''Über die Heide geht mein Gedenken...'' – Heidegebiete in Westfalen

Schon der bekannte Heimatdichter Hermann Löns brachte mit dieser Beschreibung seine Bewunderung über die karge und einsam wirkende Heidelandschaft zum Ausdruck, die Gegenstand vieler seiner poetischen Betrachtungen und Schilderungen war. Und wirklich: Mit ihrem offenen, von Zwergsträuchern geprägten Landschaftscharakter und bei Nebel bizarren Aussehen vermittelt die Heide den seltsamen und unwirklich anmutenden Eindruck einer Urlandschaft, wie man sie sonst nur aus der nordischen Tundra oder der alpinen Zone des Hochgebirges kennt. Während Heideflächen in Nordeuropa als natürlicher Vegetationstyp weite Landschaftsteile einnehmen, sind unsere mitteleuropäischen Heiden in atlantischen Klimagebieten charakteristische kulturgeschichtliche Zeugnisse mit überwiegend vom Menschen geschaffenen und geprägten Biotoptypen.
Heidegebiete in Westfalen Abb. 1: Heidegebiete in Westfalen (Quelle: veränd. nach LÖBF NRW 2005, S. 130)

Entsprechend ihrer Verbreitung muss in Westfalen grundsätzlich zwischen trockenen Heiden des Tieflandes (Sandheide) und des Berglandes (Bergheide) unterschieden werden, die sich in der Zusammensetzung ihrer Vegetation voneinander unterscheiden. Den zwei verschiedenen Heidetypen gemeinsam ist das dominante Auftreten der Besenheide (Calluna vulgaris), weshalb auch häufig von Calluna-Heiden als Synonym zu Zwergstrauchheiden die Rede ist.

Als Teil des traditionellen menschlichen Lebens- und Wirtschaftsraumes sind die Heiden in Westfalen - so wie in ganz Mitteleuropa - durch die moderne Veränderung und Intensivierung der Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s und infolge ihrer zunehmenden Besiedlung selten geworden und oft auf kleine Restflächen zurück gedrängt worden (Abb. 1). Daneben sind die westfälischen Heideflächen vor allem durch die Belastung mit überhöhten Stickstoffeinträgen aus der Atmosphäre gefährdet. Diese insbesondere aus Verkehrsabgasen resultierenden Einträge führen zu einer zunehmenden "Vergrasung" und damit zu einer Degradierung der Calluna-Heiden. Ausgelöst wird dieser Prozess dadurch, dass die natürlicherweise in den Heiden auftretenden Grasarten das erhöhte Stickstoffangebot besonders gut nutzen können und so gegenüber den langsam wachsenden Zwergsträuchern einen erheblichen Wachstums- und Wettbewerbsvorteil erlangen (Ellenberg 1996, S. 743). Die Seltenheit der Heiden ist soweit fortgeschritten, dass die Heidelandschaften in der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen Nordrhein-Westfalens als gefährdet (RL 3) bis stark gefährdet (RL 2) geführt werden. Somit sind die westfälischen Heideflächen ein Objekt des Naturschutzes. Als solches werden sie zum einen durch § 62 des Landschaftsgesetzes von Nordrhein-Westfalen geschützt. Zum anderen genießen sie durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der EU internationale Bedeutung und einen besonderen Schutzstatus in Zusammenhang mit dem Aufbau des europäischen Biotopverbundes NATURA 2000 vgl. MUNLV NRW u. LANUV NRW 2004).

Sandheiden

Ellenberg (1996, S. 719) definiert Sandheiden in Nordwestdeutschland als "baumlose Zwergstrauchbestände auf (nährstoff-)armen Sandböden", die auf früheren so genannten Allmendeflächen entstanden. Als Allmende wurde das Weideland einer Gemeinde bezeichnet, das außerhalb der Gemarkung lag und nach mittelalterlicher Auffassung allen Gemeindemitgliedern gleichermaßen zur Nutzung zur Verfügung stand. Die Heiden verdanken ihre Entstehung der Jahrhunderte dauernden menschlichen Nutzung und Überprägung dieser Flächen. Durch Rodung, Brand, Beweidung, durch "Plaggenstich" und lokal durch Mahd verwandelten sich die ursprünglichen Buchen- oder Eichen-Birkenwälder in offene, von Zwergsträuchern dominierte Landschaftsformen (Küster 2003, S. 167ff).

Als Verbreitungsschwerpunkte der Sandheiden in Westfalen gelten das westliche und östliche Münsterland. Hier, wo die Saale-Eiszeit vor rund 230.000 bis 130.000 Jahren ein sandiges Bodensubstrat hinterlassen hat, finden sich knapp drei Viertel aller Heiden in Nordrhein-Westfalen (LÖBF NRW 2005, S. 131; s. auch Beitrag Liedtke). Neben dieser planaren Hauptverbreitung finden sich Sandheiden vereinzelt auch im Sauerland. Innerhalb des Westfälischen Tieflandes bildet die Sandginster-Heide (Genisto-Callunetum) den vorherrschenden Heidelandschaftstyp. Als gut ausgebildete Bestände sind beispielsweise die "Senne" zwischen Bielefeld und Paderborn (s. Beitrag Seraphim), die touristisch gut erschlossene "Westruper Heide" bei Haltern am See (vgl. LÖBF NRW 2003) sowie der Truppenübungsplatz "Borkenberge" im Kreis Coesfeld zu erwähnen (vgl. LÖBF NRW 2001a). Insbesondere die Gebiete "Borkenberge" und "Senne" werden dabei als bundesweit bedeutsame Heiden (Dierssen 2007, S. 44) bzw. als große Heidelandschaften in Mitteleuropa (Gorissen 1998, S. 51) gewürdigt.

Vor allem im Frühherbst zur imposanten Blüte der dominierenden Besenheide (Calluna vulgaris) bietet die Sandheide ein einmaliges visuelles Naturerlebnis, zu dem noch weitere, nicht minder sehenswerte Pflanzenarten beitragen: beispielsweise das Kleine Habichtskraut (Hieracium pilosella) mit seinen gelben Blütenkörbchen, die blau blühende Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), das ebenfalls hellblaue, kleine Blüten treibende Kreuzkraut (Polygala vulgaris u. Polygala serpyllifolia) oder die prächtig pink gefärbte Heide-Nelke (Dianthus deltoides). Mit etwas Glück sind auch der seltene, intensiv gelb gefärbte Sandginster (Genista anglica) oder das Berg-Sandglöckchen (Jasione montana) zu entdecken.

Bergheide am Kahlen Asten Abb. 2: Bergheide am Kahlen Asten (Foto: T. Schmitt)

Bergheiden

Im Gegensatz zum Westfälischen Tiefland, wo sich ausgedehnte Heideflächen erstrecken, befinden sich im Sauer- bzw. Weserbergland lediglich ca. 5% der landesweiten Heiden Nordrhein-Westfalens. Daran lässt sich erkennen, dass die für ihre Entstehung verantwortliche Form der Grünlandnutzung im Hügel- und Bergland zu keiner Zeit so bedeutsam war wie in den trockenen und sandigen Ebenen des Tieflandes (LÖBF NRW 2005, S. 131). Die hier vorkommenden Bergheiden (Vaccinio-Callunetum), auch Beerstrauchheiden genannt, sind das montane Gegenstück zu den Sandginster-Heiden des Tieflandes. Sie haben ihren Verbreitungsschwerpunkt innerhalb von Westfalen im östlichen Hochsauerlandkreis, wo sie in Höhenlagen über 600 m ü. NN auftreten. Bedeutsame Bestände befinden sich dabei z. B. in den Naturschutzgebieten am "Kahlen Asten" (Abb. 2) oder am "Neuen Hagen" (s. Beitrag Köhne), wo sie zum Teil auch heute noch traditionell "geplaggt" oder durch Ziegen bzw. Heidschnucken beweidet werden (Gorissen 1998, S. 111, vgl. LÖBF NRW 2001b).

Die Bergheide gehört nach Hahn (2007, S. 43) zu den artenreichsten und am stärksten bedrohten Lebensräumen der deutschen Mittelgebirge. Häufig darin auftretende Pflanzenarten, die sich zu der allgegenwärtigen Besenheide (Calluna vulgaris) gesellen und die den rauen Klimabedingungen der Bergregionen trotzen können, sind vor allem die sommergrüne Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) und die immergrüne Preisselbeere (Vaccinium vitis-idaea). Neben der Calluna-Heide und den Beerensträuchern bestimmen als typische Bergheidepflanzen vor allem die goldgelben Lippenblüten des Wiesen-Wachtelweizens (Melampyrum pratense), die hellpurpurn-farbigen Schmetterlingsblüten der Berg-Platterbse (Lathyrus linifolius) oder die hellblauen Blüten des Kreuzkrautes (Polygala serpyllifolia) den Blühaspekt (vgl. Pott 1995, Preising et al. 2008).
Westruper Heide bei Haltern am See Abb. 3: Westruper Heide bei Haltern am See (Foto: T. Schmitt)

Wacholderheiden

Sand- und Bergheiden können bei nicht ausreichender Pflege und Bewirtschaftung verbuschen und durch "schlechte Weidekultur" in Wacholderheiden (Dicrano-Juniperetum) übergehen. Da der Wacholder (Juniperus communis) im Gegensatz zu anderen typischen Heidepflanzen (Besenheide, Heidelbeere usw.) sowohl auf sauren Silikat- als auch auf nährstoffreichen Kalkböden vorkommt, können Wacholdertriften außerdem aus nicht mehr bewirtschafteten Kalkmagerrasen hervorgehen. Das Zypressengewächs wird dabei vom Weidevieh aufgrund seiner stechenden Nadeln gemieden und somit ausgelesen. Es kann eine Höhe von bis zu 8 m und ein Alter von etwa 90 bis 120 Jahren erreichen. Nur durch Rodung, Brand oder "Plaggenhieb" wird es am Wachstum gehindert (Pott u. Hüppe 1991, S. 196f.).

Trotz des Status eines Weideunkrautes sind Wacholdergebüsche bundes- wie landesweit geschützt und genießen als bedeutsames Dokument historischer Wirtschaftsformen für das europäische Biotopverbundsystem NATURA 2000 einen besonderen Stellenwert. Gut ausgebildete, aus Sandheiden hervorgegangene Wacholderheiden finden sich in Westfalen z. B. in der "Westruper Heide" bei Haltern am See (Abb. 3). Aus Bergheiden entstandene Wacholderheiden sind im Gebiet "In der Gambach" im Kreis Siegen-Wittgenstein anzutreffen. Als Beispiel für Wacholdergebüsche auf Kalktrockenrasen ist der "Weldaer Berg" im Kreis Höxter zu nennen (vgl. LÖBF NRW 2001c).

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2008