüngliche Oberboden ist zumeist nicht mehr erhalten, da dieser spätestens mit Beginn der Plaggenwirtschaft gepflügt und dabei mit den aufgetragenen Plaggen vermischt wurde. Nach Auswertung von 91 Profilbeschreibungen des Geologischen Dienstes NRW sind die westfälischen Plaggenesche im Mittel 60 cm mächtig. Mächtigkeiten von über 1 m sind eher die Ausnahme.

Abb. 3: Grauer Plaggenesch bei Heek (Kr. Borken). Die Plaggen­auflage ist ca. 65 cm mächtig. (Foto: T. Kasielke)

Nach ihrer Farbe werden braune, graue (inkl. schwarze) und graubraune Plaggenesche unterschieden (Abbn. 2 u. 3). Man nimmt an, dass die braunen Böden aus Wiesenplaggen entstanden sind, während die grauen Böden aus Heideplaggen bestehen.

Aufgrund des Ausgangsmaterials sind Plaggenesche mehr oder weniger humos, wobei graue Plaggenesche höhere Humusgehalte aufweisen als braune. Hierdurch hat sich die Fähigkeit des Bodens zur Speicherung von Wasser und Nährstoffen verbessert. Der zugeführte Dung bewirkt zudem erhöhte Phosphorgehalte. Die Plaggenböden Westfalens bestehen zum Großteil aus reinem oder schwach lehmigem / schluffigem Sand. Stärker lehmige Böden stellen die Ausnahme dar. Tendenziell sind die braunen Plaggenesche lehmiger als die meist rein sandigen grauen Varietäten.

Abb. 4: Verbreitung der Plaggenesche und tiefhumoser (Para-)Braunerden (potenzielle Erdesche) in Westfalen (Quelle: Geologischer Dienst NRW)

Verbreitung von Plaggenböden und Plaggenwirtschaft

Das Kerngebiet der Plaggenesche in Westfalen ist unverkennbar das Sandmünsterland (Abb. 4), obgleich auch auf den tonigen Kleiböden des Kernmünsterlandes Plaggendünger verwendet wurde. Die Südgrenze der Verbreitung verläuft entlang von Lippe und Emscher. Der überwiegende Teil der Plaggenesche findet sich entlang von Fließgewässern auf den trockenen Terrassenrändern oberhalb der Aue. Daneben existieren Plaggenesche im Bereich sanfter Geländeerhebungen. Insgesamt weisen die Vorkommen somit eine enge Bindung an sandige, höher gelegene und daher trockenere Standorte auf, die innerhalb des einst weitflächig vernässten Tieflandes günstige Siedlungs- und Ackerflächen darstellten.

Im südwestfälischen Bergland (Sauerland) wurden Plaggen ebenfalls als Einstreu verwendet und dienten der Düngung des hofnahen Ackerlandes. Auch das hofferne Wechselland wurde zu Beginn der Ackerphase mit Plaggenmist gedüngt. Plaggenböden sind hier jedoch vermutlich nur geringmächtig und daher schwer zu erkennen, weshalb sie in Abbildung 4 nicht erfasst sind. Ähnliches gilt auch für die durch Erddüngung erzeugten Erdesche, die wohl nicht immer eindeutig als Produkt eines anthropogenen Bodenauftrags zu erkennen sind. So sind an verschiedenen Stellen Westfalens tiefreichend humose Böden als Humus(para-)braunerden kartiert, die zumindest teilweise durch Erddüngung entstanden sind. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang schluffige, tiefhumose Böden im nordostwestfälischen Hügelland, an deren Entstehung der Auftrag von Lössplaggen beteiligt war.

Auswirkungen auf die Landschaft

Die Plaggenwirtschaft hatte großflächige und tiefgreifende Auswirkungen auf die Landschaft. Im Sandmünsterland (West- und Ostmünsterland) nehmen Plaggenesche heute 12% der Gesamtfläche ein. Bei einem A­cker/Plaggenland-Verhältnis von 1:5, wie es J. N. v. Schwerz (1836) für das frühe 19. Jh. angibt, wurden folglich weitere 60% der Fläche zur Plaggengewinnung genutzt. Bereits bei einem Verhältnis von 1:7 wäre nahezu das gesamte Sandmünsterland (96%) von Plaggenauftrag oder -abtrag beeinflusst. Häufig zu findende Angaben, dass das erforderliche Plaggenland 20- oder gar 40-mal so groß wie das Ackerland sei, sind damit zumindest für die späte Phase der Plaggenwirtschaft in Westfalen unrealistisch, verdeutlichen aber den enormen Nutzungsdruck auf die Marken. Durch das Plaggenstechen verarmten die ohnehin schon nährstoffarmen Sandböden weiter, was zusammen mit Holzeinschlag und Überweidung die Ausbreitung der Heiden beschleunigte und die Weidegründe verschlechterte. Auf den frisch abgeplaggten Flächen lag der bloße Sand frei, was zu Sandverwehungen und zur Bildung neuer Dünen führte. Durch die Oberflächen­erhöhung der geplaggten Felder bildeten sich am Ackerrand kleine Geländestufen, die sog. Eschkanten.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2020