Geschichte im Öffentlichen Raum > Bernhard zur Lippe


 
Tobias Arand

Ein mittelalterlicher Ritter als Zeuge soldatischer Pflichterfüllung?
Das Graf-Bernhard-Denkmal in Lippstadt

 
 
Oberthema
"Zur Konstituierung von Geschichte im öffentlichen Raum - zum Beispiel Denkmäler"
2. Kriegerdenkmäler - Kriegsverherrlichungen, Einstimmung auf Krieg oder Mahnung zum Frieden?
 
 
Stufe
13/II (Das o.g. Oberthema wird im Lehrplan 1999, S. 88ff., als Beispiel für die 13.2 vorgeschlagen. Dieses Thema kann ebenso wie ein vergleichbares Thema auch in den anderen Stufen der S II bearbeitet werden.)
 
 
Zeit
Mitte 12. Jh. - 1920-1976
 
 
Grundbegriffe
  • Erster Weltkrieg
  • Landesgeschichte
  • Kriegerdenkmal
  • Mittelalterrezeption
 
 
Sachanalyse
Graf Bernhard II. zur Lippe wurde um 1140 geboren. Im Anschluß an den Besuch der Domschule in Hildesheim, wo er auf den geistlichen Stand vorbereitet werden sollte, wurde er aber 1167 nach dem Tod des älteren Bruders in den weltlichen Dienst Heinrichs des Löwen berufen. Bernhard II. zur Lippe wurde eine treuer Gefolgsmann des Welfen, dem er auch nach dessen Sturz 1180 die Treue hielt. Nach seiner Begnadigung durch den Kaiser im Jahr 1184 gründete er 1185 mit anderen westfälischen Adeligen das Zisterzienserkloster Marienfeld bei Warendorf. 1189 wurde er Vogt des Augustinerklosters Freckenhorst, und gründete die Stadt Lippstadt. Nach einer Erkrankung trat er zwischen 1198 und 1203 in das Kloster Marienfeld ein. Zuvor hatte er die weltliche Macht seinem Sohn Hermann II. übergeben. 1211 zog er mit Mönchen aus Marienfeld nach Dünamünde und wurde Abt dortselbst; 1218 weihte ihn sein Sohn Otto, seit 1215 Bischof von Utrecht, zum Bischof von Selonien. Während seines Wirkens in Livland war er Parteigänger des Schwertbrüderordens, eines missionarischen Ritterordens, und nahm an den Kämpfen in Estland teil. Bernhard II. zur Lippe starb am 29. oder 30.04.1224.

Die Erinnerung an den mittelalterlichen Stadtgründer und kriegerischen Ostmissionar hielt Anfang des 20. Jahrhunderts in Lippstadt insbesondere der Verleger und Stadtverordnete Carl Laumann am Leben. Laumann verfasste 1914 im Stil der Zeit ein stark verklärendes "Lebens- und Charakterbild unseres Helden", das in zwölf Fortsetzungen in der von ihm verlegten Zeitung ‚Der Patriot' erschien. Hintergrund dieser Artikelserie war die Idee Laumann, in Lippstadt ein Denkmal zu Ehren Bernhard II. zur Lippe errichten zu lassen. Die Bürger und potentiellen Investoren sollten auf diese Weise als Unterstützer gewonnen werden. Schließlich gründete Laumann auch noch einen Denkmalsausschuss, der konkrete Schritte zur Realisierung des Vorhabens einleitete. Schließlich beschloss der Magistrat 1914 den Bau eines Denkmals, beauftragte mit Albert Pehle aus Düsseldorf einen in Lippstadt geborenen Künstler mit der Durchführung und bat den Fürsten von Lippe-Detmold, Leopold IV., um die Ehre der für den 30. August 1914 geplanten Einweihung des Monuments. Für den Tag der Einweihung waren Festtribünen für die lippischen Fürsten, den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, den Regierungspräsidenten und andere Ehrengäste geplant. Auch ein historischer Festumzug sollte stattfinden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte die Planungen jedoch hinfällig. Die bereits fertige Brunnenskulptur, die für die Rüstungsindustrie wieder eingeschmolzen werden sollte, rettete Laumann durch ihre Überführung in seine Wohnung.

Nach dem Krieg wurde das Denkmal jedoch nun nicht nur zum Erinnerungszeichen an den legendären Stadtgründer, sondern auch zugleich zum Heldengedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne der Stadt umfunktioniert. Am 29.08.1920 wurde das um eine Erinnerungstafel mit den Namen der Gefallenen erweiterte Denkmal in einer aufwändig-patriotischen Feier enthüllt. 27 Vereine beteiligten sich an der Feier, unter ihnen auch eine Trachtengruppe, die Bürger aus der Zeit Bernhard II. darstellen sollten.

Heute steht das Brunnendenkmal für Bernhard II. zur Lippe weitgehend von seinen ursprünglichen ideologischen Kontexten losgelöst. Er befindet sich nun nach einem Umbau 1973 einige Meter von seinem ursprünglichen Platz entfernt. Auch seine bauliche Gestalt wurde leicht verändert. So wurde er unter anderem in einer achtzig Zentimeter abgesenkten Fläche neu errichtet, wodurch das Denkmal heute einen weniger herrscherlichen Eindruck hinterlässt als ursprünglich gedacht. Eine letzte Restaurierung erfolgte 1997.
 
 
Didaktischer Kommentar
Denkmäler fehlen selbst in den kleinsten Orten nicht. Zumeist erinnern sie an historische Ereignisse oder Personen von lokalgeschichtlicher Bedeutung. Durch ihre Häufigkeit und Alltäglichkeit sind sie ein nicht zu unterschätzendes Medium historischer Vorstellungen und politischer Ideen. Möchte man Schüler zu historisch mündigen Menschen erziehen, ist die Schulung auch folgender Fähigkeiten durchaus von Bedeutung: Fähigkeit zur Kontextualisierung von Denkmälern in größere ideengeschichtliche und historische Zusammenhänge, zur Interpretation von Denkmälern nach ihren formalen Merkmalen, zur Dekonstruktion der in den Denkmälern enthaltenen historischen Narrationen, zur Erkenntnis der sich in der Zeit vollziehenden Änderungen in den Bedeutungszuweisungen an Denkmäler.

Dass Denkmäler kaum etwas über das erinnerte Ereignis oder die erinnerte Person, dafür aber umso mehr über die sich wandelnde Sicht der Nachgeborenen auf das Ereignis oder die Person aussagen, zeigt sich am Bernhardt-Denkmal in Lippstadt recht exemplarisch. Konzipiert wurde es zunächst als Ausdruck eines im Wilhelminismus zeittypischen bürgerlich-historistischen Geschichtsverständnisses von der Größe einzelner Herrscher und von ihrer Bedeutung für die Region. Seine Funktion bestand nicht nur in der Erinnerung, sondern auch in einen Identifikationsangebot mit den feudalen Strukturen und den sie tragenden Eliten des späten deutschen Kaiserreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte dann seine Umdeutung in den Kontext der in Deutschland zu Tausenden entstehenden, durchaus nicht pazifistisch gesinnten Kriegerdenkmäler. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal dann durch die Umgebung und die Absenkung sozusagen demokratisiert.

Die Thematisierung der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Denkmals kann gerade unter Betonung der sich verändernden Sichtwiesen einen wichtigen Beitrag zur Förderung reflexiven Geschichtsbewusstsein leisten. Es bietet sich für eine derartige Unterrichtseinheit natürlich zwingend an, Geschichte beziehungsweise ihre Deutung‚ vor Ort zu studieren.
 
 
Mögliche Stundenthemen
  • Leben und Wirken Graf Bernhards II. zur Lippe
  • Carl Laumann und sein Engagement für ein Bernhard-Denkmal vor dem Hintergrund des geistigen Klimas des späten Wilhelminismus
  • Formen und Motive der Mitteralterwahrnehmung im bürgerlichen Historismus
  • Gestalt und Formensprache des Denkmals im Kontext der Zeit
    Das Problem der Problemlosigkeit einer Umwidmung des Denkmals in ein Kriegerdenkmal
  • Entsorgung, Verfremdung oder Demokratisierung? - Der Umgang mit dem Denkmal nach 1945
 
 
Literatur
Primärquellen

Stadtarchiv Lippstadt (StAL), Akte 818 F

Laumann, Carl
Der Gründer Lippstadt, Bernhard II. Edler Herr zur Lippe. Ein Lebens- und Charakterbild. Lippstadt 1914.


Sekundärliteratur

Kittel, Erich
Heimatchronik des Kreises Lippe. 2. Aufl. Köln 1978.

Kokalj, Hans-Christian
Geschichte in historischen Denkmälern. Didaktische Perspektiven am Beispiel des Graf-Bernhard-Denkmals zu Lippstadt. Münster 2001 (unveröffentlichte Seminararbeit WWU Münster).

Praxis Geschichte, Themenheft Denk-Mal, Heft 16, 2003.

Scholz, Klaus
Bernhard II. zur Lippe, in: Westfälische Lebensbilder 14, Münster 1987, S. 1-37.

Bender, Wolfgang
Bernhard II. zur Lippe. Städtegründer, Bischof, Schwertmissionar. Lemgo 2007.
 
 
Methoden
  • Außerschulisches Lernen,
  • Text- und Bildinterpretation,
  • Beschreibung von Sachquellen.
 
 
Lernziele
Die Schüler sollen ...
  • Kenntnisse über die Stadtgeschichte Lippstadts erwerben, die Fähigkeit zur Kontextualisierung von Denkmälern in größere ideengeschichtliche und historische Zusammenhänge üben,
  • Denkmälern nach ihren formalen Merkmalen interpretieren können,
  • die Fähigkeit zur Dekonstruktion der in den Denkmälern enthaltenen historischen,
  • Narrationen entwickeln,
  • Kenntnisse über die sich in der Zeit vollziehenden Änderungen in den Bedeutungszuweisungen an Denkmäler erlangen.
 
 
Außerschulische Lernorte
Stadtmuseum Lippstadt
Rathausstr. 13
59555 Lippstadt
Tel. 02941/980259
Fax 02941/980257
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