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(82 KB)   Bodelschwinghsche Anstalt in Bethel, um 1910 / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt   Informationen zur Abbildung

Bodelschwinghsche Anstalt in Bethel, um 1910 / Bethel, von Bodelschwinghsche Anstalten / Hauptarchiv und Historische Sammlung / Münster, LWL-Medienzentrum für Westfalen/O. Mahlstedt
JAHR1867   Suche
MONATOktober
TAG14
TITELDie ersten Patienten finden Aufnahme in den späteren von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel


INFORMATIONDer Rheinisch-Westfälische Provinzialausschuss der Inneren Mission beschließt Ende 1865, in Bielefeld eine Heilanstalt für Epilepsiekranke ("Fallsüchtige") zu errichten. Zu diesem Zweck wird vor den Toren der Stadt ein Bauernhof erworben, wo nach Umbauarbeiten 24 Kranke Aufnahme finden. Dahinter steht das unter den damaligen Fachleuten äußerst umstrittene Konzept, eine Gruppe von Kranken in einer Kolonie zusammenzufassen, um ihnen ein christlich geprägtes Gemeinschaftsleben zu ermöglichen und ihre Erkrankung durch eine gesunde Lebensweise in einer gesunden Umwelt zu bessern. In Bethel herrscht eine ganzheitliche Betrachtungsweise vor, welche die Patienten als komplexe Persönlichkeiten mit gesunden und kranken Anteilen wahrnimmt, weshalb das Behandlungsziel in der Hebung der Persönlichkeit der Patienten besteht, wodurch diese ein gewisses Maß an Verantwortung und auch Schuldfähigkeit zurückerhalten sollten.

Schon nach einem Jahr ist die Aufnahmekapazität des Hauses erschöpft, so dass zu Beginn der 1870er Jahre der Bau eines deutlich größeren Pflegehauses dem Widerstand eines Teils der Bielefelder Bürger zum Trotz in Angriff genommen wird. Diese Kapazitätsausweitung sowie die Berufung des Dellwiger Pastors Friedrich von Bodelschwingh zum Anstaltsleiter im Jahre 1872 erweisen sich als entscheidende Weichenstellungen für die weitere Entwicklung Bethels zu einer der größten Einrichtungen ihrer Art.

Bodelschwingh öffnet die Anstalt für epilepsiekranke Mädchen und Frauen und erweitert auch allgemein den Kreis derjenigen, die in Bethel Aufnahme finden können, um Geistes- und Gemütskranke, Arbeits- und Obdachlose, Alkoholkranke und Schwererziehbare. Ferner veranlasst Bodelschwingh, dass auch das Pflegepersonal und die sonstigen Mitarbeiter überwiegend mit ihren Familien auf dem Anstaltsgelände leben. Bodelschwinghs Maßnahmen ziehen eine rege Bautätigkeit nach sich, so dass zum Zeitpunkt seines Todes 1910 die Anstalten Bethel zu einer Kleinstadt mit einer eigenen, voll ausgebildeten Infrastruktur herangewachsen ist.

Während der nationalsozialistischen Diktatur praktizieren Leitung und Ärzteschaft der Anstalten Bethel Teile der nationalsozialistischen "Erbgesundheitspolitik". Bereitwillig setzt die Ärzteschaft Bethels nicht nur die Maßnahmen des am 01.01.1934 in Kraft getretenen  "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in die Praxis um, eine Reihe von Ärzten nimmt darüber hinaus sogar überaus aktiv Einfluss auf die Ausweitung und Verschärfung des Sterilisierungsprogramms. In Bethel werden daher ab 1934 mehrere Tausend Menschen zwangssterilisiert.

An der so genannten "Euthanasie" scheiden sich freilich in Bethel die Geister. Anstaltsleiter Fritz von Bodelschwingh zieht eine klare ethische Grenze zwischen eugenischen Maßnahmen einerseits, die er als eine "humane" Alternative zur "Euthanasie" ansieht, und der Ermordung psychisch Kranker. Zwar können durch eine verdeckte Obstruktionspolitik fast alle Patienten der Bodelschwinghschen Anstalten vor der "Euthanasie" bewahrt werden (es werden "nur" 14 Menschen, darunter 7 jüdischen Glaubens, ermordet), grundsätzlich wird dem Staat jedoch nicht das Recht zur Tötung "lebensunwerten Lebens" abgesprochen. Proteste gegen den Massenmord an den Patienten staatlicher Heil- und Pflegeanstalten bleiben aus, vielmehr werden die vorgeschriebenen Vorbegutachtungen der Patienten und somit deren Kategorisierung nach ihrer sozialen Wertigkeit in Bethel übernommen, was einen fundamentalen Bruch mit der Tradition Bethels bedeutete.

Zum Gedenken an die Opfer der in Bethel zwangssterilisierten Menschen wird auf Initiative des Arbeitskreises "Trialog" am 18.06.2000 auf dem Gelände der Anstalten ein Mahnmal eingeweiht.


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Zeit3.8   1850-1899
3.9.40   Nationalsozialismus <1933-1945>
Ort2.1   Bielefeld, Stadt <Kreisfr. Stadt>
Sachgebiet6.8.6   Behinderte
6.8.14   Soziale Randgruppen
8.2   Sozialpolitik
8.4   Sozialfürsorge, Fürsorgeeinrichtungen
15.12.4   Nationalsozialismus, Gedenkstätten / Denkmäler
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