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VERFASSERAschoff, Diethard
TITELJuden in Westfalen
AUFLAGE3., durchges. Aufl.


ORTMünster
JAHR1995


ONLINE-TEXTZur Geschichte der Juden in Westfalen
SEITES. 9-20


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Zur Geschichte der Juden in Westfalen

1. Die Anfänge

Sieht man von einer legendenhaften Erwähnung in Münster für die Zeit Bischof Altfrids (830 - 849) ab, begegnen uns Juden in Westfalen erstmals im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts: am 18.01.1074 gewährte König Heinrich IV. "Juden und anderen Wormsern" Zollfreiheit an einigen namentlich aufgeführten königlichen Plätzen, darunter Dortmund. Auch Kölner Juden dürften sich zu dieser Zeit in der späteren Reichsstadt aufgehalten haben. Jedenfalls geht aus einer Chronik über Judenverfolgung anläßlich des Ersten Kreuzzugs hervor, daß der aus der Niederrheinmetropole geflohene Jude Mar Schemarja in Dortmund bekannt war. Er ging 1096 auf das Ansinnen der Dortmunder, zum Christentum überzutreten, nur zum Schein ein. Am nächsten Morgen fand man ihn neben den Leichen seiner Frau und seiner drei Söhne ohnmächtig in seinem Blute liegend. Standhaft weigerte sich der Verletzte, "den lebendigen Gott", wie es der jüdische Berichterstatter ausdrückt, "zu verleugnen", d. h. sich taufen zu lassen. So wurde er von fanatisierten Dortmunder Bürgern schließlich lebendig begraben. "Und es starb dort", endet der Bericht, "der Fromme für die Einheit des herrlichen und furchtbaren Namens."

Der legendär verklärte, aber im Kern sicher authentische Bericht vom furchtbaren Schicksal des ersten namentlich bekannten Juden in Westfalen wirft ein düsteres, ja angesichts des späteren Holocausts fast gespenstisch anmutendes Licht auf die Geschichte dieser Minderheit im Lande.

Ganz anders das Leben des zweiten mit Namen belegbaren Juden in Westfalen, des wie Mar Schemarja aus Köln stammenden Juda ben David halewi ein Menschenalter später. Im Münsterland erhielt er den ersten Anstoß, Christ zu werden, trat um 1130 als Novize bei den Prämonstratensern in Cappenberg im südlichen Münsterland ein und starb wohl als Propst des Stiftes Scheda im heutigen Landkreis Unna. Daß er sich den Übertritt nicht leicht gemacht hatte, erfahren wir aus der von ihm selbst verfaßten autobiografischen Bekehrungsgeschichte, der ersten lateinischen seit den berühmten "Bekenntnissen" des heiligen Augustinus.

Doch es gab auch den umgekehrten Weg, wie das Beispiel des Soester Kanonikers Robert zeigt, der im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts zum Judentum übertrat und später aus der Bördestadt nach Frankfurt floh, wo er im Jahre 1298 starb. Gewiß um mögliche Nachahmer abzuschrecken - das Judentum wurde ganz offensichtlich als religiöse Gefahr betrachtet - ließ ihn der Mindener Dominikaner Heinrich von Herford, der davon berichtet, in der Mainmetropole eines spektakulären Todes sterben. Konversionen waren und blieben die Ausnahme.

Seit dem 12. Jahrhundert verbreiteten sich die Juden über das ganze Land, bis etwa 1300 in allmählicher, danach in stürmischer Zunahme. Jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, daß sich die westfälische Judenschaft in einer steilen Aufwärtsentwicklung befand, als die Katastrophe des Jahres 1350 über sie hereinbrach. Die neu ins Land kommenden Juden waren zumeist Kaufleute. Einigen von ihnen, wie Gottschalk von Recklinghausen, Moses von Köln oder Leo von Münster gelang es, das Netz ihrer Geschäftsbeziehungen über beträchtliche Teile des heutigen Nordrhein-Westfalen und der im Westen anschließenden niederländischen Provinz Overijssel zu spannen. Obgleich es im Blick auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und sozialen Status auch hier erhebliche Unterschiede gab, verstanden es doch einige jüdische Händler und Bankiers, sich in den aufstrebenden westfälischen Städten bevorzugte Wohnsitze zu sichern, wie z.B. in Münster im Bereich des heutigen Syndikatsplatzes im Herzen der Stadt hinter Rat- und Stadtweinhaus, an dessen Rückseite im Jahre 1951 ein wohl von jüdischer Hand versteckter großer Münzschatzfund gemacht wurde, der vom Wohlstand zumindest einiger Mitglieder der kleinen Gemeinde Zeugnis ablegt.

Selbständige Gemeinden gab es vor 1350 außer in Münster noch in Dortmund, Minden, dem damals noch zu Westfalen zählenden Osnabrück und wohl auch in Soest. Auf diese fünf "Vororte" waren die verstreut in den kleinen Orten lebenden jüdischen Familien vor allem religiös ausgerichtet, denn nur dort fanden sich Synagoge, Friedhof und die hinreichende Zahl männlicher Gottesdienstbesucher. Für Dortmund und Münster sind darüber hinaus auch Mikwen (= Frauenbäder) nachweisbar, für Osnabrück und Münster Scharnen, das heißt Verkaufsstätten für das Fleisch rituell geschlachteter ("geschächteter") Tiere.

Von besonderer Bedeutung war die Einrichtung eigener jüdischer Friedhöfe, denn die nicht unbeträchtlichen Mittel, die zu Kauf und Erhaltung notwendig waren, gab den sie tragenden Gemeinden die Jurisdiktion über die die Friedhöfe mitbenutzenden Einzelfamilien auf dem Lande. Der Besitz der Friedhöfe zeigt die Lösung der fünf westfälischen Muttergemeinden von der Kölner Metropole an. Daß die beschriebene Vorrangstellung der "Vororte" tatsächlich bestand, ergibt sich aus der Tatsache, daß die münsterische Rabbinatsbehörde Scheidungsurteile für jüdische Ehepaare in Beckum und Rheine ausfertigte.

Das aufblühende jüdische Leben in Westfalen, wo die Juden zum Teil auch Bürgerrechte in den Städten genossen wie in Burgsteinfurt, Coesfeld, Minden und Münster, wurde mit einem Schlage in den Sommermonaten des Jahres 1350 vernichtet, als die Juden auch in Westfalen - wie in fast ganz Europa - von ihren aus Angst vor der Pest fast besinnungslosen christlichen Nachbarn "verjagt, getötet oder verbrannt" wurden, wie aus der Grafschaft Mark berichtet wird, oder "wie das Vieh geschlachtet", wie es von Minden heißt.


2. Zwischenspiel im Spätmittelalter

Mit der Pestkatastrophe des 14. Jahrhunderts brach die jüdische Siedlungstätigkeit in Westfalen unvermittelt ab: Für anderthalb Jahrhunderte kann eine Geschichte der westfälischen Juden aus Mangel an Quellen nicht geschrieben werden. Was bekannt ist, sind Bruchstücke, die selten und meist nur in vagen Umrissen ein Bild jüdischen Lebens in jener Zeit vermitteln, fast immer nur Momentaufnahmen, kaum je eine Bildfolge, da die notwendige Kontinuität fehlt.

Zwischen 1367 und 1400 finden sich Juden in nur neun westfälischen Städten, in Dortmund und Hamm im Süden, in Bielefeld, Herford, Minden und Osnabrück im Norden, in Lemgo und Höxter im Nordosten des Landes sowie schließlich in Paderborn. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts setzte ein bemerkenswerter Aufschwung jüdischen Lebens in Westfalen ein, der Juden in den Raum südlich der Lippe nach Kamen, Unna, Hamm, Soest, Recklinghausen und Dortmund führte, im Norden und Nordosten nach Herford, Bielefeld, Osnabrück, Lemgo, Minden, Höxter und Corvey und für ein Menschenalter auch nach Münster. Nach 1450 erfolgte ein erneuter Rückschlag. In den letzten zwanzig Jahren des 15. Jahrhunderts sind Juden nur noch vereinzelt in fünf Städten des heutigen Westfalen nachzuweisen, 1480 in Minden, 1486 in Dortmund, 1487 in Herford, 1488 in Horn und 1498 in Hattingen. Während des ersten Drittels des 16. Jahrhunderts erholte sich die westfälische Judenschaft vor allem in der Grafschaft Lippe, wo es einen gewissen Rückhalt bei den Juden des östlich gelegenen welfisch-niedersächsischen Raumes gab. So ist für das lippische Blomberg der neben Dortmund wohl einzige jüdische Friedhof im damaligen Westfalen nachgewiesen. Gleichwohl haben Juden zwischen 1367 und 1500 weder zahlenmäßig noch ihrer wirtschaftlichen Bedeutung nach in irgendeiner Stadt Westfalens eine größere Rolle zu spielen vermocht - vielleicht abgesehen von Dortmund und Osnabrück (und hier auch jeweils nur in dem Menschenalter nach 1370). Nirgends erreichten sie mehr die Bedeutung, die sie wenigstens in den fünf "Vororten" vor der Katastrophe des Jahres 1350 besessen zu haben scheinen.

Schicksal und Bedeutungslosigkeit teilten die westfälischen Juden mit ihren Glaubensgenossen im Reich. In dem Maße, in dem sie, ausgebeutet und bedrückt, ihre finanzielle Leistungskraft verloren, ließ das Interesse der Fürsten und Städte an ihnen nach. Ausweisungen aus fast allen wichtigen Städten des Reiches waren die Folge.


3. Zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg

Die Umwälzungen zu Beginn der Neuzeit veränderten die ungünstige Lage der Juden kaum. Ohne Zweifel bildeten die drei Jahrhunderte zwischen der Pest der Jahre 1348/51 und dem Ende des Dreißigjährigen Krieges den Tiefpunkt jüdischer Geschichte in Mitteleuropa vor der Zeit des Nationalsozialismus. Ohne Grundbesitz, ohne Bürgerrechte, meist nur kurzfristig geduldet, Ausbeutungs- und Streitobjekte zwischen Kaiser, Fürsten und Städten, von den Zünften gefürchtet und gehaßt, von kirchlicher Seite mit höchstem Mißtrauen betrachtet, lebten die Juden nahezu ausschließlich von der ebenso risikoreichen wie verachteten Geldleihe - neben dem mit ihr zusammenhängenden Trödelhandel fast die einzige Betätigung, die ihnen geblieben war. Die stets drohenden Vorwürfe des Ritualmordes, der Hostienschändung und der Brunnenvergiftung führten immer wieder zu blutigen und grausamen Verfolgungen.

Westfalen machte hier keine Ausnahme. Nur zögernd kehrten die Juden ins Land zurück und erreichten wohl erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts die zahlenmäßige Stärke, die sie vor 1350 besessen hatten. Nach Münster gelangten sie 1535 durch einen historischen Zufall, denn erst die Katastrophe des Wiedertäuferreiches gab dem als Sieger einziehenden Fürstbischof Franz von Waldeck (1532-53) für kurze Zeit die Macht, Juden in der Hauptstadt wieder ansässig zu machen. Nach dem Tode des judenfreundlichen Bischofs und der Wiederzulassung der stets judenfeindlichen Zünfte schlug erneut die Stunde der Juden: Im Jahre 1554 formell ausgewiesen, erhielten sie, von kurzfristigen Ausnahmen abgesehen, erst 1810 wieder Wohnrecht in der Stadt. Im Münsterland dagegen konnten sich Juden trotz eines 1560 verabschiedeten Landtagsbeschlusses, der ihre Ausweisung vorsah, seit den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts halten - freilich lange in einer immer bedrohten Illegalität. Die unterschiedliche Interessenlage von Landesherrn und Ständen sowie die Gespaltenheit der Stände selbst verschaffte den Juden die Möglichkeit, die existenzbedrohenden Gefahren dieser ersten Generation nach der Wiederzulassung zu überstehen. Mitglieder des Domkapitels, hohe Beamte und einzelne Adelige gewährten ihnen Schutz, teils aus finanziellwirtschaftlichen, teils auch aus persönlichen Gründen wie etwa bei Krankheitsfällen, bei denen man von medizinkundigen Juden Hilfe erhoffte.

Ähnliche Verhältnisse herrschten auch in den anderen Territorien des Landes. In Dortmund zum Beispiel wurden die Juden 1543 erneut in geringer Zahl aufgenommen, ein halbes Jahrhundert später aber nach vielem Streit untereinander und längerer judenfeindlicher Agitation 1596 "auf fleißig ermahnen und anhalten der Prediger" aus der Stadt verwiesen und erst 1808 wieder zugelassen.

Im Sauerland erfolgte eine jüdische Zuwanderung erst im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts. Um den Landständen entgegenzukommen, erließ Kurfürst Ernst von Bayern 1599 für das Erzstift Köln eine Judenordnung, die auch im Herzogtum Westfalen, dem heutigen Sauerland, gültig war und deshalb als älteste Judenordnung Westfalens angesprochen werden kann.

Ähnlich wie das Sauerland verzeichnet das Fürstbistum Paderborn eine verstärkte jüdische Zuwanderung erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts. Auch wurde ein Landtagsbeschluß des Jahres 1607, der nur noch eine kurzfristige Duldung vorsah, vom Landesherrn nicht eingehalten. Auf diese Weise erhöhte sich die Zahl der Juden ständig, so daß das Hochstift Paderborn bis zur Emanzipation und darüber hinaus dasjenige westfälische Territorium blieb, das die meisten Juden beherbergte.

In Minden waren Juden bereits früher wieder seßhaft geworden. Ein zufällig erhaltenes Pfandregister des Jahres 1562 führt etwa 180 Personen auf, die bei Juden Geld aufgenommen hatten, meist kleinere Beträge gegen Pfänder von nicht allzu hohem Wert, wie dies im übrigen auch für Münster bezeugt ist.

Ohne der Geschichte der jüdischen Minderheit in allen westfälischen Städten und Territorien im einzelnen nachgehen zu können, bleibt festzustellen, daß die Juden zwischen 1500 und 1650 zwar nicht mehr in ihrem Leben bedroht waren, gleichwohl aber ein immer gedrücktes, mühsames und gefährdetes Dasein fristen mußten.


4. Im ausgehenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation

Das Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1648 bedeutete nicht nur für Deutschland, sondern auch für das Judentum einen epochalen Einschnitt. Im turkischen Smyrna trat damals Sabbatai Zivi auf, der sich als Messias ausgab und selbst in Deutschland viele Anhänger fand. Gleichzeitig beendete der erste große Judenpogrom durch den Kosaken hetman Chmielnitzki in der Ukraine und im südöstlichen Polen die goldene Zeit des Ostjudentums. Die existenzielle Gefährdung hatte neben einer beginnenden Rückwanderung nach Westen die allmähliche Ablösung der orthodoxen rabbinischen Frömmigkeit durch die Chassidismus zur Folge, eine volkstümliche, mystische, auf praktische Frömmigkeit ausgerichtete Bewegung, die die bedrohten und verunsicherten Massen der ostjüdischen Bevölkerung mehr und mehr für sich zu gewinnen vermochte.

In Westfalen wurden die Juden damals in (Zwangs-)Korporationen zusammengeschlossen mit dem Recht auf gesellschaftliche und religiös-kulturelle Selbstverwaltung sowie einem "Befehlshaber", "Vorgänger" oder "Vorsteher" an der Spitze. Gleichzeitig Sprecher der Judenschaft und Werkzeug des Landesherrn, wurden sie auch in Westfalen schon im 17. Jahrhundert als Hofjuden bezeichnet, die im Dienste ihrer fürstlichen Herren nicht nur finanzielle Transaktionen durchführten, sondern oft auch mit vertraulichen und heiklen Geschäften betraut wurden. Dies gilt etwa für Abraham lsaak von Coesfeld, der als Munitionslieferant für den kriegerischen Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen ("Bommenbernd") in Erscheinung trat, oder auch für die Brüder Levi und Jakob Gomperz als Vermittler von Bestechungsgeldern für die Wahl Clemens Augusts von Bayern 1719 zum Bischof von Münster und Paderborn an die Domkapitel beider Stifte. Allein im Stift Münster sind 39 solcher Hofjuden aktenkundig geworden, in der relativ kleinen Grafschaft Lippe 38. Da sie bald eine deutlich herausgehobene Elite bildeten, nahm hier neben der rechtlichen Unterscheidung zwischen Schutzjuden und unvergleiteten Juden eine wachsende soziale Differenzierung ihren Anfang, die die innerjüdischen Ordnungen in den rasch wachsenden Gemeinden seit dem 17. Jahrhundert zunehmend unter Druck setzte. Juden drängten über die traditionelle Geldleihe gegen Pfänder und den damit zusammenhängenden Kram- und Trödelhandel hinaus verstärkt in das nicht zunftgebundene Handwerk und in den Viehhandel.

Während einige wenige zu einflußreichen Vertrauten der Fürsten aufstiegen, sanken andere, vor allem arme unvergleitete Juden, oftmals ins Gaunertum ab. Auch in Westfalen bildeten Juden einen nicht unbeträchtlichen Teil der Räuberbanden jener Zeit, wovon die Gaunersprache, das sog. "Rotwelsch", bis heute Zeugnis ablegt. Alle diese Erscheinungen können zusammen mit der vermehrten Bereitschaft zur Taufe als Zeichen des Verfalls der alten und eines allmählichen Wandels zu neuen Lebens-, Denk- und Verhaltensformen angesehen werden.

Das Judenbild der christlichen Bevölkerung dieser Zeit war uneinheitlich. Auf der einen Seite findet sich der vulgäre, dumpfe Judenhaß, der sic in Beleidigungen und Tätlichkeiten äußern konnte, in öffentlichen oder heimlichen Beschimpfungen, im Einschlagen von Fenstern, dem Anbinden toter Tiere an jüdische Häuser sowie der Entweihung jüdischer Begräbnisstätten - dies alles ist jedenfalls in einem münsterischen Edikt vom Juni 1768 aufgezählt -, auf der anderen Seite aber auch erste Bemühungen aufgeklärter Beamter, die für eine rechtliche Gleichbehandlung von Juden und Nichtjuden eintraten.


5. Der Kampf um die Durchsetzung der Emanzipation

1815 wurde Westfalen endgültig preußisch. Das sogenannte Emanzipationsedikt vom 11.03.1812, das Juden mit gewissen Einschränkungen zu preußischen Staatsbürgern machte, galt freilich nur in den damals preußischen Provinzen, also nicht in Westfalen. Hier wurden die Juden nach einem Reskript des preußischen Innenministers an die Regierung in Münster vom 05.09.1817 "in eben der Lage belassen, in welcher sie bei der Okkupation angetroffen waren". Das bedeutete praktisch, daß in Westfalen bis 1847 fünf verschiedene Judenordnungen in Kraft waren, je nachdem, ob die betreffenden Gebiete vor 1815 zum Großherzogtum Hessen, zur Grafschaft Wittgenstein, zum Kaiserreich Frankreich oder zu den beiden französisch bestimmten Modellstaaten, dem Königreich Westfalen oder dem Großherzogtum Berg, gehört hatten. Im wittgensteinischen waren die Juden damit bis 1842 theoretisch sogar vogelfrei.

Der "Zustand" der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ihre Zahl, ihre berufliche Gliederung und ihr Verhältnis zur christlichen Umwelt ergibt sich unmittelbar aus den oft umfangreichen Gutachten, die seit 1817 bei dem neuen Oberpräsidenten Ludwig von Vincke in Münster vorlagen oder bei ihm einliefen. Vincke verfertigte aus ihnen 1826 ein einseitig negatives Hauptgutachten für die westfälischen Provinzialstände. Die auf dieser Grundlage erarbeiteten "Verbesserungsvorschläge" der Landstände vom selben Jahr "verleugnen", wie es in einem Urteil heißt, "alles, was es in Preußen seit Dohms Emanzipationsbestrebungen gegeben hatte." Unter anderem schlug der Landtag "Mittel zur Verhinderung der aus der Verderbtheit der gegenwärtigen (jüdischen) Generation entstandenen Übel" vor, vor allem "Aufhebung des ihnen voreilig durch die Fremdherrschaft erteilten Bürgerrechts" und das Verbot, Grundbesitz und Häuser zu erwerben. Dies scheint wenigstens zum Teil der Stimmung der Bevölkerung entsprochen zu haben, denn im Zusammenhang mit den sog. Hep-Hep-Krawallen war es 1819 auch an verschiedenen Orten Westfalens, so etwa in Enger, zu antijüdischen Ausschreitungen gekommen. Sie wiederholten sich unter anderem 1843 in Minden und 1844/1845 in Geseke.

Am einschneidendsten aber traf einen großen Teil der westfälischen Judenschaft, die damals etwa 13.000 Köpfe zählte, eine Kabinettsorder vom 20.09.1836, in der den Juden in den Kreisen Paderborn, Büren, Höxter und Warburg der Erwerb bäuerlicher Grundstücke, die sie nicht selbst oder mit jüdischem Gesinde bewirtschaften konnten, ausdrücklich verboten wurde. Schuldscheine durften ihnen nur vor dem Richter des Schuldners gegeben werden. Trotz des mehrfach erbrachten Nachweises, daß die zugrundeliegenden Vorwürfe nicht zutrafen - ein Abgeordneter bemerkte treffend, "daß nicht die mosaischen Juden die Bauern ruinierten, sondern die Juden mit Sporen und Stiefeln", d.h. die Landadeligen - und trotz zahlreicher Petitionen blieb der Erlaß bis zum Jahre 1847 im Kern bestehen.

Neben tiefsitzenden Vorurteilen war es vor allem der Gedanke eines "christlichen Staates" und die Erwartung maßgeblicher staatlicher Kreise, die sozial deklassierten Juden würden sich der "höherwertigen" christlichen Religion anschließen, die auf lange Zeit Gleichberechtigung und Anerkennung der neuen Staatsbürger verhinderte.

Innenhalb des Judentums wurde gleichzeitig erbittert um den richtigen Weg in die Zukunft zwischen den Anhängern der Orthodoxie und den Vertretern der wiederum mehrfach in sich gespaltenen Reformbewegung gerungen. Deren rührigster Vertreter im damaligen Westfalen war ohne Zweifel Lazar Levi Hellwitz (1786-1860), Obervorsteher der Juden im Herzogtum Westfalen, der für eine völlige geistige Assimilation der Juden eintrat, die er mit Hilfe des Staates "zu einer gleichen Stufe der Bildung mit den Christen hinzuleiten" gedachte. Sein Gegenspieler Abraham Sutro (1784-1869), Landrabbiner von Münster, von Hellwitz als "starren Rabbinit" tituliert, sah dagegen in der Emanzipation eine rein juristische Angelegenheit.

Hellwitz näherstehend als Sutro, erstrebte der Mediziner, Humanist und Kunstsammler Alexander Haindorf (1782-1862) eine "Amalgamierung des Christentums und des Judentums", eine Assimilation in gegenseitiger Befruchtung der beiden Religionen und Kulturen. Haindorf sah die Emanzipation vor allem als Frage von Bildung und Ausbildung. Darum bat er im Jahre 1825 die Regierung, die Errichtung "eines Vereins zu Beförderung von Handwerken unter den Juden in Verbindung mit einer Schulanstalt" zu genehmigen. Die später nach ihm und seinem Schwiegervater benannte "Marks-Haindorfsche Lehrerbildungsanstalt" in Münster wurde, wie Oberpräsident von Vincke lobte, zu einem in Preußen einzigartigen Zentrum jüdischer Lehrerbildung, die auf ganz Westfalen ausstrahlte, und in der angeschlossenen jüdischen Schule eine Ausbildungsstätte fand, die nicht nur methodisch auf der Höhe der Zeit stand, sondern neben hohen Anforderungen auch Humanität, praktische Toleranz und preußischen Patriotismus hochhielt. Anstalt und Schule waren wichtige Instrumente jüdischer Emanzipation in Westfalen, wiewohl die Konzeption als solche auf gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts beruhte und angesichts der beginnenden Industrialisierung und der damit verbundenen Krise des Handwerks "ebenso altmodisch wie unzureichend" war.

Von vielen Juden wurde Emanzipation vor allem als Möglichkeit betrachtet, Aufnahme in die ihnen zur Zeit des Alten Reiches nur beschränkt zugänglichen Städte zu finden, von der sie sich eine wirtschaftliche Besserstellung versprachen. Freilich wurde ein ungehemmtes Einströmen auch durch verschiedene fiskal- und wirtschaftspolitische Grundsätze der Stadtväter gebremst, die, wie etwa in Lippstadt nachweisbar, zwischen abzusehenden Steuereinnahmen, verschärfter Konkurrenz für die eingesessenen christlichen Kaufleute und den dadurch sich ergebenden Vorteilen für die Verbraucher abzuwägen hatten. Immerhin läßt die Wahl jüdischer Mitbürger zu Abgeordneten der Stadtparlamente, wie dies nach 1850 in fast allen Städten Westfalens zu beobachten ist, auf ein allmähliches Hineinwachsen der Juden in ihre christliche Umwelt schließen.

Rückschläge blieben freilich nicht aus. So wurde in der zweiten Reaktionszeit in Preußen nach 1850 vor allem Artikel 14 der Verfassung: "Die christliche Religion wird bei denjenigen Einrichtungen des Staates, welche mit der Religionsausübung im Zusammenhang stehen, unbeschadet der in Artikel 12 gewährleisteten Religionsfreiheit zugrunde gelegt", restriktiv dahingehend ausgelegt, daß Juden praktisch von Justiz-, Polizei- und Schuldienst ausgeschlossen blieben. In Münster wurde sogar einem qualifizierten Baumeister trotz früher gemachter Zusagen der Eintritt in das Beamtenverhältnis verwehrt. Es bedurfte noch vieler Kämpfe, bis sich der Norddeutsche Bund im Jahre 1869 zur Annahme eines Gesetzes entschloß, das alle noch bestehenden Benachteiligungen aufgrund der jeweiligen Konfessionszugehörigkeit beseitigte.


6. Entwicklungstendenzen im 19. Jahrhundert

Die rechtliche Emanzipation der Juden und die deutsche Einigung unter preußischer Führung fielen zeitlich fast zusammen. Die auf jüdischer und auf nationaler Seite damit verbundenen Hoffnungen auf volle gesellschaftliche Anerkennung und allgemeinen Aufschwung jedoch erfüllten sich nicht. Im Gegenteil: noch in dem Jahrzehnt, das mit der Reichsgründung so hoffnungsvoll begonnen hatte, kam die "große Depression", häuften sich 1873/1874 die Bankrotte der Gründerjahre, sahen sich weite Kreise verschärften wirtschaftlichen Schwierigkeiten gegenüber. Bei der Suche nach Schuldigen boten sich vor allem "die Juden" an, von denen einigen ein dem Kleinbürgertum schwer begreiflicher Aufstieg gelungen war. Die Juden wurden zu "Sündenböcken" gestempelt. In ebendieser Situation entstand der moderne Antisemitismus, ein Begriff, der im Frühherbst 1879 erstmals in Berlin auftauchte.

Bevor der Antisemitismus in Westfalen näher betrachtet werden soll, sei hier die statistische Entwicklung der Juden des Landes kurz skizziert: Ihre Zahl hatte sich von 9.482 im Jahre 1816 auf 17.245 im Jahre 1871 fast verdoppelt, erreichte zur Zeit der Reichsgründung annähernd 1 Prozent der westfälischen Gesamtbevölkerung. Bis 1925 nahm die jüdische Minderheit zwar zahlenmäßig auf 21.585 Personen zu, was damals aber nur noch einem Anteil von 0,5 Prozent entsprach. Der seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts feststellbare Rückgang der Juden im Vergleich zur umgebenden nichtjüdischen Bevölkerung dürfte mit dem auch sonst beobachteten Absinken der Kinderzahl als Folge des sozialen Aufstiegs zusammenhängen.

Innerhalb der drei Regierungsbezirke Westfalens hatte sich in den einhundert Jahren zwischen 1825 und 1925 eine bedeutsame Umschichtung vollzogen:

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Während die Zahl der Juden im Regierungsbezirk Minden nicht nur relativ, sondern auch absolut zurückging, verdreifachte sich in der gleichen Zeit die Judenschaft im Regierungsbezirk Arnsberg, in dem 1925 fast zwei Drittel aller westfälischer Juden lebten. Der steile zahlenmäßige Aufstieg der Juden gerade in diesem Bezirk hängt natürlich mit der Sonderentwicklung des Ruhrgebietes zusammen, in das auch Juden strömten - freilich, wie nähere Analysen zeigen, kaum je als Arbeiter und Angehörige technischer Berufe. Ein Vergleich der Berufsstruktur zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung in den Jahren von 1852 bis 1907 erlaubt folgende Feststellungen:
  1. Der Anteil der Selbständigen lag 1907 bei den Juden in Preußen und in Westfalen mehr als doppelt so hoch wie bei den Nichtjuden (= 54,7 % : 24,5 %).
  2. Die Landwirtschaft, in der mehr als ein Fünftel der nichtjüdischen Bevölkerung (= 21,5 %) ihr Auskommen fand, spielte für die Juden keine Rolle (= 2,7 %).
  3. In Westfalen, der am stärksten industriell geprägten Provinz Preußens, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Industrie und Gewerbe beschäftigt war (= 50,5%), betrug der entsprechende jüdische Anteil daran nur ein Fünftel (= 20,14 %) und lag damit noch unter dem Gesamtdurchschnitt aller preußischer Juden (= 23,7 %).
  4. Schließlich: der mit 57,2 % ungewöhnlich hohe Prozentsatz der Juden in der Sparte "Gastronomie, Handel und Verkehr", in der nicht einmal ein Zehntel (= 9,5 %) der übrigen Bevölkerung sein Brot verdiente, hatte sich zwischen 1852 und 1907, der Zeit des Durchbruchs der industriellen Revolution in Deutschland, sogar noch leicht erhöht.


Die Juden waren und blieben also nach ihrer Berufsstruktur eine von der übrigen Bevölkerung in vielfacher Hinsicht abgehobene Sondergruppe mit einem ausgeprägt vorindustriellen Selbstverständnis. Die Bevorzugung des Handels und der wirtschaftlichen Selbständigkeit behielten sie in hohem Maße auch dann noch bei, als diese sich schon wirtschaftlich nachteilig auswirkte. Besondere ökonomische Cleverness, faßt A. Barkai resümierend zusammen, ist den westfälischen Juden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nachzurühmen: ihr wirtschaftlicher Abstieg hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnen.


7. Antisemitismus in Westfalen

Unter wirtschaftspolitischen Aspekten hatte sich der Antisemitismus in Westfalen also bereits in gewisser Weise überholt, als er in seine entscheidende Phase trat. Trotzdem fand er auch hier Widerhall: außer in einigen Arbeiterkreisen des Siegerlandes und kleineren judenfeindlichen Gruppierungen im Ruhrgebiet waren es vor allem die Landgemeinden in Minden-Ravensberg, wo der in Minden tätige Militärauditor Eugen Heinrich Macard schon in den 1840er Jahren antisemitische Parolen verkündet hatte.

Hier fand auch der evangelische Hofprediger Adolf Stoecker, einer der Hauptvertreter des christlich motivierten Antisemitismus, durch lange Jahrzehnte sine treuesten Anhänger.

Ebenso giftige Blüten zeitigte auch der Judenhaß auf katholischer Seite. Die beiden aus dem ländlichen Milieu des Münster- und Sauerlandes stammenden Theologen August Rohling und Joseph Rebbert dürfen als vielleicht einflußreichste Vertreter konfessionellen Judenhasses im damaligen Deutschland überhaupt angesprochen werden. Rohlings Pamphlet "Der Talmudjude", 1871 erstmals in Münster erschienen und bis 1924 in vielen Auflagen weit verbreitet, hatte eine starke Nachwirkung.

Da aber die verschiedenen judenfeindlichen Gruppierungen nach ihrer sozialen Herkunft und Zielsetzung tief zerklüftet und die gehobene Schicht des Bürgertums sowie die Mehrzahl der Arbeiter für die Parolen des Antisemitismus kaum zu gewinnen waren, verebbte der Antisemitismus in den 1890er Jahren auch in Westfalen, wo er in dem vorausgegangenen Jahrzehnt außerordentlich hohe Wellen geschlagen hatte.

Die jüdische Antwort auf den Judenhaß war in Westfalen so vielschichtig und widersprüchlich wie dieser selbst: neben Verzweiflung und Emigration - zum Beispiel wanderte der auch politisch exponierte Mindener Arzt Dr. Abraham Jacobi in die Vereinigten Staaten aus, wo er zu einem der Begründer der amerikanischen Kinderheilkunde wurde - zogen sich viele bewußt in unpolitische Lebensbereiche zurück und vertrauten darauf, daß dem wirtschaftlichen Aufstieg eines Tages die volle gesellschaftliche Anerkennung folgen würde. Andere verfolgten trotz aller Enttäuschungen mit innerer Anteilnahme und echtem Patriotismus den Aufstieg Preußens, für das schon in den Befreiungskriegen auch westfälische Juden gekämpft hatten. So betonten etwa münsterische Juden im Jahre 1856 anläßlich einer Eingabe an das Preußische Abgeordnetenhaus, sie seien "mit Gut und Blut Preußen". Von dieser Überzeugung war auch die "Marks-Haindorfsche Stiftung" geprägt, die Westfalen mit jüdischen Lehrern versorgte. "Die Seminaristen dort", lobte 1905 ein christlicher Schulrat, würden "in und zu nationaler patriotischer Gesinnung erzogen", wie denn auch der Seminardirektor den Antisemiten in einem Grundsatzreferat am 27.12.1900 anläßlich des 75jährigen Bestehens der Anstalt das Dichterwort zurief:
"Ihr könnt mir das Gefühl nicht rauben,
das freudig stolz die Brust mir schwellt,
trotz Euer: Deutschland über alles,
ja über alles in der Welt."

Das dürfte der Mehrzahl der westfälischen Juden aus der Seele gesprochen haben. Der Zionismus hatte hier - wie fast überall in Deutschland - damals keine Chance.

Dementsprechend hoch war der Einsatz der jüdischen Männer während des Ersten Weltkriegs. Tausende zogen begeistert in den Kampf, viele freiwillig, aus Westfalen allein 369. Knapp hinter den Hessen-Nassauern stellten die jüdischen Westfalen mit 18,67 % (3.927 von (1910) 21.036 westfälischen Juden) den höchsten Anteil der jüdischen Soldaten im Reich. Fast 500 westfälische Juden besiegelten den Wunsch ihrer Gemeinschaft, ganz und uneingeschränkt Deutsche zu sein, mit dem Soldatentod an den Fronten dieses Krieges. Allein die jüdischen Gemeinden in Dortmund trauerten um 63 Gefallene.


8. Der Weg in den Untergang

Ihre patriotische Opferbereitschaft half den Juden wenig, als die antisemitische Hetze nach der Niederlage von 1918 eine neue Dimension gewann. Im Gegensatz zum religiösen und wirtschaftlichen Judenhaß gab der rassische Antisemitismus der Minderheit keine Chance. Er deutete die epochale Auseinandersetzung zwischen den konservativen und liberalen Kräften zu einem mythischen Kampf zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke um und bezichtigte die Juden, die eigentlichen Drahtzieher hinter allen destruktiven Erscheinungen zu sein. In diesem Sinne brachte auch Hitler in "Mein Kampf" sein Glaubensbekenntnis und sein Sendungsbewußtsein zum Ausdruck: "So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.

1933 lebten nach Unterlagen des Statistischen Reichsamtes nach der Zählung vom 16.06.1933 nur 18.819 "Glaubensjuden" im damaligen Westfalen, mit 0,37 % nur wenig mehr als ein drittel Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Antisemitismus hatte hier weder in der, wie es in der nationalsozialistischen Propaganda hieß, "durch Jahrzehnte marxistisch verseuchten Arbeiterschaft" des Reviers noch in den überwiegend katholisch geprägten Teilen des Landes stärkeren Widerhall gefunden, wo die Zentrumspartei bis in das Jahr 1933 hinein zwei Drittel der Wähler auf sich vereinigen konnte. Auch wenn an vielen Orten Einzelne halfen, war doch ein breites Engagement, wie es die christlichen Kirchen im Kampf gegen das Euthanasieprogramm bewiesen, für die bedrohte jüdische Minderheit des Landes nicht zu verzeichnen. Angesichts des beschönigend "Reichskristallnacht" genannten brutalen Pogroms im November 1938 - allein aus Lünen mußten vier Menschen an den Folgen der Nacht sterben - äußerte sich offener Abscheu kaum. Die westfälischen Juden teilten das Schicksal ihrer Glaubensgenossen im Reich - und bald in fast ganz Europa. Dem Boykott des Jahres 1933 folgte 1935 die allgemeine Entrechtung, vom Novemberpogrom 1938 (09.11.1938) führte der Weg im Krieg in die Vernichtungslager des Ostens. Statistisch verwertbares Zahlenmaterial über das Schicksal der westfälischen Juden in der nationalsozialistischen Zeit liegt noch nicht für alle Gemeinden vor. Zwei Orte, eine Groß- und eine Kleinstadt, mögen hier für viele stehen:

[Tabelle wird eingearbeitet]

Diese Zahlen dürften im ganzen repräsentativ sein. Die nationalsozalistische Ausrottungspolitik vollzog sich vom Dezember 1941 an in mehreren Schüben. Wir besitzen Berichte überlebender westfälischer Juden. Bei allem Grauen, das sie vermitteln, können sie die unfaßbare Wirklichkeit doch nur gebrochen einfangen. Holocaust - das ist der dokumentierbare, aber kaum nachvollziehbare Schlußstrich unter achthundert Jahre jüdischer Geschichte in Westfalen.







QUELLE    Aschoff, Diethard | Juden in Westfalen | S. 9-20
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DATUM AUFNAHME2004-02-23
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