Zeitabschnitte > 1914-1918





 

1. Der Kriegsausbruch

 
 
 
Die sich wegen des Attentats auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo (28.06.1914) in Europa zuspitzende diplomatische Krise sorgte in der zweiten Julihälfte 1914 in Deutschland zwar für heftige Diskussionen, von einer unmittelbaren Kriegsgefahr war aber nicht die Rede. Das änderte sich in den letzten Julitagen, als vieles auf eine allgemeine Mobilmachung hindeutete. Die SPD veranstaltete zum Beispiel am Tag der österreichischen Kriegserklärung an Serbien (28.07.1914) in größeren Städten wie Bielefeld Friedensdemonstrationen mit Tausenden von Teilnehmern.

Am 30.07.1914 verkündete die russische Regierung die Mobilmachung, weshalb die einen Tag später vom Deutschen Reich angeordnete Gesamt-Mobilmachung als Verteidigungsmaßnahme ausgegeben werden konnte. Viele Menschen stockten ihre Lebensmittelvorräte auf oder versuchten ihre Ersparnisse von der Bank zu holen, wie in Bielefeld und Bochum. Die eigentliche Mobilmachung begann am 2. August u.a. damit, dass wehrpflichtige Männer zu ihren militärischen Einheiten gerufen wurden. Durch Westfalen rollten die ersten Truppentransporte Richtung Westfront, während am 3. August im Münsterland die Aushebung von Pferden für das Heer einsetzte.

In Preußen meldeten sich in den ersten zehn Mobilmachungstagen ca. 200.000 Kriegsfreiwillige. Es handelte sich in der Regel um Gymnasiasten und Studenten, Arbeiter waren unterdurchschnittlich vertreten. Die Motive waren im Einzelfall verschieden, doch spielte sozialer Gruppendruck eine beträchtliche Rolle. In Hagen hatten sich bis zum fünften Mobilmachungstag 3.500 Kriegsfreiwillige gemeldet. Der Abzug der Truppen ins Feld wurde überall zu einem Aufsehen erregenden Ereignis. Frauen, Kinder und andere Zivilisten säumten die Straßen und teilten eine allgemeine Erregung, mitunter ein euphorisches Gefühl. Echte Kriegsbegeisterung scheint wohl nur in den größeren Städten und hier auch nur in bildungsbürgerlichen Kreisen aufgekommen zu sein. So entstanden spontan freiwillige Hilfsausschüsse zur Stärkung der Moral an der "Heimatfront" - auch sie waren von Teilen des Bürgertums initiiert worden. Im Ruhrgebiet dagegen wurden die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten recht bald deutlich. Durch die Umstellung der Betriebe auf die Kriegsproduktion wurde ein Teil der Arbeitskräfte in die Arbeitslosigkeit entlassen, während auf der anderen Seite Arbeitskräftemangel herrschte, weil die Arbeitsplätze der Eingezogenen nicht umgehend wieder besetzt werden konnten. Im Ruhrbergbau wurden bei Kriegsbeginn schätzungsweise 100.000 Mann eingezogen, in den Dortmunder Stahlwerken die Hälfte der Belegschaft.
"Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares" am 28.06.1914 in Sarajewo,  Titelseite der Dülmener Zeitung vom 30.06.1914


 Bekanntmachung der kaiserlichen Mobilmachung der Kaiserlichen Armee und Marine des Deutschen Reiches durch den Kommandierenden General des VII. Armeekorps in Münster am 01.08.1914


Kriegsausbruch und Kriegsverlauf aus der Sicht der ehemaligen westfälischen "Kämpfer" -  Auszüge aus dem "Ehrenbuch der Westfalen" (um 1931)


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Soldatentransport im Bahnhof von Gütersloh, 1914


Das  Gütersloher Tageblatt vom 03.08.1914 thematisiert die vermeintliche neue "Einheit aller Deutschen" auf dem Hintergrund chauvinistischer Anfeindungen und berichtet über den Mobilisierungstag in Gütersloh.


Zum Thema "Erster Weltkrieg" bietet das Internet-Portal weitere
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2. Das VII. Armeekorps -
Belagerungszustand und Befehlsgewalt

 
 
 
Das stellvertretende Generalkommando des VII. Armeekorps in Münster erhielt mit der Verlegung der Truppen und des Generalkommandos an die Front weit reichende Vollmachten in seinem Zuständigkeitsbereich, der sich auf das östliche und nördliche Westfalen, Lippe, das Bergische Land und Teile des Rheinlandes erstreckte. Es befehligte Truppen u.a. an den Standorten Bielefeld, Bückeburg, Detmold, Höxter, Düsseldorf, Kleve, Köln, Krefeld, Lippstadt, Minden, Mülheim, Münster, Paderborn-Schloss Neuhaus und Wesel - der Kommandobereich war also nicht mit dem der Provinz identisch, was mitunter zu Problemen führte. Zu seinen Aufgaben gehören die Aushebungen zum Militärdienst, die Zensur der Presse und anderer Druckerzeugnisse sowie die allgemeine Kriegspropaganda. Zu den vorrangigen Ausgaben gehörten die Sicherung der Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen bzw. deren Rationierung z.B. durch die Überwachung und Regulierung der Preise. So nahm das stellvertretende Generalkommando während der Kriegsdauer die Funktion einer zivilen Oberbehörde für die preußische Provinz Westfalen und den Regierungsbezirk Düsseldorf ein.

Auch die Fürstentümer Lippe-Detmold und Schaumburg-Lippe unterstellten sich der Befehlsgewalt des stellvertretenden Generalkommandos in Münster. Die südwestfälischen Landkreise Altena, Arnsberg, Brilon, Lüdenscheid, Meschede, Olpe, Siegen und Wittgenstein unterstanden dagegen dem stellvertretenden Generalkommando des XVIII. Armeekorps in Frankfurt. Als kommandierender General des VII. Armeekorps rückte General von Einem mit beginnender Mobilmachung in Richtung Westfront ab und übergab das Kommando in Münster an seinen Stellvertreter. Der stellvertretende kommandierende General war seit Mitte November 1914 General Egon Freiherr v. Gayl, der den schon nach wenigen Kriegswochen als Generalgouverneur nach Brüssel versetzten General v. Bissing ablöste.
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General Karl von Einem gen. von Rothmaler (1853-1934), Befehlshaber der 3. Armee an der Westfront im Ersten Weltkrieg, zuvor Kommandierender General des VII. Armeekorps in Münster. Der 1909 berufene Kommandierende General von Einem - zuvor preußischer Kriegsminister - war während des gesamten Krieges als Oberbefehlshaber der 3. Armee in der Champagne eingesetzt.

Karten zum militärischen Verlauf des Ersten Weltkriegs vom History Department der US-Militärakademie West Point
 
 

2.1 Die militärische Bedeutung Westfalens

 
 
 
Während das linksrheinische Gebiet den deutschen Truppen als Aufmarschraum für den Einmarsch in Belgien diente, nutzte die Armee die Verkehrsinfrastruktur in Westfalen, um die Soldatentransporte an die Front zu bringen. Hierbei arbeitete sie eng mit den regionalen Eisenbahndirektionen zusammen, die den Transport koordinierten. Wegen der Nähe zum westlichen Kriegsschauplatz richteten die Militärbehörden mit Unterstützung karitativer Organisationen flächendeckend zahlreiche Lazarette in ganz Westfalen ein. Auf der anderen Seite machte seine geostrategische Lage das rheinisch-westfälische Industriegebiet besonders verwundbar für feindliche Invasionsversuche, die allerdings nie realisiert wurden. Allerdings gab es Pläne und vereinzelte Versuche der Alliierten, Industriebetriebe des Reviers - darunter das Hagener AFA-Werk - aus der Luft anzugreifen.

Das Gros des VII. Armeekorps sammelte sich im Gebiet zwischen Krefeld und Jülich, um dann über Aachen in Richtung Lüttich vorzurücken. Dort nahmen Teile des Korps an der Einnahme der Festung teil.
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"Darf Belgien Englands Aufmarschgebiet werden?" - Bildplakat mit der Warnung vor einer englischen Invasion, 1918
 
 

2.2 Militärische Einsätze an der Westfront

 
 
 
Das VII. Armeekorps war Teil der 1. Armee, wurde jedoch nicht als geschlossener Verband eingesetzt. Nach der Einnahme Lüttichs verlegten große Teile des Korps in Richtung der Marne, danach weiter zur Lorettohöhe und La Bassée. Westfälische Regimenter nahmen u.a. an Kampfhandlungen bei Neuve Chapelle (1915) und Verdun (Juni 1916) teil.
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Gütersloh 1914: Der "erste Verwundetentransport" auf dem Weg zum Elisabeth-Hospital
 
 

2.3 Kriegsgefangenenlager in Westfalen

 
 
 
Im Bereich des VII. Armeekorps existierten Lager unterschiedlicher Größe, sowohl für Mannschaften als auch für Offiziere. Gegen Kriegsende waren den westfälischen Lagern nach Angaben der deutschen Militärbehörden insgesamt 284.000 Kriegsgefangene zugeordnet. Westfalen war damit eines der Hauptsammelgebiete für ausländische Kriegsgefangene in Deutschland. Nach Beendigung der Kampfhandlungen dienten die Lager in Münster, Friedrichsfeld (Wesel), Dülmen und der Senne als Heimkehrerlager für ehemalige deutsche Kriegsgefangene.

Nur ein Teil der Gefangenen - zwischen 20 und 25 % - lebte in den Lagern, der große Rest war zu Arbeitseinsätzen abgeordnet. Im Münsterland und anderen ländlichen Regionen wurden die Gefangenen vor allem in die Landwirtschaft geschickt. Ein Einsatz in kriegswichtigen Betrieben verbot sich durch Artikel 6 der Haager Landkriegsordnung. Dieses Verbot wurde mit zunehmender Dauer des Krieges jedoch immer häufiger ignoriert, wie auch Beispiele aus Westfalen belegen. Seit 1916 setzte eine große Nachfrage nach Kriegsgefangenen durch die Rüstungsbetriebe ein. Im Dezember 1916 waren 56.000 Kriegsgefangene im Ruhrgebiets-Bergbau und 30.000 in der Landwirtschaft eingesetzt.

Lager 
Gefangene 
Dülmen 
9.973 
Friedrichsfeld (Wesel) 
79.161 
Holthausen (Kreis Büren) 
2.893 
Minden 
25.240 
Münster I 
20.947 
Münster II 
47.911 
Münster III 
21.086 
Senne 
75.814 
Gütersloh (Offizierslager) 
1.398 
Werl (Offizierslager) 
73 
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Schon 1915 erschien ein Bildband aus deutscher Perspektive über die Kriegsgefangenen in Deutschland - in mehreren Sprachen für den europäischen Markt verfasst -, hier mit einem Blick in eine Mannschaftsstube des Kriegsgefangenenlagers I in Minden, um 1914/1915
 
 
 
 

3. Die Versorgungslage -
Mit Selbstversorgung gegen den Nahrungsmangel

 
 
 
Viel Kartoffeln - wenig Fleisch. Das waren die Kennzeichen der Ernährungslage, die sich vor allem in der zweiten Kriegshälfte dramatisch verschlechterte. Dabei waren deutliche Unterschiede beim Versorgungsniveau zwischen Stadt und Land zu verzeichnen. Die Gründe lagen nicht nur in der anhaltenden Wirtschaftsblockade der Alliierten, sondern waren zum Teil hausgemacht: Der Austausch zwischen Überschuss- und Bedarfsgebieten funktionierte nur schlecht, sodass insbesondere die Bevölkerung des Ruhrgebiets unter der miserablen Versorgungslage litt. In den großen Städten Westfalens zeichnete sich bereits seit dem Winter 1916/17 eine Unterversorgung des täglichen Kalorienbedarfs ab.
Bild- und Textmaterialien für den Schulunterricht bietet das Themenheft  "Der Erste Weltkrieg in Westfalen - Lebensmittelmangel und Hunger an der 'Heimatfront'" von Anne Roerkohl
 
 
Verschärft wurde die Situation einerseits durch die Umlenkung von Lebensmitteln auf den Schwarzmarkt sowie durch die bevorzugte Versorgung von Arbeitern in Rüstungsbetrieben mit Nahrungsmitteln. Dem gegenüber stand ein steigender Grad an Selbstversorgung. Die Zahl der Schrebergärten und anderer privater Anbauflächen nahm ebenso zu wie die private Kleintierhaltung, die die Menschen mit dem Nötigsten versorgte. Unbeliebte Ersatzstoffe sollten anfänglich über den Verzicht auf Konsumgüter hinweg täuschen, hielten aber auch in die tägliche Nahrung Einzug. Kunsthonig, Kaffee-Ersatz und Kartoffelbrot waren nur einige der "Kreationen", die den Speiseplan bereichern sollten, in Wirklichkeit jedoch den sinkenden Nährstoffgehalt der Speisen nicht verhindern konnten.

Die staatliche Zwangswirtschaft bekam die Verteilungsprobleme nie vollständig in den Griff, da sie zu spät einsetzte, halbherzig, improvisiert und ineffizient war. Die Landwirte dagegen beriefen sich auf ihr Recht zur Selbstversorgung und lieferten nicht immer die von ihnen erwarteten Mengen ab. Angesichts von Rationierungen und Preissteigerungen - die Realeinkommen sanken um 20 bis 30 % - wurde Schlangestehen für viele Menschen in Westfalen ebenso zum Alltag wie der regelmäßige Gang in die Kriegsküchen. Im Landkreis Bielefeld wurden im Februar 1917 täglich 4.500 Portionen, in der Stadt Herford 1.200 Mahlzeiten ausgegeben.
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Volksküche in Lüdenscheid

In Form von  "Leitsätzen" wurden im Regierungsbezirk Arnsberg Materialien eingesetzt, um die Zivilbevölkerung "über Volksernährungsfragen" zu informieren
 
 
 

4. Front und "Heimatfront"

 
 
 
Obwohl der Krieg Hunderte von Kilometern entfernt geführt wurde, fühlten sich die Menschen an Lippe, Ems und Ruhr unmittelbar in das Kriegsgeschehen einbezogen. Wie in allen kriegsführenden Staaten setzte in den ersten Augusttagen eine fremdenfeindliche Agentenphobie ein. Ungewöhnliche Beobachtungen brachte man mit vermeintlicher Spionagetätigkeit in Verbindung. So wurden bei Lüdenscheid mehrere Frauen in einem Auto attackiert, weil man sie für russische Agentinnen hielt. Es kam zu zahllosen kurzfristigen Festnahmen, dazu zählen auch die offenen Diskriminierungen und Verhaftungen von polnischen Einwanderern im Ruhrgebiet. Die so genannte "Heimatfront" fühlte sich berufen, die kämpfenden Soldaten an der Front aktiv zu unterstützen - einerseits moralisch, andererseits materiell durch die Aufrechterhaltung der Kriegsproduktion. Die zensierte Presse bot ein feldgraues Bild, das über die militärischen Erfolge der Deutschen Auskunft gab - und nachteilige Meldungen unterdrückte. Die einzige Kontaktmöglichkeit zwischen den Frontsoldaten und ihren Familien bestand - abgesehen von kurzen Heimaturlauben - in Feldpostbriefen, die zu Millionen verschickt wurden. Allerdings unterlagen auch sie einer militärischen Zensur, der Schilderungen militärischer Operationen oder Stimmungsberichte zum Opfer fallen konnten.
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"An euch in der Heimat! An euch an der Front!" - Bildplakat des Stellvertretenden Generalkommandos in Münster mit dem Aufruf zur Steigerung der Rüstungsproduktion, 1917
 
 

4.1 Propaganda und Durchhalteparolen

 
 
 
Zur Finanzierung des Krieges und zur moralischen Unterstützung seitens der "Heimatfront" wurden in vielen deutschen Städten auf markanten Plätzen Kriegswahrzeichen aufgestellt. In Gestalt mittelalterlicher Ritter (Roland) sollten sie deutsche Wehrhaftigkeit symbolisieren und gleichzeitig zur Finanzierung des Krieges beitragen: Für eine Geldspende konnte man einen Nagel in die Monumente einschlagen und so seinen persönlichen Beitrag zur Kriegsführung leisten. In Bielefeld stand ein "Eiserner Wehrmann", in Hamm war es der Stadtgründer Graf Adolf, in Dortmund eine Reinoldus-Figur, in Hagen ein Eiserner Schmied, und in Gütersloh konnte man Nägel in einen hölzernen Adler auf einer Säule schlagen.

Eine zentrale Rolle bei der moralischen Stärkung der "Heimatfront" spielten die Professoren der damals einzigen Universität Westfalens in Münster. Regelmäßig hielten sie öffentliche Vorträge im Sinne annexionistischer Propaganda. Münsteraner Professoren beteiligten sich aktiv an der Kriegszieldiskussion und machten Westfalen - in enger Zusammenarbeit mit Industriellen des Ruhrgebietes - zu einem wichtigen Zentrum deutschnationaler Annexionspropaganda. Die auf Ausgleich abzielende gemäßigte Friedensresolution des Reichstags vom 19.07.1917 - unterstützt von der MSPD, der liberalen Fortschrittspartei und dem katholischen Zentrum - stieß in Westfalen auf ausgesprochen geringe Resonanz.
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Feldpostkarte nach Münster, 1917


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Geld für den Krieg: Gegen eine Kriegsspende konnten Nägel in patriotische Symbole - z.B. Eiserne Kreuze, mit Adlern bekrönte Säulen wie hier auf dem Marktplatz in Gütersloh - geschlagen werden
 
 

4.2 Kriegsanleihen und -spenden

 
 
 
Während die Menschen auf eine ausgewogene Ernährung verzichten mussten, sollten sie darüber hinaus ihren materiellen Anteil zur Kriegsführung leisten: Mit öffentlichen Metallsammlungen versuchte das Deutsche Reich, der Rohstoffknappheit zu begegnen. Diese Sammlungen machten auch nicht vor den Kirchenglocken Halt, die eingeschmolzen und zu Kanonen verarbeitet wurden. Zur Finanzierung des Krieges legte das Deutsche Reich insgesamt neun Kriegsanleihen auf, von denen die ersten in Erwartung eines günstigen Kriegsausgangs bereitwillig gezeichnet wurden - die später aufgelegten Kriegsanleihen erreichten jedoch nur bedingt die finanziellen Ziele.
 
 

4.3 Rollenwandel und Arbeitseinsätze

 
 
 
Einem grundlegenden Wandel war die Rolle der Frau unterworfen. Viele Ehefrauen mussten ihre Familien allein ernähren, während die Männer an der Front waren. Zwar erhielten sie in der Regel ein Viertel des Lohnes ihrer Männer und wurden von Kommunen und Fürsorgevereinen unterstützt, doch waren viele fortan auf eine Erwerbstätigkeit angewiesen. Gleichzeitig wuchs der Bedarf an Arbeitskräften, sodass sich der Anteil der erwerbstätigen Frauen in der westfälischen Industrie - allerdings mit deutlichen regionalen Unterschieden - zwischen 1914 und 1916 von 9 auf 19 % erhöhte.

Die Ausweitung des zivilen Arbeitseinsatzes im Deutschen Reich regelte seit Dezember 1916 das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst, mit dem die deutsche Regierung weitere Reserven unter den männlichen Zivilisten mobilisieren wollte. Dem allgemeinen Arbeitskräftemangel konnte man damit nicht vollständig begegnen. So wurde beispielsweise knapp die Hälfte der Dortmunder Stahlarbeiter zum Militärdienst eingezogen; bei Kriegsbeginn betraf dies im gesamten Ruhrgebiet darüber hinaus 100.000 Bergleute. Anstelle der Einberufenen setzten die deutschen Behörden für leichtere Arbeiten männliche Jugendliche, für schwere körperliche Tätigkeiten ausländische Kriegsgefangene und belgische Zivilarbeiter ein. Diese waren anfangs freiwillig angeworben und später im Zuge von Deportationen zwangsweise aus Belgien nach Westfalen gelangt.
 Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst vom 05.12.1916: "[...] § 1 Jeder männliche Deutsche vom vollendeten siebzehnten bis zum vollendeten sechzigsten Lebensjahre ist, soweit er nicht zum Dienste in der bewaffneten Macht einberufen ist, zum vaterländischen Hilfsdienst während des Krieges verpflichtet." Unter Leitung des preußischen Kriegsministeriums wurden die Männer in Behörden, in der Kriegsindustrie, in Land- und Forstwirtschaft, in der Krankenpflege und anderen kriegswirtschaftlichen Organisationen eingesetzt.]
 
 

4.4 Proteste, Streiks und Unruhen

 
 
 
Aufgrund der stetig sinkenden Lebensmittelrationen und der allgemein schlechten Versorgungslage kam es im August 1916 zu ersten spontanen Unruhen in verschiedenen westfälischen Städten wie beispielsweise Recklinghausen, Gelsenkirchen und Dortmund, wo sich ein Bergarbeiterstreik anschloss. Der stellvertretende Generalkommandeur reagierte einstweilen moderat, um die Unruhen nicht noch anzufachen und um die Bergarbeiter nicht zusätzlich zu radikalisieren. Unter dem Eindruck der weiteren Verschlechterung der Versorgungslage kam es auch im Winter 1917 zu verschiedenen, teilweise wilden Streiks. Ausgehend von der Firma Krupp in Essen beteiligten sich rund 75.000 bis 100.000 Arbeiter an einer Streikwelle, die die westfälische Montanregion in den Monaten Februar und März 1917 erfasste. Schließlich standen nicht nur Fragen der Versorgung auf der Agenda. Immer häufiger erhoben die Streikenden politische Forderungen wie die Abschaffung des preußischen Dreiklassen-Wahlrechts. Auch die große Streikbewegung vom Januar 1918 erreichte das Ruhrgebiet, was zu erheblichen politischen Unruhen über das gesamte Frühjahr 1918 hinweg führte.
 Immediatbericht des Regierungspräsidenten zu Münster, Graf von Merveldt, an den Kaiser, u.a. über die "Volksstimmung" und Streikbewegungen vom 28.04.1918
 
 
 

5. Kriegsende und Novemberrevolution 1918

 
 
 
Nach der erfolglosen deutschen Frühjahrsoffensive an der Westfront und angesichts der allgemein schlechten Versorgungslage nahm die Kriegsmüdigkeit sowohl bei den Truppen als auch in der Bevölkerung deutlich zu. Als im November 1918 die Matrosen in Kiel meuterten, war von revolutionären Aktionen in Westfalen jedoch nicht viel zu bemerken. Gleichwohl bereitete sich das stellvertretende Generalkommando in der Zeit zwischen dem 5. und 8. November auf politische Unruhen vor und verstärkte allerorts die Militärpatrouillen. Gespannte Erwartung kennzeichnete die Lage, als die ersten revolutionären Matrosen an den Bahnhöfen westfälischer Städte eintrafen. Doch außer verschiedenen Meutereien in Kasernen war von der Revolution nicht viel mehr als eine gespannte Atmosphäre auf den Straßen zu spüren.

Im Zuge der Demobilmachung durchquerten die deutschen Truppen von der Westfront weite Teile Westfalens bzw. wurden bei ihren westfälischen Stammeinheiten außer Dienst gestellt. Der plötzliche Zuzug von Tausenden von Soldaten stellte die westfälischen Kommunen um die Jahreswende 1918/1919 vor erhebliche Wohnungsprobleme und Versorgungsschwierigkeiten.
 

 

5.1 Die Rätebewegung bleibt gemäßigt

 
 
 
Die Rätebewegung gewann in Westfalen nur langsam an Dynamik. Arbeiter- und Soldatenräte nach Kieler und Berliner Vorbild wurden am 8. November in Haltern und im Rheinland gegründet. Danach bildeten sich nahezu flächendeckend Rätestrukturen in Städten und auf dem Land heraus. Von revolutionär-sozialistischen Idealen waren die Räte oft weit entfernt. Zwar konfiszierten revolutionäre Soldaten in Bielefeld die Waffen von Offizieren und besetzten den Bahnhof, doch weitergehende Umsturzversuche waren nicht zu verzeichnen. Selbst in den Städten des westfälischen Ruhrgebiets konnte sich die MSPD gegenüber radikaleren sozialistischen Kräften durchsetzen. Das stellvertretende Generalkommando initiierte sogar selbst die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrats, um "besonnene" bzw. gemäßigte Kräfte zu stärken. Diese kooperierten gezielt mit dem alten Verwaltungsapparat, um einen Kompetenzvorsprung zu erzielen und linksextreme Kräfte abzuwehren. Ein revolutionäres politisches Programm vertraten die westfälischen Räte jedenfalls nicht. Viel mehr ging es um eine übergreifende Zusammenarbeit der gemäßigten Sozialdemokraten mit dem Bürgertum, um ein Abgleiten der Revolution nach links zu verhindern. Unter Leitung von Carl Severing entstand in Gütersloh ein "Volksrat", der auch das Bürgertum integrierte und gegenüber der Verwaltung eine Kontrollfunktion ausübte, sich jedoch größtenteils passiv verhielt. Parallel dazu formierten sich die bürgerlichen Kräfte, die sich politisch abwartend zeigten, in den Demobilmachungsausschüssen. Diese arbeiteten ebenfalls eng mit den lokalen Verwaltungen zusammen.
 
 
 
Nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November kamen massive Herausforderungen bei der Demobilmachung der heimkehrenden Truppen hinzu. In den ländlichen Regionen Westfalens verhielten sich die dort gebildeten Bauern- und Landarbeiterräte weitgehend passiv und blieben bedeutungslos. Am 12.11.1918 konstituierte sich für den Bereich des VII. Armeekorps der Generalsoldatenrat, der am 13. November seine Arbeit aufnahm. Zu den vorrangigen Aufgaben der Räte gehörte die Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und die Versorgung der Bevölkerung. Gegen Ende des Monats November hatten die Räte überall im Reich einen Großteil ihrer Autorität eingebüßt.
 
 
 
 

6. Literatur

6.1 Allgemeine Geschichte

Chickering, Roger
Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg. München 2002.

Grevelhörster, Ludger
Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreiches. Münster 2004.

Hagemann, Karen / Schüler-Springorum, Stefanie (Hg.)
Heimat - Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege. Reihe "Geschichte und Geschlechter", Bd. 35. Frankfurt a. M. 2002.

Hinz, Uta
Gefangen im großen Krieg. Kriegsgefangenschaft in Deutschland 1914-1921. Essen 2006

Hirschfeld, Gerhard u.a. (Hg.)
Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte, (NF) Bd. 5. Essen 1997.

Hirschfeld, Gerhard / Krumeich, Gerd / Renz, Irina (Hg.)
Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2., durchges. Aufl. Paderborn 2004.

Mommsen, Wolfgang J.
Der Erste Weltkrieg. Anfang vom Ende des bürgerlichen Zeitalters. Frankfurt a. M. 2004.

Mommsen, Wolfgang J.
Die Urkatastrophe Deutschlands. Der erste Weltkrieg 1914-1918. Handbuch der deutschen Geschichte 17. Stuttgart 2002.

Mosse, George L.
Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Frankfurt a. M. 1997.

Ulrich, Bernd / Ziemann, Benjamin (Hg.)
Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wirklichkeit. Frankfurt a. M. 1994.
 
 
 

6.2 Westfälische Geschichte

Abelshauser, Werner / Himmelmann, Ralf (Hg.)
Revolution in Rheinland und Westfalen. Quellen zu Wirtschaft, Gesellschaft und Politik 1918-1923. Essen 1988.
Eine sozialgeschichtlich angelegte Analyse, die insbesondere auf die Rätebewegung und die Novemberrevolution eingeht.

Kohl, Wilhelm (Hg.)
Westfälische Geschichte. Bd. 2: Das 19. und 20. Jahrhundert, Politik, Kultur. Düsseldorf 1983.
Zwar steht der Erste Weltkrieg nicht im Mittelpunkt dieser Gesamtdarstellung, doch ermöglicht der Band einen fundierten Überblick über die sozialen und politischen Entwicklungen in Westfalen. Entspricht teilweise nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand.

Krüger, Gerd
"Treudeutsch allewege!". Gruppen, Vereine und Verbände der Rechten in Münster (1887-1929/30). Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster, (NF) Bd. 16: Ser. B, Monographien, Nr. 3. Münster 1992. Münster 1992.
Ein Überblick und eine Analyse der rechten Gruppierungen in Münster, das sich spätestens in der Weimarer Republik zu einem westfälischen Zentrum dieser Bewegungen entwickelte. Zwischen 1914 und 1918 spielte vor allem die "vaterländische" Propaganda eine erhebliche Rolle.

Niebur, Hermann [Bearb.] / Ruppert. Andreas [Bearb.] / Albertin, Lothar [Mitarb.]
Krieg, Revolution, Republik, Detmold 1914-1933. Dokumentation eines Stadtgeschichte-Projekts. Bielefeld 2006.

Pöppinghege, Rainer
Leben im Lager. Die Kriegsgefangenen-Zeitschrift "L´ Echo du Camp de Rennbahn" als sozialgeschichtliche Quelle, in: Westfälische Zeitschrift 149 (1999), s. 195-207.

Roerkohl, Anne
Hungerblockade und "Heimatfront". Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Ersten Weltkrieges. Studien zur Geschichte des Alltags, Bd. 10. Stuttgart 1991.
Das Buch widmet sich den mittelbaren Auswirkungen des Kriegs in Westfalen. Es bietet neben einem umfassenden Überblick über die Versorgungssituation auch statistisches Material in Tabellenform.

Schrumpf, Wolf-Rüdiger
Territoriale Kommandogewalt und zivile Verwaltungskompetenz im 1. Weltkrieg. Konsens, Kooperation, Konflikt; eine Studie über die Aktivitäten des stellvertretenden Generalkommandos des VII. Armeekorps und der Mittelbehörden der Provinz Westfalen bei der Versorgung der Zivilbevölkerung. Münster 1995.
Der Autor bietet einen Überblick über die Zuständigkeiten und Kompetenzen des stellvertretenden Generalkommandos, das im Wesentlichen für den Raum Westfalen die militärische und zivile Verantwortung zu Kriegszeiten übernahm. Dabei steht die Frage von Konflikt und Kooperation mit Zivilbehörden im Mittelpunkt.

Veddeler, Peter
Erster Weltkrieg und Revolution (1914-1919). Geschichte original - am Beispiel der Stadt Münster, Mappe 14. Münster 1986.
Bd. 14 der Sammelmappen-Reihe enthält Dokumente und Bildmaterial zur Geschichte der Stadt Münster im Ersten Weltkrieg, zusätzlich einen Begleittext, der die Materialien in ihren historischen Kontext einordnet.
 
 
 
Stand des Haupttextes: 2004.