Zeitabschnitte > 1945-1949



 

1. Kriegsende - Neue Ordnung, neue Regierungsinstanzen

 
 
 
Fast genau 130 Jahre war Westfalen eine preußische Provinz gewesen, als mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 08.05.1945 eine neue Situation eintrat. Der preußische Staat war nicht mehr handlungsfähig, ganz unabhängig davon, dass Westfalen von alliierten, zunächst vornehmlich amerikanischen Truppenverbänden besetzt war, denen im Sommer 1945 dann britische Soldaten und britische Militärregierung folgen sollten.

An westfälischer Zusammengehörigkeit mochte in einer Zeit der Fremdherrschaft weniger denn je ein Zweifel bestehen. Die Frage aber war nun, ob ein in der Bevölkerung verankertes, ausgeprägtes oder auch vage entwickeltes Gefühl der landsmannschaftlichen Verbundenheit ausreichen mochte, um ein von Ahaus über Tecklenburg nach Minden und von dort über Höxter nach Siegen reichendes, dementsprechend weiträumiges und geografisch wie wirtschaftlich stark differenziertes Territorium zusammenzuhalten. Es lag auf der Hand, dass die Bindung, die die Provinz Westfalen bisher durch eine gemeinsame Verwaltung unter der Aufsicht eines von der preußischen Regierung ernannten Oberpräsidenten gefunden hatte, sich nicht automatisch, unter der Annahme einer historisch gewachsenen und deshalb quasi unverrückbaren Einheit, erhalten musste.

Entscheidend wurde, dass sich die britische Militärregierung in ihrer Zone zunächst an die bei Kriegsende vorgefundenen Verwaltungseinheiten hielt und für das "Provincial Detachment Westphalia" in Münster einen eigenen "Military Governor" einsetzte. Ihm unterstand einerseits eine von den Briten gestellte Besatzungsverwaltung (Military Government, Militärregierung), andererseits ein von Deutschen getragenes, aber den Briten verantwortliches Oberpräsidium, das zum 01.01.1946 in eine Provinzialregierung unter der Leitung eines von der britischen Militärregierung ernannten Oberpräsidenten umgewandelt wurde. In einigen bestimmten Belangen sollte diese westfälische Provinzialregierung auch für die Länder Lippe und, bis Mai 1946, Schaumburg-Lippe zuständig sein. De facto leistete man damit Vorarbeit für die spätere (21.01.1947) Eingliederung Lippes in das neu gegründete Nordrhein-Westfalen.

Oberpräsident konnte nur werden, wer für ein solch hohes Amt der Provinzialregierung qualifiziert war und nach Auskunft glaubwürdiger Zeugen - häufig Vertreter der katholischen Kirche und bürgerlicher Kreise - und eigenem britischen Urteil die nationalsozialistische Zeit unbelastet hinter sich gebracht hatte. Nach dieser Vorgabe wählten die Briten am 05.07.1945 unter mehreren Kandidaten den 57-jährigen Dr. Rudolf Amelunxen aus. Politisch neigte Amelunxen zunächst sowohl dem Zentrum als auch der CDU zu. Erst 1947 sollte er sich als bis dahin Parteiloser definitiv für das Zentrum entscheiden. Amelunxen war katholisch und verwaltungserfahren. Er hatte in den Ministerien der Weimarer Republik große Erfahrungen gesammelt und war von 1926 bis 1932 als Regierungspräsident in Münster tätig gewesen. Danach war er von der preußischen Regierung entlassen worden und lebte fortan in der Zeit des Dritten Reiches unauffällig im politischen Wartestand.

Amelunxen bemühte sich in den ersten Monaten nach seiner Berufung zum Oberpräsidenten Westfalens um die Bildung einer Regierung, die seinen Ansprüchen, Westfalen zu einem selbstständigen deutschen Staat zu machen und zukünftig eine selbstständige westfälische Regierung führen zu können, genügte, zugleich aber auch den bestimmenden Vorstellungen der Briten nicht zuwiderlief. "Sie als Oberpräsident und ihre Beamten" schrieb der britische Militärgouverneur für Westfalen, "sind lediglich ausführende Behörde, die zur Ausführung der Anweisungen der Militärregierung eingesetzt ist".*
 Militärische Kapitulationsurkunde des Deutschen Reichs, 08.05.1945


 Verordnung Nr. 46 der Militärregierung im Britischen Kontrollgebiet: Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zone und ihre Neubildung als selbstständige Länder, 23.08.1946


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Karte der Britischen Besatzungszone (British Zone), 1947


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 Amelunxens Berufung war eine "parteipolitische Sensation", so Karl Teppe in seiner Biografie: ausgerechnet einen Gegner - den Befürworter eines "Landes Westfalen" - hatte die britische Besatzungsmacht als Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen eingesetzt.


* Zitiert nach Wilhelm Kohl, Kleine Westfälische Geschichte, 1994, S. 295
 
 
Anfang Januar 1946 zeigte sich die britische Militärregierung mit der Einrichtung von neun westfälischen "Ministerien", die als "Generalreferate" bezeichnet wurden, einverstanden. Sie sollten neben dem Oberpräsidenten und seinem ständigen Vertreter die erste westfälische Regierung überhaupt bilden. Auffällig war, dass zwar der Stellvertreter Amelunxens der CDU nahe stand, dass der Oberpräsident darüber hinaus jedoch keinen Generalreferenten aus den Reihen dieser noch in Neugründung befindlichen Partei berief. Die CDU erschien ihm angesichts der großen sozialen Herausforderungen, die die geistigen und materiellen Nöte der frühen Nachkriegszeit boten, offenbar als zu wenig solidarisch und zu wenig sozial eingestellt. Mokant hat jedenfalls Konrad Adenauer, der nach 1945 die CDU der britischen Zone mit aufbaute und von März 1946 an der Vorsitzende der dort errichteten CDU war, bemerkt: "Herr Amelunxen, Sie sind ein Sozialist mit gewissen weltanschaulichen Vorbehalten"*.
* Zitiert nach Wilhelm Kohl, Kleine Westfälische Geschichte, 1994, S. 296
 
 
Von den neun Generalreferenten des neuen westfälischen Oberpräsidiums zählten vier zum Zentrum, drei zur SPD und einer zu den Liberalen. Ein Generalreferent war parteilos. Amelunxen konnte das politische Gewicht seiner Westfalenregierung schnell durch eine Vergrößerung seines Verwaltungsstabes stärken. 1932 nämlich hatte das alte Oberpräsidium preußischen Zuschnitts nur 32 Mitarbeiter gezählt. Im Juni 1946 sollte die Verwaltung der "Provinz Westfalen", des gedachten "Westfalen-Staates" bereits über 1.084 Mitarbeiter verfügen, denen freilich aufseiten der britischen Militärregierung fast 1.500 Beschäftigte gegenüberstanden.
 
 
 
 

2. Entnazifierung

 
 
 
Auf beiden Seiten, auf der Seite der britischen Militärregierung wie der deutschen Verwaltung Westfalens war die fachliche Eignung ein unabsehbares Auswahlprinzip, wenn es um herausgehobene Positionen des öffentlichen Lebens ging. Auf der deutschen bzw. der westfälischen Seite kam aber hinzu, dass sehr strikt auch auf "politische Sauberkeit" geachtet wurde.

Im Prinzip ist diese Linie durchgehalten worden. Aber wenn beispielsweise ein guter Fachmann, ein guter Techniker zumal, gesucht wurde und einem Kandidaten mit NS-Vergangenheit kein gleichwertiger Bewerber entgegenstand, der sich als politisch einwandfrei ausweisen konnte, dann griff man auch schon einmal auf ein früheres NSDAP-Mitglied zurück. Der Wiederaufbau musste augenscheinlich funktionieren, das Leben weitergehen. Das Ziel der Entnazifizierung wurde pragmatischer Handhabung unterworfen, solange es "nur" um eine politische Neuorientierung ging. Ging es dagegen um eine Bestrafung ausgemachter Verbrecher oder um eine Entfernung von Verbrechern oder Übeltätern aus verantwortlichen Stellen, beispielsweise durch Internierung in einem der speziell eingerichteten Lager in Recklinghausen-Hillerheide, Hövelhof-Staumühle oder Hemer bei Iserlohn, so handelte man unnachsichtig.
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"Zahlen klagen an" - Plakat der Provinzialregierung Westfalen zu den menschlichen Folgen des NS-Staats, 1947/1948
 
 
Die Kompromisse, die bei der in Westfalen nach 1945 durchgeführten politischen Säuberung eingegangen wurden, zeigten, dass die Briten für die Wahrnehmung der großen Aufgabe einer Entnazifierung organisatorisch nur unzulänglich gerüstet waren. Sie zeigten aber auch, dass der Lebens- und Regierungsalltag angesichts der vorhandenen Kriegszerstörungen, der obwaltenden wirtschaftlichen Not und vielfältigen sozialen Problemen die unstrittige Bedeutung selbst gesteckter Ziele zu relativieren in der Lage war.

Am Ende waren von der Entnazifizierung 8 % der 5.809.952 Menschen, die nach der Volkszählung vom 29.10.1946 in der Provinz Westfalen einschließlich des Landes Lippe lebten, betroffen. Das waren gut 45.000 Bürger, wenn man die Angaben, die für die Entnazifizierung in Nordrhein-Westfalen ausgewiesen wurden, für das Gebiet der Provinz Westfalen und des Landes Lippe proportional hochrechnet. Rund 30.000 der Überprüften wurden als Entlastete freigesprochen oder amnestiert.
 
 
 
 

3. Aufbau

3.1 Wohnungsnot

 
 
 
Der demokratische Aufbau, in dessen Verlauf die Neuorganisation staatlicher Organe und die Entnazifizierung betrieben wurde, stand in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ganz im Zeichen von geistigen und materiellen Trümmern, von Tragödien und Katastrophen, die der Krieg und das Dritte Reich hinterlassen hatte. Not wurde zum Wegweiser in die Zukunft.

Den Wohnungszerstörungen war durch Neubauten und Renovierungen zu begegnen, der Wohnungsnot durch Wohnraumbeschaffung, selbst wenn dies zu erheblichen privaten Einschränkungen und einem Leben auf engem Raum führte.

In den Stadtkreisen des Regierungsbezirkes Arnsberg war mehr als ein Viertel der Wohnungen zu 60-100 % zerstört; im Regierungsbezirk Münster mehr als ein Fünftel und in den Stadtkreisen des Regierungsbezirks Detmold immerhin auch noch mehr als 10 %. Für die jeweiligen Landkreise belaufen sich die entsprechenden Zahlen auf fast 5 %, fast 10 % bzw. gut 3 %. Freilich konnte in einzelnen Kommunen der Grad der Zerstörung von Wohnraum weit höher liegen als es die Angaben für Regierungsbezirke, Stadt- und Landkreise widerspiegeln.
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"Trümmerfrau" in Bockum-Hövel/Hamm, 1948


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Notwohnung in Bochum

Bild- und Textmaterialien für den Schulunterricht bietet das Themenheft  "Nachkriegsjahre - Münster 1939-1945" von Josef Santel
 
 

3.2 Straßen und Schienen

 
 
 
Neben der Zerstörung oder Beschädigung von Wohnungen galt es, in Westfalen der Beeinträchtigungen im Schienen- und Straßenverkehr Herr zu werden, die der Krieg hinterlassen hatte. Ihre Beseitigung war eine wesentliche Voraussetzung für die Wiederbelebung des wirtschaftlichen Austausches und so musste man um schnelle Abhilfe bemüht sein. Leo Brandt, seinerzeit Ministerialdirektor im nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium, bilanzierte die Lage am 15.07.1949 vor einem in der Technischen Hochschule Aachen versammelten Auditorium wie folgt:
"Erstaunliches ist in den letzten vier Jahren geleistet worden. [...] Bis vor einigen Monaten fanden regelmäßig in Anwesenheit alliierter Stellen Konferenzen statt. Auf der abschließenden Sitzung wurde festgestellt, daß die Anforderungen an Transportraum auf allen Gebieten, der Eisenbahn, der Straße und der Schifffahrt, laufend voll erfüllt werden konnte".*
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Amerikanische Soldaten vor einer zerstörten Dampflok im münsterschen Hauptbahnhof, 1945


* Leo Brandt, Der Verkehr als wesentlicher Faktor des deutschen Wiederaufbaues, Düsseldorf 1949, S. 9
 
 

3.3 Beseitigung wirtschaftlicher Engpässe und
Eindämmung von Demontagen

 
 
 
Der Druck auf die Erneuerung der Infrastruktur, der sich allein schon aufgrund der breit gestreuten industriellen, gewerblichen oder landwirtschaftlichen Interessen ergab, wurde durch den Engpass im Bergbau 1945-1948, der auf die Rückkehr von Kriegsgefangenen und von ausländischen Zwangsarbeitern bzw. freiwillig nach Deutschland gekommenen Arbeitskräften zurückzuführen war, noch erhöht, aber darüber hinaus auch durch die von den Besatzern angeordnete Demontage von Rüstungs- und nicht erforderlich erscheinenden Werken der Nicht-Rüstungsindustrie ("Friedensindustriewerken").

Nach der Demontageliste, die die Briten am 16.10.1947 der nordrhein-westfälischen Landesregierung übergaben, waren insgesamt 294 Industriebetriebe zur vollständigen oder teilweisen Demontage vorgesehen, darunter in Westfalen z.B. die Gesenkschmiede und das Edelstahlwerk des Bochumer Vereins, die Deutschen Edelstahlwerke in Bochum, das Werk der Ruhrstahl AG in Witten oder auch der Dortmund-Hörder Hüttenverein. Psychologisch hinterließen diese Demontagen im westfälischen Wiederaufbauprozess große Wirkung, volkswirtschaftlich aber haben sie "keine langfristig wirksame Behinderung" hervorgerufen.
 
 

3.4 Hilfe für Flüchtlinge

 
 
 
Auf der Liste wirtschaftlicher - und daneben oftmals auch: menschlicher, in sich vielfach verwickelter - Probleme der Provinz Westfalen stand zudem die Flüchtlingsfrage ganz oben. Laut der Statistik der Volkszählung vom 26.10.1946 lebten am Stichtag 842.331 Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen. "Flüchtlinge" im Sinne der Statistik waren alle Personen, die am 01.09.1939 nicht in einer der drei westlichen Besatzungszonen wohnten und die bei der Volkszählung von 1946 "deutsch" als ihre Staatsangehörigkeit oder ihre nationale Abstammung angaben. Damit machten die Flüchtlinge 7,2 % der nordrhein-westfälischen Gesamtbevölkerung von 11.705.289 Einwohnern (im Jahr 1946) aus. Für 1947 werden an anderer Stelle 826.000 Flüchtlinge angegeben. Etwa 65 % dieser Flüchtlinge lebten zwischen 1946/47 und 1950 in Westfalen mit seinen zunächst 5.817.438 (1946), später dann 6.438.979 (1950) Einwohnern.

Die Flüchtlinge waren nicht nur Objekte westfälischer Eingliederungshilfe. Sie haben als oftmals gezielt angeworbene und angesiedelte Arbeitskräfte zugleich am Wiederaufbau Westfalens großen Anteil genommen. Und sie haben indirekt dazu beigetragen, die bodenständigen und engmaschigen sozialen Strukturen Westfalens zu lockern und für Neues zu öffnen. Das mochte manchmal als schmerzlich empfunden werden, hat aber nicht unerheblich dazu beigetragen, den Herausforderungen erfolgreich zu begegnen und die Gesellschaft zu erneuern.
 Film (1962, 28 min.) und Informationen zur Geschichte des Sozialwerks Stukenbrock


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Flüchtlingsunterkunft in Lünen, 1946


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Aufruf des Detmolder Bürgermeisters Priester zu einer Weihnachtsspende für Flüchtlinge
 
 

3.5 Belebung fortlaufender wirtschaftlicher Prozesse

 
 
 
Neben den kriegs- und besatzungsbedingten Aufgaben, die auf dem Gebiet der ehemaligen Provinz Westfalen zwischen 1945 und 1950 zu bewältigen waren, erscheinen uns heute andere wirtschaftliche Fragen dieser Zeit, etwa die einer Anpassung an strukturelle Verschiebungen zwischen den verschiedenen wirtschaftlichen Sektoren, wenig profiliert. Das mag mit der Sache selbst zu tun haben oder auch mit ihrer bisherigen Erforschung und einer Historiografie, die dem Land Nordrhein-Westfalen nach seiner Gründung am 23.08.1946 rasch sehr viel mehr Aufmerksamkeit schenkte als einem seiner bis dahin selbstständigen Teile.

Westfalen war in Fortsetzung langfristiger wirtschaftlicher Entwicklung ein großflächig agrarisch bestimmtes Territorium. Der Industriebesatz dominierte im Süden, im Bereich des rheinisch-westfälischen Industriebezirkes bzw. im Ruhrgebiet, also, sowie im Osten in der Region um Bielefeld oder auch im Nordwesten um Steinfurt.
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"Achtung Baustelle - Es geht vorwärts durch den Marshallplan", um 1948
 
 
Die Mitte Westfalens wurde dagegen von land- und forstwirtschaftlicher Tätigkeit und Produktion bestimmt. Die westfälische Landwirtschaft half nach Kräften, den Hunger und den Ernährungsmangel zu beseitigen, der vielerorts zu den Zeitzeichen der Jahre 1945-1950, vor allem des Jahres 1948, gehörte und gelegentlich auch heftig beklagt wurde. Dabei befand sich die Landwirtschaft schon seit dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in einem Prozess tendenziell abnehmender volkswirtschaftlicher Bedeutung, in dessen Verlauf sich eine "'stille Revolution' auf dem Lande" vollziehen sollte. Zunehmendes Gewicht errang das produzierende Gewerbe und der Dienstleistungssektor.
Eine sich allerdings auf Nordrhein-Westfalen insgesamt beziehende  Auflistung der "beschäftigten Arbeiter und Angestellten in den wichtigsten Berufsgruppen 1938-1949" hält das sich wandelnde Kräfteverhältnis verschiedener Wirtschaftssektoren in Einzelheiten fest.
 
 
 

4. Von Westfalen nach Nordrhein-Westfalen

 
 
 
Die von den Briten verordnete Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen verschaffte neue Möglichkeiten: die Fülle der alltäglich anstehenden Aufgaben und Sorgen konnte von den Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft nun in größeren räumlichen Zusammenhängen angegangen werden. Zugleich ließ sich von der Wirtschaft des sich über die Provinzen Rheinland und Westfalen gleichermaßen erstreckenden Ruhrgebietes, dem wirtschaftlichen Herz Westdeutschlands, leichter Gebrauch machen.


4.1 Westfalen in Nordrhein-Westfalen -
Pro und Contra

Auf westfälischer Seite hat sich Bernhard Salzmann für eine Vereinigung Westfalens mit der Provinz Nordrhein ausgesprochen. Salzmann war am 02.06.1945 von der britischen Militärregierung als "Landeshauptmann" des "Provinzialverbandes Westfalen" eingesetzt worden und war damit Chef jener Selbstverwaltungsorganisation, die in der Provinz Westfalen bereits im 19. Jahrhundert unmittelbar oberhalb der Gemeinden und Gemeindeverbände eingerichtet worden war und die nach 1945 wiederbelebt wurde. Wie Salzmann dachte auch der beim Provinzialverband tätige Landesrat Helmut Naunin und der Münsteraner Oberstadtdirektor Karl Zuhorn. Beide verwandten sich nachdrücklich für eine Verbindung Westfalens mit Nordrhein. Der von den Kriegsalliierten vorgesehenen Kontrolle des zu Westfalen einerseits und zu "Nordrhein" andererseits gehörenden Ruhrgebietes wollte Rechnungen getragen werden.
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Das neue Bundesland Nordrhein-Westfalen im Jahre 1947
 
 
Zuhorn legte am 14.05.1946 den "Entwurf eines Rahmengesetzes über die Bildung des Landes "Rheinland-Westfalen" vor, in dem er u.a ausführte:
"Im Hinblick darauf, dass die territoriale Neugliederung des deutschen Nordwesten aus politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gründen eine dringende Notwendigkeit geworden ist, schließen sich die Provinzen Nordrheinprovinz und Westfalen, das Land Lippe und der altwestfälische Regierungsbezirk Osnabrück innerhalb Deutschlands zu einem Land 'Rheinland-Westfalen’ zusammen. [...] Um die notwendige dezentralisierte Verwaltung der regionalen Selbstverwaltungsangelegenheiten zu gewährleisten, wird das Land 'Rheinland-Westfalen' in 2 Provinzen aufgegliedert: 1. Rheinland, 2. Westfalen".

Erläuternd fügte Naunin noch am gleichen Tag hinzu: "Es entspräche dem Willen der Bevölkerung in erster Linie, wenn das Rheinland und Westfalen unter Beibehaltung ihrer gemeinsamen Grenze je ein eigenes Land würden. Nun wird aber in der internationalen Erörterung eine Kontrolle des Industriegebietes an Rhein und Ruhr oder seiner industriellen Anlagen gefordert, und es ist anzunehmen, daß diese Kontrolle einheitlich gestaltet werden wird. Damit wird auch der Zusammenschluss des Rheinlandes mit Westfalen notwendig, denn keine der beiden Provinzen kann ohne das Ruhrgebiet leben".*
* Zitiert nach Wolfgang Hölscher, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1988, S. 326f.
 
 
Die Errichtung des Landes Nordrhein-Westfalen erschien Zuhorn und Naunin, wie Salzmann, somit als ein Akt der Unvermeidlichkeit. Das Gemeinsame der Provinzen Rheinland und Westfalen sollte in Nordrhein-Westfalen aufgehen. Zugleich sollte, quasi als ein Fingerzeig für all das, was mit dem Gemeinsamen beider Provinzen nicht in Deckung zu bringen war, der Erhalt der Provinzen Rheinland und Westfalen gesichert werden. Beide Provinzen mochten daher in der Zukunft als Verwaltungsorganisationen gelten können, die dem historischen Regionalismus verschrieben waren.

Oberpräsident Amelunxen und sein für "Inneres" zuständiger Generalreferent Walter Menzel (SPD) hatten andere Pläne. Sie favorisierten ein selbständiges Westfalen, das seine politische Kraft aus der Nähe zum Willen der Bevölkerung und nicht zuletzt zu den in Westfalen aktiven Parteien beziehen sollte. Einen Provinzialverband Westfalen hielten Menzel und Amelunxen dagegen für entbehrlich. Menzel setzte auf die kommunale Selbstverwaltung in einer selbständigen Region Westfalen. Es sei davon auszugehen, "daß die bisherigen Aufgaben der Provinzialverwaltung in die Zuständigkeit der Provinzialregierung (Länderregierung) übergehen oder schon übergegangen sind", hieß es in einer Mitteilung an die anderen Generalreferenten vom 14.05.1946*.
 
 
 
Wenige Tage später, am 24.06.1946, appellierte Amelunxen öffentlich an das "Westfalenbewusstsein" und an die ungeteilte Bewahrung "Westfalens", einem "seit den Anfängen der deutschen Geschichte" feststehenden Begriff. Für die Zukunft sei zu bedenken, dass Westfalen einschließlich des Landes Lippe und einiger "kulturell und wirtschaftlich nach Westfalen tendierender Randgebiete" als Land mit eigenen Hoheitsrechten "mit rund 20.000 qkm und rund 6 Millionen Einwohnern [...] weder zu groß noch zu klein" sei. "Geburtsmäßig und bevölkerungsmäßig entspricht es den Forderungen, die vom Standpunkt der Demokratie sowohl wie von dem der Verwaltungspraxis zu stellen sind"**.
Zitiert nach Wolfgang Hölscher, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1988, S. *338-340, **437.
 
 

4.2 Anfänge einer nordrhein-westfälischen
Landesregierung

 
 
 
Dennoch entschied sich die britische Regierung am 21.06.1946 für die Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen und teilte diese Entscheidung Mitte Juli sowohl den Parteiführern von CDU und SPD in Berlin mit wie dem Oberpräsidenten Amelunxen und, in der Folge auch der breiten Öffentlichkeit. "Ein neuer Abschnitt in der Geschichte von Rheinland und Westfalen" hatte am 21.06.1946 begonnen - mit Zustimmung der CDU (Britische Zone) und wohl auch des in der Britischen Zone reaktivierten Zentrums, aber doch auch begleitet von anderen Vorstellungen der SPD und ihres Vorsitzenden Kurt Schumacher sowie der Skepsis von KPD und FDP.

Geschickterweise machten die Briten Rudolf Amelunxen zum ersten - ernannten - Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieser wahrte bei seiner Regierungsbildung den Proporz zwischen Rheinländern und Westfalen, der im übrigen auch bei der Zusammensetzung des ernannten Landtages von Nordrhein-Westfalen zum Ausdruck kam. In den Landtag wurde der westfälische Provinzialrat, der als legislatives Gegenüber der noch bestehenden westfälischen Provinzialregierung im Frühjahr 1946 gebildet worden war, komplett aufgenommen.
 
 
 

4.3 Wahlen 1946-1950

 
 
 
Die Regierungsfahrt im großen Boot von Rheinland und Westfalen erhielt durch die Kommunalwahlen vom 15.09.1946 und 13.10.1946 sowie schließlich durch die Landtagswahl vom 20.04.1947 und vom 18.06.1950, bei der per Volksentscheid zugleich auch die erarbeitete Landesverfassung zur Abstimmung stand, frischen Auftrieb. Es war immerhin ein gutes Omen, dass sich relativ viele Menschen an den Wahlen beteiligten (jeweils um 70 %), dass die Parteien, die sich für die Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen ausgesprochen hatten, nirgendwo (vergleichsweise) schlecht abschnitten und dass bei der Abstimmung über die Landesverfassung am 18.06.1950 eine Mehrheit zugunsten der Verfassung nur im Regierungsbezirk Detmold knapp verfehlt wurde.
Wahlergebnisse in  Westfalen 1919-1949


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Wahlplakat der CDU
 
 

4.4 Westfalen formiert sich als Landesteil

 
 
 
Westfalen begann Ende der 40er bzw. Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts in Nordrhein-Westfalen zu leben. In Folge der mit der Errichtung des Landes Nordrhein-Westfalen eingetretenen Entwicklungen wurde das Oberpräsidium Westfalen mit Wirkung vom 20.10.1946 aufgelöst und bis zum 31.03.1949 in seinem Bestand abgewickelt. Unangetastet blieb hingegen der Provinzialverband Westfalen, der von den westfälischen Verfechtern einer Vereinigung von Rheinland und Westfalen nicht in Frage gestellt worden war, im nordrhein-westfälischen Innenministerium jedoch ebenso Gegner fand wie es zuvor Amelunxen und Menzel gewesen waren. Die "Auflösung der Provinzialverwaltungen" sei eine "Konsequenz der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen", wurde vorgebracht. Man fürchtete offenbar die Wirkung zentrifugaler Kräfte, musste aber am Ende doch eine scheinbar unverrückbar fortgeltende Macht regionalen Eigenbewusstseins dulden, die sich gegen ausgreifende Zentralisierung stemmte. So konnte von Mitte 1947 an ein parlamentarisches Gremium die Arbeit des Landeshauptmannes begleiten, das zuerst "Vorläufiger Provinzialausschuss", dann, ab dem 26.04.1948, "Vorläufiger Ausschuss der Provinzialverwaltung" und ab dem 21.07.1949 "Beratender Ausschuss des Provinzialverbandes" genannt wurde. Dieser wurde vom Innenministerium am 21.07.1948 de facto anerkannt. Seine umfänglichen Beschlüsse zu Fragen der Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen, zu Fragen der Flüchtlinge und Krankenhäuser, der Wohlfahrtspflege und des Straßenbaus oder beispielsweise auch zur Kulturpflege galten allerdings innerhalb des Provinzialverbandes von Anfang an als verbindlich. Erst mit dem Inkrafttreten der "Landschaftsverbandsordnung" für das Land Nordrhein-Westfalen vom 12.05.1953 am 01.10.1953 wurde eine neue Rechtsordnung etabliert.

Westfalens Verbindungen zu Lippe wurden durch die so genannte "Lippische Punktation" vom 17.01.1947 bekräftigt. In ihr waren die Bedingungen beschrieben, unter denen Lippe als Teil des Landes Nordrhein-Westfalen behandelt werden konnte. Eine weitere Stütze erhielt diese Verbindung durch das nordrhein-westfälische Vereinigungsgesetz vom 05.11.1948.
 "Lippische Punktation", 17.01.1947

Protokoll der  "Feierlichen Schlußsitzung" des Lippischen Landtags anlässlich des Anschlusses an Nordrhein-Westfalen im Landtag zu Detmold, 21.01.1947

 "Gesetz über die Vereinigung des Landes Lippe mit dem Land Nordrhein-Westfalen", 05.11.1948
 
 
 

5. Die gesellschaftliche Basis

 
 
 
Der Provinzialverband Westfalen baute auf den Gemeinden und Kreisen auf, die in sein Gebiet fielen. In ihnen begegneten sich die miteinander lebenden und beieinander wohnenden Menschen Tag aus Tag ein unmittelbar. In ihnen war deshalb auch am schnellsten, verlässlichsten und vor allem auch angemessensten die Zusammenarbeit und wechselseitige Hilfe zu verwirklichen, die zur Wiederherstellung des Überkommenen und zum Neuaufbau demokratischer Verhältnisse notwendig waren. In den Gemeinden und Kreisen ließen sich auch am ehesten noch die Erfahrenen und Kundigen finden, die, versehen mit dem jeweils geforderten politischen Leumund, befähigt waren, Westfalen aus der Katastrophe zu führen, in die das nationalsozialistische Regime geführt hatte. "So viel Anfang war nie" lautet der Titel eines Buches über die Situation deutscher Städte in den Jahren 1945-1949, der völlig zurecht auch für die Beschreibung der allgemeinen Zeitumstände herangezogen werden kann, in die sich westfälische Kommunen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versetzt sahen.

Fehlende Wohnungen und fehlende Lebensmittel, ramponierte Straßen und zerstörte Brücken, demontierte Maschinen und ausbleibende Rohstoffe oder Ersatzteile, Geschlechtskrankheiten und Tuberkulose, Typhus, Influenza oder Krätze, Rattenplage und fehlende Krankenbetten, der Mangel an Schulklassen und Heizmaterialien, unzugängliche Büchereien und Leseplätze, arbeitssuchende Heimkehrer und betreuungsbedürftige Flüchtlinge, durch Zuwanderung aufkeimende konfessionelle Gegensätze und großes, erbarmenswertes individuelles Leid - all dies stellte die Menschen und, als nächstliegender öffentlicher Ansprechinstanz, die Gemeinden und Gemeindeverbände vor große Herausforderungen.

Die Gemeindeverwaltungen konnten nach dem Schweigen der Waffen nicht ruhen. Sie waren auch unter der Oberhoheit der Besatzer mehr gefragt denn je. Niemand wollte, niemand konnte sie deshalb an ihrer Tätigkeit hindern, aber sie bedurften nach den Vorstellungen der Besatzer baldmöglichst demokratischer Strukturen. Demokratie sollte sich in Deutschland, demnach auch in Westfalen von unten nach oben, von der gemeindlichen über die provinzielle zur staatlichen Ebene entfalten.

Im Spätsommer 1945 verordnete die britische Militärregierung die Ernennung von Kreis-, Stadt- und Gemeinderäten. An der Spitze der Städte und Gemeinden sollten ehrenamtliche Oberbürgermeister bzw. Bürgermeister stehen, an der Spitze der Kreise ehrenamtliche Landräte, dem auf der anderen Seite jeweils der Leiter der Verwaltung nach britischem Vorbild gegenübergestellt wurde. Die ernannten Räte nahmen dann im Januar 1946 ihre Arbeit auf (der westfälische Provinzialrat am 30.04.1946).
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"Demokratie sei eine reife Form der Regierung, die nur Erfolg habe, wenn sie von verantwortungsbewussten, reifen Menschen ausgeführt werde", so der britische Stadtkommandant, Major Travers (Rednerpult), auf der konstituierenden Sitzung der von der Militärregierung ernannten 36-köpfigen Stadtvertretung Münsters am 30.01.1946.
 
 
In rechtlicher Hinsicht konnten sie auf die Revidierte Deutsche Gemeindeordnung zurückgreifen, die die Briten am 01.04.1946 veranlassten, um damit "ordnungsgemäße Regierungsmethoden" zu garantieren und um ein erstes "Stadium" der Demokratisierung einzuleiten, in dem "die Befugnisse der öffentlichen Verwaltung, die bisher in einer Einzelperson vereinigt waren, [...] auf Personengruppen (zu) übertragen [werden], die die verschiedenartigen Interessen der Bevölkerung vertreten"*.
* C. Engeli / W. Haus, Quellen zum modernen Gemeindeverfassungsrecht in Deutschland, Stuttgart [u.a.] 1975, S. 703
 
 
Die Gemeindeverordnung vom 01.04.1946, die analog ausdrücklich auch auf die Kreise anwendbar war, setzte also ausdrücklich ein reges Interesse vor Ort voraus. Ihre Rechtskraft musste die nach 1945 wiederbelebten oder neu gegründeten Parteien, Gewerkschaften, Verbände, Kirchen und Einzelpersonen, die sich anheischig gemacht hatten oder zukünftig machen wollten, am Gemeinwohl aufbauend mitzuwirken, ermuntern, an der Gestaltung des daniederliegenden öffentlichen Lebens mit Fleiß, Rat und Tat Anteil zu nehmen.
 
 
Die politischen Interessenvertreter sollten entsprechend dem Zuspruch, den sie in der Bevölkerung fanden, kurzfristig in die Geschicke der Gemeinden und Kreise eingebunden werden. Deshalb fanden am 15.09.1946 Gemeinde- und am 13.10.1946 Stadt- und Landkreiswahlen statt, bei denen die wiederbelebten oder neu gegründeten Parteien gegeneinander antraten: die konfessionelle Gegensätze überbrückende CDU (die bis Ende 1945 noch als CDP, Christlich Demokratische Partei firmierte), die linkskatholische Deutsche Zentrumspartei, die aber gleichwohl auch für Protestanten offen war, die seinerzeit noch marxistisch orientierte SPD mit ihren Bezirken "Westliches Westfalen" (Sitz: Dortmund) und "Östliches Westfalen" (Bielefeld), die KPD, die ihre Hochburgen traditionell im Ruhrgebiet hatte und dort Ende 1946 über 50.000 Mitglieder zählen sollte, die FDP, die am 09.11.1945 in Dortmund als "Liberaldemokratische Partei, Landesverband Westfalen" errichtet worden war und seit Januar/Februar 1946 den Namen "Freie Demokratische Partei" in Westfalen führte. Bemerkenswerterweise tat sich weder bei diesen noch bei späteren Wahlen eine eigene "Westfalen-Partei" auf, die sich zum Ziel gemacht hätte, gegen eine Eingliederung Westfalens nach Nordrhein-Westfalen zu opponieren.

Mit den Gemeinde- und Kreiswahlen und den zunehmenden Aktivitäten von Einzelpersönlichkeiten, gesellschaftlichen Gruppen wie Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und Künstlerkreisen sowie vor allem auch mit den Tätigkeiten der gerade in den frühen Nachkriegsjahren Orientierung vermittelnden Kirchen begann in der Wiederaufbauphase Westfalens eine neue Etappe. Die Menschen richteten sich ein und sie begannen, sich in der Kunst des Möglichen zu versuchen. Hoffnung keimte auf; Hoffnung auf einen Selbsterhalt zumindest.
 
 
 
 

6. Literatur

6.1 Allgemeine Geschichte

Brunn, Gerhard / Reulecke, Jürgen
Kleine Geschichte von Nordrhein-Westfalen. 1946-1996. Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 37. Köln 1996.
Leider ist bis heute keine "große" Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen erschienen und leider ist das grundlegende Werk Peter Hüttenberger über die Aufbaujahre des Landes Nordrhein-Westfalen (Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen und die Entstehung seiner parlamentarischen Demokratie, Siegburg 1973) inzwischen schon mehr als dreißig Jahre alt. So sei, als ein kleiner, aber außerordentlich schätzenswerter Ersatz, auf das Werk von Brunn / Reulecke verwiesen. Das Buch liefert in knappen Kapiteln solide aufbereitete Informationen, repräsentiert den seinerzeit aktuellen Kenntnisstand und ist bei allem auch noch gut lesbar.

Faust, Anselm (Red.)
Nordrhein-Westfalen. Landesgeschichte im Lexikon. Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C: Quellen und Forschungen, Band 31. 2. Aufl. Düsseldorf 1994.
Das Standardlexikon vermittelt in zahlreichen kurzen, von sachkundigen Fachleuten verfassten Einzelartikeln grundlegende Informationen zu einem breiten Spektrum unterschiedlicher Aspekte der nordrhein-westfälischen Landesgeschichte. Es ist für den allfälligen Gebrauch und für jede knappe, aber verlässliche Information unentbehrlich.

Glaser, Hermann / Pufendorf, Lutz von / Schöneich, Michael (Hg.)
So viel Anfang war noch nie. Deutsche Städte 1945-1949. Berlin/W. 1989.

Hölscher, Wolfgang
Nordrhein-Westfalen. Deutsche Quellen. Zur Entstehungsgeschichte des Landes 1945/46. Akten. Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, vierte Reihe: Deutschland seit 1945, Bd. 5. Düsseldorf 1988.
Hölscher hat eine wissenschaftlich zurecht hochgeschätzte Quellenedition vorgelegt, die für eine Darstellung der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte eine wahre Fundgrube darstellt. Der hohe Wert dieser Edition von Archivalien, die die deutsche Sicht der Geschehnisse belegen, wird noch durch eine gründliche, umsichtig verfasste und erhellend kommentierende Einleitung des Herausgebers gesteigert.

Landeszentrale für politische Bildung (Hg.)
NRW-Lexikon. Politik - Gesellschaft - Wirtschaft - Recht - Kultur. 2. Aufl. Opladen 2000.
Das systematisch angelegte Buch informiert in Stichworten über grundlegende Belange des Landes Nordrhein-Westfalen und wird in erster Linie demjenigen dienen, der für eine Behandlung von Tagesfragen nordrhein-westfälischer Politik Hintergrundinformationen sucht. Da die zu den jeweils aufgenommenen Stichworten gelieferten Abhandlungen oftmals auch in die Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen einführen, vermag das Lexikon auch demjenigen Einsichten zu vermitteln, der sich mit der Frühzeit des Landes Nordrhein-Westfalen beschäftigen will.

Reinicke, Christian / Romeyk, Horst (Red.)
Nordrhein-Westfalen - ein Land und seine Geschichte. Aspekte und Konturen 1946-1996. Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen: Reihe C, Quellen und Forschungen, Bd. 36. Münster 1996.
Das Werk stellt gewissermaßen eine aktualisierende und vertiefende Ergänzung des von Anselm Faust redigierten "Nordrhein-Westfalen" - Lexikons dar. Dank der hier abgedruckten Beiträge, die oftmals auf Quellen und immer auch auf weiterführende Literatur verweisen, ist es für Journalisten und Lehrer, Geschichtswissenschaftler und Politologen, aber auch für den interessierten Laien gleichermaßen hilfreich.

Steininger, Rolf (Hg.)
Die Ruhrfrage 1945/46 und die Entstehung des Landes Nordrhein-Westfalen. Britische, französische und amerikanische Akten. Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, vierte Reihe: Deutschland seit 1945, Bd. 4. Düsseldorf 1988.
Steininger hat für eine Dokumentation der nordrhein-westfälischen Nachkriegsgeschichte auswärtige Archive aufgesucht und dort wichtige Quellen für eine Publikation ausgewählt. Dabei profitiert seine Arbeit von einem sicheren Gespür für die jeweilige Brisanz aufgefundener Materialien. Ebenso wie der Quellenband von Wolfgang Hölscher (s.o.) enthält der von Steininger herausgegebene Band eine wissenschaftlich klare Einführung, mag die darin erläuterte Position des Verfassers auch in dem einen oder anderen Punkt strittig geblieben sein.
 
 
 

6.2 Visuelle Dokumentationen - Videos und CDs

Wer sich im Medienzeitalter nicht allein durch Texte belehren oder unterrichten lassen möchte, sei auf die visuellen Angebote der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen verwiesen. Diese Einrichtung präsentiert ihr Angebot auch im Internet verbunden mit einer jeweiligen Beschreibung des Inhalts und der gedachten Verwendungsmöglichkeit.

CD:
ZeitRäume 1946-49. Ein Streifzug durch die Geschichte Nordrhein-Westfalens, 1999.

Videos:
NRW. Ein Streifzug durch die Geschichte (1995)
Blumen für Stukenbrock (1979)
Bomben auf Bochum (1978)
Filmdokumente zur Landesgeschichte:
Teil 1: Kriegsende in NRW (1966)
Teil 2: Heimkehr und Aufbau (1966)
Teil 3: Anfänge des politischen Lebens (1966)
1945 - Das Ende an Rhein und Ruhr (1978)
Ein neues Leben blüht aus den Ruinen (1981)
Das Land aus dem Schmelztiegel (1965)
 
 
 

6.3 Westfälische Geschichte

Kohl, Wilhelm
Kleine Westfälische Geschichte. Düsseldorf 1994.
Wilhelm Kohl liefert einen großen zeitlichen Bogen umspannenden Abriss der westfälischen Geschichte, in dem die ersten Nachkriegsjahre auf 48 Seiten solide und kenntnisreich, aber im Stil eher unprätentiös dargestellt werden. Die Information steht gegenüber kritischer Reflexion im Vordergrund. Auch wenn die politische Geschichte in den Darstellungen Kohls einen besonderen Rang bewahrt hat, bleibt doch festzuhalten, dass in Kohls Werk über Kunst, Wirtschaft und Verkehr Wichtiges gesagt wird.

Petzina, Dietmar
Industrieland im Wandel (1945-1980). In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte in drei Textbänden und einem Bild- und Dokumentenband, Düsseldorf 1984, S. 439-531.
Petzina ergänzt mit seinem Beitrag auf vorzügliche Weise Ausführungen von Karl Teppe (s. u.). Der Autor vermittelt Einsichten in die wirtschaftliche Lage und die wirtschaftliche Entwicklung Westfalens nach 1945. Dabei wird freilich deutlich, dass es angesichts der Quellen- und Forschungslage gerade für einen Wirtschaftshistoriker nicht ganz einfach ist, Aussagen zu Nordrhein-Westfalen von solchen zu trennen, die speziell für Westfalen gelten können. Dennoch bleibt diese Wirtschaftsgeschichte grundlegend.

Teppe, Karl
Zwischen Besatzungsregiment und politischer Neuordnung (1945-1949). Verwaltung. Politik. Verfassung. In: Wilhelm Kohl (Hg.), Westfälische Geschichte in drei Textbänden und einem Bild- und Dokumentenband, Bd. 2: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Politik und Kultur, Düsseldorf 1983, S. 269-339.
Mit seinen ausführlichen, detaillierten, abgewogenen und kenntnisreichen Darlegungen muss der Aufsatz Teppes als zentrale Darstellung der politischen Nachkriegsgeschichte Westfalens gelten. Freilich ist zu berücksichtigen, dass Teppe stark auf eine westfälische Sicht der westdeutschen Nachkriegsgeschichte abhebt und dabei die vielfältigen Bindungen und Verbindungen, die sich gerade auch im Ruhrgebiet zwischen Rheinland und Westfalen im Laufe der Geschichte ergeben haben, ein wenig blass bleiben.

Wagner, Johannes Volker (Hg.)
Vom Trümmerfeld ins Wirtschaftswunderland. Bochum 1945-1955. Eine Dokumentation. Veröffentlichung des Stadtarchivs Bochum. Bochum 1989.
Wagner hat eine überzeugende Dokumentation kommunaler Nachkriegsgeschichte vorgelegt, aus der eindrucksvoll und beispielhaft für viele vergleichbare Unternehmungen hervorgeht, wie die Menschen diese schwierige Zeit der Trümmer und des Wiederaufbaus durchlebten und mit welchen Sorgen, Nöten und Problemen sie dabei konfrontiert wurden.

Weißer, Ansgar Weißer (Hg.)
Staat und Selbstverwaltung. Quellen zur Entstehung der nordrhein-westfälischen Landschaftsverbandsordnung von 1953. Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 45. Paderborn 2003.
 
 
 
Stand des Haupttextes: 2004.